Kategorien
Lebensfreude

Scheitern. Die große Herausforderung des Älterwerdens

Scheitern will eigentlich niemand. Dennoch hat Scheitern inzwischen eine Art positives Image. Denn für Erfinder, Unternehmer oder Arbeitnehmer kann sich die Hoffnung erfüllen: Dem, der aus Fehlern lernt, bringt das Versagen irgendwann den Erfolg. Was sind Steve Jobs, J.K. Rowling, Roger Federer doch gescheitert, bevor sie weltberühmt und steinreich wurden.

Doch zum 13. Oktober, dem Tag des Scheiterns (wenn auch nur in Finnland), blicken wir hier auf Formen des Scheiterns, die uns in späteren Lebensjahren begegnen können: körperliche und geistige Einschränkungen, Verluste, Abhängigkeit.

Noch nie gab es so viele junge Ältere, die sich noch leistungsfähig fühlen und dies auch kultivieren. Und dennoch: Wir bauen ab. Gewohnte Merkmale wie junges Aussehen und kraftvolle Fähigkeiten können unterschiedlich schnell und unterschiedlich intensiv schwinden. Aber sie schwinden.

Was bedeutet nun Scheitern? Wer wagt, gewinnt, heißt es. Risiken und Niederlagen gehören zum Fortschritt, ökonomisch wie in der persönlichen Lebensplanung.

Fail, Epic Fail …

Manchmal entsteht der Eindruck, Scheitern sei regelrecht schick geworden. Im Internet verbreiten sich tausende Videos, auf denen Menschen ihren Fail, wie failure (Misserfolg) verkürzt wird, der Welt vor Augen führen. Pleiten, Pech und Pannen des täglichen Lebens werden international. Hin und hergerissen zwischen Scham und Stolz geben Teilnehmer auf speziellen Partys ihren Epic Fail, also ihr monumentales Scheitern, zum Besten.

… und Fail Forward

Bücher und Kurse zum Thema propagieren die heilsamen Effekte des Scheiterns. Unternehmen senden ihre Mitarbeiter zu „Scheiter-Konferenzen“, damit sie lernen, wie man aus Misserfolgen Erfolge macht. Berater bieten unter dem Motto „Fail forward“, wörtlich übersetzt: „scheitere dich voran“, ihr Know-how zum fehlertoleranten Management an.

Der Sinn des Scheiterns

Hinter der Bejahung von Missgeschicken steckt der Glaubenssatz: Im Scheitern steckt ein Sinn. Scheitern darf nicht nur eine sympathische menschliche Eigenheit sein, sondern sogar der Kern von Kreativität und Neuerung.

Die Idee ist, dass der Mensch seine Handlungen ändert und das Fehlermachen schließlich zum Gelingen führt.

Die Regeln haben sich geändert

Was aber bedeutet Scheitern, wenn die Handlungsfreiheit und -fähigkeit des Scheiternden eingeschränkt sind? Wenn Sepp Herbergers Satz „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ nicht mehr gilt, weil sich die Spielregeln geändert haben.

In Grundzügen könnte auch beim altersbedingten Scheitern gelten, was Karrierecoaches den jüngeren Menschen empfehlen: Mit dem Scheitern wird besser zurechtkommen, wer es schafft, negative Gefühle loszulassen.

Zum Beispiel: Ich kann nicht mehr stundenlang wandern. Und wenn es auch mein liebstes Hobby und sinnstiftendes Lebenselixier ist, so muss ich es doch akzeptieren. Je kürzer die Zeit des Nachtrauerns, desto gekonnter die Reaktion aufs Scheitern.

Zwischen Jungsein und Annehmen

Älterwerdende haben ja ständig einen schwierigen Balanceakt zu bewältigen: Einerseits wollen und sollen sie das Alter nicht überbewerten und aufgrund irgendeiner Zahl oder gesellschaftlicher Erwartungen auf Lebensqualität verzichten. Andererseits bietet das Altern Umstände, die nicht verdrängt werden sollten und ein Annehmen erfordern.

Darf man natürliche Vorgänge Scheitern nennen?

Man könnte nun einwenden, dass man nur in einer Leistungsgesellschaft auf die Idee kommen kann, die als negativ empfundenen Begleiterscheinungen des Alterns als Scheitern zu betrachten. Schließlich ist dies etwas völlig Natürliches.

Auch wenn es hart klingen mag – der Begriff Scheitern steht hier dafür, ein erwünschtes Ziel (zum Beispiel seine Haare zu behalten) oder einen Plan (zum Beispiel möglichst lange fit zu bleiben) nicht zu erreichen. Die jugendliche Unsterblichkeitsüberzeugung mögen wir zwar hinter uns haben. Doch darf bei Verlusten in der späteren Lebensphase von einer gewissen Unfreiwilligkeit ausgegangen werden.

In diesem Sinne kann das Gefühl des Scheiterns aufkommen. Mit den entsprechenden Konsequenzen: Man muss sich mit sich selbst und den Gegebenheiten stärker auseinandersetzen. Nur so entsteht, was man in dieser Lebensphase gut gebrauchen kann:

  • Mehr Flexibilität, um etwas Neues anzugehen
  • Die Stärke, weitere Rückschläge zu riskieren

Denn immer wieder etwas Neues auszuprobieren gilt als Inbegriff des aktiven, selbstbestimmten Älterwerdens. So gesehen fördert Scheitern die individuelle Entwicklung.

Psychologisches Immunsystem

Zuversichtlich stimmt dabei die Erkenntnis, dass uns unsere Psyche bei der Verarbeitung von Rückschlägen helfen kann. Der amerikanische Harvard-Professor Daniel Gilbert hat die seelischen Regulierungsmechanismen erforscht und das „psychologische Immunsystem“ entdeckt. Der Mensch verfüge über psychische Prozesse, die ihn nach einem gewissen Zeitraum wieder zufrieden werden lassen. Dies gilt umso mehr, wenn er in einer Lage steckt, aus der er nicht mehr rauskommt. Zum Beispiel das Alter.

Doch wie steht es, wenn es noch schlimmer kommt? Wenn eine Krankheit oder ein Unfall meine späten Lebenspläne zum Scheitern bringen, weil ich von anderen abhängig geworden bin?

Das Scheitern im Alter testet uns aus und bringt uns an Grenzen. Wo sollen wir in diesem Fall Sinnhaftigkeit finden? Die Idee vom Gelingen muss immer neu definiert werden. Wohl dem, der weise und gelassen genug sein kann, eine Lebensform daraus zu machen. Der es meistert, sich im Scheitern gewissermaßen einzurichten.

Fail better

Nach einer Reihe von Niederlagen im Alter trifft mehr denn je zu, was Samuel Beckett geschrieben hat: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.’” („Immer versucht. Immer gescheitert. Was soll’s. Versuche es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.“)

Was könnten wir aufs Alter bezogen daraus lernen? Weder grübeln noch hadern. Akzeptieren. Ein neues Gefühl für das Leben entwickeln. Zum Beispiel, indem wir uns erlauben, Schwäche zu zeigen und Geborgenheit anzunehmen. Stolz auf die Vergangenheit sein, aber in der Gegenwart leben.

Dabei sollte man die Lebenslagen, die das Alter in petto hat, nicht als ein rein individuelles Problem betrachten. Auch Gesellschaft und Politik könnten dazu beitragen, dass wir diese Herausforderungen besser bewältigen. Mit mehr Respekt und einer positiveren Haltung gegenüber dem Älterwerden. Und schlicht mit Fakten und Tatsachen. Eine Pflegerin für vier Personen kann die Gegenwart eines Menschen, der um ein würdevolles Leben ringt, besser gestalten als eine Pflegerin für zwanzig. Denn jeder Tag ist ein Neubeginn bis zum Ende.

English Version

Failure. The great challenge of aging

Nobody really wants to fail. Nevertheless, failure now has a kind of positive image. For inventors, entrepreneurs or employees, hope can come true: For those who learn from mistakes, failure brings success at some point. We are told to just think of the failures of Steve Jobs, J.K. Rowling, Roger Federer before they became world famous and rich.

But on 13 October, the day of failure (albeit only in Finland), we look here at forms of failure that we may encounter in later years: physical and mental limitations, losses, dependence.

Never before have there been so many young elders who still feel energetic and cultivate it. And yet: we are diminishing. Familiar characteristics such as a young appearance and powerful abilities can dwindle at different speeds and with different intensity. But they dwindle.

So what does failure mean? Who dares, wins, it says. Risks and defeats are part of progress, both economically and in personal life planning.

Fail, Epic Fail …

Sometimes you get the impression that failure has become really chic. Thousands of videos spread on the Internet in which people present their fail, short for failure, to the world. The failures, misfortunes and mishaps of daily life are becoming international. Torn between shame and pride, participants give their Epic Fail at special parties.

… and Fail Forward

Books and courses on the subject propagate the beneficial effects of failure. Companies send their employees to „failure conferences“ to learn how to turn failures into successes. Under the motto „fail forward“, consultants offer their know-how on fault-tolerant management.

The meaning of failure

Behind the affirmation of mishaps is the belief that failure has meaning. Failure must not only be a sympathetic human peculiarity, but even the core of creativity and innovation.

The idea is that man changes his actions and making mistakes eventually leads to success.

The rules have changed

But what does failure mean when the freedom and ability to act of the person who fails are restricted? When Sepp Herberger’s sentence „After the game is before the game“ no longer applies because the rules of the game have changed.

What career coaches recommend to younger people could also apply to age-related failure: Those who manage to let go of negative feelings will cope better with failure.

For instance: I can’t hike for hours any more. And even if it is my favourite hobby and a meaningful elixir of life, I still have to accept this fact. The shorter the time of mourning, the more skilful the reaction to failure.

People who are getting older constantly have to cope with a difficult balancing act: On the one hand, they don’t want to and shouldn’t overestimate their age and sacrifice quality of life due to a certain number or social expectations. On the other hand, ageing offers circumstances that should not be suppressed and require acceptance.

Can natural processes be called failure?

One could argue that only in an achievement-oriented society can one come up with the idea of considering the side effects of ageing, which are perceived as negative, as failure. After all, this is something completely natural.

Even if it may sound hard – the term failure stands here for not achieving a desired goal (for example to keep one’s hair) or a plan (for example to stay fit as long as possible). We may have the youthful conviction of immortality behind us. However, in the case of losses in the later phase of life, a certain involuntariness can be assumed.

In this sense, the feeling of failure can arise. With the corresponding consequences: You have to deal more with yourself and the circumstances. This is the only way to create what you need in this phase of life:

  • Greater flexibility to tackle something new
  • The strength to risk further setbacks

Because trying out something new again and again is regarded as the epitome of active, self-determined ageing. Seen in this light, failure promotes individual development.

Psychological immune system

The realization that our psyche can help us deal with setbacks is a source of confidence. The American Harvard professor Daniel Gilbert has researched mental regulation mechanisms and discovered the „psychological immune system“. The human being has psychological processes that allow him to be content again after a certain period of time. This is all the more true if he is in a situation from which he can no longer get out. For example, age.

But what if it gets worse? When an illness or an accident ruins my future life plans because I have become dependent on others?

Failure in old age tests us and pushes us to our limits. Where should we find meaning in this case? The idea of success must always be redefined. Blessed is the one who can be wise and calm enough to turn it into a way of life. He who masters how to get settled, so to speak, in failure.

Fail better

After a series of defeats in old age, what Samuel Beckett wrote applies more than ever: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“

What could we learn from this in terms of age? Neither brooding nor struggling. Accept. Develop a new feeling for life. For example, by allowing ourselves to show weakness and accept being sheltered. Being proud of the past, but living in the present.

One should not regard the life situations that age has in store as a purely individual problem. Society and politics could also help us to cope better with these challenges. With more respect and a more positive attitude towards ageing. And simply with facts and figures. A four-person nurse can make the presence of a person struggling for a dignified life better than a twenty-person nurse. Because every day is a new beginning to the end.

One should not regard the life situations that age has in store as a purely individual problem. Society and politics could also help us to cope better with these challenges. With more respect and a more positive attitude towards ageing. And simply with facts and figures. A four-person nurse can make the presence of a person struggling for a dignified life better than a twenty-person nurse. Because every day is a new beginning to the end.

Kategorien
Lebensfreude Zeitgeist

Mikroabenteuer – geht auch für Cool Ager

Mikroabenteuer. Frei nach Viktor Hugos „Nichts ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“ hat eine Banalität einen schönen Namen und viel Beachtung bekommen: statt Globetrotting, Paragliding-Kurs oder Alpenüberquerung einfach mal loslaufen, losfahren, draußen übernachten, billig und einfach, zwischen den Alltagen. Ein Mikroabenteuer braucht nur zwei Schritte: einen raus aus der berühmten Komfortzone und einen ins Ungewisse.

Das kleine Abenteuer nebenan

Im Zeitalter von Pauschalreisen, Kreuzfahrtboom und Smartphoneabhängigkeit hat der britische Autor Alastair Humphreys (Abenteurer des Jahres 2012) den Ausdruck und das Konzept „microadventure“ erfunden. Es lebe der ungeplante Ausbruch aus dem Alltag durch das kleine aufregende Outdoor-Erlebnis ganz In der Nähe von daheim.

Der Mann, den hierzulande alle zu dem Thema fragen, ist Christo Förster. Der fuhr nach eigener Auskunft mal einfach so mit dem Fahrrad von Hamburg nach Berlin und war nach diesem Schlüsselerlebnis nicht mehr ganz derselbe, sondern Deutschlands Vorzeige-Mikroabenteurer. Seine mikroabenteuerlichen Botschaften bringt er erfolgreich per soziale Medien, Presseecho und Buch unter die Leute.

Wie werden Sie nun Mikroabenteurer*? Förster rät: Sie begeben sich spontan nach draußen für acht bis 72 Stunden, zu Fuß, per Rad oder Bahn, mit oder ohne Ziel, möglichst mit Übernachtung.

Plan verboten, Plane erlaubt

Genächtigt wird ohne Zelt, denn wildes Campen ist in Deutschland verboten. Plane drüber geht.

Man könnte freilich auch auf die Idee kommen, einen Fremden zu fragen, ob man in seinem Garten zelten darf. Wenn das kein Abenteuer ist!

Das kleine Abenteurertum kommt an, vor allem in Ballungsräumen. Inzwischen kann man sich von Experten- und Hobby-Minidraufgängern, in Printmedien und im Internet, zu allerlei Mikroabenteuer-Ideen inspirieren lassen. Der Grad an Herausforderung ist unterschiedlich. Doch der echte Mikroabenteurer freut sich sogar, wenn etwas schiefgeht. Denn dann fängt das Abenteuer erst richtig an.

Hasardeure und Sinnsucher
Mikroabenteuer

Wieso brauchen wir überhaupt Abenteuer? Auch im Mikro-Bereich können wir uns an den Erkenntnissen des Wagnisforschers Siegmund Warwitz orientieren. Er befasste sich unter anderem mit der psychischen Verfassung von Wagehälsen und Extremsportlern. In seiner Wagnistheorie unterscheidet er zwischen dem Thrill-Seeker und dem Skill-Seeker. Ersterer sucht den schnellen intensiven Kick, letzterer geht ein Wagnis ein, um langfristig gewinnbringende Werte zu verwirklichen.

  • Verantwortungslose Hasardeure sehen demnach das Abenteuer als Selbstzweck und gehen nicht mehr beherrschbare Risiken ein (Bankenkrise).
  • Verantwortungsbewusste Wagemutige erleben das Wagnis als sinnvolles Mittel zu mehr Lebensqualität (Montagsdemonstranten).

Im Interview mit einer Zeitschrift „für Risikomanagement im Bergsport“ erklärt Warwitz: „Wer für ein lohnendes Erlebnis Strapazen auf sich nimmt, ist jung geblieben, auch wenn er bereits älter geworden ist an Jahren.“

Hänsel und Gretel im Wald?
Mikroabenteuer

Auch wenn wir uns danach vielleicht jünger und glücklicher fühlen – wer hat eigentlich Lust auf Frostbeulen, durchgeweichte Klamotten, einen Platten zu flicken, Zecken zu entfernen, sich im Wald zu verirren, mit einem Obdachlosen verwechselt zu werden, beklaut zu werden, Fremde um Hilfe zu bitten oder gar auf der Polizeiwache zu landen? Das sind zugegebenermaßen tolle Abenteuer, aber vermutlich eher geeignet für junge, sehr fitte Menschen.

Doch raus aus dem Alltag, etwas Neues entdecken, etwas wagen für ein lohnendes Ergebnis – das wollen ältere Semester auch. Schließlich lautet gerade im fortgeschrittenen Alter das ultimative Motto: „Runter vom Sofa“.

In diesem Sinne kommen Mikroabenteuer dem Cool Ager gerade recht.

Kleine Abenteuer für Cool Ager

Wir fassen zusammen: Es muss spontan auszuführen, aber hinreichend anstrengend sein, und man weiß nicht genau, was kommt. Da hätten wir doch ein paar Ideen:

  • Sie verbringen einen ganzen Tag draußen mit den Enkeln.
  • Sie klappern die Stadtviertel ab, die Sie noch nicht kennen.
  • Sie marschieren/radeln in Richtung Kino/Theater und haben keine Ahnung, was läuft.
  • Sie wandern zehn Kilometer am Stück in Ihrer Umgebung herum und lassen abenteuerlicherweise die Karte weg.
  • Sie begeben sich zum Bahnhof und nehmen den nächsten Zug, der irgendwo hinfährt, wo es nett sein könnte.
  • Sie rufen Ihre Freunde/Familie zum Geocoaching.
  • Es regnet ins Strömen, und Sie gehen (goretexgerüstet) trotzdem raus.
  • Sie übernachten im Sommer mal auf dem Balkon oder im Garten, gerne auch mit Zelt.

Im Sinne des ethisch-moralisch ausgerichteten Wagnisses kann man mit seinem kleinen Abenteuer auch werthaltige Erlebnisse bei ehrenamtlichen Unternehmungen haben:

  • Sie unterstützen Sozialarbeiter auf dem nächtlichen Rundgang, zum Beispiel im Winter beim Verteilen von heißen Getränken an Obdachlose.
  • Sie helfen in einer Wildtierschutzstation in Ihrer Nähe mit (auch beim Käfigsaubermachen).
  • Sie packen bei der Tafel mit an (Fitness vorausgesetzt).

Es gehört eigentlich nicht hierher, aber falls Ihnen Mikro zu klein ist und Sie doch Lust auf ein größeres Abenteuer haben:

Mikroabenteuer

Jeder ist seines Kickes Schmied. Welches Mikroabenteuer fällt Ihnen ein? Schreiben Sie einen Kommentar!

*Mit Mikroabenteurer sind selbstverständlich auch Mikroabenteurerinnen gemeint.

English Version

Microadventure – also works for Cool Agers

Microadventure. According to Viktor Hugo’s „Nothing is as strong as an idea whose time has come“, a banality has got a nice name and a lot of attention: instead of globetrotting, paragliding or crossing the Alps, just run off, drive off, spend the night outside, cheap and easy, between everyday life. A microadventure needs only two steps: one out of the famous comfort zone and one into the unknown.

The little adventure next door

In the age of package travel, the cruise boom and smartphone addiction, British author Alastair Humphreys (Adventurer of the Year 2012) invented the term and concept „microadventure“: the unplanned escape from everyday life by the small exciting outdoor experience quite near home.

The expert in this country is Christo Förster. He once spontaneously rode his bicycle from Hamburg to Berlin and after this key experience was no longer the same, but Germany’s showpiece microadventurer. He successfully brings his microadventure messages to the people via social media, press coverage and books.

How do you become a micro-adventurer*? Förster advises: „You spontaneously go outside for eight to 72 hours, on foot, by bike or train, with or without a destination, preferably with an overnight stay.

Plan forbidden, tarp allowed

Sleeping is done without a tent, because wild camping is forbidden in Germany. A tarp is allowed.

You could, of course, come up with the idea of asking a stranger if you are allowed to camp in his garden. If this isn’t an adventure!

The small adventurism becomes popular, especially in urban areas. One can be inspired to all kinds of microadventure ideas by expert and hobby adventurers, in print media and on the Internet. The degree of challenge varies. But the real microadventurer is even happy when something goes wrong. Because that’s when the adventure really begins.

Hasardeurs and seekers of meaning

Why do we need adventure anyway? Even in the micro range we can orient ourselves on the findings of the German venture researcher Siegmund Warwitz. Among other things, he dealt with the mental condition of daredevils and extreme athletes. In his „risk theory“ he distinguishes between the Thrill-Seeker and the Skill-Seeker. The former seeks the fast intensive kick, the latter takes a risk in order to realise profitable values in the long term.

  • According to this, irresponsible hazard-mongers see adventure as an end in itself and take risks that can no longer be controlled (banking crisis).
  • Responsible risk-takers experience the risk as a meaningful means to a better quality of life (East German Monday demonstrators)

In an interview with a magazine for risk management in mountaineering, Warwitz explains: „Anyone who takes the strain for a rewarding experience has stayed young, even if he has already grown older in years“.

Hansel and Gretel in the woods?

Even if we might feel younger and happier afterwards – who actually wants to get frostbitten, soaked clothes, patch up a flat, remove ticks, get lost in the woods, be confused with a homeless person, be robbed, ask strangers for help or even end up at the police station? Admittedly these are great adventures, but probably more suitable for young, very fit people.

But escaping from everyday life, discovering something new, daring something for a rewarding result – that’s what older semesters also want. After all, the ultimate motto, especially at an advanced age, is: „Get off the sofa“.

In this sense microadventures are just right for the Cool Ager.

Little adventures for Cool Ager

Let’s recap: It must be spontaneous, but sufficiently exhausting, and you don’t know exactly what’s coming. We have a few ideas:

  • You spend a whole day outside with your grandchildren.
  • You will visit the districts you don’t know yet.
  • You march/cycle towards the cinema/theatre not knowing what will be performed.
  • You walk ten kilometres in a row in your surroundings and leave the map at home for an adventure.
  • You go to the station and take the next train, which goes somewhere where it might be nice.
  • You call your friends/family for geocoaching.
  • It’s raining cats and dogs and you go out anyway (goretex equipped).
  • In summer you can spend the night on the balcony or in the garden, tent allowed.

In the sense of an ethically and morally oriented venture, one can also have valuable experiences with a microadventure in volunteer activities:

  • You support social workers on the nightly tour, for example in winter when distributing hot drinks to the homeless.
  • You help out in a wildlife sanctuary near you (including cleaning the cages).
  • You help out at a soup kitchen such as „Tafel“ (fitness required).

It doesn’t really belong here, but if Micro is too small for you and you still feel like a bigger adventure:

  • You take responsibility for a pet.
  • You go abroad as an aupair grandmother.

What micro-adventure can you think of? Write a comment!

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen Lebensfreude Zeitgeist

Deutschen fehlt Respekt vor Älteren. Eine Lösung: Cool Aging

Respekt vor Älteren? Laut einer internationalen Umfrage sieht es in der deutschen Gesellschaft damit mau aus. Unteres Mittelfeld in 101 Ländern. Dabei liefert dieselbe Studie den besten Grund, dies zu ändern. Nicht nur die Alten würden von mehr Respekt profitieren. Die wertschätzende Einstellung gegenüber dem Alter würde auch den noch Jungen zu einem gesünderen und längeren Leben verhelfen. Selbst wenn diese sich noch nicht vorstellen können, dass auch sie eines Tages eventuell vielleicht möglicherweise mal älter sind.

Was ist eigentlich Respekt? In Deutschland wird der Begriff oft mit Gehorsam in einer Hierarchie verbunden. So bekam der Respekt seit der 68er-Bewegung einen negativen Klang. In der Formulierung „Respekt vor jemandem“ schwingt sogar das Gefühl von Scheu und Vorsicht mit. Die aus dem englischen Sprachgebrauch stammende Wendung „Respekt für jemanden“ (respect for somebody) ist im Duden noch nicht angekommen.

Respekt vor und für

Dabei würde sich „Respekt für“ in Ergänzung zu „Respekt vor“ bestens eigenen, um das Wort genauer zu definieren. Der amerikanische Philosoph Stephen Darwall unterscheidet zwischen bewertendem und anerkennendem Respekt. In diesem Sinne beschreibt die Forschungsgemeinschaft Respect Research Group zwei Erscheinungsformen:

  • Vertikaler Respekt: Achtung von unten nach oben, zum Beispiel als Hochachtung vor der Leistung eines anderen
  • Horizontaler Respekt: Wertschätzung eines anderen als gleichwertig aus sich selbst heraus im Sinne der Menschenwürde

Sprachlich könnte also „Respekt vor“ auf den vertikaler Respekt, „Respekt für“ auf den horizontalen Respekt hindeuten.

Was nun die älteren Mitglieder einer Familie oder Gesellschaft angeht, kann man ihnen sicher vertikalen Respekt, zum Beispiel vor der Lebensleistung, zollen.

Bedeutsamer dürfte sein, dass die älteren Mitmenschen, die sich nicht mehr in beruflichen und familiären Pflichten bewähren müssen oder können, um ihrer selbst willen anerkannt werden. Anders gesagt: Als horizontal respektierte bekämen ältere Menschen Wertschätzung für ihre neue Rolle.

Lebensqualität für alle

Wenn dies gelänge, könnte eine wahre Win-Win-Situation entstehen. Denn wer positiv und wertschätzend über das Alter denkt, hat statistisch bessere Chancen, selber gesund und fit zu bleiben. Der Rechercheverband Orb Media, der zusammen mit der Wochenzeitung Die Zeit die relative Respektloskeit der Deutschen gegenüber ihren Alten eruiert hat, sieht seine Umfrageergebnisse in einer Studie der Yale-Professorin Becca Levy bestätigt. Demnach lohnt es sich, eine respektvolle Meinung vom Alter zu haben, weil man dann selber weniger an Ängsten leidet, sich schneller von Krankheiten erholt und mit geringerer Wahrscheinlichkeit an Demenz erkrankt.

Bliebe die Frage: Wie soll sich der Wandel zu mehr Respekt vor Älteren / für Ältere einstellen? Bei einer Haltung lässt sich nicht einfach ein Schalter umlegen. Experten raten, das Thema Älterwerden mit positiven Bildern zu verbinden. Zum Beispiel mit der Erkenntnis, dass man die Vorteile der späteren Lebensphasen genießen sowie Herausforderungen anpacken kann. Cool Aging ist gefragt.

Sicher schadet es nicht, eine positive Haltung und Respekt gegenüber dem Alter in kleinen alltäglichen Einheiten auszuleben. Wichtig wäre dabei wohl, dass nicht Höflichkeiten abgespult werden, sondern der ältere Mensch in seiner persönlichen Verfassung erkannt und anerkannt wird.

Sitzenbleiben oder Siezen?

Ein klassisches Beispiel ist das Platzanbieten im vollbesetzten Bus. Ob die ältere Frau oder der ältere Mann sich viel zu fit fühlen und den Platz gar nicht wollen, lässt sich im Zweifel durch einen kurzen freundlichen Dialog schnell aushandeln. Und wie hält man es mit dem Siezen? Viele Ältere bleiben gerne bei dieser Höflichkeitsform der Anrede. Andererseits: Werden Ältere in einer Gruppe mit Jüngeren – zum Beispiel beim Sport – gesiezt, können sie sich leicht ausgegrenzt fühlen. Auch hier hilft es einfach zu fragen.

Nicht vergessen: Umgekehrt gehört zum positiven Altersbild natürlich auch der Respekt der Älteren vor den Jüngeren / für die Jüngeren. Cool Ager hätten da ein paar Vorschläge. Ältere

  • grenzen sich nicht von nachfolgenden Generationen ab
  • interessieren sich ehrlich für die Belange der Jüngeren
  • erkennen die Unabhängigkeit Jüngerer an
  • wertschätzen die Leistungen der Jüngeren

Für alle Generationen gilt: Respekt ist Arbeit. Aber vielleicht schneiden wir dann bei der nächsten Respekt-Umfrage besser ab.

English Version

Germans lack respect for their elders. One solution: Cool Aging

Respect for elders? According to an international survey, German society is looking in a bad light. Lower midfield in 101 countries. The same study provides the best reason to change this. Not only the elderly would benefit from more respect. The appreciative attitude towards old age would also help young people to live healthier and longer lives. Even if they can’t yet imagine that one day they might be older, too

What is respect anyway? In Germany, the term is often associated with obedience in a hierarchy. Since the 68 movement, respect has had a negative sound. In the phrase „Respekt vor jemandem“ even the feeling of shyness and caution resonates. The English phrase „respect for somebody“ („Respekt für jemanden“) has not yet arrived in the German dictionary Duden.

„Respekt für“, in addition to „Respekt vor“, would be a good way to define the word more precisely. The American philosopher Stephen Darwall distinguishes between evaluative and appreciative respect. In this sense, the Respect Research Group describes two manifestations of respect:

  • Vertical respect: respect from bottom to top, for example as a tribute to someone else’s performance.
  • Horizontal respect: appreciation of another as equal out of oneself in the sense of human dignity

Linguistically, „Respect vor“ could therefore indicate vertical respect, „Respekt für“ horizontal respect.

As far as the older members of a family or society are concerned, we can certainly pay them vertical respect, for example for their life’s work.

More importantly, older people who no longer have to or are no longer able to prove themselves in professional and family duties are recognised for their own sake. In other words, as horizontally respected, older people would be valued for their new role.

Quality of life for all

If this could be achieved, a true win-win situation could arise. Because those who think positively and appreciatively about old age have statistically better chances of staying healthy and fit themselves. The research association Orb Media, which together with the weekly newspaper Die Zeit has investigated the Germans‘ relative disrespect for their elders, sees its survey results confirmed in a study by Yale professor Becca Levy. According to the study, it is worth having a respectful opinion of old age, because then one suffers less from fears, recovers more quickly from illnesses and is less likely to suffer from dementia.

One question remaines to be answered: How should the change to more respect for older people take place? With an attitude, you can’t just flip a switch. Experts recommend combining the topic of aging with positive images. For example, with the realization that one can enjoy the advantages of later phases of life and tackle challenges. Cool aging is in demand.

Certainly it does not hurt to live out a positive attitude and respect for old age in small everyday units. It would be important not to do routines of being polite, but to recognize and appreciate the elderly person in his or her personal condition.

A classic example is offering a seat in a fully occupied bus. Whether the older woman or the older man feels much too fit and doesn’t want the seat at all, can be quickly negotiated through a short friendly dialogue. And what about the „Siezen“, the German formal term of addressing someone? Many older people like to stick to this form of courtesy. On the other hand, if older people are treated in a group with younger people – for example in sports – they can easily feel excluded. Here, too, it helps to simply ask.

Don’t forget: Conversely, the positive image of old age naturally also includes the respect of older people for younger people. Cool Agers have a few suggestions. Older

  • do not distinguish themselves from future generations
  • are honestly interested in the concerns of the younger ones
  • recognise the independence of younger people
  • appreciate the achievements of the younger generation

For all generations, respect is work. But maybe we will do better in the next respect survey.

Kategorien
Lebensfreude Zeitgeist

Reden statt sagen. Können Sie Small Talk?

Wenn beim Reden nichts gesagt wird und trotzdem alle happy sind, dann läuft gerade ein Small Talk. Denn hier geht es nicht um Inhalte, sondern um die soziale Beziehung. Zwischenmenschliche Behaglichkeit erzeugt, wer nett schwätzt statt tief schürft. Vom Anschweigen ganz zu schweigen.

Aber warum ist das kleine Gespräch so erstrebenswert? Im Berufsleben kommen kompetente Small Talker besser weg. Auch privat hat das kommunikative Beziehungsmanagement seine Vorteile:

Smalltak

Kein Streit, keine Peinlichkeit, kein Stress.

Der Small Talk gilt als soziales Schmiermittel für ein besseres Miteinander.

Aber tritt man jemandem mit solcher Oberflächlichkeit nicht erst recht zu nahe? Das fragen Deutsche, bis sie die typisch amerikanische Minimalkonversation verstanden haben. Nämlich, dass man ständig von Fremden „How are you“, „Wie geht’s“, gefragt wird und ausschließlich mit „I’m fine“, „Passt schon“, antwortet. In allen Vereinigten Staaten von Amerika will niemand wissen, wie es einem geht, sondern nur freundlich Kontakt aufnehmen.

Howdy

Man nimmt an, dass dieses Verhalten auf Begegnungen in einsamer Prairie zu alten Wildwest-Zeiten gründet. Wer sprach, war einzuschätzen. Wer schwieg, galt als potentielle Bedrohung und riskierte womöglich erschossen zu werden. Also sprach man besser, und zwar etwas Unverfängliches.

Dabei ist der Small Talk als Pläuschchen, Schwätzle oder Klönschnack auch urdeutsch. Auch bei uns wirkt der Small Talk lebensverlängernd. Schließlich ist es wissenschaftlich bestätigt, dass soziale Kontakte wesentlich zum Glück und längeren Leben beitragen.

Smalltalk

Sicher geht nichts über das tiefgründige, ehrliche, persönliche Gespräch unter Freunden. Doch vor einer möglichen Freundschaft kommt stets der erste Kontakt. Auch bei Menschen, die einem sehr gut bekannt sind, empfiehlt sich bisweilen das Sprechen ohne Inhalt. Zum Beispiel, wenn man auf der Familienfeier den Ex-Mann oder die Ex-Frau trifft.

Was geht beim Small Talk?

Versierte Small Talker zeigen zwar eine offene Körperhaltung und ein freundliches Gesicht, halten jedoch Abstand: körperlich und vor allem thematisch. Als klassische Tabus gelten in unserem Kulturkreis die Themen Politik, Religion, Krankheit, familiäre Probleme und Geld.

Denn Konfliktpotential oder allzu private Auskünfte sind ungeeignet, wenn es nicht auf Information, sondern gemeinsames soziales Schwingen ankommt. Der Fachausdruck für solche Gespräche ist phatische Kommunikation.

Als Musterbeispiel des Sprechens um des Sprechens willen galt von jeher der Austausch über das Wetter. Doch das ist auch nicht mehr, was es mal war: Wer nach einem nett gemeinten „Ganz schön heiß heute“ eine Diskussion über den Klimawandel anzettelt, hat das Small Talk-Ziel glatt verfehlt. Auch bei anderen scheinbar harmlosen Themen wie zum Beispiel Fußball kann es ernst werden.

Ganz gleich, worüber gesprochen wird – es geht nicht darum, recht zu haben oder rhetorisch zu glänzen, sondern sich gegenseitig Aufmerksamkeit zu schenken.

Small Talk

Dabei muss ein Small Talk keine Unterhaltung ohne Unterhaltungswert sein. Über Kultur, Reisen, Musik, Filme, Essen und Trinken kann man schließlich angenehm parlieren. Am besten gelingt dies, wenn die Small Talker auf Augenhöhe plaudern – frei nach dem deutschen Gelehrten Georg Christoph Luchtenberg (18. Jh.):

„Wie geht es, fragte ein Blinder einen Lahmen; wie Sie sehen, war die Antwort.“

Wie geht der Small Talk?

Da steht man nun auf der Feier, der Party, der Veranstaltung und stellt fest: Gar nicht so einfach, der Small Talk. Hier einige Tipps:

  • Beziehen Sie sich auf die aktuelle Situation: Anlass, Gastgeber, Räumlichkeiten, Verpflegung, Begleitumstände wie Anreise, Wetter, etc.
  • Betonen Sie, was Sie positiv finden, und verkneifen Sie sich Kritik.
  • Vermeiden Sie Gegenrede und Wörter wie „aber“, „doch“, „falsch“.
  • Suchen Sie nach Gemeinsamkeiten: die Bekanntschaft mit dem Gastgeber, die Vorliebe für ein bestimmtes Essen vom Buffet, Interesse für Wein, Haustiere, Reiseziele, Fernsehserien, Oper, neue Apps und so weiter.
  • Nutzen Sie Fragestrategien:
    • Stellen Sie offene statt geschlossene Fragen. Beispiel: Die offene Frage „Wissen Sie, was uns heute hier erwartet?“ initiiert eine ausführliche Antwort mit Möglichkeiten zum Anknüpfen. Die geschlossene Frage „Trinken Sie auch gern Espresso?“ würgt das Gespräch durch die reduzierten Antwortmöglichkeiten „Ja“ oder „Nein“ ab.
    • Irgendein angestrebtes Erkenntnisziel hält auch harmlose Pläusche am Laufen: Fragen Sie Ihr Gegenüber nach einer Beschreibung, einem Vergleich, einer Absicht oder nach Zusammenhängen.
  • Dominieren Sie nicht, weder mit einem Verhör durch zu viele Fragen, noch mit einem Vortrag ganz ohne Fragen
  • Hören Sie zu. Gute Small Talker sind auch Great Listener.
  • Seien Sie humorvoll, aber vermeiden Sie Witze.
  • Seien Sie respektvoll: Sehen Sie Ihrem Gegenüber in die Augen und schenken Sie ihm Ihre volle Aufmerksamkeit.
  • Sollten Sie das Gespräch beim besten Willen nicht mehr ertragen, wechseln Sie das Thema oder den Gesprächspartner, bevor Ihre Mimik und Körpersprache Sie verraten.
Und tschüs
Small Talk

Ein angenehmer Zug des Small Talks ist es, dass man nicht nur leicht reinkommt, sondern auch leicht wieder raus. Auch den Ausstieg kann man elegant gestalten:

  • Greifen Sie, wie schon beim Einstieg, auf die aktuelle Situation auf: „Ich muss mir unbedingt noch ein Dessert sichern.“
  • Verbinden Sie Ihren Abgang mit einer Frage: „Wissen Sie, wo ich die Desserts finde?“ / „Welchen Nachtisch können Sie empfehlen?“
  • Vertrauen Sie auf bewährte Formulierungen: „War nett, mit Ihnen gesprochen zu haben.“ / „Ich wünsche Ihnen noch viel Spaß.“ / „Wir sehen uns sicher wieder.“

Floskeln, von lateinisch „flosculus“ (Blümchen), sind wichtige Elemente der phatischen Kommunikation und dürfen beim Small Talk munter blühen. Auf Gemeinplätzen können, wie der Name schon sagt, alle zusammenkommen:

„Wat mutt, dat mutt“, „Über Geschmack lässt sich nicht streiten“, „Wenn Engel reisen, lacht der Himmel“…

Allerdings trifft es der Spruch „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ hier nicht, vielleicht eher: Reden ist Gold, Schweigen ist Schrott.

English Version

Talk instead of say. Can you Small Talk?

If nothing is said while talking and everyone is happy, then a Small Talk is going on. Because this is not about content, but about the social relationship. Interpersonal comfort is created by talking nicely instead of digging deep. Not to mention remaining silent.

But why is this „little conversation“ so desirable? Competent small talkers are better off in professional life. In addition, communicative relationship management has its advantages in private life:

No fighting, no embarrassment, no stress.

Small talk is regarded as a social lubricant for a better togetherness.

But doesn’t one offend the other person with such superficiality? That’s what Germans ask until they understand the typical American minimal conversation. Namely, that one is constantly asked by strangers „How are you“, „Wie geht’s“, and answers exclusively with „I’m fine“, „Passt schon“. In all the United States of America, nobody intends to know how you’re doing, only to make friendly contact.

Howdy

It is assumed that this behaviour traces back to encounters in lonely prairie in old Wild West times. Who spoke was to be assessed. Those who remained silent were considered a potential threat and risked being shot. So it was better to speak, preferably saying something harmless.

The Small Talk is also original German as „Pläuschchen“, „Schwätzle“ or „Klönschnack“. Also here the Small Talk works life-prolonging. After all, it is scientifically confirmed that social contacts contribute significantly to happiness and a longer life.

Certainly nothing beats the profound, honest, personal conversation among friends. But before a possible friendship always comes the first contact. Even with people you know very well, it is sometimes advisable to speak without content. For example, when you meet the ex-husband or ex-wife at a family celebration.

What to small talk

Experienced small talkers show an open posture and a friendly face, but keep their distance: physically and above all thematically. The classic taboos in our North European culture are politics, religion, illness, family problems and money.

Because conflict potential or all too private information is unsuitable when it is not about information, but about common social swinging. The technical term for such conversations is phatic communication.

The exchange about the weather has always been regarded as a prime example of speaking for speaking’s sake. But even that is not what it used to be: anyone who starts a discussion about climate change after a nicely meant „pretty hot today“ has missed the small talk target. Other seemingly harmless topics such as football can also be serious.

No matter what is being talked about, it is not about being right or shining rhetorically, but about paying attention to each other.

Small talk doesn’t have to be conversation without entertainment value. Culture, travel, music, movies, food and drink can all be pleasantly chatted about. The best way to do this is for small talkers to chat at eye level – based loosely on the German scholar Georg Christoph Luchtenberg (18th century):

„How are you, a blind man asked a lame man; as you can see, the answer was.“

How to small talk

Now you’re standing at the party, the celebration, the event and you realize: Small talk is not that easy. Here are some tips:

  • Refer to the current situation: occasion, host, premises, catering, accompanying circumstances such as travel, weather, etc.
  • Emphasise what you find positive and stifle criticism.
  • Avoid counter-talk and words like „but“, „however“, „wrong“.
  • Look for similarities: the acquaintance with the host, the preference for a certain meal from the buffet, interest in wine, pets, destinations, TV series, opera, new apps and so on.
  • Use question strategies:
    • Ask open questions instead of closed ones. Example: The open question „Do you know what awaits us here today?“ initiates a detailed answer with possibilities for follow-up. The closed question „Do you also like espresso?“ chokes off the conversation by reducing the number of possible answers to „Yes“ or „No“.
    • Any desired epistemic aim also keeps harmless chats going: Ask your counterpart for a description, a comparison, an intention or connections.
  • Do not dominate, neither with an interrogation by too many questions, nor with a speech completely without questions.
  • Listen. Good small talkers are also great listeners.
  • Be humorous, but avoid jokes.
  • Be respectful: Look your counterpart in the eye and give him your full attention.
  • If you can no longer bear the conversation with the best will in the world, change the subject or the conversation partner before your facial expressions and body language betray you
And bye-bye

A pleasant feature of Small Talk is that it is not only easy to get in, but also easy to get out. The exit can also be designed elegantly:

    null
  • Take up the current situation, as you did at the beginning: „I absolutely have to secure a dessert.“
  • Combine your departure with a question: „Do you know where to find the desserts?“ / „Which dessert can you recommend?
  • Trust in proven formulations: „It was nice talking to you“. / „I wish you lots of fun.“ / „I’m sure we’ll see you again.“

Flowery phrases are important elements of phatic communication and are allowed to bloom lively during small talk. In commonplaces, as the name suggests, everyone can come together.

„What must be, must be.“

Kategorien
Entdecken & Genießen

Warum Sardinien? Weil man fünf Sinne hat!

Was ist eigentlich so toll an Sardinien? Antworten geben unsere fünf Sinne. Erfahren muss man die Insel natürlich selbst. Es folgen hier einige wenige theoretische Kostproben. Zur Erinnerung für alle, die schon mal da waren, und zur Vorbereitung für Interessierte:

Sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen wir mal rein.

Sardinien für die Augen
Sardinien

In der globalen, geordneten Web-Welt kategorisiert man Farben nach Zahlen, zum Beispiel im CSS3-System. Was hat das mit Sardinien zu tun? Ganz einfach: Als die Designer Farbwerte wie #66CDAA in Worte fassten, müssen sie wohl auf Sardinien gewesen sein: „mittelaquamarinblau“, „hellmeergrün“, „mittelmeergrün“ (ja, tatsächlich), „mitteltürkis“, „dunkelhimmelblau“. So schillert das klare Wasser, das die Insel umschwappt, und prangt die Atmosphäre, die sie umrahmt.

Von größter Bedeutung allerdings ist das Smaragdgrün, eine Bezeichnung nach dem guten alten deutschen RAL-Katalog. Das klingt nach Luxus und ist, was Sardinien und seine berühmte Smaragdküste, die Costa Smeralda, ins Weltlicht gerückt hat.

Wir schreiben die Sechzigerjahre. Unberührte Traumbuchten, großartige Felsformationen, funkelndes Meer – wie ein Smaragd. Will haben, sagte sich der Multimilliardär Aga Khan und kaufte ein paar Dutzend Kilometer Küstenland Im Nordosten der Insel. Für einen Apfel und ein Ei beziehungsweise 30 Cent pro Quadratmeter, aber mit architektonischem Feingefühl. Und so profitieren Insel und Besucher bis heute von der augenfreundlichen Bebauung im sogenannten neosardischen Stil, der die Architektur der touristisch aufstrebenden Insel prägte.

Es gibt also keine Bettenburgen auf Sardinien. Eine Art Urmutter der in die Landschaft eingepassten rötlichen Gemäuer ist das Luxushotel Cala di Volpe. Aber man muss weder dort wohnen, noch eine Jacht besitzen, um in den optischen Genuss von weißen Booten in edelsteinfarbenen Buchten zu kommen. Es gibt ein großes Angebot an günstigen Bed-and-Breakfast-Unterkünften, und die Strände sind für alle da. Im Promi-Städtchen Porto Cervo kann man treppauf treppab durch Arkaden in pittoresk versteckte Luxusboutiquen spähen und in der Kirche Stella Maris ganz umsonst verspielte sardische Architektur sowie einen echten El Greco (Mater dolorosa) bewundern.

Die Alternative: Grün statt Smaragd. Am anderen Ende Sardiniens, im Südwesten, befindet sich die Costa Verde: Auch hier trifft das Auge auf staunenswerte Meer-Felsen-Kontraste, aber auch gewaltige Dünen und grüne Natur. Hier wurden mal Bodenschätze geborgen. Heute findet man den Reiz von viel Ursprünglichkeit und wenig Touristen.

Sardinien

Apropos Ursprünglichkeit: Spektakuläres sehen – das geht auf Sardinien auch im Bergland im Inselinneren. Da gibt es die Ausblicke auf den Höhen des Gennargentu und Supramonte-Massivs, der „sardischen Dolomiten“, wo man unwillkürlich von der Schönheit unseres Planeten ergriffen wird.

Ins gebirgige Innere hatten sich die Sarden zurückgezogen, als über Jahrhunderte hinweg immer neue Eroberer-Begehrlichkeiten ihre Küsten heimsuchten. Die Gegenwehr gegen Unterwerfung und Fremdbestimmung, ganz aktuell gegen einen erfolgreich verhinderten NATO-Truppenübungsplatz – auch das kann man betrachten. Im Hirtendorf Orgosolo hat zwar keiner den Teufel an die Wand gemalt, aber viele Künstler Motive des politischen Widerstands. Über Jahre entstanden die äußerst sehenswerten „Murales“, Fassadengemälde, die ganze Straßenzüge zu einer außergewöhnlichen Ausstellung machen.

Sardinien für die Ohren

Da wir schon in den Bergen bei den Hirten mit ihren Schafherden sind – hier können wir Sardinien hören. Wenn möglich, sollte man einer Vorstellung des Canto a Tenore lauschen. Diese uralte ungewöhnliche Gesangsform hat sich in den Hirtendörfern entwickelt und gehört zum immateriellen Weltkulturerbe. Die Chorgruppe besteht aus vier Männern im traditionellen Hirtengewand. Der Solist trägt im melodiösen Sprechgesang seelenvolle Liedtexte vor. Die drei anderen Sänger in den Lagen Bass, „Contra“ und Alt ersetzen mit ihren Stimmuntermalungen – entstanden aus der Imitation von Tierlauten – gewissermaßen die Instrumente für ein harmonisches Zusammenspiel. Etwas gewöhnungsbedürftig, aber faszinierend.

Sardinien

Noch eine Empfehlung für die Ohren ist in den Bergen zu finden. Eine Rast oder gar ein Quartier in Hörweite des Glöckchengebimmels der Schaf- und Ziegenherden im Mix mit Vogelzwitschern und Insektengesurre ersetzt glatt mehrere Meditationskurse.

Sardinien zum Schnuppern
Sardinien

Wo Sardinien ist, ist auch die Macchia. Die Macchia hat nichts mit dem Latte macchiato zu tun, sondern ist laut Wikipedia eine „sekundär entstandene, anthropogene, immergrüne Gebüschformation der mediterranen Hartlaubvegetationszone“. Einfach ausgedrückt bedeckt die Macchia den Boden mit einer Art struppigem Dschungel, durch den man nicht gehen kann, es sei denn, man ist eine Ziege, die sich durchfrisst. Von Reisejournalisten und Schriftstellern tausendmal beschrieben und gepriesen. Die Macchia tut es zuverlässig: einzigartig würzig duften. Aaaah.

Sardinien zum Schmecken
Sardinien

Auf Sardinien gibt es viele Schafe. Wo viele Schafe sind, gibt es Schafskäse, und daher ist der Pecorino eine durch und durch sardische Käseart. Es gibt ihn dolce (weich, kurz gereift) und maturo (hart, lang gereift) sowie in vielen Varianten dazwischen, die man mithilfe eines guten Geschäfts oder Restaurants mal durchprobieren sollte. Achtung: Steht „Casu marzu“ auf der Karte, sollte man vor der Bestellung noch mal in sich gehen. Es handelt sich um wörtlich übersetzt „faulen Käse“ und zwar dergestalt, dass er von lebenden Maden durchsetzt ist. Ein Spezialität, die diesen Namen verdient.

Weniger herausfordernd sind die Culurgionis, eine Art sardische Ravioli, gerne als zweiter Gang zum Beispiel mit Kartoffel-Füllung und fruchtiger Tomatensauce.

Kein Essen ohne Pane carasau, einem schnell sehr heiß gebackenes Brot in superdünnen Scheiben. Die Sarden machen auch eine eigene Speise daraus, indem sie die in Brühe eingeweichte Brotscheibe mit Tomatensauce, Pecorino und Spiegelei bedecken. Das Spiegelei direkt vor dem Verzehr mit der Gabel verschmieren und das Ganze aufrollen. Mehr „Cucina Tipico“ geht nicht.

Fleischliebhaber kommen bei dem Genuss von porceddu auf ihre Kosten, dem Spanferkel, das meist zusammen mit einigen Artgenossen an einen prachtvollen Grill am offenen Feuer gehängt wird. Ein Anblick, auf den Köche stolz und Vegetarier nicht besonders erpicht sind.

Aus der Meeräsche entnehmen die Sarden den Rogen und servieren ihn als Bottarga bevorzugt mit Spaghetti.

Auch Wein können die Sarden: den roten Cannonau und den weißen Vermentino di Gallura.

Sardinien

Die lokale Süßigkeitenspezialität Torrone besteht aus Honig, Mandeln und Eiweiß und eignet sich auch als Mitbringsel unter drei Voraussetzungen:

  • Man hat ab und zu einen irren Janker auf Süßes.
  • Die nächste Gelegenheit zum Zähneputzen ist nicht weit.
  • Man kann sich noch erinnern, warum man das im Urlaub so lecker fand.
Sardinien zum Fühlen

Das Sardinien-Feeling lässt sich mit Worten nicht so leicht beschreiben. Zugegeben: Es gibt manchmal eine drückende Wetterküche, und der Scirocco kann mit Sand aus der Sahara nerven.

Aber das typische Sardinien-Gefühl geht – zum Beispiel in Cala Gonone an der Ostküste – so: Obwohl es September ist, streifen um die Haut milde Luft und 25 Grad warmes Meer. Unter den Fußsohlen kribbelt ein Strand aus murmelartigen hübschen Steinchen, und in die Waden kneifen kleine gestreifte Möchte-gern-Piranhas, die freche Kinderstube einer Mittelmeerfischart, die im sanft plätschernden glasklaren Wasser gerne Touristen ärgert.

Wie gesagt: Erfahren muss man es selbst.

Kategorien
Lebensfreude Lebensorganisation

Aufräumen – Wie Sie aus der Marie Kondo-Methode das Beste herausholen

Aufräumen: so banal und doch so schwer. Und als hätte die Welt schon lange auf Erlösung gewartet: Eine Japanerin namens Marie Kondo verrät in Bestsellern, Videos und einer TV-Serie, wie Aufräumen angeblich das Leben verändert: mit den richtigen Tipps, aber auch mit den richtigen Gefühlen. Wir haben die sogenannte KonMari-Methode ausprobiert. Unser Fazit:

  • Die praktischen Ratschläge funktionieren prima.
  • Die Einbindung der eigenen Emotionen ist eine clevere Unterstützung.
  • Die Hoffnung auf ein besseres Leben könnte dennoch enttäuscht werden.

Eine Stimme im Menschen schreit nach Ordnung. Dass sich in selbst gemachter unordentlicher Umgebung ein inneres Chaos widerspiegelt, kann man als Binsenweisheit, psychologische Diagnose oder weltanschaulichen Leitspruch ansehen. Jedenfalls ist wohl was dran.

It’s magic

Denn Marie Kondo hat Erfolg, riesigen Erfolg. Es macht was mit den Menschen, wenn sie der zierlichen Frau mit der Pony-Frisur und dem niedlichen Akzent zuschauen, wie sie sich auf Knien bei einer Wohnung bedankt oder ein T-Shirt so faltet, dass es stehen kann. Sie nennt es „Magic cleaning“.

Aufräumen
Raus aus dem Schlamassel

Kondo liebt nach eigener Auskunft mess. Den englischen Begriff in Wortähnlichkeit mit Schlamassel zu übersetzen, wäre wohl ganz in ihrem Sinne. Denn aus selbigem mess/Schlamassel will sie uns heraushelfen. Mit ihrer KonMari-Methode, einer Mischung aus beherztem Zupacken und spirituell-artigen Ritualen:

  1. Nicht mal hier, mal da ein bisschen, sondern in möglichst kurzer Zeit komplett aufräumen
  2. Nicht nach Orten, sondern nach Gegenstand-Kategorien aufräumen: 1. Kleidung, 2. Bücher, 3. Dokumente, 4. der Kram eines Haushalts, 5. persönlich Bedeutsames wie Fotos, Briefe, Geschenke etc.
  3. Sämtliche Dinge einer Kategorie zusammentragen und aufhäufen
  4. Sehen und staunen, wie viel man wirklich besitzt
  5. Entscheiden, was man behält und was nicht. Dazu den Gegenstand betrachten und befühlen, um folgender Empfindung nachzuspüren: „Does it spark joy?“ / „Entfacht es Freude in mir?“ Da Glücksgefühle bei Dingen wie einer Haushaltsschere nicht unbedingt eintreten, ist auch die Frage erlaubt: „Brauche ich es?“
  6. Aussortieren, was weder glücklich macht noch gebraucht wird
  7. Sich beim aussortierten Gegenstand in Gedanken oder sogar Worten für dessen geleistete Dienste bedanken, um das Abschiednehmen zu erleichtern
  8. Einräumen, was glücklich macht und gebraucht wird. Immer am selben Platz und nach der ausgeklügelten Falt- und Verstau-Methode der Marie Kondo.

Dabei haben wir immer gedacht, man trennt sich am leichtesten von Zeug, indem man es ganz sachlich als das betrachtet, was es ist: Zeug. Es gibt einen Werbespot, in dem jemand eine alte Nachttischlampe auf den Sperrmüll stellt. Großaufnahme auf den traurig hängenden Lampenschirm im Regen, dazu getragene Musik in Moll. Dann die Stimme aus dem Off: „Don’t be stupid, it’s just a lamp“ und der fröhliche Aufruf, sich im schwedischen Möbelhaus eine neue zu besorgen.

Lieben statt Stapeln

Jetzt sollen wir uns bei unseren vier Wänden für ihren Schutz bedanken, die Bücher liebevoll streicheln oder beim Zusammenlegen unsere Liebe in den Stoff eines Pullovers senden. Persönliche Sachen, die man trotz der allerwärmsten Dankesworte niemals wegschmeißen könnte, sollen zuhause einen Dauerplatz wie eine Art Schrein bekommen. Gegenständen Leben und Seele zu verleihen, um damit kommunizieren zu können, kann man als Leihgabe der shintoistischen japanischen Religion an die Kondo-Methode für westliche Chaoten interpretieren.* Vielleicht hat dies zum Guru-gleichen Status von Marie Kondo beigetragen. Oder war es doch die verblüffende Erkenntnis, dass es viel schlauer ist, Klamotten nicht mehr zu stapeln oder zu stopfen, sondern in selbständig stehende Einheiten zu falten, die in Reih und Glied jederzeit zu überblicken, herauszunehmen und an derselben Stelle wieder einzuräumen sind?

Aufräumen
Beziehungsdrama vor der Waschmaschine

Die Faszination und Vermarktbarkeit des Kondo-Aufräumzaubers hat nach Millionen verkaufter, in 27 Sprachen übersetzter Bücher zu einer Fernsehserie eines großen Streaminganbieters geführt. Darin muss man sich allerdings lange mit den Befindlichkeiten der Akteure auseinandersetzen, bis endlich brauchbare Kondo-Tipps zum Einsatz kommen. Bereits in der ersten Folge wird klar: Drama muss her und life changing muss es sein.

Die Beziehung wackelt, da der Mann sich über die mangelnde Wäschewaschsortieraufräumkompetenz der Frau beklagt und diese ihm schuldbewusst beipflichtet. Erinnerungen an die Lenor-Reklame von 1970 mit dem schlechten Gewissen der Hausfrau mit den kratzigen Handtüchern werden wach. Im Doku-Drama wird schließlich aufgeräumt mit Marie Kondo und die Ehe ist gerettet.

Es ist aufgeräumt und man ist aufgeräumt

Das Leben ist aber keine Soap. Es ist zwar durchaus nicht zu unterschätzen, wie sehr man über die neue Ordnung daheim oder am Schreibtisch erfreut, zufrieden oder sogar glücklich sein kann. Man kann die Methode sogar verinnerlichen. Selbst auf Konsumgewohnheiten und Lebensstil lässt sich der eingeübte „Macht es glücklich / brauche ich das?“-Entscheidungsleitfaden anwenden. Doch für Orientierung, Sinn und Seelenheil im Leben braucht es möglicherweise doch etwas mehr als die Übersicht in Schrank und Schublade.

*Quelle: Haringke Fugmann: Aufräumen als heilige Handlung. Zum weltanschaulichen Hintergrund des Bestsellers „Magic Cleaning“ von Marie Kondō. EZW-Texte 252, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin 2017, ISSN 0085-0357

Kategorien
Entdecken & Genießen Lebensfreude

Festival – cool für Ager

Bei Festival denken wir Babyboomer an die Urmutter Woodstock und daran, dass wir mal um einiges jünger waren. Wer sich in unserem Alter auf Musikfestivals mit so programmatischen Titeln wie Bang your head oder Baden in Blut wagt, setzt sich allerhand Gefahren aus: verknackste HWS, Shortcut zum Hörgerät, Nierenbeckenentzündung. Selbst Mick Jagger braucht inzwischen eine neue Herzklappe.

Zum Glück haben viele von uns eine zivilisatorische Entwicklung durchlaufen: Smoking statt Schlammbad. Oder anders ausgedrückt: Salzburg und Bayreuth statt Wacken. Doch muss ein Festival der klassischen Musik keineswegs so teuer und vornehm sein wie die großen Festspiele in der Mozartstadt oder in Richard Wagners Bayreuth.

Draußen und umsonst

Bei Klassik Open Air beispielsweise besteht eine Kleiderordnung nur fürs Orchester und der Eintritt ist für alle Konzerte frei (im Gegensatz zu den dreistelligen Preisen der großen Metal- und Rock-Festivals). Wer sein Klassik-Musikerlebnis mit vielen Menschen teilen will, muss also nicht unbedingt in den Londoner Hyde Park zu den Proms reisen. Das Picknick auf der Wiese und ein Wunderkerzenmeer nach Sonnenuntergang gibt es auch in Nürnberg.

Festival
Das Gute liegt so nah

Überhaupt liegt bei den Festivals der Klassik das Gute oft sehr nah. In vielen deutschen Bundesländern haben sich Festivals etabliert, die mit großen Künstlern aufwarten – in einem Ort um die Ecke. Zu den bekanntesten zählt das Schleswig-Holstein Musik Festival, inzwischen eines der größten klassischen Musikfestivals Europas. Gespielt wird nicht nur in Konzerthäusern, sondern auch auf dem Land im Gutshaus, im Schlosspark, in der Scheune, auf dem Fährschiff.

Zu den großen Musikereignissen im regionalen Raum gehört auch das Rheingau Musik Festival, wo neben Klassik auch Jazz und Kabarett geboten werden. Bühne frei für Stars im Kloster, im Schloss, auf dem Weingut, in der Reithalle.

Gutshäuser, Schlösser, Kirchen und andere sehenswerte Bauten gibt es zuhauf auch ganz im Nordosten Deutschlands. Viele davon werden alljährlich zu Spielstätten der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.

An übers Land verstreuten Spielorten finden auch Festivals statt, die zusammen mit Landessendern veranstaltet werden, wie zum Beispiel der MDR Musiksommer in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Festival plus …

Es müssen also weder die Elbphilharmonie noch die Staatsoper sein. Mit dem Ausflug zum Festival kann man bestens eine Landpartie und die Besichtigung von Altstadt, Schloss oder sonstigen Sehenswürdigkeiten verbinden. Das Festival als Anlass bringt Menschen zu Orten, die nicht unbedingt zu klassischen Tourismuszielen gehören, aber nicht minder reizvoll sind.

Quer durchs Land

Daher bieten auch Festspiele, die kleinere Orte erst bekannt gemacht haben, mehr als nur ein Musikerlebnis. Man könnte den gesamten Festival-Sommer über durch ganz Deutschland reisen: zu den Musikfestspielen im Havelland, zu den Musiktagen in Bad Harzburg, zu den Festspielen Europäische Wochen Passau, um willkürlich drei von unzähligen Beispielen zu nennen.

Festival

Insbesondere wer gerne Burgen und Schlösser besichtigt, kann dies oft mit hochkarätiger Musikkunst kombinieren, zum Beispiel bei den Ludwigsburger Schlossfestpielen, beim Moritzburgfestival, bei den Festspielen im Ettlinger Schloss oder der Schubertiade auf Schloss Eyb.

Es muss nicht immer Klassik sein

Selbstverständlich können auch Jazz-, Musical- oder Schauspiel-Liebhaber im Festivalsommer neue Orte kennenlernen, beispielsweise Bad Kissingen beim Kissinger Sommer oder die Stadt Wetzlar bei den Wetzlarer Festspielen.

Musikurlaub im Ausland

Dem großen regionalen Angebot zum Trotz – vielleicht soll es doch eine weitere Reise sein. Dann nichts wie hin zu den Bregenzer Festspielen mit der beeindruckenden Seebühne, vielleicht mit anschließendem Bergwandern, nach Luzern zu den internationalen Festspielen, kombiniert mit einem Schweizurlaub, oder sogar nach Glyndebourne zum legendären Opernfestival, zusammen mit einer Rundfahrt durch den Süden Englands und einem London-Trip. Ein potentieller Punkt auf der persönlichen Bucket List könnte auch die Reise zu den Opernfestspielen der Arena di Verona sein. Im römischen Amphitheater treten allsommerlich Weltstars der Klassik auf. Immerhin gibt es für Besucher über 65 ermäßigte Tickets.

Selbstverständlich sollte man beim Festival-Kartenkauf stets auf einen möglichen „Seniorenrabatt“ achten.

Die Festival-Saison ist eröffnet. Machen wir was draus!

Kategorien
Entdecken & Genießen

Müsli für Cool Ager, einfach und super gesund

Müsli ohne Zucker schmecken fad. Müsli mit Zucker sind weder gesund noch kalorienarm. Wie kriegt man ein Müsli hin, das gesund ist und dennoch lecker schmeckt? Das folgende Rezept zeigt, dass man beim Müsli ganz ohne Milch und Zucker auskommt. Hier unser Vorschlag für Cool Ager:

Zutaten für 1 Müsli
  • 1 EL Haferflocken
  • 1 – 2 EL gepufftes Pseudogetreide wie Quinoa, Amaranth, Buchweizen
  • 1 TL Kürbiskerne
  • 1 TL Sonnenblumenkerne
  • 1 TL geschroteter Leinsamen
  • 1 TL Sesamsamen
  • 1 TL Flohsamen
  • Ein paar Mandelkerne abgezogen
  • Ein paar Walnüsse (Bruch)
  • 125 – 250 ml (je nach Getreidemenge) Mandeldrink ungesüßt
  • 1 kleiner Apfel
  • Optional Beeren
So geht’s
  • Flocken, Pops, Samen und Kerne gut in der Müslischale vermischen
  • Mandeldrink im Milchschäumer aufschäumen, über die Mischung geben und vorsichtig unterheben
  • Zirka 1 Minute quellen lassen (Nicht erschrecken, wenn das Müsli zuerst sehr flüssig wirkt. Das (Pseudo-)Getreide nimmt die Flüssigkeit schnell auf.)
  • Apfel reiben und ebenfalls unterheben
  • Optional noch ein paar Beeren oder Granatapfelkerne über das Müsli geben
Tipp

Wer mag, kann das Rezept mit weiteren gesunden Zutaten wie Weinbeeren, Rosinen, Obststückchen oder Superfood variieren.

Wissenswert

In den Flocken, Pops, Samen und Kernen stecken jede Menge Mineralstoffe. Vor allem Haferflocken, Pseudogetreide, Kürbiskerne, Leinsamen, Mandeln und Mandeldrink liefern Eiweiß, damit das Frühstücksmüsli auch vorhält. Der Mandeldrink-Schaum macht das Müsli schön fluffig, der geriebene Apfel macht es süß. Mit den Beeren und/oder Granatapfelkernen wird es noch leckerer und vitaminreicher. Flohsamen sorgt für eine gute Verdauung.

Da Pseudogetreide sehr nährstoff-, aber auch energiereich sein kann, sollte die hier angegebene Menge in Abhängigkeit vom persönlichen Kalorienverbrauch variiert werden.

Beim Pseudogetreide handelt es sich um Körnerfrüchte von Pflanzenarten, die nicht zur Familie der Süßgräser gehören. Gepufft bedeutet, dass das Pseudogetreide ähnlich wie Popcorn (Mais) mit Hitze und Druck hergestellt wurde. Dadurch werden sehr harte Getreide-/Pseudogetreidekörner auch ohne Koch- oder Einweichvorgang genießbar. Alle Produkte am besten mit Bio-/Fair-Trade-Siegel kaufen.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Friendship Bench – Die Weisheit der Großmütter als Therapie

Wer an Depression leidet, braucht Hilfe beim Psychiater in einer Praxis oder Klinik. Doch was, wenn es keine gibt oder man sie sich gar nicht leisten kann? Dann setzt man sich zu einer Großmutter auf die Bank. In Zimbabwe begann 2007 das Projekt Friendship Bench. Inzwischen fanden Zehntausende von Menschen teils lebensrettende seelische Unterstützung durch Sitzungen mit einer älteren Frau auf einer Holzbank im Freien. Die Idee, viele Großmütter an vielen Orten als psychologische Helfer einzusetzen, ist so revolutionär wie erfolgreich. Inzwischen gibt es die Freundschaftsbank sogar in New York City.

Wissenschaftlicher Leiter des Friendship Bench Projektes ist Dixon Chibanda. Er ist einer von 12 Psychiatern, die der 16-Millionen-Bevölkerung von Zimbabwe zur Verfügung stehen. In zahlreichen Vorträgen und Publikationen berichtet er, wie die Friendship Bench aus der Not entstand und zu einer bahnbrechenden Lösung wurde.

Kein Geld für die Fahrt zum Arzt

Ursprünglich hatte der Medizinstudent Chibanda eine Laufbahn als Internist oder Dermatologe geplant. Bis sich ein Kommilitone, der stets als ausgesprochene Frohnatur in Erscheinung getreten war, das Leben nahm. Chibanda arbeitete bereits als Psychiater Zimbabwes Hauptstadt Harare, als er ein weiteres Schlüsselerlebnis hatte. Seine Patientin Erica hatte einen Rückfall mit Selbstmordversuch. Es war vereinbart, dass sie mit ihrer Mutter so schnell wie möglich zur Therapie nach Harare kommen sollte. Doch Erica kam nie. Sie erhängte sich am Ast eines Mangobaums. Ein Anruf bei der Mutter ergab, dass das Geld für die Busfahrt in die Hauptstadt fehlte.

Chibanda, der auch Gesundheitswesen studiert hatte, machte es sich daraufhin mithilfe seines Teams zur Aufgabe, psychologische Hilfe in die Breite zu bringen. Doch wie sollte das funktionieren? 70 Prozent der Bevölkerung Simbabwes lebt in Armut. Viele Menschen sind durch materielle Not und Gewalterfahrungen aus den Bürgerkriegen traumatisiert. Frauen leiden unter den patriarchalischen Strukturen. Jeder vierte Einwohner ist an Depression erkrankt. Die Selbstmordrate ist hoch. Doch für eine flächendeckende psychologische Versorgung gab es weder genügend geschultes Personal noch Praxisräume noch Geld.

Aus der Not entstanden

Was jedoch zahlreich zur Verfügung stand, waren Laiengesundheitshelferinnen, die sogenannten Community Grandmothers, und Plätze im Freien, auf die man eine Bank stellen kann. So entstand die Idee für eine Feldstudie mit 14 Großmüttern, die in einem Vorort in Harare auf einer Holzbank als offizielle „Praxis“ ihrer neuen Rolle als Gesprächstherapeutinnen für Menschen in seelischer Not nachgingen.

Die älteren Frauen wurden freilich auf ihre Aufgabe vorbereitet. Sie erhielten Fragebögen in der Landessprache, um sehr schwere Fälle erkennen und an ein Gesundheitszentrum weiterleiten zu können. Während eines mehrwöchigen Trainings auf Basis der kognitiven Verhaltenstherapie wurden die Großmütter über drei Phasen einer Gesprächstherapie unterrichtet, die zwar westlichen Therapiemodellen folgen, aber in kulturell und sprachlich leicht erfassbaren Begriffen vermittelt wurden:

  • „kuvhura pfungwa“ beziehungsweise „opening up the mind“, wobei die Gesprächspartner das Hauptproblem identifizieren und sich darauf konzentrieren sollen
  • „kusimudzira“ beziehungsweise „uplifting the individual“, wobei beide an Lösungen des Problems arbeiten
  • „kusimbisa“ beziehungsweise „strengthening“, wobei die Patientin oder der Patient größtenteils selbständig – nur unterstützt in einigen weiteren Sitzungen – kontinuierlich Mittel und Wege zur Lösung verfolgen sollen
Friendship statt Mental Health

Daran, dass das Projekt nicht sofort scheiterte, hatten die Großmütter einen entscheidenden Anteil. Sie wiesen darauf hin, dass nicht ein mangelndes medizinisches Erscheinungsbild die potentiellen Patientinnen und Patienten abschreckte, sondern genau das Gegenteil. In einem Land, in dem psychische Erkrankungen extrem stigmatisiert sind und schlimmstenfalls ein Exorzist statt medizinischer Hilfe gesucht wird, durfte von „Depression“, „klinisch“ oder „psychiatrisch“ nicht die Rede sein. Also wurde die ursprünglich vorgesehene „Mental Health Bench“ rasch in Friendship Bench umbenannt und, siehe da, die Menschen setzten sich darauf.

Mehr noch: Die Großmütter boten die kulturelle Anbindung, ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und ihre ganz persönliche Weisheit, mit Krisenlagen umzugehen. Als eines der wichtigsten Erfolgsgeheimnisse galt ihre Fähigkeit zuzuhören, die Hilfesuchenden selbst Lösungen entwickeln zu lassen und sich mit eigenen Ratschlägen zurückzuhalten. Mit Großvätern, die versuchshalber zum Einsatz kamen, klappte das nicht.

Gewinn für beide Seiten

Dabei erwiesen sich die älteren Frauen nicht nur als erstaunlich belastbar. Offenbar zogen sie aus ihrer ehrenamtlichen Arbeit sogar eigenen persönlichen Gewinn in Form von Anerkennung und Wertschätzung.

Den Erfolg der Großmutter-Therapie konnte Chibanda schließlich, gefördert von der Grand Challenges-Stiftung Canada, wissenschaftlich untermauern. In einer 2016 im Journal of the American Medical Association veröffentlichten Studie kamen der Psychiater und seine Mit-Autoren zu dem Ergebnis, dass die Symptome einer großmuttertherapierten Gruppe deutlich stärker zurückgingen als bei der konventionell therapierten Vergleichsgruppe.

Know-how-Transfer nach NYC

Mittlerweile wurden über 500 Großmütter für ihren seelenheilsamen Einsatz auf der Bank ausgebildet. Die ursprüngliche Feldstudie entwickelte sich zu einer Non-Profit-Organisation, die ihr Modell erfolgreich auf vier weitere Länder im südlichen Afrika ausgeweitet hat. Der erstaunlichste Süd/Nord-Wissenstransfer dürfte aber der Einsatz der Friendship Bench in fast allen Stadtteilen von New York City sein, einschließlich des glamourösen Manhattan.

Obwohl in der amerikanischen Metropole kein Mangel an Psychologen besteht, haben letztlich wenige wohlhabende Menschen Zugang dazu. Mit Unterstützung der New Yorker Gesundheitsbehörde bietet das Friendship Bench-Projekt psychologische Hilfe, die bereits von Tausenden von Menschen in Anspruch genommen wurde.

Die Bänke in New York sind allerdings nicht aus Holz, sondern aus orangem Plastik. Damit sie nicht gestohlen werden, sind einige mit Wasser gefüllt.


Kategorien
Lebensfreude

Der Frühling und seine Geheimnisse

Der Frühling beginnt und mit ihm so manche wissenschaftlich fundierte Poesie:

  • „Er ist’s! Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte …“ (Eduard Mörike über Erdrotation)
  • „Veronika, der Lenz ist da, die Mädchen singen trallala …“ (Walter Murmann über Hormone)
  • „Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle … Frühling will nun einmarschiern, kommt mit Sang und Schalle …“ (Hoffmann von Fallersleben über Artenvielfalt)

Man muss kein Dichter sein, um vom Frühlingsfieber erfasst zu werden. Wir wollen raus, wir sind glücklich und manchmal schlapp. Der Frühling macht was mit uns. Welche Kräfte sind da am Werk?

Er ist’s: Frühlingserwachen

Den Frühling gibt es, weil die Erde schief steht. Während unser Planet mit seiner schrägen Achse im Laufe eines Jahres um die Sonne rotiert, ist es mal auf der oberen Halbkugel wärmer und heller, mal auf der unteren. Je nachdem, welche Erdhälfte sich in welcher Position zur Sonne befindet, fallen die Sonnenstrahlen während der 24stündigen Achsdrehung länger und steiler ein oder eben kürzer und flacher. So entstehen die Jahreszeiten. Während in Südafrika Herbst ist, ist bei uns Frühling.

Drehte sich eine kerzengerade Erde um die Sonne, gäbe es bei uns wie in den Tropen langweiligerweise keine Jahreszeiten.

Frühling
Veronika, der Lenz ist da: Frühlingsgefühle

Der Mensch wird im Frühling von hormonellen Schwankungen heimgesucht. Da tut sich was in der Zirbeldrüse. Das Mehr an Tageslicht unterdrückt die Produktion des Schlafhormons Melatonin. Stattdessen pulst dessen Gegenspieler, das Glückshormon Serotonin, vermehrt durchs Blut. Licht vertreibt winterliche Schwermut.

Nicht nur die Sonnenstunden lassen die Psyche abheben. Wir freuen uns an Farben und Düften der sprießenden Natur, Sinneseindrücken, die im Stammhirn von klein auf als positiv eingespeichert sind.

Und das Lächeln frühjahrsbeglückter Mitmenschen fördert ein Stimmungshoch auf sozialer Basis. Hygge ist nicht nur der Plausch am Kaminfeuer, sondern auch das gemeinsame Genießen im frischen Grün.

Frühjahrsmüdigkeit: Sferics im April

Paradoxerweise gibt es im Frühling dennoch Klagen. Manche Menschen fühlen sich schlapp, wenn der Winter auszieht, und leiden unter Kopfschmerzen, wenn andere Bäume ausreißen könnten. Frühlingsleid kann verschiedenen Ursachen haben.

  • Frühjahrsmüdigkeit entsteht nach Expertenansicht vornehmlich durch sinkenden Blutdruck, da sich der Körper auf die höheren Temperaturen mit erweiterten Blutgefäßen umstellt.
  • Wetterfühlige können unter den April–macht-was-er-will-Luftdruckschwankungen leiden.
  • Im Verdacht, frühjahrstypische Unpässlichkeit hervorzurufen, stehen auch impulshafte elektromagnetische Wellenpakete der Erdatmosphäre, die bevorzugt bei Gewitterlagen, aber auch im Frühjahr auftreten. Brummt der Schädel, haben – wissenschaftlich noch hypothetisch – die Sferics zugeschlagen.
Frühjahrsboten: phänomenal phämonologisch

Meteorologisch beginnt bei uns der Frühling am 1. März, astronomisch am 20. März mit dem schönen Wort „Frühlingstagundnachtgleiche“. Soweit die Theorie. Doch die Natur hält sich nicht unbedingt an Kalendertage.

Erst die phänologische Jahreszeit zeigt, was frühlingsmäßig gerade Sache ist. Mit entsprechenden Erkenntnissen für Landwirte, Umweltschützer und Klimaforscher. Leider wahr: Der Frühling kommt – über den Zeitraum der letzten Jahrzehnte betrachtet – immer früher, was nach dem Stand der Forschung auf den Klimawandel zurückzuführen ist.

Phänologisch besteht der Frühling aus drei Phasen:

  • Vorfrühling
  • Erstfrühling
  • Vollfrühling

Welche Frühlingsphase gerade herrscht, bestimmen die sogenannten Zeigerpflanzen.

  • Den Aufbruch signalisieren absolute Vorboten wie Schneeglöckchen, Haselnussbaumblüten, Weidenblüten.
  • Hüllt sich die Forsythe in Gelb und folgen die Blüten an Süßkirsch- und Birnbaum, sind wir im ersten Frühling.
  • Blühen schließlich Apfelbaum und Flieder, ist der Frühling „voll“ da.
Frühling

Ein eher marktwirtschaftlich orientiertes Eigenleben führt der Frühling im Supermarkt. Nachdem uns die Januartulpen kurz nach der Weihnachtszeit noch etwas irritiert haben, erlösen wir grüne Narzissenstängel erwartungsvoll von ihrem Karton-Dasein und erleben immer wieder gern das in der heimischen Vase erblühende gelbe Frühlingswunder.

Tierisch früh

Als phänologische Indikatoren, sprich Frühlingsboten, dienen neben den Zeigerpflanzen bestimmte Tiere beziehungsweise deren Verhalten.

  • Hummeln sind schon bei Temperaturen knapp über null Grad Celsius flugfähig. Es sind die Königinnen in spe, die im Boden den Winter überleben und im Früh-Frühling Pollen für sich und eine Behausung für ihr künftiges Hummelvolk suchen. Künftige Bienenköniginnen machen sich ein wenig später auf den Weg, da sie für ihre Jungfernflüge etwas höhere Temperaturen benötigen.
  • Auch Zitronenfalter können überwintern und erfreuen uns früh im Jahr mit zartgelben Flügelschlägen.
  • Die Zugvögel treffen ein, und zwar zunächst Nachtigallen, Rauchschwalben, Stare. Wenn der Kuckuck ruft, klingt es sehr nach Frühling, und wenn die Mauersegler um die Häuser sausen, dürfen wir den Schal endgültig einmotten.
Alle Vögel sind schon da. Oder auch nicht.

Viele Menschen haben das Gefühl, dass der Frühling in der Vergangenheit zwar später, aber mit mehr Fauna kam. Der Eindruck täuscht nicht. Es gibt zahlreiche Studien zum Insektenrückgang. Auch bestimmte Vogelarten treten seltener auf. Was könnte man als einzelne(r) tun? Einige Vorschläge:

  • Insektenhotels an der Balkonwand anbringen
  • Insektenfreundliche Blütenmischungen in die Balkonkästen pflanzen
  • Nistkästen für Vögel im Garten annageln
  • Im Garten für möglichst große Blütenvielfalt sorgen
  • Gartenflächen weder schottern noch anderweitig versiegeln
  • Initiativen für Naturschutz unterstützen
Frühling

Im Spannungsfeld von industrieller Landwirtschaft und Ökologie hat das Bundesamt für Naturschutz auf die beobachteten Veränderungen mit Forschungsförderung und Initiativen für Insektenschutz und Biodiversität reagiert. Auch Organisationen wie der BUND informieren darüber, wie man Insekten helfen kann.

Wird der Frühling stumm?

Bereits in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts kam durch die Weitsicht der amerikanischen Wissenschaftlerin Rachel Carson ein Horrorszenario in die Welt: Der stumme Frühling. So heißt ihr Buch, das als eines der Fundamente der ökologischen Bewegung gilt. Carson hat vor allem den übermäßigen Einsatz von Pestiziden angeprangert, was schließlich zum Verbot des Mittels DDT führte. Leider hat ihre Warnung vor dem stummen Frühling nichts an Brisanz verloren.

Kategorien
Lebensfreude Lebensorganisation

Lebensträume – So klappt es mit der Bucket List

Der Begriff Bucket List hat durch den gleichnamigen Spielfilm (deutscher Titel: „Besser geht’s nicht“) Verbreitung gefunden. Darin spielen Jack Nicholson und Morgan Freeman zwei an Krebs Erkrankte, die auflisten, was sie noch erleben wollen, before they kick the bucket, bevor sie den Eimer umtreten – eine englische Umschreibung fürs Sterben, ähnlich charmant wie das deutsche „Den Löffel abgeben“. Es geht also um Lebensträume, deren Nichterfüllung man auf dem Sterbebett ungern bedauern möchte.

Bücher wie der Bestseller „1000 places to see before you die“ sind nichts anderes als eine Bucket List. Überhaupt sind Reiseziele bevorzugte Bucket List-Punkte:

  • Das Taj Mahal besichtigen
  • Die Nordlichter sehen
  • Die Inkastadt Machu Picchu besuchen
  • Die Kirschblüte in Japan bewundern
  • An den Titicacasee fahren
  • Über den Atlantik schippern

Auf einer Eimer-Liste können aber auch andere tolle Vorhaben stehen:

  • Klavier/Gitarre/Gesang etc. erlernen oder vertiefen
  • Eine neue Sportart erlernen
  • Eine Fremdsprache lernen
  • Noch mal Studieren
  • Im Ausland leben
„(Mindestens) einmal im Leben will ich …“

Lebensträume sind nicht zu verwechseln mit durchaus sinnstiftenden regelmäßigen Glücksmomenten wie Menschen treffen, Musik hören, Natur genießen, Sport machen, Meditieren. Alltagsfreuden könnte man zwar ebenfalls auflisten und täglich abhaken. Das kann aber mühsam werden und ist auch nicht gemeint.

Bucket List

Eine Bucket List enthält Dinge, die man noch nie gemacht hat, also für einen persönlich neu und außergewöhnlich sind.

Doch vor dem Umsetzen kommt das Einschätzen: „Habe ich tatsächlich genügend Geld, Zeit, Mut und Tatkraft?“ Womöglich muss man einige Vorhaben aufschieben oder ganz streichen. Beim Anblick der aufgezeichneten Lebensträume kann man durchaus in Stress geraten oder sogar traurig werden.

Alpaka statt Gorilla

Sicher sollte man alles daransetzen, seine Träume zu erfüllen. Es gibt aber auch eine Art Zwischenlösung. Eine Bucket List kann man sich nämlich auch eine Nummer kleiner ausdenken. Die Realisierung dieser Träume gelingt meist schneller, leichter und in vielen Fällen kostengünstiger. Häufige spontane Unternehmungen ohne Wenn und Aber können das Leben nicht minder bereichern als eine teure Weltreise. 

Ein Beispiel: Man war schon immer neugierig auf ein besonderes Erlebnis mit Tieren. Doch bevor man auf anderen Kontinenten auf einem Elefanten reitet oder Berggorillas beobachtet, könnte man hierzulande mit einem Alpaka wandern oder einfach die Patenschaft für ein Zootier übernehmen.

Wie könnte eine Bucket List der kleinen Träume aussehen?

Manchmal muss man erst nachdenken, um all die noch nicht gelebten „Träumchen“ zu entdecken, die in einem stecken. Ein paar höchst unterschiedliche Ideen für Eskapaden allein, zu zweit oder in Gesellschaft:

  • Ein Autokino besuchen
  • Ein Privatkino mieten
  • Ein Fahrtraining machen
  • Ein Schießtraining machen
  • Einen Bagger/Rennwagen/Kran/Oldtimer/Panzer fahren
  • Einen Tandemsprung/-flug machen
  • Einen Koch-/Barista-/Braukurs oder ein Weinseminar machen
  • Einen Mal-/Bildhauer-/Schmiede-/Foto-/Schreibkurs machen
  • Fremde/aufwändige Gerichte ausprobieren 
  • In einem Sternerestaurant essen
  • Eine vegane Woche/Fastenwoche einlegen
  • Unter freiem Himmel schlafen
  • Einen Golf-/Segel-/Tauch-/Yoga-/Bogenschießen-Schnupperkurs absolvieren
  • Professionelle Paar-/Familien-Fotos machen lassen
  • Am Bahnhof spontan ein Ziel auswählen
  • Die Bundesländer Deutschlands/Hauptstädte Europas entdecken
  • An den Geburtsort/Orte der Kindheit fahren
  • Nicht zu weit entfernte Orte aus Lieblingsbüchern aufsuchen
  • Blut spenden
  • Einmal Pyrotechniker sein
Bucket List

Konkrete Angebote zum jeweiligen Wunscherlebnis findet man bevorzugt im Internet. So bietet beispielsweise die Stadt Hannover alljährlich ein Programm, um älteren Menschen Lebensträume zu erfüllen. Das Spektrum reicht von „Senioren fahren Offroad“ bis zu „Einmal im Leben Feuerwehrmann/frau sein“.

Für alle, die einen alten Kindheitstraum aufleben lassen wollen, gibt es den Dampflokführer-Schnupperkurs.

Musikliebhaber könnten vor allem im Sommer besondere Ereignisse erleben. Festivals und Festspiele gibt es für jeden Geschmack, zum Beispiel:

  • Rock im Park in Nürnberg
  • Das Jazz Festival in Montreux
  • Das Rheingau-Musikfestival
  • Das Schleswig-Holstein-Musikfestival
  • Die Salzburger Festspiele
  • Die Bregenzer Festspiele auf der Seebühne
  • Die Sommerkonzerte der Proms in London

Auch das Lebensträumchen „Wagner vor Ort hören“ kann man sich nun „mal eben“ erfüllen: Für die Bayreuther Festspiele sind inzwischen auch ohne jahreslanges Warten Karten zu bekommen – mit etwas Glück beim Online-Verkauf von Rückläufern. Oder man gönnt sich den Wagner-Genuss im Kino, ohne roten Teppich, aber in bequemeren Sitzen.

Bucket List

Als Cool Ager wird man die persönliche Merkliste für ein ereignisreicheres Leben stets als Kann, nicht als Muss betrachten und die Erfüllung der kleinen Träume gezielt, aber unverkrampft angehen. 

Zur beruhigenden Erkenntnis, dass man bislang womöglich weniger verpasst hat als angenommen, kann übrigens eine umgekehrte Bucket List führen. Darauf stehen die bereits erfüllten Träume, von gemachten Reisen bis zu erlernten Fähigkeiten sowie privaten und beruflichen Erfolgen. Alles bereits abgehakt, lange bevor der Eimer umfällt.

English version:

Life-dreams – How it works with the Bucket List

The term Bucket List has found distribution through the feature film of the same name (German title: „Besser geht’s nicht“). In it, Jack Nicholson and Morgan Freeman play two cancer patients who list what they still want to experience before they kick the bucket, – an English paraphrase for dying, as charming as the German „Den Löffel abgeben“. So it’s about dreams of a lifetime, the non-fulfilment of which one would not like to regret on one’s deathbed

Books like the bestseller „1000 places to see before you die“ are nothing but a bucket list. In general, destinations are preferred Bucket List points:

  • Visit the Taj Mahal
  • See the northern lights
  • Visit the Inca city of Machu Picchu
  • Admire the cherry blossom in Japan
  • See Lake Titicaca
  • Sail across the Atlantic

However, on a bucket list there can also be other great projects:

  • Learning or deepening piano/guitar/vocals etc.
  • Learning a new sport
  • Learning a foreign language
  • Studying again
  • Living abroad
(At least) once in my life I want …

Life dreams are not to be confused with regular, meaningful moments of happiness such as meeting people, listening to music, enjoying nature, doing sports, meditating. Everyday pleasures could also be listed and ticked off daily. But this can be tedious and is not meant.

A bucket list contains things that you have never done before, i.e. are new and extraordinary for you personally.

But before the implementation comes the assessment: „Do I really have enough money, time, courage and energy? It may be necessary to postpone or cancel some projects altogether. When you look at the recorded dreams of your life, you can get stressed or even sad.

Alpaca instead of gorilla

Surely one should do everything in one‘ s power to fulfil one‘ s dreams. But there is also a kind of interim solution. A Bucket List can be imagined to be one size smaller. The realization of these dreams usually succeeds faster, easier and in many cases cheaper. Frequent spontaneous undertakings without ifs and buts can enrich life no less than an expensive trip around the world.

An example: One has always been curious about a special experience with animals. But before you ride an elephant on other continents or observe mountain gorillas, you could hike in Germany with an alpaca or simply sponsor a zoo animal.

What could a bucket list of little dreams look like?

Sometimes you have to think first to discover all the not yet lived „dreams“ that are hidden in you. Here are a few very different ideas for escapades alone, in twos or in company:

  • Visit a drive-in cinema
  • Rent a private cinema
  • Doing a driving workout
  • Doing a shooting practice
  • Drive an excavator/racing car/crane/old timer/tank
  • Do a tandem jump/flight
  • Take a cookery/barista/brew course or wine seminar
  • Take a course in painting / sculpture / forging / photography / writing
  • Try foreign/costly dishes
  • Eating in a star restaurant
  • Have a vegan week/ fasting week
  • Sleeping in the open air
  • Complete a golf/sail/dive/yoga/archery taster course
  • Have professional pair/family photos taken
  • Select a destination spontaneously at the station
  • Discover the German states/capitals of Europe
  • Go to the birthplace/places of childhood
  • Visit places not too far away from your favourite books
  • donate blood
  • Be a pyrotechnician once

Concrete offers for the desired experience can be found preferentially on the Internet. Every year, for example, the city of Hanover offers a programme to fulfil the dreams of older people. The spectrum ranges from „Seniors driving off-road“ to „Once in a lifetime being a firefighter“.

For all those who want to revive an old childhood dream, there is the steam locomotive driver try-out course.

Music lovers could experience special events, especially in summer. There are festivals and festivals for every taste, for example.

  • Rock in the park in Nuremberg
  • The Jazz Festival in Montreux
  • The Rheingau Music Festival
  • The Schleswig-Holstein Music Festival
  • The Salzburg Festival
  • The Bregenz Festival on the lake stage
  • The Summer Concerts of the Proms in London

The dream of life „listening to Wagner on location“ can now also be fulfilled more simply: Tickets for the Bayreuth Festival are now available even without years of waiting – with a little luck when tickets returns online. Or you can indulge in Wagner’s delights in the cinema, without a red carpet, but in more comfortable seats.

As a cool ager, you will always regard your personal watch list for a more eventful life as a „can“ rather than a „must“ and approach the fulfilment of your little dreams in a targeted but relaxed way.

By the way, a reverse bucket list can lead to the reassuring realization that you may have missed less than expected so far. On it are the dreams already fulfilled, from journeys made to skills learned as well as private and professional successes. Everything already checked off long before the bucket falls over.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Gutartiger Lagerungsschwindel – Wie man den Dreh (wieder) rauskriegt

Schwindel kann viele Auslöser haben. Zum Glück ist die häufigste Schwindelart auch die harmloseste: gutartiger Lagerungsschwindel. Als Ursache kann ein vorangegangenes Trauma infrage kommen, es reicht aber auch völlig aus zu altern. Also wen sucht der benigne (gutartige) paroxysmale (anfallartige) Lagerungsschwindel (BPLS) bevorzugt heim? Natürlich die Älteren. Am häufigsten trifft es Frauen zwischen 60 und 80 Jahren.

Dass der BPLS eigentlich harmlos ist, ist unserem Körper und unserer Psyche erst einmal egal. Geht es doch derart rund im Kopf, dass einem angst und bange werden kann (und manchmal übel). 

Dabei gibt es einfache Methoden, die gutartige Pein wieder loszuwerden. Doch vorher muss BPLS auch erkannt werden, was bisweilen erst nach ein paar Arztwechseln der Fall ist.

Typisch für Lagerungsschwindel ist ein Drehschwindel (Karussell im Kopf) im Gegensatz zum Schwankschwindel (Seegang im Kopf). Wie der Name schon sagt, tritt er bei Lageveränderungen des Kopfes auf. Zum Beispiel beim Hinlegen und Aufrichten, Umdrehen im Liegen, aber auch bei Kopfdrehungen und -neigungen im Stehen und Sitzen. Die Anfälle können zirka 10 bis 60 Sekunden dauern.

Wie kommt es zu BPLS?

In jedem Innenohr befindet sich ein Gleichgewichtsorgan, zu dem drei Bogengänge mit Lymphflüssigkeit und feinsten Sinneshärchen gehören. Bewegen wir uns, schwappt die Flüssigkeit mit und ordnet die Sinneshärchen entsprechend an. Die Härchen berichten an den Gleichgewichtsnerv. Der Gleichgewichtsnerv meldet dem Hirn ordnungsgemäß die Lage. Und wir wissen auch bei Bewegung, wo oben und unten ist.

Nicht so, wenn in die Bogengänge etwas hineingeraten ist, was da nicht hingehört. Aus der Nachbarregion können sich Ohrsteinchen lösen, die 

  • in die Flüssigkeit der Bogengänge wandern, 
  • bei Kopfbewegungen an die Haarzellen rempeln und 
  • die sensible Lageberichterstattung völlig durcheinanderbringen. 

Dem Gehirn wird etwas signalisiert, was das andere Gleichgewichtsorgan, die Sehnerven und das taktile Lageempfinden nicht bestätigen können. Kein roger, sondern Karussell.

Gutartiger Lagerungsschwindel

Es wird vermutet, dass die kleinen Kalkkristalle – außer durch physikalische Erschütterungen bei Kopfverletzungen – aufgrund von Altersschwäche ihren Halt verlieren. Das könnte erklären, warum so viele ältere Menschen die Diagnose gutartiger Lagerungsschwindel erhalten.

Was tun bei der Diagnose gutartiger Lagerungsschwindel?

Erfreulicherweise kann gutartiger Lagerungsschwindel von selber verschwinden. Aber wer will schon während einer schwindelerregenden Leidenszeit darauf warten?

Zum Glück gibt es einfache und kostengünstige Abhilfe. Verschiedene Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten haben Physiotherapie-Methoden entwickelt, mit denen man die Kristalle wieder aus den Bogengängen expediert.

Die nach ihren Erfindern benannten Behandlungsmethoden klingen, als würde man für den Krieg üben. Die drei Gebräuchlichsten sind:

Auch die übergreifende Bezeichnung „Befreiungsmanöver“ hört sich ziemlich actiongeladen an. 

Doch handelt es sich um schonende, unkomplizierte Bewegungsabfolgen aus Kopfdrehen, Hinlegen und Aufrichten, teils langsam, teils mit Schwung. Das einzig Unangenehme: Während der Übungen kann und soll der Schwindel auftreten, und die Betroffenen müssen ihn bis zum Abklingen in der jeweiligen Position aushalten.

Ziel ist es, die Ohrsteinchen durch die Schwer- beziehungsweise Fliehkraft aus den Bogengängen in die angrenzende Region zu befördern, wo sie kein Unheil mehr anrichten können.

Die Methoden sollten mit der Ärztin oder dem Physiotherapeuten eingeübt werden und können dann zuhause allein oder mithilfe einer anderen Person in bestimmten Abständen wiederholt werden. Man übt so lange, bis der Schwindel nicht mehr auftritt. In manchen Fällen gelingt das bereits nach ein bis zwei Anwendungen.

Manöver mit Effekt

Die Manöver zeigen sehr hohe Erfolgsquoten, wobei die Epley-Methode wohl hierzulande derzeit vorherrscht. Es ist allerdings möglich, dass beispielsweise bei einem Halswirbelproblem das Sémont-Manöver vorgezogen wird, da hierbei der Kopf nicht überstreckt wird.

Voraussetzung für alle Formen der Selbstbehandlung ist selbstverständlich, dass – zum Beispiel ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt – die Schwindelsymptome eindeutig als BPLS diagnostiziert hat. 

Gutartiger Lagerungsschwindel muss nämlich unterschieden werden von weiteren Schwindelarten, die anders zu behandeln sind und denen zum Teil eine schwerwiegende Krankheit zugrunde liegen kann. 

Während einige Schwindelformen wie auch der BPLS aus dem Innenohr kommen und in den Bereich der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde fallen, betreffen andere Gleichgewichtsstörungen die Bereiche Hirn-, Herz- oder psychische Erkrankungen. 

Weitere Schwindelformen

Der phobische Schwankschwindel gehört zu den psychosomatischen Schwindelerscheinungen. Das heißt, er ist ein körperliches Problem, in dem psychische Ursachen – zum Beispiel eine Panikattacke – ihren Ausdruck finden.

Ein Schwankschwindel kann auch visuell ausgelöst werden. Wenn Bewegungsempfindung und Sehreiz nicht mehr übereinstimmen, kann es zum Bewegungsschwindel mit den Symptomen der Seekrankheit oder Reisekrankheit kommen.

Gutartiger Lagerungsschwindel

Die Neuropathia/Neuritis vestibularis tritt als plötzlicher extremer Drehschwindelanfall und in der Folge andauernder Schwindel auf, da das Gehirn nur noch von einem der beiden Innenohren Informationen erhält. Ursache ist ein entzündlicher „Defekt“ eines Gleichgewichtsnervs, möglicherweise durch eine Viruserkrankung oder immunologische Störung.

Bei der vestibulären Migräne liegt die Ursache des Schwindels nicht im Innenohr. Vielmehr entsteht das Schwindelgefühl im Zusammenhang mit einem Migräneanfall und kann mit typischen Migränesymptomen einhergehen.

Morbus Menière heißt eine vermutlich durch Entzündungsprozesse ausgelöste Erkrankung des Innenohrs, bei der zu großer Überdruck im Organ entsteht. Sie zeigt sich durch heftige Drehschwindelanfälle, zum Teil begleitet von Schwerhörigkeit und Ohrgeräuschen. Die Krankheit setzt akut ein.

Bei Hörminderungen durch einen Hörsturz können neben Ohrgeräuschen und Druckempfindungen im Ohr ebenfalls Schwindelgefühle auftreten. 

Schwindel kann darüber hinaus durch die Einnahme bestimmter Medikamente verursacht werden. Ob Schwindel auch durch Störungen der Halswirbelsäule entstehen kann, ist umstritten.

Orthostatischer Schwindel entsteht durch Kreislaufprobleme, etwa beim schnellen Aufstehen morgens oder beim Aufrichten aus der Hocke.

Darüber hinaus kann Schwindel als Begleitsymptom von sehr bedrohlichen Durchblutungsstörungen im Gehirn oder Herzen auftreten, wie zum Beispiel bei einer TIA, einem Schlaganfall oder Herzinfarkt. Hier muss unbedingt auf weitere Symptome wie Seh- und Sprachstörungen, Lähmungen oder Brustschmerzen geachtet werden.

Zu den sogenannten zentralen Schwindelformen, die vom Gehirn ausgehen, zählt auch Schwindel, der durch einen Tumor ausgelöst wird. 

Abklärung in der Praxis oder durch den Notdienst 

Bei akuten, sehr heftigen, nicht durch reine Lageveränderung ausgelösten Schwindelanfällen und wenn gleichzeitig andere Symptome auftreten, sollte man immer sofort medizinische Hilfe suchen. Bei bestimmten Schwindelursachen muss schnell diagnostiziert und behandelt werden, um bleibende körperliche Schäden und Einschränkungen des betroffenen Menschen zu vermeiden.

In diesem Artikel handelt es sich um ein medizinisches Thema. Der Beitrag ersetzt in keiner Weise die Beratung, Diagnose und Therapie durch eine Ärztin oder einen Arzt und darf nicht zur Selbstdiagnose oder Eigentherapie verwendet werden.

Kategorien
Entdecken & Genießen Lebensfreude

Genießen – Was ist das und wenn ja wie?

Viele WissenschaftlerInnen, ÄrztInnen, und andere Interessierte engagieren sich dafür, dass die Menschen möglichst fit und gesund älter werden können. Wichtig dabei: die Ernährung. Mit Meinungen und Erkenntnissen dazu kann man inzwischen ganze Bibliotheken füllen. Obwohl man prinzipiell nichts gegen gesundes Älterwerden einzuwenden hat, tönt es doch aus Volkes Kehle: Nicht noch mehr Ernährungstipps! Dann schlägt die Stunde derer, die vor der Apokalypse der westlichen Zivilisation schlechthin warnen: Gesundheitswahn! Religionsersatz! Essstörung! Und das Schlimmste: Wir verlernen das Genießen!

Genießen

Aber was ist das eigentlich, Glück und Essen? Nähern wir uns dem Thema unter zwei Schwerpunkten:

Schwerpunkt eins: Gesund

Lanzenträger der Gesundesser ist der amerikanische Arzt Michael Greger. Er sagt: Die Haupttodesursache in Amerika sei nicht die Genetik seiner Einwohner, sondern die amerikanische Art sich zu ernähren – prägnant benannt mit der Abkürzung SAD für Standard American Diet. 

Sein Lösungsvorschlag: Rauchverzicht und mehr Bewegung zusammen mit gesünderer Ernährung aus Obst, Gemüse, Vollkorn, Kräutern, Gewürzen und weniger Fleisch beziehungsweise ohne tierische Produkte. 

Unter der bewusst überspitzten Maxime How not to die plädiert Greger für abwechslungsreiches Essen auf Pflanzenbasis. Er räumt freilich ein, dass wir manchmal einfach gerne Ungesundes essen. Dafür hat er ein Bild: Fettiges, Salziges, Gesüßtes als Achterbahn. Hin und wieder macht‘s Spaß. Doch die Dauerfahrt im Rollercoaster wird so ungesund, dass sie dann doch nicht mehr lustig ist. 

Genießen
Schwerpunkt zwei: Genuss

Wer möchte, kann Ratschläge zum fett- und zuckerarmen Essen als die Verhinderung des Genießens sehen. Diese Meinung vertritt medienwirksam der deutsche Arzt Dr. Gunter Frank, der – ebenso wie Greger – jede Menge Studien auffährt. Doch in seinem Fall, um genau das Gegenteil zu behaupten: Krank werde man nicht vom Essen, sondern nur von einer erblichen Veranlagung und vom Stress.

Der in den Medien als Ernährungsexperte Vorgestellte beruft sich auf die Evolutionsbiologie des Menschen. Dessen Verdauungsapparat hätte sich verkleinert und das Gehirn vergrößert. Pflanzen wollen nicht gegessen werden, daher hätten sie jede Menge Gift gegen ihre Fressfeinde. Man denke an die Kartoffel, die man garen muss, um sie genießbar zu machen. Er argumentiert gerne mit Blick auf die Kleinen: Kinder mögen instinktiv Fritten, weil in dieser Form die Kartoffeln am stärksten erhitzt sind. In einer Fernsehsendung sprach er von vegan ernährten Kindergartenkindern, die aufgrund ihres angeborenen Fleischinstinktes die benachbarten Mülltonnen nach tierischem Essen durchwühlt hätten.

Thesen, mit denen man zur Ikone des Veganer-Bashing und zum Provozier-Hansel in Talkshows werden kann.

Er rät zum Thema Ernährung, man solle sich von keinem etwas aufschwätzen lassen. Allerdings weiß er, wie gesundes Essen funktioniert. Nämlich durch das, was er unter Genießen versteht.

Genießen

Frank hat sich mit der lebensfrohen Sterneköchin Léa Linster – Bocuse-geehrt für Stopfleber, Lammrücken und Madeleines – zusammengetan, um vor dem Niedergang des Genießens zu warnen. Der Tenor: Koche traditionell und mit Liebe, und deine Ernährungsprobleme sind Vergangenheit. Der Titel des gemeinsamen Buches verkündet die Erkenntnis: Karotten lieben Butter.

Wobei wiederum Italiener, denen wir die kulinarische Genussfähigkeit nun wirklich nicht absprechen wollen, sie auch in Olivenöl ganz lecker finden.

Das lässt schon an dieser Stelle vermuten: Genießen ist etwas sehr Individuelles. 

Die Butter-Apologeten behaupten: Es werde zu viel vorgeschrieben und moralisiert. Und wir hätten die Fähigkeit verloren, normal mit Lebensmitteln umzugehen. Aber was ist normal? Oder vielmehr: Was wünscht man sich als normal?

Da haben Greger und Frank mehr gemeinsam, als man denkt:

  • Kein Fastfood und keine Fertiggerichte 
  • Aufhören, wenn man satt ist 
  • Genuss ist, was mir guttut
  • Genießen ist, wenn die Speise bekömmlich ist
Was lernen wir vom Butterfreund?
  • Auf Qualität achten, auf Bio und glückliche Tiere (wobei man sich bei Stopfleber über das Tierglück streiten kann), wählen, was hochwertig ist
  • Zeit nehmen, langsam einkaufen, kochen, essen
  • Geschmackssinn wiederentdecken und schärfen

Gegen mehr Qualität, Zeit und Sinnesschärfe hätte auch der gesundheitsbewusste Herr Greger nichts einzuwenden.

Was lernen wir zusätzlich vom Gesundesser?

Auch wenn sich beim Thema ungesunde Ernährung die hamburger-cola-lastige Standard American Diet aufdrängt: Die These Fastfood ist schlecht, Traditionsküche ist gut muss nicht unbedingt stimmen.

Auch mit Liebe zerlassenes Fett ist fett. Selbst, wenn es einem immer gut bekommen ist: Auch der Bluthochdruck nach vielen Jahren Kochkunstgenuss ist und bleibt ein Bluthochdruck. Wenn wir uns den Diabetes mit Sternekoch-Mandelhippen angefuttert haben, ist er trotzdem ein Diabetes.

Erst mal Genuss definieren

Bei der Aussage, dass wir nicht mehr genießen können, sollte man vielleicht definieren, was für jeden Einzelnen Genuss ausmachen könnte.

Oft mit Glück und Wohlgefühl gleichgesetzt scheint Genießen das zu sein, was andere Menschen als ungesund kritisieren oder einschränken wollen.

Dieser Denkfehler lässt sich auch bei dem Genuss-Begriff eines weiteren Talkshow-Philosophen vermuten. Der Österreicher Robert Pfaller jubelt als Genussbeispiel bevorzugt das Rauchen als elegantes, erotisches Kulturgut und Merkmal der freien Lebensentfaltung derartig hoch, dass es selbst der Tabakwirtschaft peinlich werden könnte. Oder allgemeiner: Das, was Pfaller Gesundheitsterrorismus nennt, steht seiner Meinung nach dem guten Leben entgegen. (Auch falls dieses eventuell vorzeitig und unschön enden sollte).

An dieser Stelle kommt manchmal ein weiteres Argument gegen die ungeliebte sogenannte Selbstoptimierung: Lasst den Leuten doch die Freiheit, sich krank zu essen – ungefähr so, wie sich auf der Autobahn mit 260 zu zerlegen oder sich rund um die Uhr die Welt schön zu trinken.

Gegenvorschlag: Genuss und gesund müssen kein Gegensatz sein.

Wir könnten heute sehr viele Möglichkeiten zum Genuss ergreifen. 

Wenn wir auf Qualität achten, uns Zeit nehmen, und unsere Sinne wieder schärfen, dann ist es vielleicht nicht nur die Butter, die Genuss bereitet, sondern auch das Obst, Gemüse und Vollkorn der gescholtenen Gesundbeter. 

Genießen

An Vorschlägen zum Umlernen und Zubereiten mangelt es – dem Internet sei Dank – wahrlich nicht.

Anders ausgedrückt: Wieder Genießen lernen könnte heißen: Mach ordentlich Butter dran! Aber auch: Lass dir deine Zoodles schmecken!

Nicht entweder Gesundheit oder Genuss, sondern beides. 

Dutzende „allerbeste“ vegane Kartoffelsalatrezepte können nicht irren. Dass sich Pflanzenkost sogar zum Genießen auf allerhöchstem Niveau eignet, haben einige Sterneköche unter Beweis gestellt, in Deutschland allen voran Andreas Krolik.

Neu genießen

Wenn sich so viele Menschen durch Ernährungsratgeber unter Druck gesetzt fühlen, könnte man sich fragen: Vielleicht sollen wir das Genießen nicht verlernen, sondern eher neu lernen.

Genießen

Hier soll nicht übersehen werden, dass bei individuellen Essgewohnheiten sehr starke Mächte wie die Biochemie des Körpers in Form von hormonellen Anweisungen und psychologische Mechanismen wie Gewissen, Rebellion oder Belohnung am Werk sein können. 

Dennoch oder gerade deshalb könnte als Ziel angestrebt werden: Nicht nicht genießen, sondern neu genießen. 

Das schließt Fastfood und industrielle Fertiggerichte ebenso aus wie einseitige, extreme und zum Teil absurde Ernährungsformen, aber auch den Rückfall in althergebrachte Kochgewohnheiten. 

Genussempfinden muss nicht zwingend gesellschaftlichen, kulturellen Normen unterliegen, sondern kann sich ändern: Wenn man tierisches Fett und die tägliche Zuckermenge langsam zurückfährt, schwindet möglicherweise die Lust darauf. Wenn man Gesundes abwechslungsreich und lecker zubereitet, können neue Gelüste entstehen.

Genießen kann vieles sein

Genießen hat freilich nicht nur was mit Essen zu tun. Man kann auch Schönheit, Kultur und soziales Miteinander genießen. Aber auch solche ideellen Genüsse lassen sich bestens mit dem Essen verbinden, zum Beispiel:

  • Die ästhetischen Freuden beim Einkaufen auf einem farbenfrohen Wochenmarkt
  • Das Staunen bei der Recherche über Warenkunde oder andere Essenskulturen
  • Die Gemütlichkeit und Geborgenheit bei gemeinsamen Mahlzeiten

Was könnte uns sonst noch dazu einfallen? Vielleicht:

  • Genuss ist, wenn sich auch die Menschen, die man liebt, gesund ernähren.
  • Genuss ist, wenn keine anderen Geschöpfe für das Essen leiden mussten.
  • Genuss ist, zum Beispiel durch weniger Fleischverzehr mit den Weltressourcen schonender umzugehen.

Das riecht ja schon wieder nach dem Moralisieren, gegen das in der Talkshow geschimpft wird? Nö. Das riecht nach der leckeren Suppe, die wir für morgen vorbereiten statt fernzusehen.

Genießen
Kategorien
Lebensorganisation

Bestattung – Was man über seinen letzten Weg wissen sollte

Wir müssen alle einmal sterben, vielleicht auch ich, sagte der Weiß Ferdl, der bayerische Komiker, dessen Vermutung sich am 19. Juni 1949 dann doch bewahrheitet hat. Vielleicht auch ich … Wie soll der letzte Weg dann eigentlich aussehen? Viele Menschen hatten bereits einen Todesfall in der Familie und fragen sich: Will ich, wenn ich das Zeitliche segne, die Organisation meiner Bestattung und die Wahl meiner letzten Ruhestätte den Angehörigen überlassen oder lieber durch entsprechende Vorsorge selbst bestimmen?

Das Thema Bestattung sollte eben nicht buchstäblich totgeschwiegen werden, sondern gehört einfach zum Leben. Erstens wohnen in unserer mobilen Gesellschaft Familienmitglieder oft an unterschiedlichen Orten. Zweitens möchten wir vielleicht ungeachtet strenger Traditionen selbst entscheiden, was wir gut und würdevoll finden. Drittens wollen wir unsere bestattungspflichtigen Hinterbliebenen nicht mit Organisation, Aufwand und Kosten belasten oder überfordern.

Neue Möglichkeiten der Bestattungskultur, aber auch Vorschriften und Kosten mögen manchen überraschen.

Wandel der Bestattungskultur

Im Trauerschmerz und zur Würdigung der Person, deren Leben zu Ende ist, finden sich Menschen zusammen.

Im Laufe der Kulturgeschichte haben sich bestimmte Rituale entwickelt, wie mit Verabschiedung und Verbleib des Leichnams umgegangen werden sollte. Bis weit in die Moderne war die Bestattung von kirchlichen Riten bestimmt. Im Laufe der Säkularisierung haben sich weltliche Gestaltungsmöglichkeiten entwickelt, die dem Ablauf einer christlichen Bestattung sehr ähneln. 

In den letzten 25 Jahren allerdings hat sich die Bestattungskultur gewandelt. Immer mehr Menschen wünschen sich individuelle Formen der letzten Ruhe. 

Der deutsche Staat beziehungsweise die für das Bestattungsrecht zuständigen Bundesländer setzen dabei einen engen Rahmen. Friedhöfe erfüllen wichtige Aufgaben: 

  • Würde des Menschen im Tod bewahren
  • Rückzug und Gedenken für Trauernde ermöglichen
  • Vor Störung und Schändung der Toten schützen
  • Öffentlichen Hygiene bewahren
  • Gewachsene Kultur ausdrücken

So gilt bis heute: In Deutschland herrscht die Friedhofspflicht. 

Bestattung
Gartengrab nur in Bremen

Eine Ausnahme bildet seit 2015 die Freie Hansestadt Bremen. Personen mit „Totenfürsorge“ ist es erlaubt, die Asche eines Verstorbenen im Garten beizusetzen oder im öffentlichen Raum, zum Beispiel an der Weser, auszustreuen. Die Aufbewahrung einer Urne im Haus ist auch in Bremen gesetzeswidrig, eine Urnenpolizei gibt es allerdings nicht. Auch in Nordrhein-Westfalen ist es – allerdings unter vielen Auflagen – erlaubt, Asche außerhalb des Friedhofgeländes zu verstreuen.

Alternative Ausland

Für Nicht-Bremer und Individualisten gibt es andere – meist kostspielige – Methoden, die deutsche Friedhofspflicht zu umgehen. Man kann den Leichnam ins Ausland überführen und dort alternative Formen der Beisetzung wahrnehmen. 

Beispiele der Bestattung der Totenasche (durchschnittlich zweieinhalb Kilo bei einem Erwachsenen) sind: 

  • auf Almwiesen verstreuen, am Felsen und im Bergbach beisetzen (Schweiz) 
  • teilweise zu einem Diamant-Schmuckstück verarbeiten lassen (Schweiz)  
  • aus einem Ballon, Helikopter oder Flugzeug streuen (Schweiz, Frankreich)
  • in einem Fluss beisetzen (Niederlande, Tschechien)
  • von Tauchern unter Wasser beisetzen lassen (Spanien) 
  • als wenige Gramm mit einem Satelliten ins Weltall schießen lassen (USA)

Bei den Teilbestattungen als Diamant oder im Weltraum muss die restliche Asche gesondert beigesetzt werden.

Alternative Seebestattung

Wer sich als Seebestattung das Ausstreuen der Asche über dem Meer wünscht, muss ebenfalls ins Ausland ausweichen. In der deutschen Nord- oder Ostsee ist bei der Seebestattung vorgeschrieben, dem Meer die Asche in einer wasserlöslichen Urne zu übergeben.

Alternative Waldbestattung

Doch auch im nichtbremischen Deutschland gibt es neben der Seebestattung eine weitere Möglichkeit, die letzte Ruhe in der Natur außerhalb kirchlicher oder kommunaler Friedhöfe zu finden: die Wald- oder Baumbestattung. Voraussetzung ist auch hier die Einäscherung. 

Bestattung

Bei einer Waldbestattung wird die Asche in einer biologisch abbaubaren Urne im Wurzelwerk eines Baumes beigesetzt. Zu den größten Anbietern der Baumbestattung gehören die Unternehmen FriedWald und RuheForst. Doch auch Kommunen – und letztlich doch wieder einige Friedhöfe – bieten Waldflächen für Bestattungen an.

Die Grabstelle kann durch ein kleines Schild am Baum namentlich gekennzeichnet werden. Das heißt, im Gegensatz zum Meeresgrab haben Hinterbliebene im Wald einen festen Ort, den sie zum Gedenken an die Tote oder den Toten aufsuchen können. 

„Pflege“ und Bepflanzung des Grabplatzes werden jedoch völlig der Natur überlassen. Menschliche Eingriffe sind nicht vorgesehen. 

Die unkomplizierte Grabstätte, die naturverbundene Beisetzung, die Nutzungsdauer von 99 Jahren, aber auch die geringeren Kosten machen die Waldbestattung für immer mehr Menschen attraktiv.

Im FriedWald gibt es den sogenannten Basisplatz sowie den Gemeinschafts-, Familien- und Partnerbaum. 

Im RuheForst werden darüber hinaus sogenannte Ruhe-Biotope als Familien- und Gemeinschaftsgrabplätze um Sträucher oder Findlingsteine herum angeboten.

Das traditionelle Grab

Die große Mehrheit aller Bestattungen findet freilich auf dem Friedhof statt. Zur Auswahl stehen zwei Formen der Bestattung:

Die Erdbestattung herrscht traditionell im süddeutschen Raum vor. Die synonymen Bezeichnungen Beerdigung und Begräbnis veranschaulichen, dass der in den Holzsarg gebettete Körper unter die Erde gebracht wird.

Die Feuerbestattung mit anschließender Beisetzung der Totenasche in einer Urne in einem Urnengrab findet über Norddeutschland hinaus immer mehr Zuspruch. Das Wort Beisetzung kennzeichnet das Setzen der Urne.

Bei einer Erdbestattung stehen unterschiedliche Grabarten zur Auswahl: 

Bestattung
  • Bei einem Wahlgrab können Ort, Größe als Einzel- oder Mehrgrabstelle und Gestaltung – auf Wunsch bereits zu Lebzeiten – frei ausgewählt werden. Die Nutzungszeit kann jederzeit verlängert werden
  • Das Reihengrab ist immer ein Einzelgrab und wird einem Verstorbenen zugewiesen. Das kann zur Folge haben, dass verstorbene Paare oder Familienmitglieder an völlig unterschiedlichen Stellen des Friedhofs bestattet sind. Die Nutzungszeit kann nicht verlängert werden, damit Reihengräber immer wieder frei werden können. Bei der Grabgestaltung gibt es gewisse Vorgaben vom Friedhof.
  • Bei einem Wiesengrab, dessen Platzierung ebenfalls zugewiesen wird, wird die Grabstelle nach der Beisetzung von Rasen überwachsen. Eine Grabplatte kann der Identifizierung des Grabplatzes dienen.
  • Ein anonymes Grab befindet sich ebenfalls auf einer Rasenfläche des Friedhofs. Die Ruhestätte eines anonym Bestatteten erhält keine Kennzeichnung.
  • Auf einigen Friedhöfen werden auch Aschestreuwiesen angeboten. Obwohl das Ausstreuen von Totenasche in der freien Natur nach dem deutschen Bestattungsrecht untersagt ist, soll auf diesen Anlagen der Wunsch nach Assoziationen wie Freiheit und Einswerden mit der Natur umgesetzt werden können.
  • Die Bestattung in einer Gruft ist wegen mangelnder Möglichkeiten und nicht zuletzt aufgrund der hohen Kosten sehr selten. 

Bei einer Feuerbestattung wird der in einen Sarg eingebettete Leichnam im Krematorium eingeäschert. Die Totenasche kommt zunächst in eine Kapsel und wird später in einer Urne beigesetzt. Als Grab kommen – in kleinerer Dimension – die gleichen Grabarten wie bei der Erdbestattung infrage: 

Bestattung
  • Wahlgrab mit freier Gestaltung und Verlängerung der Nutzungsdauer
  • Reihengrab gemäß den Friedhofsvorschriften 
  • Gemeinschaftsplätze auf Anlagen 
  • Anonyme Beisetzungen auf einem Urnenhain
  • Zusätzlich ist auf manchen deutschen Friedhöfen inzwischen die vor allem in Mittelmeerländern und Lateinamerika übliche Urnenbeisetzung in einem Kolumbarium möglich. Unter einem Kolumbarium (lat. columbarium für „Taubenschlag“) versteht man eine feststehende Wand, in deren Nischenreihen die Urnen aufbewahrt werden. Die Wand kann auch Bestandteil einer Krypta sein. Viele schätzen diese identifizierbare feste Ruhestätte zu verhältnismäßig geringen Kosten.
Bestattung
Individuelle Bestattung auf dem Friedhof

Träger eines Friedhofs in Deutschland können eine Religionsgemeinschaft oder die jeweilige Gemeinde sein. In beiden Fällen sind die in der Friedhofsatzung aufgeführten Rechte, Pflichten und Verhaltensregeln hinsichtlich Bestattungen und Ruhestätten einzuhalten. 

Doch auch auf einigen der traditionellen Friedhöfe wird der Wunsch nach speziellen Angeboten beachtet. 

Vereinstreue über den Tod hinaus: Der leidenschaftliche Schalke-Anhänger kann sich auf dem Friedhof in Gelsenkirchen in einem Fan-Gemeinschaftsgrabfeld bestatten lassen, um seinem Club in alle Ewigkeit verbunden zu sein.  

Auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf, dem größten Parkfriedhof der Welt, gibt es einen Ruhewald und Baumgräber, Bestattungsanlagen und -bäume speziell für Paare, Grabstätten zur freien Gestaltung, Gemeinschaftsplätze, die der Friedhof nach einer Themensymbolik gestaltet, Anlagen für bestimmte Berufsgruppen wie „Revier Blutbuche“ für Polizeiangehörige sowie den Garten der Frauen und die Memento Grabstätten für an AIDS Verstorbene, die keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie hatten.

Bestattung mit persönlicher Trauerzeremonie

Verstorbene, die Mitglied in einer Kirche waren, haben Anrecht auf eine kirchliche Bestattung. Die Trauerzeremonie wird von einem Pfarrer oder einer Pfarrerin geleitet und kann im Rahmen eines Gottesdienstes stattfinden. Nach der Trauerfeier mit Musik, Gesang, Gebeten und Predigt in Kirche oder Kapelle schließt sich – falls zeitlich und räumlich möglich – ein Trauerzug zum Grab an. Am Grab werden, erneut begleitet von einem kirchlichen Zeremoniell, der Sarg oder die Urne ins Erdreich gesenkt.

Bestattung

Weltliche Trauerfeiern finden meist in einer Trauerhalle statt und bieten etwas mehr Spielraum für eine persönliche Gestaltung. Sie erfordern aber auch eigene Entscheidungen und Organisation. Wer soll wie (Traueranzeige, Trauerkarten) eingeladen werden? Wie soll der Blumenschmuck aussehen, welche Musik soll gespielt werden? Soll die Trauerrede von Angehörigen, Freunden oder einem professionellen Trauerredner gehalten werden? Wer soll bei der Trauerfeier, wer auch bei der Beerdigung beziehungsweise Beisetzung teilnehmen?

Möchte man die Beantwortung all dieser Fragen nicht allein den Hinterbliebenen überlassen, kann man den Rahmen und die Einzelheiten seiner Bestattung mittels einer Bestattungsvorsorge weitgehend selbst planen.

Inhaltliche Bestattungsvorsorge

In einer Bestattungsverfügung kann man seine Wünsche und Vorstellungen zu Art der Bestattung, die Gestaltung und den Ablauf der Trauerfeier sowie den ausgewählten Ort der letzten Ruhe festlegen. Dabei kann man sich von einem Bestatter beraten lassen. Auch Online-Fragenbögen von Bestattungsinstituten geben einen Leitfaden. 

Man sollte seine Familie von der Existenz und den Aufbewahrungsort der Bestattungsverfügung in Kenntnis setzen. In Fall des Falles sollten die Betroffenen dank des Dokumentes schnell handeln können, ähnlich wie bei der Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht.

Finanzielle Bestattungsvorsorge

Nach Abschaffung des Sterbegelds der Krankenkassen im Jahre 2004 ist es auch in finanzieller Hinsicht sinnvoll, für die Bestattung gut vorzusorgen.

Viele Menschen haben keine genaue Vorstellung davon, wie teuer der letzte Weg werden kann: Die Stiftung Warentest hat bei ihrer letzten Hochrechnung von 2016 die Kosten für eine (normale) Erdbestattung mit deutschlandweit durchschnittlich 7.930 Euro, für eine (normale) Feuerbestattung mit durchschnittlich 5.830 Euro angegeben.

Die Kosten setzen sich zusammen aus:

  • Leistungen des Bestatters
  • Gebühren für Urkunden
  • Friedhofsgebühren
  • Sarg beziehungsweise Urne
  • Todesanzeige
  • Trauerfeier
  • Steinmetzarbeiten
  • Blumenschmuck und Gärtnerarbeiten

Darüber hinaus müssen der Hausarzt, der den Totenschein ausstellt, sowie der Amtsarzt für die zweite Leichenschau vor der Einäscherung bezahlt werden.

Weitere Kosten fallen für den obligatorischen Leichenschmaus an. „Leidmahl“, „Reueessen“ oder „Tröster“ – beim gemeinschaftlichen Essen oder Kaffeetrinken nach der Beerdigung können sich Hinterbliebene und Trauergäste im Gespräch emotional unterstützen. Oft entsteht eine Atmosphäre der Erleichterung, da eine schwere Hürde während des Abschiednehmens genommen ist und vermutlich angesichts der tröstlichen Tatsache, dass das eigene Leben erst einmal weitergeht.

Bestattung

Selbstverständlich kann man mit schlichteren Lösungen wie zum Beispiel einer bescheideneren Feier und einem Urnengrab in einer Gemeinschaftsanlage eine vergleichsweise günstige und dennoch würdevolle Bestattung erreichen. Trotzdem muss man mit unvermeidbaren Kosten rechnen.

Um gezielt Geld für eine Bestattung anzusparen, kann man ein Treuhandkonto einrichten oder eine Sterbegeldversicherung abschließen.

Wenn der Verstorbene nicht zu Lebzeiten vorgesorgt hat, müssen seine Erben die Bestattung finanzieren. Sind diese dazu nicht in der Lage und deckt die Erbmasse die Kosten nicht ab, kann es zur Sozialbestattung kommen.

Beratung durch seriösen Bestatter

Es empfiehlt sich, in die organisatorischen wie finanziellen Aspekte der Bestattungsvorsorge ein seriöses Bestattungsinstitut einzubinden. Man sollte allerdings beachten: Der Beruf des Bestatters unterliegt kaum Vorschriften, und zur Eröffnung eines Bestattungsinstituts reicht grundsätzlich das Vorlegen eines Gewerbescheins. Unseriöse Anbieter erkennt man daran, dass sie unverständliche Kostenvoranschläge erstellen oder ihre Kunden in teurere Varianten manipulieren: „Das sollte es Ihnen schon wert sein.“

Bestattung

Professionelle Unterstützung und hohe Vertrauenswürdigkeit sind in der heiklen Situation eines Todesfalls besonders wichtig. Gut, wenn man einen seriösen, kompetenten Bestatter empfohlen bekommt. Man kann sich aber auch selber informieren. Laut dem Bundesverband Deutscher Bestatter, der auch ein Markenzeichen für „garantierte Qualität“ vergibt, sollte man Folgendes erwarten dürfen:

  • Professionelle Beratung zur Bestattungsvorsorge
  • Kenntnisse aller relevanten Vorschriften und Möglichkeiten
  • Transparente, detaillierte Kostenvoranschläge
  • 24 Stunden Erreichbarkeit
  • Angemessene Räumlichkeiten, Waren und Fahrzeuge
  • Trauerpsychologische Begleitung oder anders gesagt: unterstützende tröstliche Freundlichkeit auch bei preisgünstigen Aufträgen

Ein guter Bestatter kennt nicht nur alle Regeln und gesetzlichen Vorschriften sowie Kostenstrukturen, sondern macht auch ein transparentes Angebot, in dem er die Wünsche und finanziellen Möglichkeiten seines Kunden bestmöglich zur Deckung bringt.

Zum Bestatter und weiteren Themen zu Trauer und Bestattungskultur erteilt der Verbraucherverein Aeternitas wertvolle detaillierte Auskünfte.

Fazit: Informieren und Vorsorgen statt Verdrängen. Mit dem Gefühl, dass der Schluss geregelt ist, lebt es sich nochmal so gut.

Kategorien
Zeitgeist

Generation XYZ – Wenn die Boomers mit den Millennials …

Sabine und Thomas. So heißen die meisten, die zur Generation der sogenannten Babyboomer gehören. Das Statistische Bundesamt verrät außerdem: Diese Babys wurden in einem der geburtenstarken Jahre des letzten Jahrhunderts geboren, 1954 bis 1969, bevor der Pillenknick die Geburtsratenkurve dauerhaft nach unten schlug. 

2019 sind die Sabinen und Thomase so zwischen 50 und 70 und auf dem Weg ins Aging. Wenn sie Cool Aging betreiben, interessieren sie freilich auch die Generationen um sie herum. Doch mal ehrlich, wer blickt bei Generation X, Y, Z eigentlich durch? 

Was bedeutet Generation?

Der Begriff Generation bezieht sich einerseits auf den Platz in der Familie. Die besteht aus den Generationen Kinder, Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, und ein Mensch wächst in seine jeweilige Rolle hinein. 

Darüber hinaus gibt es die Generation, in der wir immer bleiben. Die ist durch unser Geburtsjahr bestimmt. Soziologen sprechen auch von einer Kohorte (von lateinisch cohors für „umzäunter Ort“ beziehungsweise „Schar, Mannschaft“).

Da sich moderne Gesellschaften sehr rasch wandeln, spricht man alle 15 bis 20 Jahre von einer neuen Generation.

Wie entsteht eine Generation?

Was Individuen zu einer bestimmten Generation zusammenfügt, ist die im identischen Zeitraum gemeinsam gemachte Lebenserfahrung. Damit einher gehen Einstellungen, Werte, Ideale sowie ein Lebensgefühl und Lebensstil, die Generationen voneinander abgrenzen.

Zunächst sind es die großen menschheitsgeschichtlichen Erfahrungen, die bestimmte Jahrgänge zu einer Generation zusammenschweißen. Dazu gehören Kriegs- und Nachkriegszeiten, Wohlstand und Wirtschaftskrisen, bahnbrechende technologische Entwicklungen wie die Digitalisierung und allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen und Strömungen. 

Wie grundverschieden Lebenserfahrungen sein können, lässt sich aber auch an kleinen Alltagserlebnissen erkennen. Zur Prägung vor und während der Babyboomerzeit gehörte die Selbstverständlichkeit, dass einer Linkshänderin in der Schule so lange mit dem Stock auf die Finger geschlagen wurde, bis sie endlich mit dem „schönen Händchen“ schrieb.

Die jungen Generationen könnten wiederum eine #metoo-Bewegung der gezüchtigten Linkshänder erleben. An Schulen der BRD wurde die Körperstrafe erst 1973 verboten, an finnischen Schulen übrigens bereits 1914. 

Das heißt, gemeinsame Generationserfahrungen sind auch auf einen politischen und kulturellen Raum begrenzt. So sind Prägungen in der ehemaligen DDR bis zur Wiedervereinigung und darüber hinaus teilweise anders verlaufen als in der ehemaligen BRD. 

Lebenserfahrungen können sich außerdem nicht nur in Regionen, sondern auch in sozialen Milieus unterscheiden. Nicht in allen Babyboomer-Kindheiten waren Telefon, Auto und Fernseher eine Selbstverständlichkeit.

Babyboomer, geboren zirka 1954 bis 1969

Dennoch gibt es offenbar so etwas wie das große ganze und vor allem geteilte Generationsgefühl. Die Babyboomer waren eben die mit den Schallplatten, Kassettenradios, Telefonzellen, Langhaar-Jungs und Schlaghosen-Mädels. Was sie immer noch haben, sind diese und inzwischen sehr viele zusätzliche gemeinsame Erfahrungen und jede Menge Gleichaltrige.

Selbstverständlich bauten die Vorstellungen und Normen der Babyboomer auf dem auf, was ihre Eltern, die Kriegs- und Nachkriegsgeneration, sowie ihre direkten Vorgänger, die stark von der Subkultur der sogenannten 68er beeinflusst waren, auf den Weg gebracht hatten. 

Die Eltern der Babyboomer – sie hießen übrigens Helga und Hans – mussten mit Entbehrung, Sparsamkeit und Fremdbestimmung zurechtkommen. Die 68er wiederum erfuhren, dass gesellschaftliche Bewegungen von unten etwas bewirken können. Sabine und Thomas übernahmen also neue Freiheiten und wuchsen im Wirtschaftswunder heran. Allerdings erlebten sie mit dem Ölpreisschock 1973/74 auch eine erste wirtschaftliche Krise.

Robuste Forschungsergebnisse zu den Werten der Babyboomer gibt es wohl nicht. Doch gelten sie als erfolgs- und karriereorientiert. Aufgrund der großen Zahl von Menschen in derselben Lebensphase empfanden die „Boomer“ womöglich einen überdurchschnittlichen Konkurrenzdruck in vielen Lebensbereichen. Arbeit und Beruf standen und stehen zweifelsohne im Fokus – vielleicht ein Grund dafür, dass sie weniger Kinder haben und vielen der Übergang in den Ruhestand so schwerfällt.

Eine der prägendsten Erscheinungen war sicher die Forderung nach der Emanzipation der Frau. Die Zahl der Ehescheidungen war noch nie so hoch. In ihrem bildungsfreundlichen, freiheitlichen und erfolgsorientieren Umfeld war den weiblichen Babyboomern die Erwerbstätigkeit entsprechend wichtig. Allerdings durchgehend schlechter bezahlt, mit zusätzlicher häuslicher und pflegerischer Tätigkeit, folglich unterbrochener Berufsbiografie und – so das Deutsche Zentrum für Altersfragen – heute eher von Altersarmut betroffen als Männer.

Inzwischen prägen die Babyboomer das neue Älterwerden. Die Bewunderung für die nie dagewesene positive Einstellung und Agilität einer älteren Kohorte mischt sich mit den düsteren Prognosen des demografischen Wandels. Die arbeitssamen, aber wenig vermehrungsfreudigen Babyboomer sind längst verschrien als gesellschaftliche Bürde aufgrund ihrer schieren Masse, die als „Alterschwemme“ demnächst die sozialen Systeme überfluten wird.

Nach den Babyboomern: Generation X, geboren Mitte der 1960er bis zirka 1980 

In den Babyboomer-Kosmos wurde die sogenannte Generation X hineingeboren. Generation X war ursprünglich eine Bezeichnung zur schlichten Unterscheidung der Vorgängergeneration und erlangte Berühmtheit durch den gleichnamigen Roman des kanadischen Autors Douglas Coupland. 

Generation

Demnach verfügten die Heranwachsenden dieser Jahrgänge zwar über ein überdurchschnittliches Bildungsniveau und die Annehmlichkeiten des Wohlstands. Nach Couplands Einschätzung führten die jungen Menschen jedoch ein unpolitisches, zielloses Leben, das sie mit Fernsehen und Computerspielen und in Berufen, die sie nicht erfüllen, verbringen. 

Darüber hinaus litten sie unter ihrer Unsicherheit. In der Generation X wuchs die Befürchtung, dass sie und weitere Folgegenerationen der Babyboomer unter ökonomischen, aber auch umweltpolitischen Fehlern zu leiden haben werden. 

Für eine weitere, immer noch gebräuchliche Bezeichnung dieser Generation in Deutschland ist ebenfalls ein Autor verantwortlich. Florian Illies prägte mit seinem gleichnamigen Buch den Begriff Generation Golf.

In seiner biografisch verfassten Analyse der Befindlichkeiten der zwischen 1965 und 1975 Geborenen geht es dem Autor darum, dass das Lebensgefühl der Generation Golf auf das unpolitische Genießen des in den 80ern erfahrenen Überflusses sowie auf eine ausgeprägte Ich-Bezogenheit und Marken-Orientierung („Golf“ meint das Auto, nicht die Sportart) gerichtet sei.

Im Allgemeinen wurden die Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Generation X nach zwei grundsätzlichen Richtungen charakterisiert: egoistischer, kritikloser Hedonismus einerseits sowie Verunsicherung, Ziellosigkeit und Sinnsuche andererseits. 

Als Vertreter der Generation X im öffentlichen Meinungsbild gelten die Protagonisten der US-Serie „Friends“.

Wie die Babyboomer ist die Generation X dem Jugend- und frühen Erwachsenenalter längst entwachsen. Man geht davon aus, dass ein durchschnittlich hoher Bildungsstandard zusammen mit einem ausgeprägten Individualismus im Laufe des Lebens in die überwiegende materielle Absicherung mündete. 

Dennoch habe Arbeit bei der Generation X nicht den allein selig machenden, sinn- und persönlichkeitsstiftenden Stellenwert wie bei den Babyboomern. Eine hohe Lebensqualität ist zwar wichtig, jedoch bis zu einem gewissen Grad unabhängig von Besitz und Vermögen erfahrbar. 

Das Ziel der „Work-Life-Balance“ wurde erstrebenswert.

Generation Y, geboren zirka 1980 bis Mitte der 1990er

Die Generation Y heißt im Wesentlichen so, da Y auf X folgt, wird aber auch Millennials genannt – in Bezug auf Millennium, dem Wort für Jahrtausendwechsel. Der geschah in ihren jüngeren Jahren, ebenso die Globalisierung, der Siegeszug des Internets, die Umbrüche der Wiedervereinigung, aber auch Terroranschläge und der darauffolgende „War on terror“ sowie die Finanzkrise.

Das Aufwachsen mit dem Internet brachte den zwischen 1980 und Mitte der 1990er Geborenen auch die Bezeichnung Digital Natives, also Eingeborene der digitalen Welt, ein. Dementsprechend gehört der Umgang mit dem Internet selbstverständlich zum täglichen Leben, im Privaten wie im Beruflichen. 

Erkenntnisse über die Generation Y sind Jugendstudien zahlreicher Institute und Forscher sowie journalistischen Publikationen zu entnehmen.

Demnach soll bei den Millennials Arbeit nicht nur Spaß machen, sondern auch mit anderen Lebensinteressen gut vereinbar sein. Geborgenheit im Team werde dem Aufstieg in hierarchischen Arbeitsstrukturen vorgezogen.

Arbeit und Freizeit seien generell stärker verknüpft als bei den Vorgänger-Generationen. Während die Generation X das Konzept der Work-Life-Balance als Trennung der Bereiche Arbeit und Freizeit verstand, verschwimmen beide Lebenswelten unter dem Zeichen ständiger Erreichbarkeit und intensiver Vernetzung. 

Höhere Bildungsabschlüsse mit guten Voraussetzungen für das berufliche Fortkommen, Mehrsprachigkeit, Auslandserfahrung in Schule oder Studium eröffneten der Generation Y viele Möglichkeiten. 

Vielleicht zu viele?

Alles wollen, doch schließlich nichts richtig oder gar nichts machen – dies kennzeichnet die Generation Y nach Einschätzung des Autors Oliver Jeges. Er schrieb den Millennials eine generelle Planlosigkeit und Unentschlossenheit zu und analysierte sie in seinem gleichnamigen Buch als die Generation Maybe.

Parallel zu den Optionen auf der Suche nach einem erfüllenden Leben herrschten nach einigen Studien auch Zukunftsangst und ein Bedürfnis nach sozialer Sicherheit vor – angesichts kontinuierlicher Krisen (Terror, Kriege, Umwelt, Wirtschaft) und Wohnungsknappheit. Unter anderem brachte eine hohe Zahl von ungesicherten und unterbezahlten flexiblen Arbeitsverhältnissen dieser Altersgruppe den Namen Generation Praktikum ein.

Die Sharing-Ökonomie (Dinge nach Bedarf benutzen statt besitzen) entstand und breitet sich bis heute kontinuierlich aus. Das Bewusstsein für die Endlichkeit der ökologischen Ressourcen und globale Umweltgefahren wächst. 

Der Wille oder die schlichte Notwendigkeit, bei der Lebensgestaltung zu improvisieren, gingen einher mit der Auflösung starrer Strukturen. Ansprüche an die Gleichstellung in Familie, Arbeitswelt und Gesellschaft – Stichwort Frauen in Führungspositionen, Elternzeit für Väter, Homo-Ehe – sind hoch, scheitern jedoch oft an der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realität.

Generation Z, geboren Mitte der 1990er bis zirka 2010

Der Generation Z, die aus noch sehr jungen Menschen besteht, wurde das Smartphone sozusagen in die Wiege gelegt. Dementsprechend gilt diese Generation auch als Digital Natives 2.0. Sie sind nicht nur mit dem Internet aufgewachsen, sondern nutzen die sozialen Medien wesentlich intensiver als ihre Vorgängergeneration – zum Teil als einziges Kommunikations- und Informationsmedium. 

Bei Fragen und Unterhaltungsbedarf werden Google und abonnierte Kanäle konsultiert. Eine wichtige Rolle bei der Entscheidungsfindung hinsichtlich Konsum oder Lebensgestaltung spielen in Bewertungen und Rankings aufgeführte Meinungen anderer Internetnutzer.

In den sozialen Medien entfaltete sich die Funktion der Influencer, der Beeinflusser. Mit einer Zahl von Fans beziehungsweise Follower, die von einigen Zehntausend bis in die Millionen reichen kann, erfüllen die digitalen Stars eine Vorbildrolle von ungeahnter Reichweite. Da sich dabei angeblich nur Authentizität durchsetzt („Ich empfehle nichts, wo ich nicht dahinterstehe …“), werden Internetstars von Werbetreibenden für zielgruppengerechtes, „glaubwürdiges“ Marketing eingesetzt. Ein weiterer Name für die Generation Z ist Generation YouTube.

In der Folge wird verstärkt vor einem Mangel an Medienkompetenz der nachwachsenden Generation gewarnt.

Die Generation Z ist – wie die jüngeren Ypsiloner – vom Phänomen der Helikopter-Eltern betroffen. Überbeschützende Eltern wollen durch Einmischung und Überwachung bis ins Erwachsenenalter sicherstellen, dass der Weg für den Nachwuchs so sicher, eben und geradlinig wie möglich ist. 

Kritiker beklagen als Folge bei der jungen Generation andauernde Infantilität sowie mangelnden Biss und Widerstandsfähigkeit gegenüber Druck in Arbeitshierarchien und anderen Härten des Lebens.

Des Weiteren scheint sich bei den älteren Jugendlichen der Wunsch abzuzeichnen, die Bereiche Arbeit und Privatleben wieder stärker zu trennen. Der Wunsch nach klaren Arbeitszeiten korreliert mit einer Situation auf dem Arbeitsmarkt, in der Arbeitgeber sich für Berufseinsteiger attraktiv darstellen müssen – Stichwort: Fachkräftemangel.

In seinem Buch „Ive been looking for Frieden“ versucht der Autor Maik Brüggemeyer ein Porträt der deutschen Nachkriegsgeschichte anhand von Popsongs zu skizzieren. Ein zumindest einen Teil der jüngeren Generation betreffendes Gefühl könnte in einem Song der Sängerin Balbina zum Ausdruck kommen: Ungeschminkt, in weitem Gewand postuliert sie: „Ich muss was gegen das Nichtstun tun. Ich muss was gegen das Nichts tun …“

Stimmt das eigentlich alles?

Inzwischen gibt es so viele Generations-Schlagwörter, dass man sie schon als inflationär bezeichnen kann. Es könnte der Verdacht aufkommen, dass sich Analyse oder Kritik vermeintlicher Eigenschaften der jungen Erwachsenen medial besonders gut vermarkten lassen. Das Risiko der Verallgemeinerung ist allgegenwärtig.

Man sollte daher vermeiden, durch die generalisierende Charakterisierung bestimmter Alterskohorten erst recht Stereotype zu schaffen.

Andererseits erleben viele Menschen, dass sie mit ihren Gleichaltrigen viel gemeinsam haben. 

Schließlich entspricht es der allgemeinen Lebenserfahrung, dass die Zeitläufte die Generationen verändern. Entsprechende Analysen und Deutungen sind nicht nur menschlich erwünscht, sondern für die Gestaltung des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens erforderlich.

Bleibt die Frage: Ist der Generationenkonflikt zwischen den Babyboomern und den Buchstaben-Generationen vorprogrammiert?

„Trau keinem über 30“ reloaded

Steht nicht jede neue Generation gewissermaßen für ein Abtun der Vergangenheit, gemäß dem Mythos der zwangsläufig revolutionären Jugend? Das „Trau keinem über 30“ der 68er in stets neuem Gewand?

Zum Teil scheint jüngeren Generationen der Gedanke fremd, dass sie sich während des Älterwerdens verändern könnten. Alles Ältere wird kategorisch abgelehnt: „Omi und Opi mal wieder …“

Umgekehrt finden die arbeitsorientierten Babyboomer den Fokus der nachfolgenden Generationen auf Privatleben und Freizeit geradezu vermessen: „Zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben …“

Allerdings scheinen die Unterschiede manchmal größer als sie sind. So sind auch viele Digital Immigrants, die digitalen Einwanderer der Babyboomer und X-Generation, ziemlich versiert im Online-Dasein. 90 Prozent der Deutschen nutzen inzwischen das Internet, teilt das Statistische Bundesamt mit (Stand 9/2018).

Wenn auch die Älteren ihr Essen fotografieren und in der Photo-App posten, wirkt die Digitalisierung durchaus generationenübergreifend. Was sich beispielsweise hinter Neologismen, den Wortschöpfungen neuer technischer und gesellschaftlicher Entwicklungen verbirgt, interessiert nicht nur die Jüngeren.

Den Kritikern der Jugend als solcher sei vor Augen geführt, dass seit den 1960er Jahren tendenziell erwachsene Menschen Verhaltensmuster und Lebensstil von jungen Menschen annehmen statt umgekehrt die Jugend von den Erwachsenen.

Jung sein und bleiben sind zur attraktiven Lebensmaxime geworden. Als Auswüchse dieser Entwicklung gelten allerdings die Phänomene Jugendwahn und Infantilisierung.

Wünschenswert wäre wohl eine gesunde Verständigung der Generationen. Voraussetzung ist, dass Ältere jüngere Lebenswelten akzeptieren und Jüngere Kultur, Leistungen und Sachverstand der Älteren respektieren.

In anderen Worten: 

  • Die Älteren könnten neugierig bleiben, ihre Gesundheit hüten, am Fortschritt der Technik teilnehmen, in verlängerter Arbeitszeit oder Ehrenamt ihre Erfahrungen einbringen und ihren Erfindergeist und Sinn für Innovationen in die neue Zeit einbringen. 
  • Die Jüngeren könnten dieses Potential erkennen und annehmen, die Errungenschaften ihrer Vorgänger anerkennen und Altersdiskriminierung vermeiden.

Auch X Y und Z werden älter.

Was kommt nach Z? Wir sind gespannt.

Kategorien
Lebensfreude

Silvester – Guten Rutsch mir den Buckel runter

SilvesterGuten Rutsch! Ob der Spruch nun von hebräisch Rosch ha-Schana / Kopf des Jahres oder Rutsch als Synonym für kurze Reise kommt – wir tun gut daran, ihn uns an Silvester gegenseitig zuzurufen. Denn im Hinübergleiten vom alten ins neue Jahr schwingt alljährlich die hohe Wahrscheinlichkeit von Kollateralschäden mit. Schließlich bietet der ursprüngliche Gedenktag für Papst Silvester, mit dessen Hinscheiden am 31. Dezember 335 der gregorianische Kalender anfing, viele Möglichkeiten auszurutschen. Das liegt daran, dass wir uns unter allerhand sozial anerkannten Vorwänden wie Pubertierende verhalten: trinken, lärmen, zündeln. Warum eigentlich?

Ab und zu muss auch eine als zivil geltende Gesellschaft Anlässe schaffen, um ein paar Dampfventile aufzumachen. In manchen Gegenden gibt es neben Silvester traditionelles gemeinsames Ausflippen an „närrischen“ und anderen folkloristischen Feiertagen. Als Grund für Faschings- und Silvester-Zinnober gilt die dringende Notwendigkeit, böse Geister zu vertreiben. Das begann bereits bei den nicht ganz so zivilisierten Germanen, die das Jahr mit dem Getöse brennend dahinrollender Holzräder abschlossen.

Böse Oma

Da das geräuschvolle Zündeln – statistisch fast nur Männern – so viel Spaß macht, hat es sich bis heute gehalten. Statt Feuerrädern stehen dem Germanen-Nachfahren heute Knallketten, Böller, Raketen, Fontänen, Feuerwerksbatterien und Verbundfeuerwerke zur Verfügung. Die Angst vor dem neuen Jahr muss riesengroß sein, wenn man es mit Produkten wie „Feindstaub“ (kein Tippfehler), „Hass“ oder „Böse Oma“ begrüßen muss.

Es bleibt die Frage, ob man fürs Geistervertreiben in Deutschland jährlich über hundert Millionen Euro, tausende Tonnen Feinstaub (17 Prozent des jährlichen Straßenverkehrs in einer Nacht), tonnenweise Müll, tausende geschädigte Trommelfelle und immer wieder abgetrennte Finger und sogar Todesopfer (Brandenburg 2017) benötigt. Umweltschützer, Asthmatiker und Unfallchirurgen streuen da Zweifel.

SilvesterTierschützer versuchen darüber hinaus, auf die millionenfache Panik von Haus- und Wildtieren aufmerksam zu machen. Verantwortungsvolle Tierbesitzer würden ihre Vierbeiner am liebsten nach Sylt, Amrum oder Sankt Peter Ording bringen, wo Silvesterknaller wegen der Reetdächer seit jeher untersagt sind.

Ein paar weitere Ruhezonen sind entstanden, seit dort der Rutsch in den Jahreswechsel zu einer Art Rette-sich-wer-kann-Ausnahmezustand geriet.  In einigen deutschen Städten wie Köln, Düsseldorf, Dortmund und Hannover herrscht in Innenstadtbereichen Böllerverbot. Um Brände und Schäden zu vermeiden, darf auch in einigen Altstädten, zum Beispiel in Konstanz, Goslar, Tübingen, Göttingen, Weimar und Lüneburg, nicht geböllert werden. Partielle Ruhe schafft außerdem das deutsche Bundessprengstoffgesetz: In der Nähe von Altenheimen und Krankenhäusern hat es auch am 31.12. nicht zu krachen.

Pyrotechnik Pro

SilvesterAber wie werden wir sie dann los, die Geister? Eine mancherorts bereits verwirklichte Alternative ist das zeitlich und örtlich definierte professionelle Feuerwerk. Schließlich sind Berufs-Böllerer eigens auf eine Pyrotechnikerschule gegangen, wo sie lernen, den Zauber explodierender Mini-Raketen geordnet, künstlerisch und nicht zum Schaden, sondern zur Freude der Mitmenschen in den Nachthimmel zu schreiben. So muss keiner auf das Feuerwerk zu Silvester verzichten. Nur Gucken wäre dann seliger denn Schießen.

Oder eben klassisch: Geben ist seliger denn Nehmen. So gesehen bringt es ganz sicher Glück, das beim Böllerverzicht eingesparte Geld sinnvoll auszugeben. Die Ur-Idee „Brot statt Böller“ gibt es bereits seit 1980. Doch auch eine Organisation, die möglicherweise beim vorweihnachtlichen Spenden zu kurz kam, kann nun noch unterstützt werden.

Hausputz gegen Geister

Von den Chinesen, deren Knaller zu ihrem Neujahrsfest zwischen Januar und Februar der Schrecken jedes Innenohrs sind, können wir auch Alternativen lernen: Das neue Jahr mit einem gründlich geputzten Haus, frisch gestrichenen Wänden und aufgehängten roten Laternen begrüßen – bringt alles Glück.

SilvesterUm ganz sicherzugehen, dass die Geister wirklich weg sind, kann man noch die Wirksamkeit der heimischen Rauchmelder mit einem Tischfeuerwerk oder dem Abbrennen von Wunderkerzen testen.

Ansonsten bleibt es uns nicht erspart, uns zum Jahresende in aller Gedankenstille mal wieder mit der eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. So haben wir die Chance, das neue Jahr mental gestärkt anzupacken.

Ob es nun knallt oder nicht – auf Silvester ist einfach Verlass.

Kategorien
Lebensorganisation

Spenden – Wem kann ich vertrauen?

Ein ganz normaler Postkasten im Advent: Neben Briefen, Karten und Werbung erreicht uns dutzendfach der Appell ans soziale Gewissen. In den Schreiben, in denen um Spenden gebeten wird, sind oft Absenderaufkleber, Weihnachtskarten, Kalender oder sogar kleine Geschenke miteingetütet – gewissermaßen als Anreiz, sich mit Geld zu „revanchieren“. Ist es draußen dunkel und kalt, in unseren Herzen aber hell und warm, geben wir doch gerne. Die Frage ist nur, wem? Es bleiben Bedenken, dass wohlgemeinte Spenden im Verwaltungsapparat einer Organisation versickern oder gar in den falschen Taschen landen. Doch man kann etwas dagegen tun.

„Ich will auf Nummer sicher gehen“

In Deutschland gibt es eine zentrale Einrichtung, die die Seriosität von Spendensammlern überprüft: Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) vergibt sein Spendensiegel an Organisationen, die sich dessen Prüfung nach wirtschaftlichen, rechtlichen und ethischen Aspekten unterziehen.

Selbstverständlich wird jeder Organisation zugestanden, einen Teil der Hilfsgelder in die Verwaltung und Vermarktung zu investieren, ohne die die Projekte nicht funktionieren würden. Allerdings sollte das notwendige Maß, sprich ein bestimmter Prozentsatz am Spendenaufkommen, nicht überschritten werden. Die meisten der größeren Hilfsorganisationen, von denen oft die aufwendigen Briefaktionen kommen, tragen das Spendensiegel. Aber auch zahlreiche weniger bekannte Projekte sind auf der Internetseite des DZI zu finden. Eine alphabetische Liste erleichtert die Suche.

Der Check durch das DZI ist kostenpflichtig, kann Monate dauern und erfordert einigen Aufwand nicht nur von den Prüfern, sondern auch von den Geprüften. Außerdem müssen die Organisationen alljährlich eine Verlängerung erreichen. So sind gerade die international aufgestellten Dachverbände, die großen nationalen Organisationen sowie Hilfsinitiativen ab einer bestimmten Mindestgröße in der Lage, das begehrte Siegel zu beantragen – nicht zuletzt, um damit für sich zu werben.

Viele kleine oder sehr spezialisierte Initiativen jedoch können sich das Prüfverfahren nicht leisten. Das heißt jedoch nicht, dass sie unseriös arbeiten.

„Mir liegt ein bestimmtes Thema am Herzen“

SpendenVor allem über kleinere Hilfsprojekte kann man sich auch gut im Internet informieren. Eine wichtige Rolle spielt hierzulande die Internet-Plattform betterplace.org. Hier können sich die Spendensammler vorstellen und online um Zuwendungen bitten. Kostspielige Mailing-Aktionen entfallen. Die Betreiber der Seite haben ein kritisches Auge auf die verzeichneten Organisationen und nehmen längst nicht alle Bewerber auf. Außerdem gibt es die internettypische öffentliche Bewertungsfunktion. Doch auch hier sollte der Online-Spendenwillige hinterfragen, ob seine Gabe bei dem ausgesuchten Geldempfänger erkennbar sinnvoll und ehrlich verwendet wird.

Wer für ein bestimmtes Thema oder Projekt spenden will, kann sich zunächst auf der Homepage der entsprechenden Hilfsanbieter informieren. Im Internet kann man auch nach Informationen in der Presse suchen. Es sollte aber auch möglich sein, konkret um Auskunft über die Verwendung des Geldes zu bitten. Gibt es zum Beispiel Unterlagen über die Finanzen des Vereins?

„Wann sollte ich vorsichtig sein?“

Spendeneintreiber, die einen auf der Straße oder an der Haustür bedrängen, sollte man abweisen. Auch wenn die Mitarbeiter einer Organisation weder einen Jahresbericht noch Belege für die Gemeinnützigkeit herausrücken oder gar negativ auf Anfragen reagieren, spricht dies nicht für Seriosität.

Vorsicht ist geboten bei Spendenaufrufen samt Formular und Kontonummer, die Ihnen per E-Mail zugesandt wurden. Betrüger imitieren den Auftritt seriöser Organisationen. Wie bei anderen Spam-Mails sollte man den Absender durch Anklicken der Absenderzeile prüfen.

„Wer informiert neben dem DZI?“

Hinweise und Warnungen zum Thema Spenden geben auch die Verbraucherschutzorganisationen. Eine weitere Orientierungshilfe bieten die gelegentlichen Spenden-Rankings seriöser Medien.

Lieber ein großer Betrag als mehrere kleine

Mit gründlicher Information kann man nicht nur sinnvoll spenden, sondern auch einen gewissen Durchblick in den Briefkasten bringen. Denn auch hier gilt: Alle Jahre wieder. Je mehr und öfter man spendet, desto öfter könnte man wieder Post bekommen. Die Organisationen haben dann ihren Spender auf die Liste der erfolgversprechenden Adressaten gesetzt.

Die Stiftung Warentest rät dazu, lieber einen größeren Betrag an eine Organisation zu spenden, als das persönliche Spendenbudget auf viele kleine Zahlungen an mehrere Empfänger zu verteilen. Das senkt die Kosten für Verarbeitung und Verwaltung.

Spenden als Geschenk

Egal zu welchem Anlass – die Geschenkspende wird immer beliebter. Zum einen macht sie ein gutes Gewissen, zum anderen verhindert sie Geschenke-Flops. Freilich muss man sicher sein, dass der Beschenkte sich aufrichtig über eine Spende an eine bestimmten Organisation oder Initiative freut beziehungsweise diese ausdrücklich wünscht.

Viele stellen sich bei der Spende als Geschenk allerdings die Frage: Kommt man dann mit leeren Händen zur Feier? Eine Spende wird in der Regel bargeldlos direkt an die Organisation übermittelt. Doch wer möchte sich schon das Ritual des Überreichens eines Geschenkes als Anerkennung des Beschenkten oder Dank für eine Einladung buchstäblich aus der Hand nehmen lassen? Daher ist es durchaus angebracht, einen Beleg in einer Karte zu überreichen. Zahlreiche Organisationen stellen dem Spender sogar eine Urkunde oder Geschenkkarte zum Überreichen an den Beschenkten zur Verfügung. Dazu gehören Ärzte ohne Grenzen, Unicef, Welthungerhilfe, Oxfam, der Deutsche Tierschutzbund, die Kindernothilfe und viele mehr. Wer eine Tierpatenschaft verschenken möchte, erhält vom Zoo eine Patenurkunde mit Angaben zum jeweiligen Tier. Wer mag, kann zusätzlich zum Geschenke-„Spendenbeleg“ eine Kleinigkeit wie Süßes oder Blumen mitbringen.

Es muss nicht immer Geld sein

Statt oder zusätzlich zum Geld können Spendenwillige auch Zeit und Energie für eine Sache anbieten. Zum Beispiel, in dem er oder sie ein Ehrenamt übernehmen. Daher werden auf betterplace.org nicht nur Spenden ermöglicht, sondern auch Ehrenämter angeboten. Auch hier ist erst einmal sorgfältige Recherche notwendig. Weitere Informationen über das Ehrenamt finden Sie hier. Eine „Spende“, die Bedürftige, aber auch Helfer langfristig erfreuen kann.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Verkehrsunfall: Ältere sind viel stärker gefährdet

VerkehrsunfallVerkehrsunfall mit älterer Person. Da fürchten sich einige vor vermeintlich zahlreichen unsicheren Fahrzeuglenkern. Allerdings waren 2017 nur 13,3 Prozent aller an einem Verkehrsunfall mit Personenschaden Beteiligten über 65*. Vergleicht man dies mit ihrem Anteil an der Bevölkerung (21,2 Prozent), sind Ältere unterproportional in Unfälle verwickelt. Besorgnis erregt die Statistik jedoch beim Anteil älterer Menschen an den Opfern. Jeder dritte bei einem Verkehrsunfall Getötete ist laut Verkehrssicherheitsrat über 65. Am gefährlichsten ist es für Fußgänger: Jeder zweite Passant, der 2017 im Straßenverkehr ums Leben kam, war älter als 65 Jahre. Zeit, etwas dagegen zu unternehmen.

Vorsicht Feierabend

Alles rennet, rettet, flüchtet und fährt viel zu schnell um die Ecke – so in etwa lässt sich der Feierabendverkehr beschreiben. Kaum verwunderlich, dass die meisten Unfälle mit Personenschaden an Werktagen zwischen 16 und 17 Uhr und am Freitag zwischen 13 und 14 Uhr passieren.

Bei den älteren Menschen, die zu Fuß verunglücken, sind keineswegs nur Hochbetagte betroffen. 2017 geschah der Verkehrsunfall zu Fuß bei den meisten Männern im 68. Lebensjahr und bei den meisten Frauen im 78. Lebensjahr.

Alle 36 Stunden

In einer zeitlichen Dimension besagt die Statistik, dass auf Deutschlands Straßen alle 36 Stunden eine Fußgängerin oder ein Fußgänger über 65 ums Leben kommen. Auch Ältere, die auf dem Fahrrad unterwegs sind, sind bei den Opfern überrepräsentiert.

Warum verunglücken ältere Menschen öfter tödlich? Zum einen gehören sie als Passantinnen und Passanten zu den Schwächsten im Straßenverkehr. Zum anderen können sie sich bei sehr schweren Verletzungen oft weniger regenerieren als ein wesentlich jüngerer Mensch.

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat will mit seiner Aktion „Sicher mobil im Alter“ auf die besondere Gefährdung älterer Menschen aufmerksam machen. Es gibt Plakate, Infomaterial und in einigen ausgewählten Städten reflektierende Regenschirme.

Verkehrsunfall

Gefahr bewusst machen

Wenn auch nicht jeder so einen Schirm bekommt und es nicht immer regnet – die Verkehrssicherheitsexperten, unterstützt vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), hoffen, dass ihre Botschaften zum Schutz älterer Verkehrsteilnehmer ankommen.

Die Tipps für Autofahrer – Geduld, Gelassenheit, erhöhte Aufmerksamkeit, runter vom Gas, bremsbereit sein, Blickkontakt suchen – würden sicherlich auch jüngeren Verkehrsteilnehmern und vor allem Kindern zugutekommen.

Die geforderte Rücksichtnahme ist im Übrigen gesetzlich verankert: „Wer ein Fahrzeug führt, muss sich gegenüber … älteren Menschen … so verhalten, dass eine Gefährdung dieser Verkehrsteilnehmer ausgeschlossen ist.“ So steht es in Paragraph drei der Straßenverkehrsordnung.

So können sich Fußgänger(innen) schützen

Die Verkehrsschützer appellieren aber nicht nur an die Autofahrer, sondern auch an die älteren Fußgängerinnen und Fußgänger. Sie sollten sich die Gefahr bewusst machen und mit entsprechendem Verhalten einem Verkehrsunfall vorbeugen. Die Sicherheitsexperten raten zum Beispiel:

  • In der Dämmerung, nachts und in der dunklen Jahreszeit helle Kleidung und reflektierende Accessoires tragen
  • Daran denken: Die Sichtweite vom Autofahrer bis zu einem dunkel gekleideten Menschen ist bei Tempo 50 meist kürzer als der Bremsweg
  • VerkehrsunfallStraßen immer sicher überqueren: an der Ampel, am Zebrastreifen oder dort, wo eine Verkehrsinsel den Weg über die Straße teilt
  • Wo weder Ampel noch Zebrastreifen den Fußgängern Vorfahrt geben: Warten, bis die Lücke zwischen den Autos wirklich groß genug ist
  • Blickkontakt zum Autofahrer, zur Autofahrerin suchen
  • Wenn nötig, mit Handzeichen auf sich aufmerksam machen
  • Vorsicht mit Alkohol

Die Tipps, die der Verkehrssicherheitsrat für ältere Fußgänger bereithält, dürfen selbstverständlich gerne auch von jüngeren Menschen befolgt werden.

*Quelle: Statistisches Bundesamt

Kategorien
Lebensorganisation

Weihnachten ohne Dampfkochtopf

Was auch immer Weihnachten für jeden Einzelnen bedeutet, es könnte eine feierliche, fröhliche und sinnstiftende Zeit für Geist und Seele darstellen. Doch wieso ist es jedes Mal so schwierig? Während die Weihnachtsenglein schweben, spüren viele Erdenbürger eine besondere Schwere. Nennen wir sie den Weihnachtsdruck. Genauer gesagt viele kleinere und größere Drücke. Wenn die sich summieren, fühlt man sich in der Weihnachtszeit wie im Dampfkochtopf. Deshalb suchen wir hier nach ein paar Ventilen. Es folgen ein paar Anregungen für coole Weihnachten für Cool Ager.

WeihnachtenDer Lebkuchen-Druck

Es beginnt meist im gefühlten Spätsommer. Im Kassenbereich des Supermarkts türmen sich Paletten mit Lebkuchenherzen und Zimtsternen. Als eine merkwürdige Mischung aus nervig und verführerisch hält dieser Zustand die nächsten Wochen an. Das Zuckerschlecken erreicht sein Jahreshoch. Ein Frontalangriff auf Diabetiker und solche, die es nie werden wollen.

Ventile:

  • Versuchen Sie den Überblick über Ihren Zuckerkonsum zu behalten. Legen Sie keine großen Vorräte an.
  • Damit der Feinste Elisen-Lebkuchen auch zum Fest noch schmeckt, genießen Sie diese saisonalen Leckereien bewusst und in Maßen.
  • Sollte das Verlangen nach Süßem in dunkler Abendstunde und bei kalter Außentemperatur größer werden, kann man dieses auch mit zuckersüßen Früchten wie Khaki, Granatapfel und Weintrauben stillen.
WeihnachtenDer Deko-Druck

Auch bei der Dekoration übertreffen sich Unternehmen in Handel und Gastronomie gegenseitig mit vorweihnachtlichen Frühstarts. Davon inspiriert könnte man in Versuchung geraten, im Laufe der festlichen Wochen das Zuhause in den vollen Ornat zu stecken. Mehr ist aber nicht immer mehr. Schlimmstenfalls endet die Deko-Sucht im neuen Jahr mit einem Kater beim Anblick von angeschafftem Tand und einem Loch im Geldbeutel.

Ventile:

  • Hören Sie auf Ihren Bauch, ob er dekorative Üppigkeit oder Sparsamkeit bevorzugt.
  • Setzen Sie sich beim Durchstreifen von Weihnachtsmärkten und Deko-Geschäften ein Kauflimit.
  • Achten Sie auf Qualität, um sich alle Jahre wieder an den schönen Stücken erfreuen zu können.
  • Sorgen Sie für stimmungsvolle Atmosphäre ohne dicke Luft mit dem richtigen Umgang mit Kerzen.
  • Erfreuen Sie sich mal wieder am legendären NDR-Katastrophenort Stenkelfeld, wo zwischen einer einsamen Kerze im Fenster und der Explosion des Kraftwerks nur wenige Ereignisse lagen.
Der Kartenschreibe-Druck

Es ist zweifellos eine schöne Sitte, an Weihnachten Karten zu versenden – wenn man es gerne macht und die Zeit dafür hat.

Ventile:

  • Fehlen Ihnen Zeit und Kreativität, freuen sich Freunde und Bekannte sicher auch über ein paar Zeilen per E-Mail.
  • Enge Verwandte und Freunde ruft man ohnehin an Weihnachten an.
Der Gewissen-Druck

Der Postkasten quillt über mit Botschaften über Menschen in Not. Andere Menschen haben ganz andere Probleme, als sich an Weihnachten nicht zu streiten oder zuzunehmen.

Ventile:

  • Ganz einfach: Wenn es Ihnen möglich ist, spenden Sie etwas.
  • Man kann in dieser Zeit Dankbarkeit empfinden, dass es uns besser geht als vielen Menschen auf der Welt.
  • Auch denjenigen, denen es in unserem Land nicht so gut geht, können wir Unterstützung zukommen lassen, zum Beispiel durch eine Spende an die Tafeln.
  • Selbstverständlich können Sie nicht auf alle Spendenaufrufe eingehen. Wählen Sie aus, welchen Initiativen Sie Vertrauen schenken. Größere Hilfsorganisationen können zum Beispiel ein Spendensiegel tragen. Engagieren Sie sich dafür, was Sie am meisten bewegt. Das kann auch eine Initiative aus Ihrem Umfeld sein. Hilfe wird überall gebraucht: zugunsten von Menschen in weniger privilegierten Ländern, benachteiligten Kindern, Obdachlosen, aber auch Tierschutz mittels Tierheimen, privaten Wildtierhilfen und Rettungsinitiativen sowie der Umwelt.
  • Oder Sie nehmen Weihnachten als Anstoß, sich im neuen Jahr selber mit einem Ehrenamt einzubringen.
WeihnachtenDer Geschenke-Druck

Der kommerzielle Charakter des Weihnachtsfests in westlichen Industrienationen kann noch so oft kritisiert werden – Geschenke gehören nun mal dazu. Denn Schenken und Beschenktwerden bereiten Freude, vermitteln Wertschätzung und besitzen ganz im Sinne der gebefreudigen Heiligen Drei Könige einen zutiefst weihnachtlichen Charakter. Zugegebenermaßen kann Schenken heutzutage zur Herausforderung werden.

Denn Weihnachten kommt in diesem Zusammenhang immer so plötzlich. Wem, was, wann, wie und woher können in Bezug auf die Geschenke-Beschaffung zu sehr stressigen Fragewörtern werden. Wer braucht schon das Bangen, ob DHL bei 330 Millionen Sendungen im Dezember* das eigene Päckchen noch rechtzeitig bringen kann? Wer übersteht stressfrei das Last-minute-Herumirren auf verstopften Straßen, in besetzen Parkhäusern, überfüllten Bussen und Bahnen und überhitzten Kaufhäusern?

Ventile:

  • Auch wenn es schwerfällt – Just-in-time-Beschaffung oder Prokrastination sind hier nicht angesagt. Ob online, im Geschäft oder Kreationen aus eigener Werkstatt oder Küche – besorgen, erstellen und verpacken Sie alles frühzeitig und in Ruhe.
  • Könner haben das ganze Jahr über eine Weihnachtantenne ausgefahren und notieren die in Kommunikation und Zusammensein aufgefangenen Geschenk-Ideen (die auch anlässlich eines Geburtstags äußerst nützlich werden können).
  • Lassen Sie den Enkelkindern vom Christkind/Weihnachtsmann ausrichten, dass sie dieses Jahr ihren Wunschzettel so früh wie möglich abliefern müssen.
Der Schnäppchen-Druck

Das Zeitalter der Black Fridays und Weihnachtsrabatte ist angebrochen. Es scheint, als stünde die Warenwelt unter einem riesigen Prozentzeichen, das sie uns pausenlos per Post, E-Mails und großen Schildern kundtut. Preisnachlässe sind Bestandteile der Marketing-Kunst und einer Gesamtkalkulation. Von dynamischen hohen Ausgangspreisen kann man zum Beispiel gut etwas abstreichen.

Wer kennt es nicht? Man kauft etwas eigentlich nur, weil es heruntersetzt war. Nach dem Abbau des Kaufrausch-Hormons schwindet die Begeisterung über den Neuzugang drastisch.

Ventile:

  • Lassen Sie die Großhirnrinde über das Stammhirn herrschen.
  • Fragen Sie sich mindestens dreimal, ob Sie den reduzierten Gegenstand wirklich brauchen. Ist die Antwort Ja, Ja, Ja, fragen Sie noch dreimal.
WeihnachtenDer Lebensmittel-Druck

Große Feste haben alle Völker zu allen Zeiten mit großem Essen begangen. Bis heute wird weltweit an Weihnachten in mehr oder weniger großen Kreis gegessen und getrunken, meist mehrgängig. Wer das gewohnt ist und Spaß daran hat, genießt das Bewirten und Gastgeben. Wer darin nicht geübt ist oder nicht so gerne kocht, hat jedes Jahr Stress. Ein Festessen muss man erst mal hinkriegen; nicht umsonst ist Kochen eine Passion beziehungsweise Koch oder Köchin ein Ausbildungsberuf.

Ventile:

  • Logistik ist alles. Machen Sie frühzeitig einen Plan. Welche und wie viel Lebensmittel brauchen Sie, wo bekommen Sie es, wann haben Sie Zeit einzukaufen, wieviel Zeit und Raum benötigt die Zubereitung?
  • Weihnachten ist keine Zeit für Fastfood. Entdecken Sie jedoch den Charme von Tiefkühlkost und Vorgekochtem. Die Online- und Print-Medien sind voll von Tipps zur praktikablen Weihnachtsfütterung von Schleckermäulern.
  • Informieren Sie sich rechtzeitig über die Essgewohnheiten Ihrer Gäste. Der waidwunde Blick eines vergessenen Vegetariers oder Veganers kann beschämen und wehtun. Falls Sie wiederum ein pflanzliches Menu servieren, kündigen Sie es den Traditions-Essern in appetitanregenden Worten an. Tragen Sie es mit toleranter Würde, wenn jemand dennoch Würstchen mitbringt.
  • Machen Sie keine allzu großen Experimente, sondern bauen Sie auf Ihre Erfahrung mit Ihren bevorzugten Lebensmitteln und Gerichten.
  • Brechen Sie allerdings mit Gewohnheiten, die sich im Laufe der Jahre vielleicht überholt haben. Die Weihnachtsgans könnte so ein Ritual sein – zu fett, zu aufwendig, zu anstrengend.
  • Stresslindernd kann auch gemeinsames Kochen mit einigen Helfer/innen sein. Klären Sie allerdings vorher, wer die leitende Funktion einnimmt.
  • Sie möchten als Gastgebende(r) ohne Ausflüge in die Küche am Tisch sitzen und gemütlich satt werden? Da helfen nur die Klassiker: Raclette, Fondue, Feuertopf.
  • Kaufen Sie nicht zu viele Lebensmittel ein, die dann unbedingt alle verarbeitet werden müssen. Zelebrieren Sie lieber an einem der Festtage ein Reste-Essen.
  • Sie möchten Ihre Lieben um Ihren Tisch versammeln, fühlen sich aber nicht (mehr) so gastgeberfit? Jeder Gast könnte je nach eigenen Kochvermögen einen vorbereiteten Menu-Gang mitbringen.
  • Eine Alternative zum dreitägigen Kochfestival: Schenken Sie sich gegenseitig einen Besuch im Restaurant. Viele Betriebe haben an den Feiertagen geöffnet.
Der Gemeinsamkeit-Druck

Seit unserer Kindheit hat sich viel verändert. Es scheint, als könne man inzwischen an Weihnachten mit allen möglichen Traditionen brechen – lässig feiern ohne Rituale, Baum oder Christmette, Geschenke abschaffen etc. Nur eines ist und bleibt das große Tabu für die Gesellschaft und meist auch für die eigene Psyche: Alleinsein an Weihnachten geht gar nicht. Dabei ist gerade dies für viele ältere Menschen die größte Herausforderung. Sie leben vielleicht allein, Kinder und Enkel können oder wollen nicht kommen, Freunde und Bekannte sind bei ihren eigenen Familien. In dem Glückliche-Familien-unterm-Baum-Hype kann leicht das Gefühl der Einsamkeit aufkommen oder sich unerträglich verstärken.

Ventile:

  • Verschweigen Sie in Ihrem Umfeld nicht, dass Sie an Weihnachten allein sind. Vielleicht finden Sie durch Ihre Offenheit andere Weihnachts-Singles, die wie Sie ein paar Stunden gemeinsam verbringen möchten.
  • Ist Ihnen ein Zusammensein mit Fremden auf jeden Fall lieber als die Gesellschaft des Fernsehers? Dann kommt vielleicht eine der vielen Initiativen infrage, die Vermittlungsarbeit leisten, zum Beispiel die Aktion der evangelischen Kirche Deutschland „Keiner bleibt allein“. Hier werden die sozialen Medien genutzt, um Menschen zusammenzubringen, weil sie es wollen. Das klingt auch nach einer guten Alternative zu Pflichtbesuchen bockloser Patenkinder und Ähnlichem.
  • Es gibt Familien, die an Heiligabend einen alleinstehenden Menschen zum Mitfeiern einladen. Man sollte allerdings bedenken, dass man sich im Familienglück anderer womöglich erst recht einsam fühlen könnte.
  • Wer sich fit und unabhängig genug fühlt, kann auch über Weihnachten verreisen. Die richtige Wahl aus dem Angebot entsprechender Reiseangebote könnte Ihnen ganz neue Perspektiven auf diese besondere Zeit eröffnen.
  • Man kann versuchen, dem gesellschaftlichen Diktat der Gemeinsamkeit eine andere Geisteshaltung entgegenzusetzen. Einsamkeit ist ein sehr verletzendes Gefühl, doch Alleinsein ist zunächst einmal nur ein Fakt. Machen Sie sich bewusst, dass es weder ein Scheitern noch eine Schande ist, Weihnachten allein zu verbringen. Denken Sie lieber daran, dass auch die anderen nicht unbedingt glücklich sind und Sie Heiligabend und die Feiertage nach Ihrem Gusto gestalten können. Außerdem sind ältere Menschen mit dem Alleinsein durchaus nicht allein. Auch viele Jüngere verbringen aus den unterschiedlichsten Gründen den Heiligabend ohne Gesellschaft.
  • Von einem raten Psychologen jedoch ab: Weihnachten einfach zu ignorieren, nach dem Motto „Irgendwann ist es vorbei“.
  • Im Gegenteil: Bereiten Sie alles vor für ein schönes Fest mit Aktivitäten, die Sie mögen. Schmücken Sie Ihr Zuhause, wenn Sie es nicht schon im Advent getan haben. Machen Sie einen Spaziergang. Wenn Sie mögen, besuchen Sie einen Gottesdienst und schauen eventuell auf einer offenen Feier der Kirche, eines Sozialverbandes oder einer Kulturveranstaltung vorbei. Doch der Weihnachtsabend gehört Ihnen: Essen Sie etwas Feines, schenken Sie sich etwas, hören Sie Ihre Lieblingsmusik, lesen Sie ein Buch oder schauen Sie einen schönen Film. Mit anderen Worten: Leben Sie die Besinnlichkeit, die einem zu Weihnachten immer gewünscht wird.
  • Falls allen Bemühungen zum Trotz Gefühle der Traurigkeit und Einsamkeit aufkommen, sollte man sich nicht scheuen, ein Gespräch mit einem Mitarbeiter der Telefonseelsorge zu führen. Auch engagierte Menschen in regionalen Initiativen wie Silbernetz in Berlin stehen für ein Telefongespräch zur Verfügung.
  • Wer wiederum selber die Kompetenz zum Trösten und Helfen hat, kann seinen Weihnachtsabend ehrenamtlich als Helfer am Telefon oder in einem Heim verbringen.
Der Friede-Freude-Eierkuchen-Druck

Gerade die vermeintlich so erstrebenswerte Familienrunde zählt zu einem der Weihnachts-Hauptprobleme. Zum Fest treffen oft Menschen zusammen, die zwar verwandt, aber sich nicht immer grün sind. Gegenseitig nennt man sich die „liebe Verwandtschaft“. Doch auch bei denen, die während des restlichen Jahres leidlich miteinander auskommen, wird das Fest der Barmherzigkeit und Liebe oft zum Anlass für Streit und Eskalation. Jung trifft auf Alt, Stress liegt in der Luft, Fettnäpfe stehen herum und alte Konflikthemen tauchen wieder auf.

Ventile:

  • Es gibt Hinweise, dass ein gemeinsamer Kirchgang alle Familienmitglieder unabhängig von ihrer persönlichen Frömmigkeit etwas friedlicher macht.
  • Alles eine Frage der Kommunikation. Ankündigungen, Begründungen und Kompromissvorschläge können das Fest der Familie, der Liebe und des Friedens als solches bewahren.
  • In Vorab-Gesprächen sollten potentielle Konfliktpunkte geklärt werden. Die Gastgeber können ihre Vorstellungen erläutern und nach dem Einverständnis fragen.
  • Streben Sie ein gewisses Maß an Konsens an, zum Beispiel über den Ablauf und Ausgestaltung des Abends – Essen, Bescherung mit gemeinsamem Singen und geordnetem Auspacken samt Danke und Aufräumen.
  • Ziel ist es, dass die jeweilige Erwartungshaltung der Feiernden nicht allzu sehr enttäuscht wird.
  • Auch heikle Themen sollten im Vorfeld angesprochen werden. Zum Beispiel, welches Maß an erzieherischen Eingriffen man sich von den Eltern aufgekratzter Enkel erhofft.
WeihnachtenDer Enkelglück-Druck

Kinderaugen vor dem Weihnachtsbaum sollen glänzen. Vor Freude und nicht durch Tränen. Dies ist erste familiäre Weihnachtspflicht.

Ventile:

  • Siehe Friede-Freude-Eierkuchen-Druck. Vermeiden Sie Streit und Unfrieden.
  • Siehe Geschenke-Druck. Fordern Sie frühzeitig einen Wunschzettel an. Die beste Methode, um mit den Geschenken für die Kleinen richtig zu liegen.

Vielleicht hilft der eine oder andere Tipp dabei, etwas Druck abzulassen. In diesem Sinne: Unbeschwerte, fröhliche Weihnachten!

*Schätzung 2018

Kategorien
Zeitgeist

Omi, Oma, Omeingott

Sprayer-Oma (Der Spiegel), Alpen-Oma (Frankfurter Rundschau), Drogen-Oma (Die Welt). Wir müssen dringend über Oma reden! Oma gehört zu den schönsten Wörtern der deutschen Sprache, eine Umbildung aus Großmama, prägnant und kinderleicht auszusprechen. Aber Oma ist ein privates Wort. Wenn Enkel und Enkelinnen ihre Großmutter ansprechen oder etwas über ihre Großmutter sagen. Du, Oma …, Meine Oma ... Im öffentlichen Kontext ist Oma eine Waffe. Damit schießen Kommunikatoren unbewusst oder absichtlich auf den älteren weiblichen Teil der Gesellschaft. Oma, das sagt uns der Duden, steht „familiär“ für Großmutter und „abwertend“ für ältere Frau. Außer abwertend kann man auch entmündigend, verniedlichend und diskriminierend sagen.

Was? Darf man jetzt noch nicht mal mehr Oma sagen? Kommt auf den Kontext an. Ein Beispiel mit einem weiteren familiären Kosewort: Wenn Angela Merkel Kinder hätte, dürften diese sie „Mutti“ nennen. Tun dies die Parlamentsmitglieder, ist es – nun ja – etwas Anderes, jedenfalls nicht so Nettes.

Mal abgesehen davon, dass eine Oma auch jemand ist, deren Kind ein Kind hat. Im despektierlichen Sprachbild werden auch jede Menge Frauen als Oma bezeichnet, die gar keine Großmutter sind. Denn darum geht es ja gar nicht.

OmaÖffentliche Kommunikation, allem voran die in den Medien, prägt mit ihrer Sprache Bilder in der Gesellschaft. Die Oma, gerne auch in Kombination mit Vornamen (Oma GiselaOma Ingrid) mit ihrer tüdeligen, nicht ernst zu nehmenden, bemitleidenswerten Konnotation ist so ein Bild. Die nette Alte, die super stricken, backen und kochen kann, und das war es dann. Wie viele ältere Frauen entsprechen heutzutage diesem Stereotyp?

Traurig, aber wahr ist, dass einige ältere Frauen sich selber in der Öffentlichkeit als Omas titulieren. So die Aktivistinnen von Omas gegen rechts, einer Bürgerinnenbewegung in Österreich, die auch hierzulande Schule machte. Die Initiatorin bekennt sich zu ihren „Omas“ mit dem Hinweis, sie seien ja auch „lieb“. Das klingt wie Segel setzen und dann den Wind abbestellen.

Eine Hamburger Spendenaktion gegen Altersdiskriminierung nennt sich – keine Satire – Jede Oma zählt. Man darf vermuten, dass über diesen Titel nicht allzu tief nachgedacht wurde.

Nun könnte man argumentieren, dass die kurze Oma einfach besser in eine Schlagzeile passt als die lange Großmutter. Vor allem wenn Überschriften sehr große Buchstaben haben wie in einer Boulevardzeitung. Doch auch der kleinlettrigen Qualitätspresse rutscht die sprachliche Herabwürdigung durch:

Beispiele sind die Sprayer-, Alpen-, Drogen- und so weiter Omas (siehe oben) oder Überschriften wie Wenn Oma aus dem Pflegeheim ausbüxt (FAZ). Eine zumindest halbherzige Distanzierung vom abwertenden Oma-Missbrauch durch das Setzen von Anführungszeichen fehlt häufig.

Auch die Oma-Kolumne der Zeit soll wohl nett oder witzig aus dem Leben einer älteren Frau berichten. Es darf aufs Intensivste getüdelt werden. So sind sie halt, die Omas.

Gerne wird beschrieben, wie die Model- und TV-Berühmtheit Heidi Klum bei einer ihrer jährlichen Halloween-Partys das offenbar Schrecken erregendste Kostüm schlechthin präsentierte. 2013 erschien sie nach professioneller Bearbeitung durch Hollywoods Top-Maskenbildner als alte Oma … Klums Verwandlung zur faltigen Oma nahm mehrere Stunden in Anspruch (stern). Dieser Monster-Auftritt war wohl weder durch das Transformer- noch durch das Schlangenkostüm anderer Klum-Halloween-Feiern zu toppen.

Auffallend übrigens, wie häufig Prominente aus der dritten Reihe den Tod ihrer Großmutter für mediale Aufmerksamkeit nutzen. Schlagzeilen wie XY trauert um ihre geliebte Oma, Soundso weint um Oma Soundso stehen immer auf der ersten Seite.

Selbstverständlich fallen auch pauschal als Opas betitelte ältere Männer unter die Rubrik sprachliche Altersdiskriminierung. Allerdings scheint das Ausmaß der männlichen Alters-Abwertung geringer.

So hieß die Überprüfung der Verständlichkeit von Wikipedia-Artikeln im Jargon selbstverständlich Oma-Test und nicht Opa-Test.

Wenn Nichtfamilienmitglieder das Wort Oma benutzen, wäre es also souverän, diese implizite Abwertung zu unterlassen. Übeltäter müssen nicht immer die Medien sein. Auch im privaten Bereich kommt es besser an, wenn jemand fragt: „Wie geht es deiner Großmutter?“ statt unautorisiert „Wie geht es deiner Oma?“ oder gar „Wie geht es Oma?“

Selbst Rotkäppchen als waschechtes Enkelkind sprach zum bösen Wolf: „Ei, Großmutter, was hast du so große Ohren?“ Es gab ein Happy End.

Oma

Kategorien
Lebensorganisation

Internetmanipulation: #lassdichnichtveräppeln

Ein Merkmal der Cool Ager ist, sich gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen nicht zu verweigern. Der Puls der Zeit schlägt unter anderem in den sozialen Medien, also werden Facebook, Twitter, What’s App, Instagram etc. zunehmend auch für ältere Menschen zur Informations- und Kommunikationsquelle. Und zwar passiv durch Lesen, Hören und Sehen, aber auch aktiv durch Teilen, Posten und Kommentieren. So können wir Opfer und sogar Täter unschöner Kommunikationsverbrechen werden, für die das Netz sehr anfällig ist: Falschmeldung, Irreführung, Internetmanipulation. Hier ein paar Tipps, wie man damit umgehen kann:

Es ist noch nicht lange her, da gab es nur die klassische Medienwelt: die unabhängigen, überparteilichen Zeitungen, Publikums- und Fachzeitschriften, die öffentlich-rechtlichen Radio- und TV-Sender. Die jeweilige weltanschauliche und politische Neigung ist meist einigermaßen bekannt.

Dazu kommen die privaten Sender und der emotional geprägte Journalismus des gedruckten oder ausgestrahlten Boulevards. Diese Absender wollen uns nicht nur inhaltlich, sondern gerade auch durch die Offensichtlichkeit des manchmal zweifelhaften Wahrheitsgehalts amüsieren.

Im seriösen Journalismus müssen die Kommunikationsformen Nachricht und Kommentar erkennbar unterschieden werden. Nach dem deutschen Presserecht müssen Werbeformate und PR-Seiten als solche zu identifizieren sein. Redaktionell aufgemachte Werbung wie Advertorials (zusammengesetzt aus Advertisement und Editorial) sind als PR beziehungsweise Öffentlichkeitarbeit zu kennzeichnen.

Auch im klassischen Journalismus ist nicht alles perfekt. Lagerberichterstattung, Zeitungsenten, Falschmeldungen, Schleichwerbung und legendäre Skandale (zum Beispiel die Hitler-Tagebücher der Zeitschrift stern und – neu – der Fall Relotius des Magazins DER SPIEGEL) gab es schon immer. Kritischer Konsum ist angezeigt.

Internet als Informationsquelle

Doch mit dem Internet und den sozialen Medien ist es noch komplizierter geworden.

  • Alle möglichen Informationen kommen aus allen möglichen Quellen.
  • Durch das „Viral gehen“, das heißt die exponentielle Verbreitung durch das millionenfache Angeklickt- und Geteilt-werden, erhalten Inhalte eine Bedeutung und Bestätigung, die ihnen nicht unbedingt zustehen.
  • In den Social Media klicken und teilen wir besonders gerne, da die angezeigten Botschaften sorgfältig auf uns zugeschnitten sind.

Der Weg zur Internetmanipulation ist ziemlich eben.

InternetmanipulationWohlgefühl im Filter

Aufgrund Ihres bisherigen Klickverhaltens sorgen Berechnungssysteme für Ihre ganz persönliche Informationsblase. Es werden Ihnen immer wieder Nachrichten oder Botschaften eingespielt, die Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit interessieren oder emotional ansprechen. Ihren Verwandten und Freunden geht es genauso. Es kursieren bestimmte Inhalte, und jeder fühlt sich irgendwie bestätigt.

Extrem wird es, wenn Menschen nur noch der eigenen Filterblase glauben und die Vielfalt und Glaubwürdigkeit traditioneller Medien ganz in Abrede stellen. Doch die informative Schräglage der sozialen Medien betrifft uns alle. Ganz subtil drängt sich eine bestimmte vermeintliche und vor allem einseitige Realität auf.

Das Ergebnis:

Wir werden schlimmstenfalls nicht objektiv informiert, sondern im großen Stil manipuliert und mischen dabei auch noch selber kräftig mit.

Wie aber kann man sich die Mehrdimensionalität der eigenen Informationswelt bewahren?

Die radikale Lösung wäre, alle Social-Media-Accounts wieder zu löschen oder zu ignorieren. Doch viele Menschen möchten auf die Kommunikation via soziale Medien einfach nicht mehr verzichten.

Die alternative Herangehensweise: Man nutzt weiterhin die Kommunikationskanäle der neuen Zeit, aber gekonnt. Einige Maßnahmen können dabei helfen, Internetmanipulation zu erkennen und zu vermeiden:

Integrieren Sie seriöse Informationsanbieter in Ihre Social Media.

Abonnieren Sie für die Newsfeeds, Timelines und Startseiten Ihrer Medien-Accounts auch die Online-Angebote von Medien, die eher für journalistische Qualität und Seriosität stehen.

Allerdings sind auch die Online-Clips und -Artikel sogenannter Qualitätsmedien nicht mit dem Durchlesen einer ganzen Zeitung oder Zeitschrift oder dem Anschauen einer Nachrichtensendung zu vergleichen. Denn auch Inhalte bekannter großer Medien, die auf Ihren persönlichen Account eingespielt werden, haben eine algorithmische Vorauswahl durchlaufen. Diese Auswahl ist auf Ihr errechnetes individuelles Interessensprofil ausgerichtet.

Dennoch sollten die Beiträge traditioneller etablierter Nachrichtenanbieter einem höheren journalistischen Qualitätsstandard unterliegen, was Themenauswahl, Recherche und Überprüfung der Fakten angeht.

InternetmanipulationHinterfragen Sie grundsätzlich, was Sie in den sozialen Medien lesen und sehen.

Lassen Sie sich nicht desinformieren und werden Sie nicht selbst zum Verbreiter von Unwahrheiten.

Bevor Sie die Inhalte mental abspeichern oder gar durch Teilen in die Welt schicken und dabei womöglich Falschmeldungen oder Betrug aufsitzen, sollten Sie sich selber wie ein Journalist verhalten.

Prüfen Sie die Quelle:
  • Googeln Sie den Absender oder Account, woher die Nachricht stammt.
  • Googeln Sie Schlagwörter oder Textstellen der Nachricht, um weitere Informationen zu erhalten.
  • Gibt es weitere Quellen, die diese Nachricht bestätigen?
  • Haben seriöse Medien die Information aufgenommen und durch Ihre Prüfverfahren laufen lassen?
  • Recherchieren Sie auch Bilder in den Suchmaschinen. So können mögliche Verfälschungen und eigentliche Urheber oder Kontexte herausfinden.
Erkennen Sie die Muster der Scharlatane.

Es gibt bestimmte Kommunikationstechniken, die von vorneherein signalisieren, dass kein seriöser Journalismus praktiziert wird.

Misstrauen Sie der verlockenden Überschrift.

Überschriften sollen Interesse wecken und Lust auf das Lesen eines Artikels machen. Daran ist zunächst nichts Schlechtes.

Doch in manchen Online-Portalen und Social-Media-Angeboten kommt die Methode, durch reißerische oder vielversprechende Überschriften Neugier zu wecken, besonders exzessiv zum Einsatz. Die Inhalte der dazugehörigen Texte sind oft enttäuschend und journalistisch völlig unzureichend.

Es geht nicht darum, die Rezipienten seriös zu informieren, sondern möglichst viel Anklicken und Teilen zu provozieren, um Reichweite und Werbeeinnahmen der Seite zu erhöhen.

InternetmanipulationErreicht werden soll dies durch das sogenannte Clickbaiting (das Ködern von Klicks).

In diesem Fall kommuniziert die Überschrift keine zentralen Inhalte, sondern Andeutungen oder Versprechungen. Fiktive Beispiele sind

  • „Diese Frau traf zum ersten Mal ihren Vater. Doch dann passierte etwas Unglaubliches“
  • „Barkeeper sind sich einig: Das ist der beste Cocktail der Welt“
  • „5 simple Tricks, wie du garantiert glücklich wirst“
  • „Diese Reaktion einer Mutter müssen Sie sehen!“

Merkmale von klickködernden Überschriften sind Überraschungsversprechen, Superlative, Zahlen oder Aufforderungen.

Bei solchen Ködern empfiehlt sich: einfach nicht zuschnappen.

Entlarven und unterbrechen Sie Hoaxes.

Fast gerührt könnte man sich an die Zeiten erinnern, in denen sich jedes Medium am 1. April eine kleine Zeitungsente oder Falschmeldung erlaubte, um sie am Folgetag mit großem Tamtam richtigzustellen.

Soziale Medien sind der ideale Tummelplatz für Unmengen von sinnlosen oder betrügerischen Posts. Gerüchte und Falschmeldungen, die auf maximale Verbreitung im Netz zielen, werden auch Hoax (englisch für Scherz, Schwindel) genannt.

Dazu gehören Verschwörungstheorien, aber auch simple Kettenbriefe mit folgenden Inhalten:

  • Warnungen zum Beispiel vor Computerviren, Verbrecherbanden, die sich als falsche Rauchmelder-Kontrolleure ausgeben, oder vergiftetem Tierfutter in Gratis-Postsendungen
  • Charity-Hoaxes wie Aufrufe, einem krebskranken Kind durch E-Mails eine Freude zu machen
  • Illegale Schneeball-Systeme
  • Angebliche Petitionen

Einige Hoax-Klassiker sind bereits als sogenannte Urban Legends (Großstadt-Legenden beziehungsweise moderne Sagen) in die Geschichte der Falschmeldung eingegangen. Ein Beispiel ist die angebliche erfolgreiche Klage gegen einen Mikrowellenhersteller, nachdem ein Haustier beim Trocknen im Gerät explodiert sein soll. Amüsante Großstadtmythen finden sich auch in den Sammlungen des Germanisten Rolf Wilhelm Brednich, zum Beispiel in seinem Buch „Die Spinne in der Yucca-Palme“.

Typisch für einen Hoax sind:

  • Begriffe wie Warnung, Achtung, Vorsicht und viele Ausrufungszeichen
  • Das Suggerieren von Aktualität und Hinweise auf seriöse Institutionen wie „Die Polizei warnt dringend“ oder „Die Feuerwehr meldet aktuell“
  • Die Aufforderung, die Meldung sofort an alle Kontakte weiterzuleiten

InternetmanipulationEine gute Adresse zur Überprüfung und Meldung von Hoaxes ist die Hoax-Info-Seite der TU Berlin. Dort findet man eine Liste alter und aktueller Hoaxes sowie Hinweise, wie man mit dieser Form der Internetmanipulation umgeht.

Petitionen können auf einer Website für Online-Petitionen, veröffentlicht vom Deutschen Bundestag, überprüft werden.

Ein einfaches Mittel, die sozialen Netze ein wenig von Unsinn und Schwindelei zu entmüllen, ist es, arglose Verbreiter der Posts auf den Betrug hinzuweisen und selbstverständlich auch selbst den Hoax nicht zu teilen.

Erkennen und stoppen Sie Trolle.

Einer der kommunikativen Vorteile sozialer Medien gegenüber traditionellen Informationsformaten ist die Möglichkeit, sich direkt in Kommentarfunktionen und Diskussionsforen auszutauschen.

Allerdings können diese Chats leicht durch Provokationen oder Falschinformationen aufgemischt werden. Kommunikationsteilnehmer, die auf mutwillige Störung zielen, heißen im Netzjargon Trolle. Manche Trolle arbeiten professionell für zahlende Auftraggeber, die werbliche oder propagandistische Inhalte verbreiten wollen.

Wenn bei einem Chat-Teilnehmer Troll-Verdacht aufkommt, kann man dies offen ansprechen. Um den Chat wieder in die ursprüngliche Bahn zu bringen, geht es darum, in der Diskussion über den Troll zu kommunizieren und nicht direkt auf ihn zu reagieren.

Und wie steht es um die Glaubwürdigkeit dieses Blogs?

Die Inhalte von Cool Aging werden von einer ausgebildeten, berufserfahrenen Journalistin nach professionellen Regeln und bestem Wissen und Gewissen recherchiert und verfasst. Das Cool-Ager-Portal ist finanziell unabhängig. Weitere Informationen und Meinungen werden gerne in der Kommentarfunktion entgegengenommen.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Erkältung – So wappnen Sie sich gegen den Virenkrieg

ErkältungJede Saison ergeht an uns die biologische Kriegserklärung aggressiver Kleinstpartikel. Vorbei der Friede des freien Atmens und schmerzfreien Schluckens. Die Viren der Erkältung sind so vielfach und wandelbar, dass man sie nicht wie Viren der echten Grippe durch Impfen bekämpfen kann.  Dabei kann die Erkältung, medizinisch: der grippale Infekt, vom lästigen Schnupfen – bei einer Waffenallianz mit Bakterien – zur Lungenentzündung ausarten. Folgende Tipps können helfen, Erkältungsviren an der feindlichen Übernahme unserer Atemwege zu hindern. Wirkung ist zu erwarten dank allgemeiner Erfahrung, einiger Studien und dem guten Gefühl, einer Horde Fieslingen die Stirn zu bieten.

Vorbeugetaktik Nummer eins: Den Feind nicht reinlassen

Viren verfolgen zwei Angriffsstrategien, um in die Souveränität unseres Körpers einzugreifen:

Im Rahmen der irgendwie niedlich klingenden Tröpfcheninfektion wartet das Virus darauf, dass wir in den Niesnebel oder die Hustenwolke eines Kranken – vulgo Virenschleuder – geraten. In diesem Fall sollten wir unser Heil in der Flucht suchen.

Ausatmen und nichts wie weg

Generell gilt: Abstand halten. Augen auf in U-Bahn und Menschenmengen und notfalls flüchten. Sich in seinen Schal zu mummeln oder gar eine Mundschutzmaske zu tragen, schadet vermutlich auch nicht. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass ein Mundschutz mehr davor schützt, andere anzustecken als selbst angesteckt zu werden.

Gut und oft Lüften

… ist angebracht, wenn man mit Erkrankten im Raum sein muss.

Verabredungen mit akut Erkälteten absagen

… kann man emotional intelligent mit dem mitfühlenden Hinweis „Du musst dich schonen“. Oder man steht dazu. Falls der Hustende darüber verschnupft ist, ist es seine Sache. Eine spöttische Reaktion ebenso. Der bekennende Virenphobiker lacht zuletzt und damit am besten.

ErkältungUnd nun zur etwas ekliger klingenden Schmierinfektion:

Guten Tag, Glückwunsch und auf Wiedersehen – der wichtigste Weg der Virenübertragung ist das in westlichen Ländern etablierte Ritual, sich gegenseitig die Hand zu geben. Kontaktfreudige Krankheitserreger sind die größten Freunde der Höflichkeit.

Dem immer noch verbreiteten Händeschütteln in Arztpraxen sollte man mit Kopfschütteln begegnen.

Unvermeidbar jedoch ist es anzufassen, was virenbesetzte Hände ebenfalls berührt haben. Und das ist ein Universum: Der Türknopf am Zug. Haltegriffe und -stangen in der Bahn. Zapfpistolen. Signal-Anforderungsgeräte („Ampel-Drücker“). Türklinken. Fenstergriffe. Schrankgriffe. Schubladengriffe. Gemeinschaftskühlschrankgriffe. Treppengeländer. Tischkanten. Armlehnen. Lichtschalter. Heizungsthermostate. Einkaufswagen. Telefone. Fernbedienungen. Tastaturtasten. Fahrkartenautomatentasten. Flaschenrücknahmeautomatentasten. Kreditkartenautomatentasten. Bankautomatentasten.

Geld regiert die Welt und Bargeld kommt entsprechend herum. Die Tatsache, dass in einer US-Untersuchung von Dollarscheinen die DNA eines Breitmaulnashorns gefunden wurde, unterstreicht die biologische Vielfalt von Banknoten. Wenn Verkaufs- oder Servicemitarbeiter Geld und verzehrfertige Lebensmittel mit denselben ungewaschenen Händchen oder Einmalhandschuhen anfassen, empfiehlt es sich, den Laden zu meiden.

Nicht ins Gesicht fassen

… ist ein aussichtsloses Vorhaben. Seine Hände mit den darauf geschmierten Viren bringt der Durchschnittsmensch meist unbewusst mehrere hundert Mal am Tag ans Gesicht, kratzend, reibend, wischend, mit den Händen essend, in der Nase fummelnd, an den Nägeln kauend. An den Eintrittspforten Nasen- und Mundschleimhaut sowie Augenbindehaut beginnt für die Viren der Tag der offenen Tür. Daher ist die ultimative Vorbeugemaßnahme diejenige, die uns (hoffentlich) schon als Dreikäsehoch beigebracht wurde:

Hände waschen

Die antivirale Wirkung des Händewaschens mit normaler Seife ist erwiesen. Allerdings geht es nicht nur ums Wie oft (möglichst oft), sondern auch ums Wie (möglichst gründlich und möglichst lange): Beim Einseifen den Wasserhahn wieder zudrehen und sich Zeit lassen, am besten eine Kurzmeditation damit verbinden, denn Stressabbau beugt ebenfalls der Erkältung vor (siehe unten). Hände gut abtrocknen, in Gemeinschafts-Sanitärräumen mit Papierhandtuch oder Papiertaschentuch.

Stoffhandschuhe tragen

… ist so einfach wie wirkungsvoll. In Zeiten der Erkältung schützen sie nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Viren. Sofern man sich nicht damit ans Gesicht fasst und sie ab und zu wäscht.

Klinkenputzen

… bekommt in der Erkältungszeit eine ganz neue, nämlich hygienische Bedeutung. Die regelmäßige Desinfektion dieser Virentummelplätze empfiehlt sich auch zuhause. Türklinken aus dem antimikrobiellen Werkstoff Kupfer senken nachweislich die Belastung mit Krankheitserregern. Leider sind Kupfertürklinken als Ergänzung zum Hygienemanagement in Kliniken und Heimen hierzulande immer noch selten anzutreffen.

Vorbeugetaktik Nummer zwei: Den Feind hinauskomplimentieren

Abschottung hat ihre Grenzen. Keiner will und sollte zum Einsiedler werden, weil draußen der Virenkrieg tobt. Doch nach Bahnfahrt, Einkaufsbummel, Konzertbesuch oder Kindergeburtstag mag man vielleicht mal zur Sofortmaßnahme aus der Apotheke greifen. Bei der

Nasendusche

… läuft eine isotonische Salz-Wasser-Mischung zum einen Nasenloch hinein und zum anderen wieder heraus und nimmt dabei hoffentlich die kritische Menge von Viren mit.

Vorbeugetaktik Nummer drei: Immunabwehr aufrüsten

Trotz Taktik eins und zwei lässt sich nicht sicher verhindern, dass die feindlichen viralen Truppen durchbrechen. Dann zwingen sie unsere Zellen, zum Beispiel rote und weiße Blutkörperchen sowie Muskel- und Organzellen, zu selbstmörderischen Bauarbeiten, um die Viren explosionsartig zu klonen.

Und doch kann der virale Feldzug noch zurückgeschlagen werden. Dafür muss die körpereigene Abwehr gut vorbereitet sein.

ErkältungGesund essen, trinken und genießen

… ist ein Ratschlag, der wohl niemanden mehr überraschen dürfte. Doch darf hier auch wiederholt werden, dass Vitamine aus der Drogerie und Apotheke kein Ersatz für Obst und Gemüse darstellen, deren komplexe Gesundheitswirkung samt sekundärer Pflanzenstoffe nicht künstlich nachgestellt werden kann. Die Natur bietet das Superfood, das die körperlichen Abwehrprozesse stärkt. Man muss dieses Arsenal nur kontinuierlich und richtig nutzen, zum Beispiel Bio bevorzugen, Nährstoffe nicht totkochen, leckere Säfte und Smoothies als Vitaminbomben mixen etc. Auch Naturjoghurt und Sauerkraut können mit ihren Milchsäurebakterien das Abwehrsystem unterstützen.

Vielfalt ist Trumpf, doch viele schwören zusätzlich auf besondere Nahrungsmittel. Neben den üblichen Vitamin C-Verdächtigen wie Sanddorn, Zitrusfrüchte, Granatäpfel und Beeren wird vor allem dem Ingwer eine starke Abwehrwirkung zugeschrieben. So manche Gesundheitsprofis verzehren ein frisches Scheibchen der Knolle, bevor sie sich ins mikrobielle Getümmel von Kliniken und Praxen stürzen.

Zigarettenrauch ist giftig und unterläuft die Abwehrtruppen: Eigenbeschuss sozusagen. Alkohol als Virenkiller, zum Beispiel im Grog, funktioniert nach derzeitigem Kenntnisstand wohl mit Glück durch Selbsttäuschung, ansonsten leider nicht.

Als Maßnahmen zum

Stress abbauen

…, einem nachweislich wichtigen Faktor zur Krankheitsvorbeugung, sind daher Genussgifte wenig geeignet. Vielmehr sollte man den Eindringlingen durch die persönliche Lieblingsentspannung Paroli bieten: Achtsamkeit, Waldspaziergang, Sport und vieles mehr.

Schlafen

… ist gerade in der Erkältungszeit wichtig. Man sollte Körper und Geist die Regenerationsphasen der Nacht- und eventuell Mittagsruhe gönnen. So erholt sich auch das Abwehrsystem.

Sauna und Wechselduschen

… steigern die Durchblutung und sind zurecht klassische Immunstärker, wenn sie regelmäßig gemacht werden.

Das ansteigende Fußbad

… ist eine weitere Abwehrmaßnahme mithilfe von Wasser und einem schönen Gruß von Pfarrer Kneipp. Es soll schon so manche anrückende Erkältung wieder in die Flucht getrieben haben. Man stellt die Füße bis zur Wade ins 34 Grad warme Wasser und lässt heißes Wasser zulaufen. Innerhalb von zwanzig Minuten steigert man die Wassertemperatur allmählich auf zirka 42 Grad, so heiß, wie man es aushalten kann.

ErkältungViel Bewegung an der frischen Luft

… hat zwei Vorteile: Die Durchblutung wird gesteigert und die Schleimhäute der Atemwege sind fern der trockenen Heizungsluft, die es den viralen Besetzern leichter macht. Warum nicht jeden Morgen einen strammen Spaziergang machen? Wohl dem, der einen Hund hat …

Warme Füße

… und ein vor Kälte geschützter Körper müssen sein. Frösteln senkt die Temperatur im Nasen- und Rachenraum; Blutgefäße ziehen sich zusammen; die schlecht durchblutete Schleimhaut behindert die Abwehrzellen und erlaubt Viren freies Spiel. Das ist der Vorgang, der der Erkältung ihren Namen gab. Hoch leben Wollsocken, gefütterte Stiefel, warme Kleidung und das In-Bewegung-Bleiben.

Luftbefeuchter

… können gegen trockene, schleimhautschädigende Heizungsluft funktionieren, aber leider auch als Keimschleuder. Daher ist bei den Geräten tunlichst auf Hygiene zu achten. Das regelmäßige Wechseln des Wassers und  Reinigen sind ein Muss.

Viel trinken

… schmiert die Waffen der zellulären Immunabwehr, um die Kriegs-Metapher nun endgültig überzustrapazieren. Die besten Waffenöle im Kampf gegen Erkältung sind Wasser und Tees ohne Zucker und Koffein. Attacke!

Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er ersetzt jedoch in keiner Weise Beratung, Diagnose und Therapie durch anerkannte Ärztinnen und Ärzte.

Kategorien
Zeitgeist

Reparieren – Keine Angst vor dem Lötkolben

ReparierenKaputtes wieder „in die Reih machen“. Das konnte der gutherzige Tüftler Klaus-Dieter aus Peter Kurzecks autobiografischem Roman „Vorabend“ so gut, dass das ganze oberhessische Dorf zu ihm kam. Denn jeder hatte in der Nachkriegszeit etwas in die Reih zu machen. Heute wird weggeworfen und neu gekauft.

Doch es gibt sie wieder, die Klaus-Dieters. Zu finden in den Repair Cafés. Dort wird etwas gelebt, was offenbar mehr ist als ein Trend: Reparieren als Protest gegen die Wegwerfkultur oder einfach, weil man’s kann.

Was passiert im Repair Café? Ehrenamtliche Reparateure und Reparateurinnen bieten ihre handwerklichen Fertigkeiten samt Werkzeug den Café-Besuchern an, die ihr defektes Elektrogerät, gerissenes Shirt, zerbrochenes Spielzeug, angeknackstes Möbel etc. nicht wegwerfen wollen. Auch der alte Laptop ist vielleicht noch zu retten. Schrott und Müll sollen warten.

Obsoleszenz, nein danke

Die Motive der Reparatur-Befürworter können unterschiedlich sein. Man mag sich von lieb gewordenen Sachen nicht trennen. Man ärgert sich über die offensichtliche eingebaute Obsoleszenz, jene Herstellerstrategie, die durch Sollbruchstellen eines Produkts den raschen Neukauf anregen will. Manche kommen wegen ihrer grundsätzlichen Haltung zum großen Ganzen: Die Erde können wir auch nicht wegschmeißen und eine neue kaufen.

Hilfe zur Selbsthilfe

ReparierenDoch: Den kaputten Toaster abgeben, reparieren lassen und später abholen ist nicht. Es geht um Gemeinsamkeit, Zeigen und Lernen. Das eigentliche Prinzip ist Hilfe zur Selbsthilfe. Nach dem Besuch des Repair Cafés weiß so mancher, was sich hinter WD40 verbirgt. Oder wie man die Kaffeemaschine einer bestimmten Marke – eine gute Bekannte im Café – wieder zum Kaffeekochen bringt. Oder man traut sich zum ersten Mal im Leben etwas zu löten. Wer jedoch gar kein Händchen fürs Basteln hat, ist herzlich eingeladen einfach zuzugucken. Und den Helfern mit den goldenen Händen angemessen Respekt zollen darf man sicher auch.

Café-Gründer werden unterstützt

Die Idee zum veranstalteten Reparieren statt Wegwerfen stammt von der Niederländerin Martine Postma, die 2009 in Amsterdam den ersten Treff fürs Reparieren gründete. Die Aktion traf offenbar den Nerv der Zeit und entwickelte sich zu einer Bewegung, die sich weltweit ausbreitet. Vor diesem Hintergrund wurde die niederländische Non-Profit-Organisation „Stichting Repair Café“ ins Leben gerufen. Dort können sich lokale Initiativen in aller Welt, die ein eigenes Repair Café eröffnen wollen, Unterstützung holen.

Doch zum Profi?

ReparierenIns Café kommen oft Menschen, denen beim Kundendienst des Herstellers oder in der Werkstatt gerade versichert wurde, dass Reparieren nicht mehr lohnt. Sie hätten den defekten Gegenstand also ohnehin weggeworfen. Damit verwehrt sich die Repair-Café Community auch gegen den Vorwurf, dem professionellen Handwerk Konkurrenz zu machen.

Manchmal erhalten die Profis sogar Kundschaft aus dem Café. Bei komplizierten Fällen und teuren Ersatzteilen verweisen die ehrenamtlichen Reparateure nämlich an die Fachwerkstatt. Wenn jemand erst einmal zur Reparatur entschlossen ist, nimmt er diese Kosten oft in Kauf. Schließlich geht es weniger ums Geld sparen als ums Prinzip.

Wo geht’s zum Reparier-Café?

Informationen zum Besuch, Mitmachen, Unterstützen oder Gründen eines Repair Cafés finden Sie hier.

Und weil es nicht Repair-Schuppen, -Bude, -Garage, -Werkstatt, sondern Repair Café heißt, gibt es nicht nur die Rettung kaputter Sachen, sondern auch das muntere Miteinander bei Kuchen und Kaffee. Damit wird sogar die Laune wieder in die Reih gemacht.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Palliative Care – der schützende Mantel der Sterbenden

In Würde gehen. Wer wünscht das nicht, wenn es soweit ist? Vor diesem Hintergrund wächst seit längerem das Bewusstsein, dass unheilbar kranke oder betagte Menschen am Lebensende nicht nur medizinische Fürsorge brauchen. Daher wurde neben der Palliativmedizin das Konzept Palliative Care entwickelt. Auf dieser Basis arbeiten auch die Teams der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV).

Palliativ kommt vom lateinischen palliare „mit einem Mantel umhüllen“. Das Bild veranschaulicht die zentrale Idee der ganzheitlichen Versorgung Todkranker: nicht nur körperliche Beschwerden wie Schmerzen, Atemnot und Übelkeit medizinisch lindern, sondern auch vor seelischer Pein schützen. Dabei rücken auch nichtmedizinische Aspekte in den Mittelpunkt:

  • Kompetente, einfühlsame Pflege
  • Zuwendung
  • Kommunikation
  • Spirituelle Fragen
  • Einbindung der AngehörigenPalliative Care

Schock, Angst und Trauer

Palliative Maßnahmen werden erforderlich, wenn die kurative, also heilende Behandlung keinen Erfolg mehr hat. Der Schock, die Ängste und die Traurigkeit, die eine solche Diagnose auslösen, spiegeln sich in Begriffen wie austherapiert, hoffnungslos, ausweglos, Kampf verloren, Verfall. Aber auch der kontinuierliche Verlust vitaler Körperfunktionen im sehr hohen Alter führt in eine Lebensphase, die für viele nichts anderes ist als eine anhaltende Stress- und Ausnahmesituation.

Mit der medizinischen Entwicklung wurde aus dem hilflosen Sterben vergangener Tage schlimmstenfalls ein langwieriges „Nichtsterben“ im Krankenhaus. Palliative Care ist gewissermaßen der Gegenentwurf zu einer lebensverlängernden Apparatemedizin.

Versorgen, lindern und respektieren

Ein ganzheitliches Palliativkonzept zielt darauf, das Lebensende zu akzeptieren und seiner negativen Bewertung positiv zu begegnen. Palliative Care kann idealerweise dabei helfen, eine zutiefst menschliche ethische Leistung zu erbringen: die Wertschätzung eines Menschen bis zum letzten Augenblick seines Lebens.

Bei einer chronisch verlaufenden unwiderruflichen Krankheitsentwicklung braucht der Betroffene Hilfe in zwei Dimensionen. Zum einen müssen die Symptome und zunehmenden Beschwerden der sich verschlimmernden Krankheit oder altersbedingt degenerativen Prozesse gemildert werden.  Zum anderen muss er die psychische Kraft für den letzten Weg seines Lebens aufbringen. Ziel von Palliative Care ist es, einem Sterbenden – so paradox es klingt – Lebensqualität zu ermöglichen. Bei einem fortgeschrittenen Verlauf, jedoch lange vor den letzten Stunden auf dem „Sterbebett“.

An dieser komplexen Aufgabe können verschiedene Experten beteiligt sein. Palliative Care umfasst zahlreiche Berufsgruppen mit Schulung und Erfahrung im Palliativbereich wie

  • Ärzte
  • Pfleger
  • Physiotherapeuten
  • Psychologen
  • Seelsorger
  • Sozialarbeiter
  • ehrenamtliche Personen

Palliative CareAuch die Menschen, die dem Betroffenen nahestehen, befinden sich in einer großen Krise. Wie sollen sie mit Hilflosigkeit und Abschied nehmen zurechtkommen? Der ganzheitliche Ansatz der Versorgung und Begleitung von Sterbenskranken zielt zusätzlich auf die Einbindung und das Wohlergehen von Angehörigen.

Zur Betreuung Schwerstkranker und Sterbender fallen den meisten Menschen die Palliativstationen großer Krankenhäuser oder die Hospize ein. Doch wie können Betroffene versorgt werden, die ihre verbleibende Zeit in ihrem gewohnten Umfeld verbringen möchten?

Spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV)

Professionelle palliative Hilfe in den eigenen vier Wänden, aber auch im Zimmer oder Apartment eines Alten- oder Pflegeheims ist möglich. Zur Unterstützung – und ausdrücklich nicht als Konkurrenz – des behandelnden Hausarztes, der betreuenden Angehörigen, des ambulanten Pflegedienstes oder der Altenpfleger wurde 2007 die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) eingeführt.

Bei der SAPV geht es darum, selbst bei medizinisch anspruchsvollen Herausforderungen im fortgeschrittenen Krankheitsstadium die Einweisung in stationäre Einrichtungen zu verhindern. Zusätzlich zu in der Palliativmedizin qualifizierten Ärzten kümmert sich ein multiprofessionelles Palliative Care-Team um den Schwerstkranken und seine Angehörigen.

Dabei bringt vor allem die 24-Stunden-Rufbereitschaft, das heißt die Gewissheit, auch nachts und am Wochenende in Krisensituationen Hilfe holen zu können, große Erleichterung.

Was ist beim Einsatz eines SAPV-Teams zu beachten?

Der behandelnde Arzt, zum Beispiel der Hausarzt, die Klinikärztin oder der für eine Alten- und Pflegeeinrichtung zuständige Arzt, kann die SAPV verordnen und damit die nicht-stationäre Versorgung durch ein Palliative Care-Team anfordern.

Die Kosten für den Einsatz des Palliative Care-Teams werden von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen.

Damit alle Betreuer eines schwerstkranken oder eventuell bereits geistig beeinträchtigten Menschen möglichst nach dessen Willen handeln können, sollten die Angehörigen eine Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht haben.

Wie findet man ein SAPV-Team für Palliative Care sowie andere Angebote wie Palliativpflegedienste und stationäre Palliativversorgung in der Nähe?

Der Ausbau eines Netzes von ambulanten Palliativ-Teams ist noch im Gange. Dennoch sollten Patienten und Angehörige ihren gesetzlichen Anspruch auf eine häusliche Palliativ-Versorgung möglichst überall wahrnehmen können. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Prof. Dr. Lukas Radbruch, verweist auf die bundesweit große Zahl von Einträgen im Suchportal der Fachgesellschaft.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Rauchen im Alter – Lohnt Aufhören noch?

Ab einem gewissen Alter mag sich so mancher fragen: Wie lange noch? Vielleicht zündet er sich dabei eine Zigarette an, schaut versonnen drauf und denkt: „Darauf kommt‘s nun auch nicht mehr an.“ Falsch gedacht. Eine große Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) erbrachte für altgediente Raucher die Erkenntnis: Aufhören lohnt sich sogar im Alter. Wer jetzt das Rauchen einstellt, kann noch kostbare Lebensjahre gewinnen.

RauchenEine halbe Million Menschen über 60 waren an der Megastudie zu Tabakkonsum und Herzgesundheit beteiligt. Demnach hatten Raucher und Raucherinnen ein doppelt so hohes Risiko für den frühzeitigen Herz-Kreislauf-Tod wie Nichtraucher. Je mehr Zigaretten desto größer das Risiko. Doch wenn die Älteren den Ausstieg geschafft hatten, verringerte sich das Herz-Tod-Risiko erheblich. Im Durchschnitt war es nur noch ein Drittel höher als bei Nichtrauchern. Die alte Regel gilt in jeder Lebensphase: Je früher man das Rauchen aufhört, desto besser.

Vielleicht gewinnt mancher Raucher Zuversicht daraus, dass er einen Altvorderen kennt, der sich munter bis in die Achtziger gequalmt hat. Doch die Studie legt nahe: Vater oder Großmutter hätten sich als Nichtraucher vielleicht noch länger oder bei besserer Gesundheit an Ehefrau, Enkeln und Leben erfreuen können.

Hört das denn nie auf …?

Als hätten es ältere Raucher nicht schon schwer genug: Nun haben sie schon so lange „gerne geraucht“, sprich ihre Abhängigkeit verleugnet, oder unter all dem Warnen, Bitten und Drohen der Umwelt sowie den eigenen Bedenken gelitten, weil der ganze Druck ihr Suchtverhalten nur noch verstärkt hat. Und jetzt das noch: Der Rat zum Aufhören hört nie auf.

Aber hat ein älterer Raucher nicht längst alles akzeptiert?
  • Die Legalität einer Droge aus tausenden giftigen und dutzenden karzinogenen Substanzen
  • Die neun von zehn Lungenkrebse, die vom Rauchen kommen
  • Das um durchschnittlich zehn Jahre kürzere Leben
  • Den Schaden für alle Organe einschließlich der Sinne wie Riechen und Hören
  • Den Schleim am Morgen
  • Das ständige Gehüstel
  • Die Passivraucher
  • Das alljährlich verpaffte Geld im Gegenwert eines Urlaubs
  • Die Ekelbilder auf den Packungen
  • Den Aschenbecherduft an der Haut, in der Kleidung, in der Wohnung
  • Das peinliche Draußenrauchen

Andererseits: Wenn schon altersbedingt nicht mehr so viele Lebensjahre übrig sind, erwacht vielleicht eine neue Wertschätzung der Gesundheit. Warum nicht jetzt die letzte Kippe ausdrücken?

Die beste Zeit zum Aufhören: Jetzt
  • Das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, verringert sich mit jeder Woche des Nichtrauchens.
  • Auch wenn bereits eine chronische Bronchitis besteht, kann die chronisch obstruktive Bronchitis (COPD) vielleicht noch verhindert werden.

Eine körperliche und psychische Abhängigkeit vom Tabakkonsum könnte gerade im Alter überwunden werden, in dem man alte Gewohnheiten und Verhaltensmuster, zum Beispiel aus früheren stressigen Alltagsstrukturen, ändert und gewonnene Zeit und Energie in den Versuch der Tabakentwöhnung investiert. Mithilfe des Fagerström-Tests erhält man durch das Beantworten von nur sechs Fragen eine Indikation, wie stark die eigene Abhängigkeit vom Rauchen ist.

Hilfe holen

Wer bereits versucht hat, das Rauchen aufzugeben, weiß um die Schwere der Aufgabe. Aber es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Anstatt ganz auf sich allein gestellt zu sein, könnte man einen Kurs zur Tabakentwöhnung absolvieren. Informationen und Angebote kann man bei Gesundheitsämtern, Krankenkassen und Volkshochschulen einholen. Auch in Kliniken oder beim Arzt kann man sich nach Kurs- und Hilfsangeboten erkundigen.

Das Rauchfrei-Programm wird von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und dem Institut für Therapieforschung München (IFT) angeboten und wendet Erkenntnisse aus der kognitiven Verhaltenstherapie an. Das Online-Gruppenprogramm mit täglichen Tipps und Empfehlungen sowie Kommunikationsmöglichkeiten mit anderen Aussteigern in Chats und Foren soll in vielen Fällen nachweislich zur erfolgreichen Tabakentwöhnung beigetragen haben. Allerdings muss der Teilnehmer tatsächlich die Disziplin aufbringen, das Online-Programm täglich zu konsultieren.

Darüber hinaus werden auf der Webseite Adressen von Kursanbietern am jeweiligen Wohnort des Ausstiegswilligen aufgelistet.

Mehrgleisig fahren

RauchenDa psychische und körperliche Abhängigkeit wohl kaum klar zu trennen sind, kann man mehrere Maßnahmen gleichzeitig ergreifen.

Experten raten zum Sofortausstieg. Letzte Zigarette und basta. Langzeitstrategien wie das Reduzieren des Tageskonsums gelten als weniger erfolgversprechend, von Pseudo-Ausstiegshilfen wie E-Zigarette, Shisha oder Zigarillo ganz zu schweigen.

Statt Zigarette gibt es die Nikotin Ersatzpräparate in Form von Kaugummis, Lutschtabletten oder Pflaster. Pflaster sollen den Vorteil haben, die Substanz möglichst gleichmäßig an den Körper abzugeben. Zu Dosierung und Anwendungsdauer lässt man sich am besten vom Arzt und Apotheker beraten.

Wer gegen das Verlangen nach der Zigarette sehr schwer ankommt, kann mit seinem Arzt besprechen, ob als unterstützende Maßnahme eine medikamentöse Entzugslinderung zum Beispiel mit den Wirkstoffen Vareniclin oder Bupropion angezeigt wäre.

Zum Thema Rauchentwöhnung gibt es Angebote mit Akupunktur und Hypnose. Die Meinungen vor allem zur langfristigen Wirksamkeit sind geteilt. Im Zweifel muss man ausprobieren, was einem persönlich hilft.

Leider werden viele Angebote zum Tabakverzicht nicht von den Krankenkassen unterstützt – trotz der Belastung für das Gesundheitssystem durch die Folgen des Rauchens.

Ein weiterer Expertenrat: Von Rückfällen – auch mehreren – sollte man sich nicht entmutigen lassen. Viele Anläufe sind normal. Jede Mühe kann sich lohnen, denn es ist erwiesenermaßen nie zu spät.

Dieser Artikel behandelt medizinische Themen. Er darf in keiner Weise als Ersatz für die Beratung und Behandlung durch Ärztin oder Arzt gesehen werden.

Kategorien
Lebensorganisation

Vorsorgevollmacht Patientenverfügung – Wann, wenn nicht jetzt

Über uns allen hängt das Damoklesschwert des Schicksals. Manchmal fällt es herab. Ob durch Unfall, Krankheit oder geistige Gebrechlichkeit – vielleicht können Sie eines Tages nicht mehr über sich bestimmen. Was vielen nicht bewusst ist: Nun fällt diese Aufgabe keineswegs automatisch dem Ehepartner oder engsten Verwandten zu.

Vielmehr gebietet das Amtsgericht über die Betreuung eines Menschen, der – vorübergehend oder für den Rest des Lebens – geschäfts-, entscheidungs- und einwilligungsunfähig geworden ist. Ein Richter kann die Betreuung einem Angehörigen zusprechen, muss es aber nicht. Genauso kann das Gericht einen rechtlichen Betreuer damit beauftragen, über die Geschicke des hilflosen Menschen zu bestimmen.

Wer nicht möchte, dass im Zustand größter Not eine ihm unbekannte Person über sein privates Leben entscheidet, muss Vorsorge tragen*. Zwei Dokumente stehen hierfür im Fokus: die Vorsorgevollmacht und die Patientenverfügung.

Soll der Mensch Ihres persönlichen unbedingten Vertrauens über Ihre Angelegenheiten bestimmen, wenn Sie es eines Tages nicht mehr können, erteilen Sie ihm rechtzeitig die Vollmacht dazu. Und umgekehrt: Möchten Sie für Ihre Liebsten im Notfall die Entscheidungen treffen, lassen Sie sich beizeiten bevollmächtigen.

Unterschied Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht

Mit einer Patientenverfügung können Sie in erster Linie klarstellen, ob Sie alle oder bestimmte lebensverlängernden Maßnahmen ablehnen.

Mit der Vorsorgevollmacht können Sie generell die Gewalt über maßgebliche Entscheidungen und Handlungen in die Hände eines Bevollmächtigten** legen. Dazu gehören beispielsweise:

  • Medizinische Maßnahmen
  • Pflegerische Maßnahmen
  • Festlegung des Aufenthaltsorts zuhause, im Pflegeheim oder im Hospiz
  • Freiheitsentziehende Unterbringung und Maßnahmen wie Einweisung in geschlossene Einrichtungen oder körperliche Fixierung
  • Vermögensrechtliche Angelegenheiten
Warum Patientenverfügung?
  • „Will ich grundsätzlich nie mit einer Magensonde ernährt werden oder würde ich dies für bestimmte Sachlagen zulassen?“
  • „Will ich dauerhaft künstlich beatmet werden?“
  • „Sollen meine Schmerzen maximal betäubt werden, auch wenn sich dadurch mein Sterberisiko erhöht?“

Auch wenn man sich diese Situationen nicht gerne vorstellt, sollte man sich solche Fragen im Voraus beantworten. Denn wenn die Ärztin oder der Arzt Ihren Willen nicht in Erfahrung bringen können, werden sie sich im Zweifel für alle Maßnahmen entscheiden, die im Sinne des „hohen Rechtsguts auf Leben“ lebensverlängernd wirken.

Das kann dafürsprechen, möglichst viele Antworten in der Patientenverfügung zu geben.

BGH-Urteil zur Patientenverfügung

PatientenverfügungBefürworter der ausführlichen Patientenverfügung verweisen beispielsweise auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs (Aktenzeichen XII ZB 61/16), in dem der Abbruch der künstlichen Ernährung einer Schlaganfall-Patientin abgelehnt wurde. Nach Ansicht des Gerichts wies die Patientenverfügung einen zu großen Interpretationsspielraum auf. Unter anderem führte zu dem Urteil, dass die Betroffene sich beim Aufschreiben ihres Willens – einem damals angebotenen kirchlichen Formular folgend – nicht konkret gegen die Behandlungsmaßnahme künstliche Sondenernährung, sondern allgemein gegen lebensverlängernde Maßnahmen ausgesprochen hatte.

Allerdings wird geraten, auch generelle Aussagen ergänzend in einer Patientenverfügung aufzunehmen. Die Formulierung allgemeiner Einstellungen kann Ärzten, Angehörigen und möglicherweise Richtern wertvolle Hinweise geben. So können Sie beispielsweise darlegen, was Sie für ein noch lebenswertes Leben halten und was nicht.

Doch Achtung: Bestimmte Aussagen können sich widersprechen und damit unwirksam werden.

Grundsätzlich lassen sich Aussagen besser präzisieren, indem man angibt,

  • aus welchem Grund
  • unter welchen Bedingungen
  • man welche Maßnahmen

wünscht oder ablehnt.

Wie komme ich zu einer inhaltlich sinnvollen Patientenverfügung?

Informationen gibt es bei Verbraucherzentralen, kirchlichen Organisationen, Wohlfahrtsverbänden, Hospizen, der Bundesärztekammer und dem Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz (BMJV). In Broschüren und auf Webseiten können Sie sich über mögliche Inhalte Ihrer Patientenverfügung vorab schlau machen.

Doch wenn Sie sich beim Aufsetzen des Dokuments nur an Vorlagen aus dem Internet halten, bleiben womöglich viele individuelle Aspekte ungeklärt. So weist auch das BMJV darauf hin, dass die zur Verfügung gestellten Vorlagen und Textbausteine lediglich als Formulierungshilfen gedacht sind, und rät zur individuellen Ausarbeitung des Patientenwillens mit Experten.

Mit ärztlicher Beratung

Idealerweise erstellen Sie Ihre Patientenverfügung zusammen mit einem Arzt, dem Sie und Ihre eventuelle Krankengeschichte vertraut sind. Ärzte kennen zum Beispiel die hektischen Zustände auf Notfallstationen oder neue Entwicklungen der Medizintechnik und können in vielen Fällen einschätzen, welche Formulierungen größere Klarheit schaffen. Leider ist die ärztliche Beratung zur Patientenverfügung keine Kassenleistung, sondern wird nach der Gebührenordnung für Ärzte abgerechnet.

Wer sichergehen will, kann die Verfügung zusätzlich durch einen Rechtsanwalt oder Notar unter rechtlichen Gesichtspunkten prüfen lassen. Eine Beglaubigung ist allerdings nicht notwendig. Eine Unterschrift, auf Wunsch mit Zeugen, reicht.

Auf dem Laufenden bleiben

Allerdings sollten Sie die Patientenverfügung nicht im Ordner verstauben lassen, sondern in regelmäßigen Abständen, zum Beispiel einmal jährlich, mit neuem Datum und einer weiteren Unterschrift versehen. So unterstreichen Sie, dass in diesem Dokument tatsächlich Ihr aktueller Wille niedergelegt ist.

Kombination Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht

Es spricht vieles dafür, einer Person des Vertrauens die Patientenverfügung zusammen mit einer Vorsorgevollmacht zu überlassen. Beide Verfügungen können auch in einem Dokument zusammengefügt sein. Die Kombination der beiden Schriftstücke erleichtert es dem Bevollmächtigten in der Regel, den niedergeschriebenen Willen des Betroffenen bei medizinischen Entscheidungen noch besser durchzusetzen.

Wer soll eine Vorsorgevollmacht bekommen?

Natürlich die Person des größten Vertrauens. Es kann sinnvoll sein, dass zum Beispiel zwei Ehepartner oder Familienmitglieder sich gegenseitig bevollmächtigen. Doch was passiert, wenn – etwa nach einem gemeinsamen Unfall – auch der Bevollmächtigte nicht mehr entscheidungsfähig ist? Für diesen Fall ist es ratsam, einen Ersatzbevollmächtigten zu bestimmen.

Es wird jedoch davon abgeraten, mit ein und derselben Vollmacht mehrere Vertrauenspersonen zu bevollmächtigen. Im Ernstfall kann es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den Bevollmächtigten kommen. Da Entscheidungen einstimmig getroffen werden müssen, könnten die Vorsorgevollmacht unwirksam und eine langwierige gerichtliche Klärung notwendig werden.

Wie unabdingbar ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Vollmachtgeber und Bevollmächtigtem sein muss, wird nicht nur angesichts der uneingeschränkten Macht über Konten und Vermögen augenscheinlich. Vielmehr kann einem Bevollmächtigten buchstäblich die Entscheidung über Leben und Tod zufallen, etwa wenn er versuchen muss, bei existentiellen medizinischen Maßnahmen im Sinne des Betroffenen zu handeln. Über die Bedeutung einer aussagekräftigen Patientenverfügung siehe oben.

Zu einer erheblichen emotionalen Belastung des Bevollmächtigten können auch notwendige Entscheidungen zur Freiheitsentziehung des Betroffenen führen. Im Prinzip müssen solche Maßnahmen gerichtlich genehmigt werden. Dies betrifft aber nicht nur die Einweisung in eine geschlossene Einrichtung. Manche Betroffenen werden bei nicht erwünschter Agilität aufgrund psychischer Probleme oder Demenz eingesperrt, körperlich am Bett fixiert oder durch Medikamente ruhiggestellt, weil überlastete Pfleger keine anderen Möglichkeiten haben oder wahrnehmen wollen. In derart heiklen Situationen mit Einschränkungen der Freiheit und körperlichen Integrität fällt dem Bevollmächtigten die schwierige Aufgabe zu, den Betroffenen so gut wie möglich vor Schaden und menschenunwürdigen Zuständen zu bewahren. Dabei kommt es zum Teil weniger auf gerichtliche Beschlüsse als auf das Fingerspitzengefühl des Betreuers an.

Kann man private Bevollmächtigte vergüten?

In der Regel leistet ein Bevollmächtigter seine Dienste als Stellvertreter unentgeltlich, da es sich meist um einen Partner, Angehörigen oder die engste Vertrauensperson handelt. Ein Vollmachtgeber kann mit dem Bevollmächtigten aber eine Vergütung oder Aufwandsentschädigung frei vereinbaren. Dieses Übereinkommen kann in einem weiteren Dokument schriftlich festgehalten werden.

Wann tritt die Vorsorgevollmacht in Kraft?

Mit einer Vorsorgevollmacht ist der Bevollmächtige unmittelbar nach einem Notfall handlungsfähig, ohne rechtliche Prozesse abwarten zu müssen.

Rechtliche Betreuung statt Vorsorgevollmacht

Es ist freilich möglich, dass es keine Person des uneingeschränkten Vertrauens gibt. Dann kann es durchaus Sinn ergeben, seine Belange für den Fall der eigenen Entscheidungs- und Geschäftsunfähigkeit einer gesetzlichen Betreuung zu überlassen.

Über die Ausgestaltung einer rechtlichen Betreuung entscheidet das örtlich zuständige Betreuungsgericht (früher Vormundschaftsgericht) als Teil des Amtsgerichts.

Das Gericht kann berufsmäßige Betreuer, die bei der Betreuungsbehörde oder einem Betreuungsverein arbeiten, aber auch ehrenamtlich tätige Privatpersonen zum rechtlichen Betreuer bestellen. Bei einer rechtlichen Betreuung durch berufliche oder ehrenamtliche Betreuer fallen Kosten für Vergütung beziehungsweise Aufwandsentschädigungen an.

Rechtliche Betreuung mit Betreuungsverfügung

Man kann versuchen, mithilfe einer Betreuungsverfügung ein gewisses Maß an Einfluss auf eine rechtliche Betreuung zu nehmen. Mit der beim Gericht oder beim Zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer hinterlegten Betreuungsverfügung kann man einen „eigenen Wunschbetreuer“, zum Beispiel den Partner oder Angehörigen, vorschlagen und bestimmte Wünsche zur Lebensgestaltung bei Pflegebedürftigkeit äußern.

Allerdings gibt es keine Garantie, dass das Gericht diesen Angaben folgt. Es kann den vorgeschlagenen Betreuer für ungeeignet erklären oder dessen Handlungsspielraum nach gerichtlichem Ermessen einschränken.

Vertrauen ist gut, Kontrolle unter Umständen auch

Eine Besonderheit der rechtlichen Betreuung könnte man durchaus als Vorteil betrachten: Rechtlich bestellte Betreuer sind bei ihren Betreuungshandlungen sowie der Verwaltung des Vermögens eines Betreuten vom Amtsgericht zu überwachen.

Im Gegensatz dazu unterliegt die privat organisierte Betreuung mittels einer Vorsorgevollmacht nur dem Vertrauensverhältnis zwischen Vollmachtgeber und Bevollmächtigtem. Während die Betreuungsverfügung garantiert erst im Notfall wirksam wird und die Betreuung im Folgenden gerichtlich kontrolliert wird, kann ein privat Bevollmächtigter jederzeit und uneingeschränkt seine Verfügungsgewalt über die Belange des Vollmachtgebers ausüben. Es bleibt das Risiko, dass die Vollmacht im wortwörtlichen Sinne der „vollen Macht“ missbraucht wird.

Was tun bei Missbrauch?

Haben Ehegatte, Lebensgefährte, Angehörige oder weitere Vertrauenspersonen des Vollmachtgebers belastbare Hinweise, dass der Bevollmächtigte unredlich und nicht im Sinne des Vollmachtgebers handelt, können sie dies dem Gericht mitteilen. Daraufhin kann trotz Vollmacht ein gerichtlicher Kontrollbetreuer bestellt werden. Gegebenenfalls entzieht das Gericht dem privat Bevollmächtigten alle oder einige Befugnisse als Stellvertreter und ordnet ein gesetzliches Betreuungsverfahren an.

Und wenn ich es mir doch anders überlege?

Sollten Zweifel an den Inhalten der Vereinbarung oder der Vertrauenswürdigkeit des Bevollmächtigten aufkommen, kann man schnell und unkompliziert handeln.  Der Vollmachtgeber kann seine Vollmacht zu jedem Zeitpunkt, solange er noch entscheidungs- und geschäftsfähig ist, formlos widerrufen. Ein entsprechendes Schreiben sollte dem Bevollmächtigten und sicherheitshalber einem Notar zugehen. Die Vollmacht ist damit unwirksam. Dieser Widerruf ist wiederum unwiderruflich, das heißt, er kann nicht zurückgenommen werden.

Was soll in einer Vorsorgevollmacht stehen?

In der Vorsorgevollmacht sollten die Bereiche, um die sich der Bevollmächtige kümmern soll, möglichst detailliert aufgeführt werden.

Eine sogenannte Generalvollmacht bezieht sich auf die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Vollmachtgebers. Der Bevollmächtigte erhält zum Beispiel das Recht, das Vermögen zu verwalten, Bank- und Immobiliengeschäfte abzuwickeln und Versicherungsleistungen einzufordern und zu verwenden. Sicherheitshalber kann man sich auch bei seiner Bank erkundigen, ob diese die Vorsorgevollmacht anerkennt und gegebenenfalls eine zusätzliche Bankvollmacht einholen.

Die Generalvollmacht umfasst nicht automatisch andere Aufgaben. Die Entscheidungsgewalt über gesundheitliche Belange wie medizinische und pflegerische Maßnahmen sowie Entscheidungen zu Wohnung, Heim etc. müssen im Einzelnen zusätzlich aufgenommen werden.

Vordrucke und Inspirationen für die Inhalte einer Vorsorgevollmacht erhalten Sie zum Beispiel beim Bundesjustizministerium, bei kirchlichen Organisationen wie Caritas und Diakonie oder bei einem Betreuungsverein. Entsprechende Formulare lassen sich häufig von der Internetseite herunterladen.

Allerdings gilt für die Vorsorgevollmacht dasselbe wie für die Patientenverfügung: Für einen größtmöglichen individuellen Zuschnitt der Willenserklärung kann es vorteilhaft sein, sich von Experten beraten zu lassen. Dazu kann man Rechtsanwälte oder Notare konsultieren; auch Betreuungsvereine nehmen zum Teil kostenlos Beratungen vor.

Unterschrift, Beglaubigung oder Beurkundung?

VorsorgevollmachtFür die Rechtswirksamkeit der Vorsorgevollmacht reicht im Prinzip die Unterschrift des Vollmachtgebers.  Man kann das Schriftstück allerdings auch gegen eine Gebühr bei einer Betreuungsbehörde beglaubigen lassen.

Die notarielle Beglaubigung oder Beurkundung hat in der Regel Vorteile: Zum einen sollte der Text rechtssicher formuliert sein und zum anderen sollte die Geschäftsfähigkeit des Vollmachtgebers während der Erstellung der Vollmacht nicht anfechtbar sein.

Beinhaltet die Vollmacht die Entscheidungsgewalt über Grundstücks- und Immobilienangelegenheiten, ist immer die Beurkundung durch den Notar notwendig.

Über den Tod hinaus

Man kann im Dokument festhalten, dass die Vollmacht über den Tod des Vollmachtgebers hinaus gelten soll. So kann man sicherstellen, dass der Bevollmächtigte kontinuierlich handlungsfähig bleibt – zum Beispiel bis Erbverhältnisse geklärt und rechtlich wirksam sind. Der rechtliche Ausdruck dafür lautet „transmortale Vollmacht“. Vorsorgeregelungen veranlassen viele Menschen dazu, sinnvollerweise zusätzlich Überlegungen zu Nachlass und Erbrecht anzustellen und vertraglich festzuhalten.

Wo aufbewahren?

Achten Sie darauf, dass die Vorsorgevollmacht und die Patientenverfügung bei einer Notsituation rasch zum Einsatz kommen können. Hinterlegen Sie sie an einem sicheren Ort, den der Bevollmächtigte kennt und erreicht. Sie können auch – beispielsweise in der Geldbörse – einen Hinweis auf den Verbleib Ihrer Vorsorgevollmacht ständig bei sich tragen.

Man muss die Vorsorgevollmacht dem Bevollmächtigten nicht unbedingt vor Eintritt des Notfalls aushändigen. So kann man die Vollmacht überarbeiten und neu aufsetzen, und es bleibt bei einer gültigen Version.

Des Weiteren können Sie Ihre Vorsorgevollmacht sowie Ihre Patientenverfügung beim Zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer hinterlegen. Dafür ist eine einmalige Gebühr fällig. Von dort können Ihre Dokumente bundesweit jederzeit abgerufen werden. So kann man vermeiden, dass das Original verloren geht und nach Verlust der Geschäftsfähigkeit keine klare Rechtssituation mehr besteht.

Wann brauche ich eine Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht?

Auch wenn Sie sich noch fit und gesund fühlen – ein Unfall kann jederzeit passieren. Also könnte es durchaus sinnvoll sein, die Themen Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht ganz oben auf die To-do-Liste zu setzen.

*Dieser Artikel spricht rechtliche und medizinische Themen an. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Rechtsgültigkeit und ersetzt in keiner Weise Beratung und Handlungsvorschläge durch Juristen oder Ärzte.

**In diesem Artikel wird aus Gründen der Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet, das weibliche Personen selbstverständlich miteinschließt.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Check-up 35: Was bringt der Gesundheits-TÜV?

Stell‘ dir vor, die Kasse zahlt und kaum einer geht hin. Das ist eine überspitzte Beschreibung der Gesundheitsuntersuchung zur Früherkennung von Krankheiten, kurz: Check-up 35. Ab diesem Alter konnte sich bislang jede(r) Deutsche im Zwei-Jahres-Turnus durchchecken lassen. Eigentlich eine gute Möglichkeit, durch Früherkennung auf die künftige gesundheitliche Lebensqualität Einfluss zu nehmen. Doch wer besucht schon eine Arztpraxis, wenn es nicht wirklich wehtut?

Check-upKünftig soll das Angebot der kostenfreien Vorsorgeuntersuchung nur noch alle drei Jahre bestehen. So hat es der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) beschlossen, ein vom Bundesministerium für Gesundheit beauftragtes Gremium, das rechtlich selbständig über Leistungsansprüche der gesetzlich Krankenversicherten befindet. 

Von zwei auf drei

Vielleicht dient diese Verlängerung des Intervalls ja als Anreiz, sich nun regelmäßig auf Herz und Nieren prüfen zu lassen. Genau dies geschieht nämlich mit dem Ziel, Herz-Kreislauf- sowie Nierenerkrankungen frühzeitig zu erkennen. Aber auch Anzeichen von Diabetes mellitus werden getestet. Die Inaugenscheinnahme der Haut kann eine Überweisung zum Hautarzt erfordern. Beim Check-up können der Arzt oder die Ärztin zahlreiche weitere Unregelmäßigkeiten entdecken und entsprechende Ratschläge geben sowie Therapien veranlassen. Das betrifft nicht nur potentiell lebensbedrohliche Krankheiten. Ein Beispiel: Eine Patientin ist ständig erkältet. Beim Check-up wird eine Eisenmangelanämie, bei der das Blut zu wenig Sauerstoff bekommt, festgestellt. Diese gilt unter anderem als mögliche Ursache für Infektanfälligkeit. Die Blutarmut kann behandelt werden, und die Patientin wird möglicherweise gesund durch die Schnupfensaison kommen.

Wer macht den Check-up?

Die Gesundheitsuntersuchung wird in der Regel von Allgemeinärzt(inn)en oder Internist(inn)en durchgeführt.

Was wird beim Check-up gemacht?

Anamnese

Am Anfang führen Arzt oder Ärztin eine Anamnese durch, das heißt, sie stellen Fragen zum Gesundheitszustand des Patienten oder der Patientin. Bei der Eigenanamnese dreht es sich um Informationen zu aktuellen Beschwerden, bestehenden und durchgestandenen Krankheiten sowie Operationen. Bei der Familienanamnese geht es um Auskunft über schwere oder potentielle erbliche Krankheiten in der Verwandtschaft. Falls der Arzt nach der (ehemaligen) Berufstätigkeit oder dem Lebenswandel fragt, mag mancher denken: „Was geht den das an?“ Doch handelt es sich hier um nichts anderes als die sogenannte Sozialanamnese. Sie soll Hinweise auf potentielle Risiken für Berufskrankheiten oder gesundheitsgefährdende Gewohnheiten wie Stress und substanzgesteuerte Lebensgestaltung mit Zigaretten, Alkohol oder Drogen geben.

Körperliche Untersuchung

Bei der Untersuchung wird in Herz, Lunge und Blutkreislauf hineingehört, auf den Bauch getastet sowie in die Sinnesorgane Auge und Ohr geleuchtet. Dann müssen Sie vielleicht auf einem Bein balancieren, von den Zehen auf die Ferse wippen und den Rumpf beugen: Mit diversen Übungen werden Bewegungsapparat und Koordination geprüft. Der Kleinhirn-Check: Mit geschlossenen Augen den Zeigefinger treffsicher auf die Nasenspitze führen – auch das sollten Sie schaffen.

Wie regelmäßig schlägt das Herz, wie hoch ist der Puls und was macht der Blutdruck? Ab 140/90 mmHg ist er zu hoch und stellt ein Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Nierenversagen dar. 

Der Körper wird gemessen und gewogen, um den Body-Mass-Index zu ermitteln. Allerdings wird der Arzt bei Wohlbeleibtheit auch auf die Verteilung des Fettes achten, da Bauchfett ein höheres Risiko birgt als Hüftspeck.

Check-upBlutabnahme

Im Labor wird ermittelt, was das Blut so über den Gesundheitszustand des Patienten verrät. Check-up-Termine sind in der Regel morgens, da nur das Blut eines nüchternen Patienten aussagekräftig ist. Ein zu hoher Nüchtern-Blutzuckerwert kann ein Vorstadium oder den Beginn eines Typ-2-Diabetes anzeigen. Ein Diabetes entwickelt sich schleichend und unauffällig. Sogar ein mäßig erhöhter Blutzucker kann zu schweren Folgeschäden führen, wenn er dauerhaft auftritt. Daher gilt der regelmäßige Check-up gerade bei dieser weit verbreiteten Krankheit als sinnvoll. Die Früherkennung erlaubt es, der Krankheit beispielsweise durch günstige Ernährung und mehr Bewegung rechtzeitig entgegenwirken.

Der Cholesterinspiegel gehört ebenfalls zu den wichtigsten Blutwerten. Er gibt Auskunft über den Fettstoffwechsel und das Risiko für die weit verbreitete Arteriosklerose, sprich Gefäßverkalkung, und deren gravierende Folgen wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Idealerweise werden das „gute“ HDL und das „schlechte“ LDL getrennt ermittelt.

Urintest

Befindet sich im abgegebenen Urin Glukose, besteht ebenfalls Verdacht auf einen Diabetes. Zu hohe Eiweißwerte im Urin können auf eine Nierenerkrankung hinweisen. Außerdem kann zum Beispiel anhand von Blutkörperchen ein Infekt der Harnwege entdeckt werden, der sich nicht immer durch Schmerzen verrät. Nitrit im Urin gilt als Indikator für eine bakterielle Harnwegsinfektion.

Ergeben sich aus dem Check-up Verdachtsmomente auf Krankheiten, wird aus der Leistung zur Früherkennung die Leistung zur sogenannten Regelversorgung wie zum Beispiel in Form eines Elektrokardiogramms oder Ultraschalls. 

Abschlussgespräch

Bei der Besprechung der Ergebnisse kann der Arzt dem Patienten Veränderungen der Lebensweise hinsichtlich Ernährung, Bewegung und Konsum von Genussmitteln und/oder weitere diagnostische und therapeutische Schritte vorschlagen. So können chronische Krankheiten rechtzeitig verhindert oder gemildert werden.

Just do it

Allerdings kann auch das ausgeklügeltste Früherkennungsprogramm nur greifen, wenn die ärztlichen Ratschläge nach dem Check-up auch langfristig befolgt werden.

Bei Ihnen sieht mal wieder alles gut aus? Der Check-up könnte sich trotzdem gelohnt haben. Denn Sie verlassen die Praxis einfach in dem guten Gefühl, dass Sie vermutlich ziemlich gesund sind.

Zusätzlich zum Check-up 35 besteht Anspruch auf folgende Vorsorgeuntersuchungen:
  • Für Frauen und Männer ab 35 alle zwei Jahre ein Hautkrebs-Screening
  • Für Frauen und Männer zwischen 50 und 55 eine jährliche Stuhluntersuchung zur Darmkrebsfrüherkennung
  • Für Frauen und Männer ab 55– alle zwei Jahre die Darmkrebsfrüherkennung durch Stuhluntersuchung oder im Abstand von zehn Jahren zwei Darmspiegelungen (Koloskopien)
  • Für Frauen die jährliche Krebsvorsorgeuntersuchung der Genitalien und Brust sowie von 50 bis 69 jedes zweite Jahr eine Mammographie
  • Für Männer ab 45 die jährliche Krebsfrüherkennung der Genitalien und Prostata
  • Neu ab 2018: Für Männer ab 65 eine einmalige Ultraschalluntersuchung zur Früherkennung eines Bauchaortenaneurysmas (Erweiterung der Bauchschlagader)

Dabei kann es sich lohnen, sich bei der eigenen gesetzlichen Krankenkasse über eventuelle zusätzliche Ansprüche auf Vorsorgeuntersuchungen zu informieren.

Zu guter Letzt sollte man nicht vergessen, dass auch die regelmäßigen Impfungen zur Gesundheitsvorsorge beitragen.

Hinweis: Dieser Artikel gibt Informationen zu einem Gesundheitsthema. Er ersetzt jedoch in keiner Weise Beratung, Diagnose oder Therapie bei einer Ärztin oder einem Arzt.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Praxis Dr. Wald: täglich durchgehend Waldbaden

WaldGestresst, deprimiert oder krank? Konsultieren Sie Dr. Wald. Seine Praxis erstreckt sich über ein Drittel der deutschen Landkarte. Seine Leistungen bietet er gratis. Sprechstunde ist Montag bis Sonntag rund um die Uhr, durchgehend geöffnet – im Wortsinn. Für die Therapie braucht es keine Medikamente, sondern Ihre fünf Sinne und Achtsamkeit. Doch Dr. Wald ist streng: Mountainbike, Debatten über Alltagsprobleme oder Handys müssen leider draußen bleiben. Doch für aufgeschlossene Patienten hat er einiges zu bieten: wissenschaftlich belegte positive Gesundheitseffekte auf Immunsystem, Blutdruck, Herzfrequenz, Lungenfunktion und Psyche.

Der deutsche Wald: Dass er romantisch verklärt und zum Teil mythisch missbraucht wurde, ist ihm egal. Uns im Großen und Ganzen auch, wenn wir ihn ganz prosaisch und pragmatisch als Ausflugsziel und Sportgelände benutzen.

So geht Wald: Shinrin-yoku

WaldDoch wie man es richtig macht, wurde uns von Waldliebhabern eines fernen Landes gezeigt. Japaner haben ja ohnehin die Fähigkeit, verhältnismäßig simplen Tätigkeiten ungeheuren Tiefgang zu geben. Aus dem Arrangieren von Blumen wird die tiefsinnige Kunst des Ikebana, aus Teekochen wird eine Zeremonie der inneren Einkehr, aus Gartenbau wird meditatives Zen.

Klar, dass Japaner nicht einfach im Wald herumspazieren. Sie baden. Shinrin-yoku heißt die besondere Art der Waldbenutzung, nämlich in die Atmosphäre des Waldes einzutauchen beziehungsweise den Wald mit allen Sinnen wahrzunehmen. Waldbaden ist in Japan als medizinische Therapie anerkannt und ins öffentliche Gesundheitssystem integriert.

Achtsam im Wald zu baden bedeutet, alle Sinne auf das bewaldete Hier und Jetzt zu richten:

  • Hören Sie das Rauschen des Windes, das Knacken der Zweige, das Zwitschern der Vögel
  • Beobachten Sie das Spiel von Licht und Schatten, die Schattierungen der Farben, die Formen von Blättern und Blüten
  • Berühren Sie Moos, Rinde, Laub, das Wasser eines Baches oder fühlen Sie die Beschaffenheit des Waldbodens beim Barfußlaufen
  • Riechen Sie den Wald und definieren Sie die typischen Gerüche von erdig bis modrig, je nach Wetter und Jahreszeit
  • Falls Sie zum Beispiel auf einen Brombeerstrauch stoßen, gibt es auch was zu schmecken

Oder kreieren Sie Formen und Gebilde aus dem, was sie im Wald so finden. Das intensive Waldbad geschieht ohne Zwang und Vorgaben, sondern vielmehr beim unbeschwerten Trödeln und spontanen Innehalten.

Auch die eigene Bewegung kann man achtsam erspüren, zum Beispiel beim Auftreten auf den weichen Waldboden oder beim Balancieren auf einem Baumstamm.

Zum Waldbad passt es außerdem, auf seinen Atem zu achten und nach eigener Vorliebe meditative Übungen zu machen.

Erkenntnisse der Waldmedizin

Bedeutendster Fürsprecher des Waldbadens ist Qing Li, Professor für Umweltimmunologie an der Nippon Medical School in Tokio und sozusagen die Koryphäe der Waldmedizin. Dabei muss man keine Klangschalen auspacken oder esoterischen Theorien anhängen.

Qing Li konnte in groß angelegten Studien nachweisen, dass sich bei seinen Probanden nach einem Waldaufenthalt die Zahl der weißen Blutkörperchen, die im Blut Krankheitserreger abwehren, signifikant erhöhte. Je länger das Bad im Wald, desto mehr Killerzellen, die auch noch Tage später nachweisbar waren.

Li empfiehlt die Waldtherapie sogar als Vorbeugung vor beziehungsweise als unterstützende Maßnahme bei Krebs. Weitere Studien, auch anderer Wissenschaftler ergaben, dass nach dem Waldbad der Blutdruck sank und die Stresshormone abnahmen. Entsprechend günstig soll sich die Waldtherapie auf das Herz-Kreislauf-System und bei psychischen Problemen wie zum Beispiel Burnout auswirken.

Studien zum Gesundheitseffekt nordamerikanischer sowie unserer heimischen Wälder gehen in eine ähnliche Richtung. Man sieht sich vor allem durch nachgewiesene Heilungserfolge bei chronischen Lungenproblemen und stressbedingten psychosomatischen Erkrankungen bestätigt. Die therapeutischen, aber auch präventiven Effekte des Waldbesuchs könnten in Sachen Kosteneffizienz einen neuen Maßstab setzen.

Wald

Botenstoffe des Waldes stärken die Abwehrkraft

Was ist es denn nun, das Gesundheitsgeheimis des Waldes? Die Stille („Waldeseinsamkeit“, Joseph von Eichendorff) und das Licht („Wie grün der Wald“, Theodor Storm) sind sicher bereits auf ihre Art heilsam. Doch soll es die Waldluft sein, die es in sich hat. So ist das Mikroklima vom vielen Grün bestimmt, das Sauerstoff spendet und Schadstoffe filtert. Zusätzlich wabert durch den Wald ein besonderer Stoff: die Terpene beziehungsweise Phytocide. Diese organischen Verbindungen werden von Waldpflanzen aus Blättern, Rinde und Wurzeln mittels ätherischer Öle und Harze abgesondert, um Schädlinge fernzuhalten und miteinander zu kommunizieren. Vor allem diese pflanzlichen Botenstoffe sollen die Heilkraft der Bäume ausmachen. Denn die chemischen Moleküle können vom  menschlichen Organismus eingeatmet und entschlüsselt werden – mit den positiven Auswirkungen auf das Immunsystem und die Selbstheilungskräfte.

Das funktioniert sogar im Hotel. Dort hat Qing Li bestimmte Zimmer mit terpenehaltiger Waldluft klimatisiert. In der kontrollierten Studie konnte er nachweisen, dass die waldbedufteten Bewohner am nächsten Morgen mehr Abwehrzellen im Blut hatten als die Bewohner, die normale Zimmerluft eingeatmet hatten.

Erster europäischer Heilwald grünt in Deutschland

Mit deutscher Gründlichkeit und organisatorischem Know-how ist es gelungen, die japanische Vorlage hierzulande vorbildhaft mit Amt und Siegel zu versehen. So wurde ein Forst in Mecklenburg-Vorpommern zum „ersten europäischen Kur- und Heilwald“ erklärt und aufbereitet. Mit Kriterien, wissenschaftlicher Überwachung und Zertifikat. Der seit 2017 offiziell approbierte Forst befindet sich beim Ostseebad Heringsdorf auf Usedom. Nahegelegene Rehakliniken unterstützen das Projekt unter anderem mit einer Pilotstudie zu den positiven Effekten bei chronisch obstruktiver Lungenerkrankung. Zusätzlich zu den vom Wald höchstselbst gespendeten Sinneseindrücken und Terpene-Gaben des Waldbadens gibt es Geräte für allerlei Übungen und barrierefreie Wege für Geh- und Sehbehinderte.

Die Heilwald-Pioniere an der Ostsee trafen auf reges Interesse – bei Besuchern und Patienten, bei Fachleuten auf einem internationalen Kongress zum Thema Waldtherapie und bei zahlreichen weiteren Gemeinden, die sich um die Prüfung ihrer Forstgebiete als Kur- oder Heilwaldkandidat bewerben. Die Waldoffensive könnte der Erholung nicht nur feinstaub- und burnoutgeschädigter Städter, sondern auch landfluchtgeplagter Gemeindekassen dienen.

Mit oder ohne Waldtherapeut

Der geneigte Spaziergänger, der sich zum veritablen Waldbader entwickeln möchte, kann sich an vielen Orten von einer Expertin oder einem Experten begleiten und anleiten lassen. Waldbaden wird zum Teil in Wellnessprogrammen angeboten. Für die Dienstleistung „Waldtherapeut“ gibt es sogar einen Lehrgang mit Hochschul-Zerifikat.

Doch zum Glück kann einstweilen auch jeder einfach so seinen nächstgelegenen Dr. Wald aufsuchen.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Wie cool ist das denn: Hitze-Schlaftipps

Einige gehen zum Lachen in den Keller, andere zum Schlafen. Damit wäre schon der erste der Hitze-Schlaftipps für geruhsame Sommernächte genannt, wenn auch nach Sonnenuntergang die Temperatur nicht unter 20 oder sogar 25 Grad Celsius sinkt. Da dem Nordeuropäer eine Schlaftemperatur um die 18 Grad Celsius genehm ist und private Klimaanlagen die Ausnahme sind, weicht der Erholungsschlummer oft verschwitzter Unruhe. Es gibt aber Gegenmaßnahmen.

Tendenz: nach unten

Wie gesagt: Wenn Sie einen halbwegs wohnlichen Raum im Souterrain besitzen, sollten Sie Ihr Lager dort aufschlagen. Denn Wärme steigt nun mal hinauf und der geplagte Möchte-gern-Schläfer am besten hinab. Und sei es nur aus dem Schlafzimmer oben ins Wohnzimmer unten.

Hitze-SchlaftippsKühlflasche rein, Füße raus

Stolze Dachterrassenbesitzer zieht es samt Matratze ins Freie, allerdings empfiehlt sich jenen Glücklichen die großzügige Anwendung von Mückenschutzmitteln. Etwas biederer, aber wirksam erweist sich das alte Hausmittelchen, die Wärmflasche in eine Kühlflasche zu verwandeln. Wasser rein, ab in den Kühlschrank und zum Einschlafen neben (nicht an) den Körper oder die Füße. Apropos Füße: Was auch immer Sie in nächtlicher Wärme bedecken, die Füße am besten nicht.  Die sollten selbst unter Ihrer noch so leichten Zudecke – Laken, Betttuch – herausschauen, als Wärmeableiter sozusagen.

Machen Sie es nicht wie Marilyn

Zu den Glücksmomenten nach einem verschwitzten Sommertag gehört die abendliche Dusche. Allerdings sollte die keineswegs erfrischend eiskalt sein. Denn dann ziehen sich die Blutgefäße blitzartig zusammen. Der Körper schaltet auf Anti-Erfrierungs-Modus, fährt die Durchblutung hoch und heizt sich anschließend umso mehr auf. Also ist die lauwarme Dusche vorzuziehen! Zu den Hitze-Schlaftipps gehört die Wechseldusche: Den Wechsel zwischen kühl und warm beendet man allerdings nicht wie üblich mit kalt, sondern mit lauwarm. Ähnlich wohltuend wirkt ein absteigendes Bad. Man legt sich in lauwarmes Wasser und lässt ganz langsam kaltes Wasser nachlaufen. Wenn es unangenehm kalt wird, heißt es: Raus aus der Wanne. So kann man seinen Körper allmählich abkühlen, ohne dass er reflexartig gegensteuert. Nur weil wir von Marilyn Monroe im verflixten siebten Jahr gelernt haben, dass man Wäsche in den Kühlschrank legen kann, muss man es nicht nachmachen. Auf den eisgekühlten Pyjama reagiert der Körper nämlich ebenfalls mit verstärkter Wärmeproduktion. Holen Sie lieber aus dem Schrank Ihre leichteste locker sitzende Schlafwäsche aus natürlichen Fasern wie Seide, Leinen oder Baumwolle.

Fettes Essen heizt

Bewährte Tipps für besseren Schlaf gelten erst recht im Hochsommer. Es empfiehlt sich ein möglichst frühes Abendbrot und zwar mit leichter Kost. Fettes Essen am Abend, fette Schlafprobleme des Nachts. Alkohol im Schlummertrunk ist auch keine gute Idee, da er den Schweiß treibt und den Tiefschlaf verhindert.

HitzeschlaftippsEs lebe die Höhle

Zu den Hitze-Schlaftipps gehört das Prepping fürs Schlafzimmer. In weiser Voraussicht ist schon nach dem Aufstehen angeraten: Kein Licht, keine Luft. Da beides den Schlafraum noch mehr erhitzen würde, ist es sinnvoll, ihn tagsüber in eine Höhle zu verwandeln. Gelüftet wird erst, wenn Sie ins Bett gehen. Und lassen Sie die Fenster wenn möglich über Nacht auf. Falls dann Licht ins Zimmer fällt, Sie aber völlige Dunkelheit vorziehen, empfiehlt sich eine Schlafbrille. Überhaupt: Nutzen Sie die natürliche Klimaanlage durch das nächtliche Öffnen oder Kippen von Fenstern und Offenlassen von Türen. Allerdings sollte man sich nicht direkt in der Zugluft zur Ruhe betten, um Sommerschnupfen und steifen Nacken zu vermeiden. Bei Räumlichkeiten im Erdgeschoss sollte man außerdem nicht gerade Einstiegshilfen für Einbrecher kreieren.

Strom aus

Handys, Rechner und TV-Geräte, die sich aus irgendwelchen (wichtigen) Gründen in der Schlafumgebung – zum Beispiel in einer Einraumwohnung – befinden, sollten ausgeschaltet sein, da in heißen Nächten jeder gesparte Wärmegrad zählt.

Vorsicht Ingwer

Viel trinken ist bei Hitze immer ein guter Tipp, allerdings nicht kurz vor dem Schlafengehen. Da man nicht alles ausschwitzt, treibt einen die volle Blase aus dem Schlaf. Verzichten Sie vor allem auf Ingwertee als Einschlafmittel. Der wirkt ausgesprochen harntreibend.

Hitze-SchlaftippsBloß kein Stress

Zu den Hitze-Schlaftipps noch einer zum Abschluss: Bleiben Sie cool – auch im Kopf. Es bringt nichts, sich über die Schlafprobleme aufzuregen. Wer Zeit und Gelegenheit hat, kann als besonderes Sommervergnügen ein Tag-Nickerchen an einem schattigen Platz einlegen. Und genießen Sie den Sommer möglichst morgens mit Aktivitäten an frischer Luft. Das wirkt nachts so schlaffördernd, dass man sich umso lieber in aller Früh vom Vogelzwitschern wecken lässt.

*Dieser Text enthält Informationen über Gesundheitsthemen, ersetzt aber in keiner Weise die Beratung durch eine Ärztin oder einen Arzt.

Kategorien
Beauty & Style

Body Positivity – Schöner Altern mit Applaus?

Was man schön findet, ist nicht immer privat. Sobald man es hinausposaunt, wird es auch gesellschaftlich. Daher fordert eine neue Bewegung, das vermeintlich Unschöne schön zu finden: Body Positivity. Wäre das nicht was für uns in den besten Jahren? Wenn wir schon Falten und Fett ansammeln, dann bitte mit Applaus! Allerdings hat die Sache zwei Haken.Body Positivity

Haken Nummer eins:

Mit dem vehementen Toleranz-Diktat könnten Stereotype erst recht zementiert werden. Wenn ich fordere, dass ältere Körper als schön empfunden werden, untermauere ich die Annahme, dass sie es nicht sind.

Die verordnete Körperakzeptanz ist eine feministisch basierte Idee. Nur die diskriminierte Weiblichkeit wehrt sich gegen das Schönheitsdiktat. Weil es Männer in der Regel nicht anficht.

Zwei Beispiele, wie der Common Sense wohl noch tickt:

  • Sagt er zu ihr: „Ich find‘ dich toll, obwohl du Falten hast.“ (Boah, wow, unglaublich!)
  • Sagt sie zum ihm: „Ich find‘ dich toll, obwohl du Falten hast.“ (Na, was denn sonst?)

Oder:

  • Sagt er zu ihr: „Ich finde deinen Bauch ja süß.“ (Oh, wie großmütig!)
  • Sagt sie zu ihm: „Ich finde deinen Bauch ja süß.“ (Ganz schön frech, die Dame.)

Doch sollte man sich auch hier vor Klischees hüten. Schließlich lastet der Schönheitsdruck immer häufiger auch auf Männerschultern.  Man kann wohl davon ausgehen, dass so mancher aus der männlichen Spezies, der eitle Selbstgefälligkeit nachgesagt wird,  sehr wohl Schönheitsnormen erfüllen möchte. Und sich schlecht fühlt, weil er es nicht kann.

So heißt es für beide Geschlechter: Wohl denen, die genügend Selbstliebe besitzen, um vermeintliche Makel selber zu akzeptieren. Es kommt auf den Grad der Selbstverständlichkeit an, mit der man Falten und Pfunde trägt. Wer Selbstakzeptanz in den Wald hineinruft, dem schallt Toleranz entgegen. Und auch das ist kein Geheimnis: Je mehr jemand sich akzeptiert und akzeptiert wird, desto weniger ist das Aussehen ein Gesprächsthema.

Aber wie viele Menschen haben schon diese sympathische selbstverständliche Strahlkraft, die jede Äußerlichkeit überblendet?

Also empfehlen die Body Positivisten, sich vor dem Spiegel täglich schön und liebenswert zu reden. Die Frage ist nur: Ist kämpferische Selbstsuggestion („Ich bin schön, wie ich bin“) ein Mittel, gesellschaftliche Schönheitsmuster zu verändern? Oder wird sie nicht auch Unsicherheit ausdrücken: „Akzeptiert mich gefälligst so (unattraktiv), wie ich bin!“

Body PositivityUnd seien wir ehrlich: Schönheit beim Älterwerden ist doch wieder ein Thema der Frau. Das gilt auch für die Art, wie sie mit dem äußerlichen Älterwerden umgeht. Die einen halten es für völlig unangemessen, wenn frau sich noch kräftig schminkt und modisch stylt. (Dezent, bitte, dezent!) Die anderen halten das allmähliche Verschwinden im Rentnerbeige-Nebel für inakzeptabel und deprimierend. Konsens gibt es wohl nur im Extrem: Bei Vernachlässigung des Äußeren schauen alle lieber weg.

Mit den Schönheitsidealen ist es jedenfalls so eine relative Sache: Bei manchem späteren Topmodel musste erst entdeckt werden, dass der Leberfleck und die Zahnlücke kein Deal-Breaker sind, sondern im Gegenteil das Quäntchen Individualität, das das Antlitz noch schöner macht.

Und heute tut sich doch was in den normengebenden Instanzen: Unserem auf jugendliche Schlankheit geeichten Schönheitsempfinden zum Trotz gibt es in Werbung und Medien seit längerem auch ältere Models und kurvige.

Allerdings keine fettleibigen.

Wir finden Übergewicht inzwischen zwar als normal, aber noch lange nicht schön. Wichtigster Body-Positivity-Streitpunkt ist und bleibt die unbegrenzte Körperfülle. Ich bin rund, na und?

Kommen wir zum Haken Nummer zwei:

Etwas wird in der gesamten Diskussion scheinbar völlig übersehen. Das Übermaß an Körperfett ist nur zum Teil eine Frage der Ästhetik. Ein erhebliches Problem liegt in den Gesundheitsrisiken, die mit den Jahren immer größer werden. Darüber können auch euphemistische Namen wie Adipositivity nicht hinwegtäuschen. Unter der Wortkreation aus Adipositas und Positiv will ein amerikanisches aktivistisches Fotoprojekt in der Gesellschaft „fat acceptance“, also Fettakzeptanz erreichen.

In anderen Teilen der Welt wäre das gar nicht nötig. Body Positivity der besonderen Art herrscht in großen Teilen des afrikanischen Kontinents. Äußerst füllige Frauen mit breiten Hüften und großen Hintern gelten als richtig hot. Nichts leichter – zumindest in Gebieten mit wachsender Mittelschicht –, als sich diese Idealfigur mit Fastfood und Softdrinks anzufuttern. Die Folge ist ein drastischer Anstieg der gleichen ernährungsbedingten Krankheiten wie in den Industrienationen.

Body PositivityDas heißt, auch die Teilnehmer(innen) von Adipositivity bedürfen möglicherweise bald nicht mehr der Bewunderung, sondern der Behandlung, zum Beispiel von Stoffwechselstörung, Fettleber und Diabetes Typ 2. Dann werden Arzt oder Ärztin der Fettakzeptanz mit der ausgesprochen intoleranten Forderung begegnen: „Und jetzt nehmen wir mal ordentlich ab“. Und es wird klar, wie negativ sich die Positivity auswirken kann. Oft befinden sich auf der großen Hautoberfläche metallhaltige Tattoos als weitere Fanale der körperlichen Selbstbestimmung. Das kann diagnostische Verfahren mittels Magnetresonanztherapie ausschließen – ein weiteres Thema.

Was könnte Body Positivity nun fürs Älterwerden bedeuten? Wollen wir Akzeptanz oder Disziplin? Wie wäre es mit beidem?

Das eine Schön ist das, was von der Gesellschaft so empfunden wird. Denn die Schönheit der reifen Persönlichkeit ist zweifelsohne da, nur der Sinn dafür könnte sich gerne schneller und auf breiterer Ebene entwickeln als auf vereinzelten Pinterest-Blogs.

Das andere Schön ist, was auch vom eigenen Organismus so empfunden wird. So gesehen kommt Schönheit eben doch von innen.

Body Positivity

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Superfood super einfach super günstig super nah

Die WM 2018, das war nix, aber diese Deutschen haben’s wirklich drauf: Lebensmittel aus heimischen Landen, regional, altbewährt und preisgünstig. Doch in den besten Jahren wollen wir ganz besonders wertvolle Ernährung*, um gesünder, vielleicht sogar ein bisschen langsamer zu altern. Da gibt es schließlich diese neu entdeckten Gesundheitsgeheimnisse aus aller Welt – Stichwort Superfood. Die gute Nachricht: Obst und Gemüse von der Scholle kickt in unserem Körper so gut wie die Exotenmannschaft. Und dribbelt sie oft aus.

Der Begriff Superfood hat sich in unser Verbraucherleben geschlichen, um außergewöhnlich nährstoffreiche gesundheitsfördernde Lebensmittel zu kennzeichnen. Als Superfutter hat Pflanzennahrung von ziemlich weit her in deutschen Regalen und Küchen Einzug gehalten: Samen, Pasten, Beeren oder Pulver mit Namen wie Chia, Acai, Goji, Moringa, Quinoa, Matcha. Die klingen nicht nur interessant, sondern sind es auch. Enthalten sie doch große Mengen Vitamine, Mineralien und sekundäre Pflanzenstoffe mit antioxidativer Wirkung. Antioxidantien sollen freie Radikale gefangen nehmen und unsere alternden Zellen schützen.

Der positive Gesundheitseffekt von Superfood ist zum Teil – meist durch Tests an Labortieren – belegt, der Glaube an exotische Wunderwirkung besorgt den Rest.

Alles super?

Auf den zweiten Blick findet man allerdings ein paar gewaltige Schönheitsfehler:

  • schwer einzuschätzende und bei Stichproben nachgewiesene Pestizid- und Schadstoffrisiken wegen unklarer Produktionsbedingungen
  • Stress für den Geldbeutel dank der gehobenen, im Vergleich zu einheimischen Produkten exorbitanten Preisstellung
  • einen ungünstigen CO2-Fußabdruck aufgrund der transkontinentalen Transportwege

Mit Vorsicht genießen ist hier wohl die richtige Redewendung. Zudem überschreitet im häuslichen Vorratsschrank manches Exotenpulver still und leise das Haltbarkeitsdatum, weil der oder die Gesundheitsbewusste es doch nicht recht in den eigenen Koch- und Essgewohnheiten unterbringen konnten.

Die Alternativen:

Dabei ist die Sache mit dem Superfood eigentlich super einfach. Schreiben Sie für Ihren Einkauf auf dem Markt oder im Laden ein paar altbacken anmutende Namen auf die Liste.

SuperfoodSuperfood

Leinsamen versus Chiasamen

Kalzium unterstützt den Knochenaufbau, Ballaststoffe bewirken eine gute Verdauung und Omega-3-Säuren (auch im Leinöl) wirken entzündungshemmend und können Herz und Gefäße schützen. Linsen mit ihrem hohen Proteingehalt und Walnüsse oder Walnussöl mit ihrem hohen Omega-3-Gehalt sind ebenfalls Chia-Ersatz.

Suoerfood

Heidelbeeren versus Acaibeeren

Der sekundäre Pflanzenstoff und Farbgeber Anthocyan bindet freie Radikale, schützt Körperzellen vor oxidativem Stress, kann entzündungshemmend wirken und die Prozesse des Alterns positiv beeinflussen. Dafür dürfen außerdem Brombeeren, Holundersaft, Rotkohl und Kirschen auf den Einkaufszettel.

Superfood

Superfood

Schwarze Johannisbeeren versus Gojibeeren

Ein Nährstoffcocktail aus extrem viel Vitamin C, A und P, Phosphor und Kalzium unterstützt das Immunsystem und kann vor entzündlichen Krankheiten schützen. Die schwarze Johannisbeere hat alles, was die Gojibeere hat, bei weniger Kalorien. Unsere Hagebutten sind ebenfalls Vitamin C-Bömbchen.

Superfood

Superfood

Petersilie versus Moringapulver

Eine große Menge an Kalium, Kalzium und weiteren Mineralstoffen und Spurenelementen sowie beinahe alle Vitamine – und deren antioxidative Eigenschaften – können mit der Petersilie in frischer und gut verwertbarer Form aufgenommen werden. Auch die Vitamine aus Sauerampfer und Löwenzahn werten Salate und Smoothies „super“ auf. Feldsalat und Spinat sind ebenfalls gute Mineralienlieferanten.

Superfood

Superfood

Hirse versus Quinoasamen

Die Hirsekörner enthalten viel Eisen und andere Mineralien und bieten – wie das ebenfalls nährstoffreiche südamerikanische „Pseudogetreide“ Quinoa – eine hochwertige Alternative zu glutenhaltigen Getreidesorten. Wie Quinoa ist Hirse daher eine gehaltvolle Abwechslung im Speiseplan, besonders geeignet für Menschen, die wenig oder kein Gluten vertragen. Im Gegensatz zu Quinoa gibt es Hirse auch aus einheimischem Anbau. Den hohen Eiweißgehalt von Quinoa können zusätzlich Linsen liefern.

Kräutertee versus Matchapulver

Hagebuttentee hilft dem Immunsystem und der Verdauung, Kamillentee wirkt entzündungshemmend und unterstützt den Stressabbau, die Inhaltsstoffe des Weißdorn- beziehungsweise Hagedorntees können Blutdruck und Herz guttun.

Immer rein damit

Es gibt viele Möglichkeiten, heimisches Superfood in den Speiseplan unterzubringen: Leinsamen ganz oder geschrotet als Zutat im Müsli, im Brotteig oder über den Brotaufstrich gestreut, ins Smoothie gemixt und als Öl im Salat. Heidelbeeren und Brombeeren pur, im Obstsalat, im Joghurt, im Saft oder Smoothie. Die sauer-herben schwarzen Johannisbeeren am besten als Zutat im Obstsalat, im Müsli, in der Smoothie-Mischung sowie zu Marmelade oder Fruchtsauce roh gerührt. (Beim Einkochen sinkt der Vitamin C-Gehalt.) Die vielseitige Hirse als Bratling, Risotto, Salatbasis etc.

Bio bitte

Einheimische, idealerweise regionale Produkte punkten im Gegensatz zu den stark verarbeiteten Superfood-Importen mit Frische und kurzen Wegen. Wer gesunde Lebensmittel will, kauft Bio, am besten mit dem Bioland-Siegel oder Demeter-Siegel.

Die Direktvergleiche zeigen, dass das importierte Superfood hierzulande regelrechte Wirkungs-Doppelgänger hat. Was nicht das ganze Jahr erhältlich ist, kann zum Beispiel durch Einfrieren haltbar gemacht und so in der Nicht-Saison verwendet werden. Es sei jedem unbenommen, dennoch auf sein Exotenmittel zu schwören, da bekanntlich auch Glaube und Vertrauen gesundheitsfördernd wirken können.

Doch jenseits von Trends, Glaubensfragen und Brimborium könnte man ohnehin zu dem Schluss kommen, dass der regelmäßige Genuss unterschiedlicher heimischer Obst- und Gemüsesorten ziemlich super ist. Und manchmal muss man es auch von außen gesagt kriegen. Der häufig unterschätzte Grünkohl wurde in den USA zum Superfood erklärt und beglückt uns hierzulande nun in Form von Produkten unter dem schicker klingenden Namen Kale.

*Dieser Text enthält Informationen über Gesundheitsthemen, ersetzt aber in keiner Weise die Beratung durch eine Ärztin oder einen Arzt.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Gewicht im Alter: Wo kommen bloß diese Kilos her?

Ach, wär‘ doch nicht nötig gewesen. Neuerdings ist der Körper immer so großzügig. Zu jedem Lebensjahr schenkt er ein Kilo Gewicht. Dabei hat man seinen Lebensstil gar nicht verändert. Wo kommen bloß diese Kilos her und wie wird man sie wieder los?

Also, fair klingt das nicht: Während wir so einen Geburtstag nach dem anderen feiern, ist unser Körper heimlich mit Umbaumaßnahmen beschäftigt. Schon ab dem vierten Lebensjahrzehnt tritt er beim Stoffwechsel auf die Bremse. Ziel ist, unbedingt an dem festzuhalten, was er hat: Masse.

Der Organismus beschließt ein Energiesparprogramm, indem er Muskelmasse ab- und Fettdepots aufbaut. Zunächst ganz diskret: Muskeln sind schwerer als Fett; also macht sich der Weg in die Schwabbeligkeit zunächst gar nicht so sehr auf der Waage bemerkbar.

Doch dann schlägt er aus, der Zeiger. Immer ein bisschen mehr.

Hormone gehen, Pfunde kommen

Komplizen dieser Machenschaften sind die Hormone, mal wieder. Wenn bei Frauen der Östrogenspiegel sinkt, wandern weibliche Fettdepots bevorzugt in die Bauchgegend. Sinkt bei Männern der Testosteronspiegel, weichen maskuline Muckis soften Fettringen – bevorzugt in der Bauchgegend. Je älter, desto Klops.

Bauchfett zeigt sich nicht nur als zusätzliches Gewicht und unschöne Wölbung aus Unterhautgewebe, sondern kann vor allem im Inneren Unheil anrichten. Als viszerale (die Eingeweide betreffende) Fettmasse umschließt es die Organe und kann Stoffwechselstörungen und Entzündungsprozesse mit Folgen wie Arteriosklerose, Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes oder Krebs auslösen.

Doch nicht nur der Abschied von Sexualhormonen schlägt aufs Gewicht. Beim Älterwerden geht auch das Wachstumshormon Somatropin zurück. Schade eigentlich, denn Somatropin ist ein Fettvernichter.

Energiesparziel erreicht

Nun werden Gewicht halten oder gar Abnehmen immer schwieriger. Während Muskeln schon in Ruhe reichlich Kalorien verheizen, sind die weißen Fettzellen nicht besonders verbrennungswütig. Der Körper hat sein Ziel erreicht: Der Grundumsatz an Energie sinkt, der Motor läuft auf Sparflamme. Das war bei den Urahnen ganz gut, damit sie nicht gleich verhungern, falls sie in dem Alter immer noch lebten und mal wieder das Mammut verfehlt haben. Unser verwöhnter Neuzeitkörper hingegen bekommt ein mammutmäßiges, das heißt fett-, zucker- und kohlehydratreiches Angebot an Kalorien, das er in den reiferen Jahren am allerwenigsten braucht.

In Zahlen: Er hat doppelt so viel Fettgewebe wie früher und braucht halb so viel Energie wie früher.

GewichtBei einigen Menschen kann die altersbedingte Zunahme beim Gewicht sogar bis zur Fettleibigkeit ausarten. Eine Studie mit Mäusen hat ergeben, dass ein solch vehementer Gewichtszuwachs und die damit verbundene Typ-2-Diabetes auch im Zusammenhang mit zwei Mutationen des Gens Ankyrin B stehen könnten. Im Moment wird daran geforscht, inwieweit die Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind und wie Behandlungsmöglichkeiten aussehen könnten.

Doch auch bei milderen Formen des Speckerwerbs möchte man möglicherweise auf die ästhetischen Auswirkungen auf Optik und Haptik sowie die gesundheitlichen Folgen wie Bluthochdruck, Fettleber, metabolisches Syndrom und Diabetes gerne verzichten. Doch wie könnte man die berüchtigten Jahresringe wieder loswerden oder gar nicht erst ansetzen?

Grundumsatz versus Leistungsumsatz

Wenn der Grundumsatz sinkt, muss man den Leistungsumsatz erhöhen. Also – das überrascht uns jetzt nicht wirklich – ist Bewegung im Alter wichtiger denn je. Denn unbewegt altert man nicht in Würde, sondern in Übergewicht und Gesundheitsgefahr.

Wer eine Ader für Askese hat und meint, mit Radikaldiäten könne das Problem gelöst werden, irrt: Hungern vernichtet nicht nur Fett, sondern auch Muskeln, die wichtigen Fettverbrenner. Außerdem schaltet der Körper in den Notfallmodus, versucht so wenig wie möglich zu verlieren und mittels Jo-Jo-Effekt nach der Diät so viel wie möglich wieder draufzupacken.

Hungerkur bringt Unheil nur

Beim Figurmanagement sollte man daher nicht ins andere Extrem verfallen. Starkes Untergewicht kann gesundheitliche Nachteile mit sich bringen. Der hagere Körper hat unter Umständen zu wenig Masse, von der er bei einer längeren Krankheit zehren könnte. Und Fett darf zwar schmelzen, doch Muskeln müssen trainiert und proteinreich gefüttert werden, da sie unter anderem das ältere Skelett stabilisieren müssen.

Ob Spazieren oder Sport – auf die Regelmäßigkeit und das Ausnutzen oder, wenn möglich, moderate Steigern der persönlichen Leistungsgrenze kommt es an. Schön, wenn man sich – zum Beispiel als Ruheständler – die Zeit für seine Trainingseinheiten aussuchen kann. Manche Experten raten auch zur gelegentlichen kleinen Morgen-Ertüchtigung noch vor dem Frühstück. Die Ausschüttung von Adrenalin, während die Insulinproduktion noch nicht angeregt ist, soll den Fettabbau befördern.

GewichtJe nach individuellen Vorlieben und Möglichkeiten eignen sich Ausdauersportarten wie Walken, Joggen, Schwimmen oder Radfahren, die mit Extra-Trainingseinheiten für die Fettverbrenner-Muskeln kombiniert werden sollten, zum Beispiel mit Gymnastik, Hanteln oder Geräten. Eine Mischung aus Konditions- und Krafttraining schützt nicht nur vor Altersringen, sondern auch vor Verlust von Knochenmasse. Auch nach krankheitsbedingten Ruhepausen sollten in erster Linie die Muskeln wiederaufgebaut werden.

Sie sporteln bereits und der Hosenbund spannt trotzdem? Sie ahnen es: Die Fettkampagne des älter werdenden Körpers erfordert auch veränderte Ernährungsgewohnheiten. Eine Zurückhaltung bei fett- und kohlehydratreichen Genüssen ist nützlich. Freilich sollte man sich nicht gleich alle Lieblingsgerichte versagen. Aber schauen Sie mal genau hin, was einfach zu ändern sein könnte. Zum Beispiel den allmorgendlichen fetten Frischkäse auf dem Brot durch den mageren körnigen zu ersetzen. Wichtig ist es, eine langfristige Umstellung zu schaffen. Nicht vergessen: Jede Kalorie, die nicht verbraucht wird, wird eingelagert. Bei der Speicherfröhlichkeit des älteren Körpers kann sich das rasch summieren.

Wie kann man hungrige Fettzellen austricksen?
  • Den Tag über möglichst viel Wasser trinken, weil dies den Stoffwechsel anregt und ein gewisses Sättigungsgefühl begünstigt
  • Vorsicht bei Zucker in jeglicher Form und gesüßten Getränken
  • Mal testen, ob die Portion wirklich so groß sein muss (muss sie meist nicht)
  • Fertigprodukte meiden und, wenn möglich, mit Liebe und frischen Zutaten kochen
  • Sich fürs Einkaufen, Kochen und Essen Zeit nehmen
  • Nicht in Kalorienfallen tappen (zum Beispiel Säfte und Smoothies, die vitamin-, aber auch sehr fruchtzuckerreich sind, oder fettarme Produkte, die durch erhöhten Zuckeranteil geschmacklich aufgepeppt wurden)
  • Morgens wie ein Kaiser frühstücken und im Laufe des Tages immer weniger essen
  • Möglichst nicht snacken, sondern intermittierendes Fasten probieren
  • Abends nicht zu spät sowie möglichst proteinreich und kohlehydratarm essen (Abendbrot ohne Brot, aber zum Beispiel mit griechischem Salat)

Natürlich sind all diese Ratschläge leichter gesagt als befolgt. Das Älterwerden kann schließlich nicht nur gute Bedingungen für Aktivität und Genuss, sondern auch Krisen und dunkle Momente mit sich bringen. Auch hier gilt: Wenn einem alles zu viel wird, sollte man Trost und Stressabbau möglichst nicht beim Essen, sondern in der Bewegung suchen.

Oder soll man die breiten Jahresringe – um es paradox auszudrücken – doch nicht so eng sehen? Mediales Aufsehen erregte eine dänische Studie, nach der man mit leichtem Übergewicht im Alter auf ein längeres Leben hoffen darf als so mancher Schlanke. Man darf wohl annehmen, am langlebigen „leichten Übergewicht“ der Probanden waren ein gewisser Anteil an Muskeln, wenig Viszeralfett sowie beste medizinische Versorgung beteiligt. Die Methoden der Beobachtungsstudie samt Schlussfolgerung trafen immerhin auf reichliche Kritik.

Auch wenn eine gewisse „Pfundigkeit“ nicht mehr vermeidbar oder gar von Vorteil sein sollte – vielleicht reagieren wir auf das ein oder andere Kilogeschenk des Körpers doch lieber mit einem beherzten „Nein, danke“.

Gewicht

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Osteoporose vorbeugen: Lass NICHT krachen!

Wir wünschen uns, im Alter gesund und fit zu sein. Niemand will schrumpfen, vor seiner Umwelt buckeln, dauernd „Ich hab‘ Rücken“ jammern, sich beim Niesen („Gesundheit!“?) die Rippen brechen oder von der Teppichkante mit dem Tode bedroht werden (Stolpern, Hinfallen, Oberschenkelhalsbruch, Bettlägerigkeit, frühzeitiges Ende durch Lungenentzündung, -embolie etc.). Doch das ist leider möglich, weil das altersbedingte Schwinden von Knochendichte zur Osteoporose werden kann.

Die Krankheit* gilt als völlig unterschätzt, obwohl sie viele Menschen ereilt – in Deutschland jede dritte Frau über 50 und jeden fünften Mann über 60. Die WHO zählt Osteoporose zu den 10 wichtigsten Volkskrankheiten. Und – gemein – der Knochen verdünnisiert sich heimlich. Erst wenn die Knochen brechen, merkt man, wie krank man ist. Und weg bleibt auch weg. Die Mediziner können dann nur noch Medikamente verschreiben, die weiteren Knochenschwund hemmen sollen.

Dabei könnten viele Brüche und Leid verhindert werden, wenn die Menschen ihr Risiko erkennen und rechtzeitig selbst aktiv würden. Nach dem Motto „Wehret den Anfängen!“ sollte man sein Skelett frühzeitig unterstützen.

OsteoporoseKnochenharte Arbeit

Früher war alles besser? Oh ja, was unsere Knochen betrifft. Beim Heranwachsen wird – normale Ernährung vorausgesetzt – das Skelett immer stärker und beim Erwachsenen bleibt es erst mal stark. Die Knochen sind in ihrer Leichtbauweise ein anatomisches Kunstwerk: außen eine feste Wand, innen ein Gerüst aus kleinen Balken. Knochen bestehen unter anderem aus Mineralien wie Kalzium für die Härte und Kollagenfasern für die Elastizität. Und drinnen wird fleißig gearbeitet. Im Knochengebäude betreiben Zellen-Bauarbeiter zwei unterschiedliche Gewerke: Osteoklasten sorgen als Fresszellen für den Rückbau alter Knochenmasse, Osteoblasten besorgen den Neubau. So kann sich die Knochensubstanz mehrmals im Leben völlig erneuern.

Das Dumme ist nur, dass mit dem Älterwerden – schon ab den Vierzigern – allmählich der Rückbau den Neubau überwiegt. Dieser Prozess vollzieht sich bei manchen Menschen schneller und dramatischer. Dafür sind unterschiedliche Risikofaktoren verantwortlich, allen voran hormonelle Veränderungen. Gewinnen die Rückbauer endgültig die Oberhand und gerät die Mineralisierung aus dem Gleichgewicht, drohen die Folgen der Osteoporose. Das klingt porös und ist es auch. Die Knochensubstanz wird dünner und spröder. Was dünn und spröde ist, bricht leicht.

OsteoporoseHexe mit Rückenschmerzen

Das trifft im Prinzip auf alle der über 200 Knochen des menschlichen Skeletts zu. Doch besonders oft brechen die Wirbelkörper, die dann zum Rundrücken à la Hänsels und Gretels Hexe und zu dauerhaften schlimmen Rückenschmerzen führen können. Da man bei einem Sturz reflexhaft zuerst auf die Hände fällt, kommt es auch häufig zu Frakturen des Handgelenks. Und bedauerlicherweise erleiden immer noch viele ältere Frauen den zurecht berüchtigten Oberschenkelhalsbruch, von dem sie sich oft nicht mehr erholen.

Da sich die Krankheit lange Zeit nicht bemerkbar macht, wird das Risiko von den meisten Menschen ausgeblendet. Mangels irgendwelcher Frühsymptome sollte man prüfen, welche Risikofaktoren dazu führen können, dass eines vielleicht gar nicht so fernen Tages die Knochen leichter brechen.

Gründe für Osteoporose-Alarm:
  • Die hormonellen Veränderungen beim Älterwerden. Besonders betroffen sind Frauen jenseits der Wechseljahre. Je früher die Menopause eintrat, desto höher ist das Risiko, da Östrogen vor dem Abbau schützt. Auch bei Männern nimmt der Knochenschutz durch Sexualhormone ab, jedoch weniger drastisch, da der Hormonrückzug langsamer verläuft.
  • Untergewicht korreliert in Studien mit dünnen Knochen.
  • Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie. Wenn über längere Zeit zu wenig Kalzium aufgenommen wurde, sind die Knochenmineraldichte und damit der Vorrat an Knochenmasse zu niedrig.
  • Rauchen ist für die Knochen schädlich.
  • Alkoholkonsum im Übermaß schädigt den Knochenstoffwechsel.
  • Osteoporose in der Familie. Es kann eine genetische Veranlagung bestehen.
  • Erkrankungen des Hormonsystems wie Schilddrüsenüberfunktion, chronisch-entzündliche Erkrankungen wie Rheuma sowie Erkrankungen des Magen-Darm-Systems wie Morbus Crohn können den Knochenstoffwechsel beziehungsweise die Einlagerung von Kalzium stören.
  • Medikamente wie Kortison, Blutverdünner oder Protonenpumpeninhibitoren. PPI blockieren die Magensäure, die der Körper zur Aufnahme von Kalzium benötigt; der Körper holt sich das Kalzium aus den Knochen ins Blut.
  • Sportmuffel, Couchpotato oder Bewegungseinschränkung. Ein gesundes Skelett braucht Druckbelastungen und trainierte Muskeln.

Ein einziger dieser Faktoren reicht, um das Osteoporose-Risiko zu erhöhen.

Wie kann man den „Abbau unter Tage“ nun bremsen? Abgesehen von Nikotin-Abstinenz und möglicher Alternativen zu knochenschädlichen Arzneien sollte man so früh wie möglich folgende Dreifach-Strategie anwenden: 1. Kontinuierlich Kalzium aufnehmen. 2. Vitamin D-Spiegel hochhalten. 3. Für regelmäßige körperliche Bewegung sorgen.

Anti-Osteoporose-Faktor Kalzium

Das Mineral Kalzium wird dem Körper mit der Nahrung zugeführt und ist ein wichtiger Baustein für den Knochen. Aber Knochen fungieren auch als Speicher, und zwar ausgerechnet für Kalzium. Denn der Körper wünscht zugunsten seiner Organ- und Zellfunktionen einen gleichbleibenden Kalziumgehalt im Blut. Wurde zu wenig Kalzium aufgenommen oder resorbiert (zum Beispiel durch die regelmäßige Einnahme von Protonenpumpeninhibitoren), muss der Knochen von seinem Kalzium abgeben. Das heißt, er kriegt nicht nur keines zum Aufbauen, sondern muss vom Rest auch noch spenden. Das erklärt, warum die ausreichende Versorgung mit Kalzium doppelt wichtig ist, um der Osteoporose entgegenzuwirken.

Wo kriegt man genügend Kalzium her?

Ein bis eineinhalb Gramm Kalzium sollte man auf Empfehlung des Deutschen Dachverbands Osteologie (DVO) täglich zu sich nehmen. Den meisten Menschen fällt dazu die Milch ein. Allerdings gibt es zum Thema Milch und Knochengesundheit inzwischen reichlich Diskussionen. Während viele Experten die Milch noch uneingeschränkt als Kalziumquelle empfehlen, gibt es auch Gegenstimmen. Eine groß angelegte Harvard-Studie hatte ergeben, dass die Höhe des Milchkonsums bei Frauen keinen Einfluss auf ihr Osteoporose-Risiko hatte. Eine Studie der schwedischen Universität Uppsala erbrachte sogar das scheinbar paradoxe Ergebnis, dass Frauen mit hohem Milchkonsum nicht etwa den erwünschten Schutz, sondern im Gegenteil ein höheres Osteoporose-Risiko hatten. Den Grund dafür können die Wissenschaftler nach eigenen Angaben nicht eindeutig belegen. Es gibt lediglich die Vermutung, dass der durch den Milchzucker übersäuerte Körper Kalzium aus den Knochen zieht.

Wer nun verunsichert genug ist, Milch ohnehin nicht mag beziehungsweise verträgt oder sich aus Tierliebe vegan ernährt, darf sich über gute Alternativen freuen:

OsteoporoseKalziumreiches Mineralwasser trinken

Nichts ist einfacher und effektiver, als beim Durstlöschen ganz nebenbei etwas für die Knochen zu tun. Als kalziumreich gelten alle Wässer, die einen Kalziumgehalt von mehr als 300 Milligramm pro Liter aufweisen. Im Internet gibt es Listen, die über die Mineralisation einzelner Wassermarken Auskunft geben (zum Beispiel der Gerolsteiner-Mineralienrechner). Bei Supermarkt-Eigenmarken schaut man am besten auf dem Etikett nach, aus welcher Quelle sie stammen und wie hoch der Kalziumgehalt ist.

OsteoporoseGrünes Gemüse essen

Grünkohl, Fenchel, Brokkoli und Co. liefern nicht nur Vitamine, sondern auch viel Kalzium.

 
Nüsse und Samen genießen

Die gesunden Knabbereien oder Zutaten, allen voran Mandeln, Haselnüsse, Sesamsamen beziehungsweise Sesammus (Tahin), Mohn und Leinsamen tragen ebenfalls zu einer höheren Kalziumbilanz bei.

Auch Tofu und Sojamilch sowie andere mit Kalzium angereicherte Pflanzenmilch sind gute Kalziumlieferanten.

Bei Brot sollte man zu Vollkorn- statt zu Weißmehlprodukten greifen.

Achtung Gegenspieler:

Entscheidend sind nicht nur der ausreichende Verzehr von Kalzium, sondern auch dessen Bioverfügbarkeit. Im komplexen Zusammenspiel der Nährstoffverarbeitung muss das Mineral resorbiert werden können, sonst scheidet der Körper es wieder aus. Meiden beziehungsweise selten essen sollte man daher bestimmte Lebensmittel, die die Verwertung des Minerals hemmen. Als Kalziumdiebe gelten zum Beispiel Fleisch, Wurst, Cola-Getränke und Schmelzkäse wegen ihres hohen Phosphatgehalts und Spinat, Mangold, rote Bete, Rhabarber und Kakao wegen ihres Oxalsäuregehalts. Auch ein hoher Konsum von Salz in Fertiggerichten, Chips oder durch notorisches Nachsalzen ist ungünstig für die Kalziumbilanz. Denn das Natrium führt dazu, dass Kalzium mit dem Urin ausgeschieden wird. Abzuraten ist außerdem von dem Verzehr von Kleie, die zwar als natürliches Abführmittel beliebt ist, aber durch ihren hohen Gehalt an „bindendem“ Phytin die Kalziumausbeute deutlich verringert.

Kalzium aus dem Apothekenregal?

Wer nicht so sorgfältig auf seine Ernährung achten möchte, zieht es vielleicht vor, Kalzium regelmäßig in Tablettenform zu schlucken. Ein Vorgehen, das auch von vielen Ärzten empfohlen wird. Doch vom schnellen hochdosierten Kalziumkonsum über Zusatzpräparate wird von manchen Experten abgeraten, da Studien in diesem Zusammenhang auf ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko hinweisen.

Das kardiovaskuläre Risiko bezieht sich nur auf das Calciumcarbonat aus den Nahrungsergänzungsmitteln. Bezüglich der Kalzium-Aufnahme über Wasser und Nahrung gibt es weder Bedenken noch Obergrenzen.

Anti-Osteoporose-Faktor Vitamin D (und K)

OsteoporoseWer Kalzium sagt, muss auch Vitamin D sagen. Das Vitamin spielt eine entscheidende Rolle in der Anti-Osteoporose-Strategie, weil es die Aufnahme von Kalzium im Magen-Darm-Trakt unterstützt und so für den Knochenaufbau unverzichtbar ist. Vitamin D produziert der Körper selbst, wenn genügend Sonnenlicht auf die Haut trifft. Oder man nimmt es über die Nahrung auf.

Bei beiden Methoden gibt es allerdings ein Mengenproblem. Früher hieß es oft, beim Spaziergang in der Mittagszeit, auch im Winter oder bei bewölktem Himmel, träfe genügend Sonnenlicht auf die Haut, um den Körper ausreichend mit Vitamin D zu versorgen. In Untersuchungen unter anderem des Robert-Koch-Instituts und des Max-Rubner-Instituts hat sich allerdings herausgestellt, dass in einer sonnenarmen Gegend wie Deutschland die meisten Menschen an Vitamin D-Mangel leiden. Lange Sonnenbäder ohne Sonnencreme sind ohnehin nicht zu empfehlen.

OsteoporoseLeider kann man mit der Nahrung ein Vitamin D-Defizit kaum ausgleichen. Daher empfehlen Osteologie-Experten und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, das Vitamin als Osteoporose-Vorbeugung in nahrungsergänzender Form, zum Beispiel von Tabletten, zu sich zu nehmen. Die Tagesempfehlung lautet 800 bis 1000 i. E. (internationale Einheiten). Bei hohem Osteoporose-Risiko ist die Dosierungsempfehlung sogar noch höher. Der Vitamin D-Spiegel lässt sich einfach durch eine Blutentnahme bestimmen und sollte 30 Nanogramm pro Milliliter Blut (ng/ml) nicht unterschreiten. Vitamin D-Spiegel und Dosierung sollte man am bestem mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen.

Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass auch das Vitamin K eine wichtige Rolle für die Verwertung von Kalzium und damit für die Gesundheit der Knochen spielen könnte. Vitamin K ist vor allem in grünen Kohl- und Blattgemüsen und Salat enthalten und ebenfalls als Nahrungsergänzungpräparat erhältlich.

Anti-Osteoporose-Faktor Bewegung

Regelmäßige Bewegung hat gleich mehrere knochenfreundliche Effekte:

  • Erstens regen die Druck- und Zugbelastungen durch das Körpertraining den Knochenstoffwechsel an.
  • Zweitens schützen die trainierten Muskeln das Skelett.
  • Drittens verbessern sportliche Übungen die Koordination, Körperbeherrschung und Balance und damit den Schutz vor Stürzen.
  • Viertens wird die Vitamin D-Produktion unterstützt, sofern man unter freiem Himmel spaziert oder sportelt.

Man sollte sich eine vielseitige Mischung von Aktivitäten gönnen, um möglichst viele Teile des Bewegungssystems zu stärken. Dazu gehört das muskelaufbauende Training mit spezieller Gymnastik oder dem beherzten Griff zu Hanteln oder in die Geräte des Fitnessstudios. Darüber hinaus halten vor allem dynamischere Bewegungen mit Sprüngen wie zum Beispiel beim Aerobic oder auf einem Trampolin den Knochenstoffwechsel auf Trab. Gut geeignet sind Bewegungsabläufe, bei denen das eigene Körpergewicht getragen wird. Wer gerne schwimmt, sollte daher zusätzlich eine weniger schwerelose Sportart betreiben.

OsteoporoseOb man sich fürs Tanzen, Krafttraining, Gymnastik, Walking, Laufen, Wandern oder was auch immer entscheidet – man sollte ein Minimum an Spaß dabei haben, damit man dranbleibt. Wichtig ist es außerdem, die Muskeln nach der Bewegung zu dehnen. Wer nicht gern ins Fitnessstudio geht, findet zum Beispiel Videos mit spezieller Osteoporose-Gymnastik im Internet. Wie bei allen Sportempfehlungen gilt auch hier, bei allem Ehrgeiz die individuelle körperliche Belastbarkeit zu berücksichtigen und das Leistungsvermögen vorsichtig zu steigern.

Dichte messen

Wer wissen will, wie es um seine Knochen steht, kann deren Dichte mit der DXA-Methode messen lassen. Nach einer Durchleuchtung von Lendenwirbelsäule und Hüfte wird der Mineralgehalt des Knochens errechnet. Ein Ergebnis von beziehungsweise unter einem Wert von -2,5 gilt als Osteoporose. Bei Werten über -2,5 bis  -1 spricht man von einer Osteopenie. Das ist ein leichterer Knochenschwund und ein klarer Hinweis, dass man spätestens jetzt mit seiner Anti-Osteoporose-Strategie beginnen sollte. Die Knochendichte-Messung wird von den Krankenkassen nicht bezahlt, es sei denn, es gab bereits Knochenbrüche.

Sehr oft wird eine Osteoporose erst erkannt, nachdem ein Knochenbruch diagnostiziert wurde. Die Therapie besteht in der Regel darin, weitere Frakturen zu verhindern. Dafür gibt es Medikamente, die den Knochenabbau hemmen. Allerdings wird dadurch auch der Aufbau gehemmt, da die knochenbildenden Osteoblasten von den rückbauenden Osteoklasten abhängen. Die Pharmaforschung hat inzwischen ein Medikament entwickelt, dass gewissermaßen nur die Arbeit der Rückbauer blockiert, aber nicht ihre Existenz. So könnten auch die Neubauer wieder aktiv werden. Allerdings hat die amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA die Zulassung wegen Bedenken hinsichtlich möglicher Herzinfarktrisiken zurückgestellt (Stand 2018).

In Anbetracht der Nebenwirkungen und Einschränkungen der medikamentösen Therapie gilt umso mehr der Appell: Kümmern Sie sich rechtzeitig um Ihre Knochen, damit im Alter die Lebensqualität erhalten bleibt.

* Dieser Artikel gibt Informationen zu einem Gesundheitsthema. Er dient nicht der Eigendiagnose und ersetzt keinesfalls das Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Untergewicht? Gesund was auf die Rippen

„Man kann nie dünn und reich genug sein“, sagte die verwöhnte Wallis Simpson und genoss nach der Abdankung Edwards mit ihrem Ex-König-Gatten ein Leben in Luxus und – Dünnsein. Aber stimmt das auch? Zu reich fühlen sich Reiche wohl selten.

„Zu dünn“ jedoch kann nachgewiesenermaßen Leistung, Konzentration, Knochen und Immunsystem schwächen. Denn auch in reichen Ländern gibt es ein Problem mit Untergewicht, und zwar auch bei älteren Menschen. Da sie weder Wallis noch Heidi Klum heißen, kam der Gewichtsverlust oft ungewollt, sei es nach Krankheit, Trauerfall, Stress oder Verlust des Geschmackssinns. Und nun? Immer rein mit Cola, Carbonara und Currywurst? Gerade im Alter empfiehlt sich eine langsamere, aber gesündere Methode*: das Zunehmen mit kalorienreichen Lebensmitteln, die viele wertvolle Stoffe enthalten.

Wann hat man man Untergewicht?

Spätestens, wenn man Rippen und Beckenknochen erkennen kann, wird es Zeit nachzurechnen: Der Body-Mass-Index (BMI) ergibt sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm, geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Ein Beispiel: Eine Frau ist 1,60 Metern groß. Ihr aktuelles Gewicht beträgt 44 Kilogramm. 44 dividiert durch 1,60 mal 1,60 (2,56) ergibt einen BMI von 17,2. Als Untergewicht gilt ein BMI von weniger als 18,5 Kilogramm. Also gilt die Frau als leicht untergewichtig. Für ältere Menschen wurde die Grenze allerdings wesentlich höher angelegt: Der amerikanische National Research Council (NRC) hält für 55- bis 65-Jährige einen BMI von 23 bis 28 für normal, bei über 65-Jährigen sogar 24 bis 29. Die Fettreserven werden demnach zum „gesunden“ Faktor, wenn sie bei längeren Krankheiten vor Auszehrung schützen. Dennoch sollten solche Angaben hinsichtlich der individuellen körperlichen Verfassung kritisch betrachtet werden.

Gesunde Dickermacher

Bei unerwünschtem Untergewicht braucht man jedenfalls Lebensmittel, die dicker machen, ohne die Organe mit „leeren“ Kalorien, ungesunden Fettsäuren und Zuckerschocks zu belasten, sondern im Gegenteil den Körper mit wertvollen Inhaltsstoffen bereichern. Anders gesagt beziehungsweise gefragt: Wer bringt zu den Kalorien was Vernünftiges mit?

Untergewicht

Am einfachsten ist es, Kalorien zu trinken – aber bitte nicht in Form von Softdrinks, die mit Extra-Zucker oder Isoglucose gesüßt sind, sondern in Form von Fruchtsäften, Smoothies und Shakes. Das gesunde Plus: Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe und Proteine.

Untergewicht

Bleiben wir bei Obst: Trockenfrüchte haben wesentlich mehr Kalorien als frisches Obst. Getrocknete Aprikosen, Pflaumen, Trauben, Ananas etc. im Müsli oder als Snack helfen beim Zunehmen und liefern neben den beliebten Ballaststoffen auch die Vitamine C, D sowie der B-Gruppe, Kalzium, Zink, Kupfer, Eisen, Magnesium und Kalium.

Untergewicht

Bananen sind Energiespender par excellence mit hohem Zuckergehalt, aber auch mit Kalium, Magnesium und Vitamin B6.

Untergewicht

Die reichhaltige Avocado ist ein Renner der Gesundkost, da ihre Fette so gesund sind. Genau wie ihr Vitamin A, E, Beta-Carotin und Biotin.

Untergewicht

Ein naheliegendes Lebensmittel für Zunehmwillige ist Fett. Erstens verstärkt es appetitanregend die Geschmacksstoffe und zweitens liefert es Kalorien satt. Leider sind tierische Fette weniger gesund. Die beste Alternative sind gesunde Pflanzenöle wie Oliven- und Rapsöl mit ihren ungesättigten Fettsäuren, die dabei helfen das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen zu senken.

Untergewicht

Da wir schon beim gesunden Fett sind – „Kalorienbömbchen“ wie Wal-, Macadamia-, Erd- und Haselnüsse, Cashew- und Mandelkerne enthalten neben mehrfach ungesättigten Fettsäuren auch Vitamin B, Phosphor, Lecithin und Kalium, Vitamin E, Biotin und Folsäure.

Haferflocken sind eine gute Wahl für ein energiespendendes Müsli. Dazu gibt es Vitamin B1 und E, Mineralstoffe wie Kalzium, Silizium, Zink und Mangan.

Untergewicht

Ob Getreide oder Reis: Vollkornprodukte sind reichhaltiger als ihre geschälten Varianten. Aber auch reicher an B-Vitaminen, Ballaststoffen, Eisen, Chrom, Magnesium und Zink.

„Würstchen“ und „Fleisch“ aus Seitan stehen beim Kaloriengehalt dem tierischen Original in nichts nach. Die Produkte aus Weizeneiweiß freuen aber die Psyche des Tierfreunds. Und sie sind einfach die Alternative für den gesundheitsbewussten Fleischliebhaber, sofern er nicht an Glutenunverträglichkeit leidet.

Untergewicht

Dunkle Schokolade ist eine leckere Variante, auf die süße Art zuzunehmen, ohne den Blutzuckerspiegel auf Achterbahnfahrt zu schicken. Dank ihres hohen Kakaogehalts und der gefäßfreundlichen Flavonoide darf man guten Gewissens in Schokolade schwelgen.

Wer Gewicht zulegen will, darf mehrmals am Tag essen und naschen und sollte sich eher nicht im intermittierenden Fasten üben. Hilfreich ist es auch, Zuneigung zum Essen zu entwickeln und mit Spaß am Kochen und Anrichten den Appetit anzuregen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat weitere Kochtipps: Speisen mit gesunden Ölen und fettreichen Milchprodukten kalorisch anreichern und viele Kräuter und Gewürze verwenden, um auf den Geschmack zu kommen.

Was Ältere besonders beachten sollten: Bei Untergewicht fehlt es oft nicht nur an Fett, sondern auch an Muskeln. Da sich im Alter Muskeln schneller abbauen als in jungen Jahren, sollte – obwohl es paradox klingt – das Zunehmen mit Bewegung kombiniert werden. Gleichzeitig sollte man darauf achten, ausreichend Proteine aus möglichst gesunder Nahrung zu sich zu nehmen, zum Beispiel aus Haferflocken, Sojaprodukten, Erbsen, Linsen, Pilzen etc. Bewegung macht Appetit, und das ist auch gut so. Denn da die Muskeln wiederum mehr Energie verbrennen, müssen sie auch wieder gefüttert werden.

Allerdings sollte niemand stur eine Norm einzuhalten versuchen und womöglich mit Gewalt zunehmen wollen. Wer sich gesund ernährt und fit fühlt, kann sich von Arzt oder Ärztin bestätigen lassen, dass das Gewicht unterhalb der Norm durchaus okay ist.

*Dieser Artikel gibt Informationen und Anregungen zu einem Gesundheitsthema. Er dient nicht zur Eigendiagnose und ersetzt in keiner Weise Diagnose und Therapie durch Arzt oder Ärztin.

Kategorien
Entdecken & Genießen

Grüne Sauce: Kraut, Kräuter, am Kräutesten

Grüne SauceFrankfurt soll ja sehr liberal sein, aber beim Dill hört’s auf. Wer den in das Traditionsgericht Frankfurter Grüne Sauce mischt, begeht einen eklatanten Fauxpas und beweist, dass er es allenfalls bis Mittelhessen geschafft hat. Überhaupt haben Fremde die Finger von der Grie Soß zu lassen, genauer gesagt vom Erzeugen und Verkaufen derselben. Mit Stempel und Segen der EU ist Frankfurter Grüne Sauce nämlich eine geschützte geographische Angabe, die sich der Frankfurter Verein zum Schutz der Grünen Sauce mühsam erkämpft hat. Kräuter aus NRW? Geed net! Gibds net! Maache mer net! Ok, aber was ist drin und wie schmeckt sie am besten?

Beim ersten Blick auf den Teller waren die Besucher aus den USA erst mal befremdet: „Green is a funny color for food.“ Nach Einsatz ihres Geschmackssinns forderten sie Nachschlag. So ist es nun mal mit der Kochkunst. Auf die Komposition kommt es an, in diesem Fall die Mischung aus sieben Kräutern, durch Geschmacksknospengenerationen regionaler Soß-Verkoster geprüft:

Krause Petersilie

Schnittlauch

Grüne Sauce

Sauerampfer

Grüne Sauce

Borretsch

Grüne Sauce

Kresse

Grüne Sauce

Kerbel

Grüne Sauce

Pimpinelle

Grüne Sauce

Fein gewiegt werden die Kräuter mit fetthaltigen Geschmacksträgern wie Crème fraîche, Schmand und saure Sahne vermischt, (Gesundheits- und Figurbewusste schmuggeln lieber Joghurt und Quark rein, Veganer/innen nehmen Soja- oder Pflanzenjoghurt), dazu Salz, Pfeffer sowie nach Gusto Zitronensaft, Senf und Zwiebeln. Man kann das Ganze zur Not im Mixer nach dem Motto „Grüner wird’s nicht“ zentrifugieren. Geht alles, aber bitte kein Dill.

Vitaminbombe an gekochten Eiern und Pellkartoffeln

Manche häckseln noch ein gekochtes Ei hinein, aber uff Frankforderisch stilecht werden die gekochten Eier hübsch gehälftet und in Gesellschaft von Pellkartoffeln zum Saucenklacks serviert. Der Anteil eines einzelnen Krauts an der Gesamtmischung darf 30 Prozent nicht überschreiten. Dafür haben die Kräutergärtner aus dem Frankfurter Stadtteil Oberrad zu sorgen, bevor ihr wohlschmeckendes Grünzeug in das typische weiße Papier mit grüner Aufschrift gewickelt wird.

Grüne SauceWer die zarten Gewächse übrigens auch sehr lecker findet, sind äußerst integrationswillige und -fähige Neufrankfurter aus dem fernen Afrika. Nilgänse fühlen sich in der Mainmetropole derartig wohl, dass sie aus dem Freibad nach Okkupation von Becken und Liegewiese nur durch die gezielte Hinrichtung von sechs Artgenossen (zeitweise) zu verscheuchen waren. Für die Grie Soß machen sie gerne mal einen Abstecher vom Mainufer nach Oberrad, umso lieber, als da keiner erschossen wird.

In Demut und Hochachtung vor den geplagten Frankfurter Grüne-Sauce-Bauern darf man sich sicher auch selber im heimischen Erdreich von Balkon und Garten versuchen. Ein paar Anbau-Tipps:

  • Kresse gelingt auf der Fensterbank
  • Sauerampfer und Borretsch vertragen Sonne
  • Petersilie, Schnittlauch und Kerbel lieben den Halbschatten
  • Pimpinelle ist eher etwas fürs Beet als für den Balkon

Unbedarfte Gärtner kaufen am besten Jungpflanzen und beobachten, an welchem Standort und in welcher Erde es denen am besten gefällt.

Denkmal und Führung

Wenn man mal in Frankfurt ist, kann man das Grüne-Sauce-Denkmal besuchen und vor Ort Kräuter kaufen. Wer der Sache auf den grünen Grund gehen will, kann sogar eine Führung zum Thema Grüne Sauce machen. Man darf sich ziemlich sicher sein, dass bei der Verkostung auch das Frankfurter Stöffche, zu deutsch Apfelwein, gereicht wird. Aber uffgebassd! Auch nach dem zweiten Glas Wein nicht die Wörter Dill und Grüne Sauce zusammen in einem Satz aussprechen!

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen Lebensfreude

Automatismus – Wehe, wenn der Bürgermeister kommt

Es gibt einen Automatismus, mit dem Ältere hierzulande hundertprozentig rechnen können: Bürgermeister(innen) gratulieren zu runden und halbrunden Wiegenfesten. Ab dem siebzigsten kann es losgehen, je nachdem, wo man wohnt. Zum hundertsten kommt der Ortschef meist selbst vorbei.

Doch Vorsicht! Erwarten Sie im Alter automatisch den Bürgermeister, aber nicht das Schwinden der Sinne, Geisteskraft, und Gesundheit! Es könnte sein, dass sich Ihre Einstellung verselbständigt. Viele Studien weisen darauf hin, dass das eigene Denken in hohem Maße die körperliche Verfassung beeinflusst. Pessimisten haben da schlechte Karten. Es sei denn, sie können durch aufmerksames Denken und Verhalten dem Automatismus negativer Altersassoziationen entgegenwirken.

„Das hätt‘ ich jetzt nicht gedacht!“

Sind wir nicht immer höchst verblüfft, wenn hochaltrige Menschen geistig und körperlich fit sind? Aber vielleicht ist das Erstaunen nur so hoch, weil wir diesen Zustand einfach nicht erwarten.

AutomatismusDie Erkenntnis, dass sich Gedankenmuster auf den Körper auswirken, ist alles andere als neu, aber immer neu untersucht. Eine der Wegbereiterinnen ist die Harvard-Professorin Ellen Langer, berühmt für ihre Forschung zum Thema Achtsamkeit und Alter. Sie hat bereits Anfang der achtziger Jahre einen Versuch unternommen, der die Wirkung der Gedankenkraft auf das reale Älterwerden bloßlegen sollte.

Back to the Fifities

AutomatismusEinige Männer um die 80 wurden in ein abgelegenes Kloster in New Hampshire gebracht. Sie wurden angehalten, ein paar Tage im Hier und Jetzt zu leben. Allerdings war das Hier und Jetzt das Jahr 1959. In einem Umfeld ohne Spiegel, aber mit Musik, Möbel, Kleidung, Gegenständen, Zeitschriften und TV-Nachrichten des simulierten Jahres, sollten die Teilnehmer auch so tun, als wären sie 22 Jahre jünger. Dazu gehörte, soweit möglich gewohnte altersgemäße Schemata von Gebrechlichkeit und Betreuungsbedarf zu ignorieren. Im Übrigen durften sie sogar selbständig kochen und Geschirr spülen, was bei Männern dieser Jahrgänge sicherlich zu ganz neuen Verschaltungen im Gehirn geführt hat.

Im Anschluss an das Experiment wurden bestimmte Fähigkeiten erneut getestet. Körperkraft, Motorik, Haltung, Auffassungsgabe, Erinnerungs- und Denkvermögen und sogar die Sinnesschärfe beim Schmecken, Hören und Sehen – alles hatte sich verbessert. Zum Vergleich gab es eine Kontrollgruppe, die das fiktive 1959 nicht „gelebt“, sondern nur erinnert hatte. Bei der Gruppe der Totalsimulation aber waren nicht nur die Resultate des Intelligenztests besser, sondern auch der allgemeine Verjüngungseffekt wesentlich ausgeprägter. Selbst auf Fotos schätzten Unbeteiligte die Männer jünger ein als sie waren.

Think positive

Im Jahr 2009 veröffentlichte Langer ihr Buch „Counterclockwise“, deutscher Titel: „Die Uhr zurückdrehen“. Ihre jahrzehntelange Forschung dazu, wie sich mentale Überzeugungen auf den Körper auswirken, machte sie zu den Mitbegründerinnen der sogenannten positiven Psychologie.

Wie ein gigantischer Placebo-Effekt kann es demnach helfen, mit gedanklichem Training die eigenen und gesellschaftlichen Erwartungen, welche Verfallserscheinungen das Alter mit sich bringt, infrage zu stellen und sich ein Stück weit davon zu befreien. Oder anders herum: Man könnte verhindern, dass der Automatismus negativer Gedanken eintritt. Dieser wirkt wie ein Nocebo-Effekt, bei dem man sich durch pessimistische Überzeugungen bezüglich des Älterwerdens regelrecht krank und gebrechlich denkt.

Im Sog der Stereotype

Aber wie stellt man es an, die Kraft der Gedanken ins Positive zu lenken? Ein von Langer in den Mittelpunkt gerückter und seither in zahlreichen Facetten weiter entwickelter Ansatz ist das aufmerksame Denken, besser bekannt unter dem Stichwort Achtsamkeit. In diesem Sinne ist Achtsamkeit nicht auf Stressreduktion und Meditationstechnik beschränkt. Aufs Alter angewendet, könnte man diese Strategie ungefähr so beschreiben: Bevor man in einer selbsterfüllenden Prophezeiung „Im Alter wird alles schlechter“ sich geradezu unselbständig und eingeschränkt redet, sollte man wertfrei ans Altern herangehen. Indem man im Hier und Jetzt erspürt, dass man lebt und was man erlebt, soll verhindert werden, dass man in eine Abwärtsspirale des negativen Denkens gerät, die die körperliche Verfassung mit herabzieht.

Durch aufmerksames Beobachten und Unterscheiden kann es zum Beispiel gelingen, ein aktuelles Unwohlsein nicht pauschal in die Kategorie Altersbeschwerden zu packen. Oder: Bevor man aufgrund stereotyper Vorstellungen à la „Von nun an geht’s bergab“ auf Bewegung verzichtet, sollte man hineinspüren, welche sportliche Betätigung sich wie anfühlt und auswirkt. Und idealerweise feststellen, dass die Annahme, man sei zu alt, unbegründet ist. Die Folge: Durch Aufmerksamkeit schöpft man sein Potential, gesund und fit älter zu werden, besser aus.

Aber ist es so einfach? An der positiven Psychologie beziehungsweise am positiven Denken wurde kritisiert, dass anvisierte Wunschträume eher lähmen als anspornen können, wenn sie dann doch zu entfernt oder zu mühsam erscheinen. Freilich hat niemand Kraft und gute Koordination, nur weil er sich das einbildet.

Automatismus

Ein guter Plan

Vor diesem Hintergrund hat die Psychologin Gabriele Oettingen vorgeschlagen, in die positiven Gedanken die negativen einzuarbeiten. Es kommt nicht nur auf das Ziel an (zum Beispiel beweglich zu bleiben), sondern auch auf den Weg dorthin, und vor allem auf die Hindernisse auf diesem Weg. Bei der WOOP-Methode geht es um Wish (Wunsch), Outcome (Ergebnis), Obstacle (Hindernis) und Plan.

Die Gedanken zu Wunsch und Ergebnis werden mit den Gedanken zu den Hindernissen (zum Beispiel negative Altersklischees) kontrastiert. Daraus ergibt sich ein Plan, wie man vorgehen könnte. Zum Beispiel so: Zu dem Zeitpunkt, in dem man meint, altersgerecht im Sessel versacken zu müssen, bricht man stets zu einem Spaziergang auf. Oder man fährt eine Runde mit dem Rad. Wichtig ist, dass die Art der Bewegung Freude macht. Die Veränderung, fit statt steif und unbeweglich zu werden, erfährt man idealerweise wie nebenbei, ohne es recht zu merken.

Der negative Automatismus „Ich muss mich schonen, weil ich alt bin“ wird gewissermaßen positiv automatisch durchbrochen.

Machen Sie den Test

Als eines der wichtigsten Charakteristika von jung erhaltender Flexibilität gehört die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. Das kann einem einiges abverlangen. Doch Aufregung kann als negativer oder positiver Stress empfunden werden. Welchen Gedanken denken Sie?

  • „Es regt mich auf zu reisen.“
  • „Ich finde es aufregend zu reisen.“

Es ist schließlich völlig normal, wenn ältere Menschen zwischen Lust auf Herausforderungen und Angst vor körperlichen Einschränkungen schwanken. Den Ausschlag gibt (neben den genetischen Einflüssen) auch, wie sie und möglichst auch ihr Umfeld darüber denken: automatisch negativ oder aufmerksam hinterfragend.

Der ultimative Jungbrunneneffekt dürfte erreicht sein, wenn man in gutem Zustand die Hundert und mehr erreicht hat. Als hochbetagter Jubilar können Sie sogar noch den Automatismus des Besuchs vom Bürgermeister abstellen, falls Sie darauf gar keine Lust haben. Der fragt nämlich vorher, ob er erwünscht ist.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen Lebensfreude

Loslassen: Der schwere Weg ins Leichte

„Man müsste nochmal 20 sein …“ Als wir jung waren, nervten uns die Älteren mit Willy Schneiders Schlager und ihren tränenfeuchten Prösterchen aufs Gestern. Heute kommen wir selber ins Grübeln. Auch wir haben Wichtiges verloren, dem wir nun nachtrauern: das Aussehen, die Power und die Gesundheit des jüngeren Selbst, Status und Beruf sowie die Hoffnung auf Verwirklichung bestimmter Lebensträume. Leider oft auch das Zusammensein mit geliebten Menschen.

Zum Cool Aging gehört die Kunst des Abschiednehmens: Vergangenes und Unveränderbares loslassen, damit in der wertvollen restlichen Lebenszeit neue Kraft und Zufriedenheit einziehen können. Leitmotiv dieses schweren Prozesses kann sein:

„Auch in meinem Alter und in meiner Situation lohnt es sich, etwas Neues zu machen und zu erleben.“

Festhalten kann krank machen

Dauernd diese Umbrüche, und dabei will man es gerade jetzt ruhig, sicher und wie gehabt! Immer mehr immer widerwilliger loslassen müssen ist doppelt schwer. Doch wer zu lange in Trauer und Bitterkeit über Verluste und Verletzungen verharrt, kann erheblichen seelischen und körperlichen Schaden* nehmen. Schmerzen ohne organische Ursache, gestörter Schlaf, cholerisches Verhalten, Panikanfälle, Depressionen, Sucht – dahinter kann die Unfähigkeit loszulassen stecken. Kein Wunder: Isoliert in der seelischen Verstrickung gelangt man weder an das gesundheitsfördernde Potential sozialer Einbindung noch an sinnstiftende neue Ziele.

Loslassen ist ein Prozess der Anpassung, an dessen Ende die Akzeptanz steht

Aber wie geht man das Loslassen an? Eine Anregung gibt das Zitat des römischen Philosophen Seneca: „Ducunt fata volentem, nolentem trahunt.“ Den Willigen führen die Schicksalsläufte, den, der sich weigert, schleifen sie hinter sich her.

Das Stichwort ist also Wollen. Der Willige nimmt seine Widerfahrnisse an. Als Schicksal bezeichnen wir in der Regel das, was wir nicht ändern können. Aber wie wir damit umgehen, darauf können wir Einfluss nehmen. Das kommt dem frommen Wunsch, das „Schicksal selbst in die Hand zu nehmen“ wohl am nächsten. Ich kann meine Jugend nicht zurückzaubern, aber ich kann entscheiden, wie ich den Verlust bewältige.

Nun hat die emotionale Befindlichkeit des Menschen ein Eigenleben, das sich nicht beliebig steuern oder abstellen lässt. Das gilt bei existentiellen Erlebnissen und tiefen seelischen Wunden umso mehr. Wie kann das Akzeptieren-Wollen dann funktionieren?

Man muss es über das Denken probieren

Formulierte Sätze zum Loslassen müssen gedacht, gesagt, aber auch gelebt werden, bis die Empfindungen gewissermaßen nachziehen. Loslassen wird leichter, wenn die Gedanken, die den Prozess unterstützen, diejenigen Gedanken verdrängen, die den Prozess verhindern.

Gedanken wie diese zementieren das Festhalten:
  • Wieso ist das mir passiert?
  • Warum habe ich das bloß gemacht?
  • Warum habe ich das bloß nicht gemacht?
  • Wieso haben meine Eltern/meine Kinder/meine Kollegen mir das angetan?
  • Warum ist das Schicksal so gemein zu mir?
  • Wieso ist mein Leben hier so und dort so verlaufen?

Im Kreisverkehr all dieser grüblerischen und hadernden Fragen zu negativen Erlebnissen oder nicht wahrgenommenen Chancen muss man große Stoppschilder setzen – mit Ausfahrmöglichkeit. Die liest man sich am besten selber vor:

  • Ich bin bereit, die Schädlichkeit meines Festhaltens zu erkennen und loszulassen.
  • Ich bin bereit, die Vergangenheit zu akzeptieren.
  • Ich bin bereit, meine Trauer loszulassen.
  • Ich bin bereit, meine Wut loszulassen.
  • Ich bin bereit, meine Selbstvorwürfe loszulassen.

Voraussetzung sind die Einsicht, etwas ändern zu müssen, und das Vertrauen, dass nach dem Loslassen wirklich etwas Besseres folgt.

Nur sind die Kopfentscheidungen leichter gesagt als getan, wenn der Bauch doch noch unbedingt festhalten will. Seine „Argumente“ sind ebenfalls facettenreich:

  • Früher war einfach alles besser.
  • Den Absprung schaffe ich ja doch nicht.
  • Ich bleibe sicherheitshalber in meiner Misere, sie ist zwar schlecht, aber vertraut.
  • Ich kann mich nicht mehr an andere Umgebungen und Mitmenschen anpassen.
  • Das gehört einfach zu mir, wenn ich das aufgebe, verliere ich mich selbst.
  • Ich will nicht riskieren, meinen geliebten Menschen zu vergessen.
  • Ich lasse jemanden im Stich, wenn ich mich nicht endlos aufopfere.
  • Das war schon immer so, so bin ich nun mal, basta.
  • Was soll denn da noch kommen? Ist doch alles sinnlos.
  • Für einen Neuanfang bin ich einfach zu alt.

Je mehr Ängste und Schmerzen er verursacht, desto mehr Mut und Kraft erfordert der Abschied. Dafür klingt der Begriff Loslassen eigentlich zu einfach. Ketten sprengen trifft es wohl eher. Doch es gibt Mittel und Wege, die das Aufbrechen innerer Fesseln leichter machen können:

LoslassenNichts überstürzen

Zunächst ist es wichtig, das Loslassen als allmählichen emotionalen Prozess zu verstehen, sich Zeit geben und nicht radikal vorzugehen. Denn mit der gedanklichen Bereitschaft loszulassen, muss auch das entsprechende Verhalten einhergehen. Wenn man mehrere Abschiede meistern oder sehr tiefe Einschnitte überwinden muss, kann es nötig sein, sich dabei psychologische Hilfe zu holen.

Wohl dem, der auch bei Familie oder Freunden Halt und Rat findet. Um in der Gemeinschaft neue Kraft und Zukunftsvisionen zu erlangen, ist es wichtig zu erkennen, wer einem dabei guttut. „Freunde“, die sich zurückgezogen haben, als man in eine Krise geraten war, gehören vielleicht nicht dazu.

Natur und Bewegung

Beim Loslassen holen sich manche Menschen in der Natur und in der Bewegung viel Kraft zurück. Wer die Möglichkeit hat, sollte zum Beispiel die positive Wirkung des Waldes auf die menschliche Seele erspüren. Nach Schicksalsschlägen können tierliebe Menschen einen Neuanfang finden, indem sie ein Haustier anschaffen. Allerdings muss man auch hier gewisse Grenzen akzeptieren, um Tiere nicht als Kind- oder Freunde-Ersatz zu missbrauchen.

Achtsamkeit

Um von schädlichen Gedankenwelten wegzukommen, kann das Lernen und Ausüben von Achtsamkeit nützlich sein. Im Moment zu leben und sich das Erlebte mit allen Sinnen bewusst zu machen, ohne zu bewerten, kann den Aufgewühlten erden und beruhigen. Der Achtsame lernt, im Hier und Jetzt zu sein, und hat damit auch die Möglichkeit, mit Vergangenem besser zurechtzukommen.

Spiritualität

Es ist nicht ungewöhnlich, dass nach Lebenseinschnitten die Spiritualität wieder eine größere Rolle spielt. Das können Trosterfahrungen in der Religion sein oder einfach eine geistige Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens und stärkere Besinnung auf bestimmte Werte. So berichten viele Menschen, die schwierige Umbrüche bewältigen mussten, dass sie nun achtsamer auf das Leben sehen und so etwas wie eine neue Weisheit erlangt haben.

Vergleiche vermeiden

Es ist hilfreich, den eigenen Selbstwert zu erkennen und zu fühlen, ohne sich mit anderen zu vergleichen. „Hat der Andere mehr?“, „Hat die Andere es besser?“ sind Fragen, die einen immer wieder ins Bedauern und Trauern treiben. Es geht darum zu erfühlen, was für einen selbst richtig ist. Das kann heißen, Wunschträume endgültig zu begraben, um sich dann in der Realität besser zu fühlen.

Rituale

Mehr Stabilität und Zuversicht in einem Ablöseprozess kann man durch Rituale gewinnen. Bei einer gewohnten und angenehmen Tätigkeit, seien es der Spaziergang im Park, der Yogatermin oder das Singen im Chor, darf man sich geborgen und lebendig fühlen. In diesem Sinne wirken ja auch die großen gemeinschaftlichen Rituale des Übergangs wie das mit dem Wort Leichenschmaus scherzhaft benannte gemeinsame Essen nach einer Beerdigung.

Eigene Ressourcen nutzen

Zur Verarbeitung eines Abschieds können auch die Fähigkeiten genutzt werden, die in der eigenen Biografie vorhanden sind. Wer den Mut, die Lust und die Kraft dazu hat, kann sich Herausforderungen stellen. Die einen mögen ihre beruflichen und erlernten Tätigkeiten neu einsetzen, den anderen hilft es, sich in einem Ehrenamt einzubringen.

Auch in der eigenen Kreativität liegt ein großes Trostpotential. Dazu können Malen, Gestalten und viele andere Formen der kreativen Ausdrucksweise gehören. Einige Menschen können Abschiede besser verarbeiten, indem sie darüber schreiben. Das können ein Tagebuch mit Erlebnissen und Gefühlen sein oder Texte, die einem über die eigene Situation Klarheit verschaffen. Bei Verlusten kann es wichtig sein, einen Nachruf auf den oder das, was losgelassen werden muss, zu verfassen.

Im Nachruf steckt die Quintessenz des guten Abschiednehmens: die Vergangenheit noch einmal Revue passieren zu lassen, sie schließlich zu würdigen und mit Dank zurückzulassen.

Abschiedskompetenz durch Lebenserfahrung

Zum Glück haben ältere Menschen beim Loslassen einen großen Vorteil: ihre Lebenserfahrung. Wer schon Abschiede aus anderen Lebensphasen hinter sich hat, weiß im Prinzip, dass man „Befreiungen wider Willen“ übersteht. Sie haben es erlebt, dass das Loslassen und Akzeptieren der Vergangenheit notwendig sind, um wieder in der Gegenwart anzukommen und die Kontrolle über sein aktuelles Erleben zurückzugewinnen. Jüngere Menschen, die in Veränderungs- und Trennungssituationen gezwungen sind, sind oft erstaunt, wie sehr sie von der „Abschiedskompetenz“ ihrer Eltern und Großeltern lernen können.

Auch wenn Abschiede psychische Schwerstarbeit sind, kann es sein, dass man bestenfalls einen großen Schatz findet: innere Freiheit. Durch sie hindurch lässt sich das Licht am Horizont besser erkennen. Die beste Voraussetzung für eine leichtere Zukunft.

Loslassen

* Dieser Artikel gibt Einsichten, Tipps und Anregungen zu einem Thema der physischen und psychischen Gesundheit. Er ersetzt keinesfalls die Beratung und Therapie durch einen Arzt, Psychotherapeuten oder Psychiater.

Kategorien
Lebensfreude

Altersanzeichen: 43 Hinweise, dass man älter wird

Graue Haare, ein paar Falten, größere Ohren – geschenkt! Vor zehn Jahren war noch jedes Altersanzeichen ein Schock. Heute ist es eine gute Strategie, die Zeichen der Zeit etwas lockerer zu nehmen. Den Altersanzeichen unserer Generation möglichst gelassen zu begegnen ist die Kunst des Cool Aging. Hier eine kleine Auswahl der wundersamen Erlebnisse im Land der Babyboomer:

  1. Alte Schulfreunde treffen und denken „Gott, sind die alt geworden!“
  2. Nach der Zeitungs- und Zeitschriftenlektüre feststellen, dass man die meiste Zeit mit dem Gesundheitsteil verbracht hat
  3. Die Apotheken Umschau echt interessant finden
  4. Mann: Feststellen, dass die Midlife-Crisis schon so lange her ist, dass man den Porsche/das Motorrad wieder verkauft, die Geliebte verlassen und sich nicht umgebracht hat
  5. Frau: Sich im Spiegel ein bisschen müde vorkommen. Denken, das macht nichts, ich werde mich ja noch schminken. Feststellen, dass man schon geschminkt ist
  6. In den Träumen, in denen man selber vorkommt, nie älter als 40 sein
  7. Den Kindern und Enkeln Ratschläge geben, mit denen einen die eigenen Eltern am meisten genervt haben
  8. Interessante Informationen wenn möglich sofort aufschreiben
  9. Interessante Informationen immer wieder googeln, da man die Details schon wieder vergessen hat
  10. Erwägen, eine Autobiografie zu schreiben. Zum Beispiel die tollen Erlebnisse mit dem … Ding, dem Ding … wie hieß er noch gleich?
  11. Mann: Frauen immer die Tür aufhalten
  12. Frau: Darauf warten, dass der Mann die Tür aufhält
  13. Das Buch „1000 places to see before you die“ im Regal finden und es beunruhigend finden, dass noch zirka 980 übrig sind
  14. Mann: Zur Silvesterveranstaltung dummerweise einen Smoking tragen und von einem 23jährigen gefragt werden: „Wo finde ich bei Ihnen die Toiletten?“
  15. Frau: Das Abendkleid mit den Spaghettiträgern nun doch der Enkelin schenken
  16. Silvesterveranstaltungen überflüssig finden
  17. Das Wort Party irgendwie negativ finden
  18. Den eigenen Geburtstag doof finden
  19. Geburtstage Gleichaltriger gut finden
  20. Im Gespräch viele Sätze mit „Zu meiner Zeit“ anfangen
  21. „Ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste/der Jüngste“ und sonstige überflüssige Feststellungen über das Alter treffen. Bereuen, dass man das gesagt hat
  22. Begrüßungen wie „Hallo, alter Freund“ gleich wieder bereuen
  23. Die Redewendung „Wie geil ist das denn“ benutzen und sich saublöd dabei vorkommen
  24. Im Urlaub „Erwachsenenhotels“ mit Kinderverbot ganz und gar nicht diskriminierend finden
  25. Auf Reisen die eigene Bettdecke dabeihaben
  26. Im Restaurant und in der Kneipe von der Musik genervt sein
  27. Wissen, wo man in der Stadt überall aufs Klo gehen kann
  28. Schwere Dinge grundsätzlich aus der Hocke aufheben (und schwer wieder hochkommen)
  29. Die Silberbestecke von mehreren Generationen besitzen
  30. Jede Menge Brillen besitzen
  31. Chiara Ferragni und Dagi Bee nicht kennen
  32. Beim Anblick einer bunten Wiese einen Dopamin-Schub kriegen
  33. Beim Binge-Watching erst mal fragen müssen, was das ist, und dann nicht mehr als zwei Folgen schaffen ohne einzuschlafen
  34. Automatische Telefon-Weitervermittlungs-Systeme „Buchbinder Wanninger“ nennen
  35. Jeden Tag mehr bereuen, dass man als Jugendlicher die Zähne nicht geputzt hat
  36. Feststellen, dass einem Menschen, die täglich ins Büro müssen, schon ein bisschen leidtun
  37. Die Legalisierung von Marihuana befürworten, weil es ein Medikament ist
  38. Das Konzept „Work-Life-Balance“ nicht wirklich verstehen
  39. Ein Poesiealbum besitzen (und sich an viele Verfasser von Einträgen nur noch sehr vage oder überhaupt nicht erinnern können)
  40. Das Herzeigen des grauen Lappens gar nicht mehr so lustig finden
  41. Altersanzeichen nicht als Altersanzeichen erkennen
  42. Listen mit Altersanzeichen interessant finden
  43. Sich schämen, wo sich keiner mehr schämt

Altersanzeichen

Wenn Sie diese Kollektion von Altersanzeichen bereichern möchten: Sie sind herzlich eingeladen, die Kommentarfunktion zu nutzen.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Isoglukose und warum man sich über Zucker schlau machen muss

Das süße Leben und der frühe Tod. Endlich sind sich die Ernährungsexperten einig. Dick und krank wird man nicht nur von Fett, sondern auch von Zucker. Weil wir zu viel davon verzehren, drohen Stoffwechselstörungen, Fettleber, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kürzeres Leben. Aber die Konsequenzen daraus zu ziehen ist auch kein Zuckerschlecken. Wenn wir in Zutatenlisten und Regale schauen, blicken wir nicht mehr so richtig durch. Fruchtzucker klingt irgendwie gesünder, oder? Was ist eigentlich Invertsirup? Was macht Xylit im Kaugummi und was bringen uns Newcomer wie Birkenzucker und Stevia? Sind geschmeidige Natursüßer wie Honig oder Agavendicksaft die bessere Lösung? Und droht uns nach der Marktöffnung für Isoglukose eine Speckkörper-Gesellschaft à la USA?

Was ist was in der süßen Welt? Was hat welche Vor- und Nachteile für die Gesundheit und Genuss? Der Versuch eines Überblicks:

ZUCKERARTEN
Zucker/Haushaltszucker/Kristallzucker/Raffinade

Ausgangsprodukte: Zuckerrübe oder Zuckerrohr. Fachausdruck Saccharose.

Saccharose ist ein Zweifachzucker, bestehend aus je einem Molekül der Einfachzucker Glucose beziehungsweise Dextrose (Traubenzucker) und Fructose (Fruchtzucker). Das heißt, der Anteil von Glucose und Fructose ist bei Zucker immer gleich: halbe-halbe.

IsoglukoseIndustriell gewonnen seit dem 19. Jahrhundert wird er in immer neuen Formen angeboten: zunächst als Zuckerhut (wie der aus der Feuerzangenbowle), dann als Raffinade (die klassischen feinen weißen Kristalle), Puder, Würfel, Hagelkörner, Kandis und in einigen weiteren Gebrauchsformen.

Braun ist nicht gesünder:

Zucker wird durch die Raffination weiß. Weniger stark verarbeitet oder wieder eingefärbt ist er bräunlich. Manche Leute greifen zu braunem Zucker in einer vagen Vorstellung, dass der gesünder sei. Zwischen weißem oder braunem Rüben-, Rohr- oder Rohrohrzucker besteht jedoch kein ernährungsphysiologischer Unterschied. Allenfalls der Vollrohrzucker enthält mehr Mineralien und Vitamine, schmeckt allerdings auch buchstäblich eigen.

Wo ist das Problem?

  • Zucker flutscht: Glucose und Fructose werden in der Form von Zucker sehr schnell vom Körper aufgenommen.
  • Zuckeralarm: Zucker stimuliert Hormone, die die Zuckerweiterverarbeitung im Körper steuern, zum Beispiel das Insulin.
  • Hochbetrieb: Viel Zucker braucht viel Insulin, um die Glucose in die Zellen zu verteilen.
  • Zwischenspeicher: Glucose wird als Glukogen für den unmittelbaren Energiebedarf zwischengelagert. Zuckerspeicher sind Muskeln und Leber.
  • Direktlieferung: Die Fructose gelangt direkt in die Leber und wird dort verarbeitet.
  • Langzeitspeicher: Brennstoff, der nicht verbrannt wird, wird für magere Zeiten aufgehoben. Dafür synthetisiert der Körper den Traubenzucker und Fruchtzucker zu Fett.

Früher bedeutete der Mechanismus, aus Kohlehydraten Fettdepots anzulegen, das Überleben in Notzeiten. Heute führt er schlimmstenfalls zur Lebensverkürzung, nämlich dann, wenn kontinuierlich zu viel Treibstoff nachkommt und der Stoffwechsel langfristig aus dem Tritt gerät. Die negative Wirkung von Zucker kann sich noch verstärken: durch eine kohlehydratreiche Ernährung, und zwar nicht die mit den guten ballaststoffreichen komplexen Kohlehydraten aus Vollkornbrot und Naturreis, sondern die mit den faserarmen aus Weißmehlprodukten, deren Stärke im Körper ebenfalls sehr schnell in Zucker gespalten wird.

  • Ein dauernd erhöhter Blutzucker- und damit Insulinspiegel kann zur Folge haben, dass die Zellen gegen das Überangebot streiken: Insulin-Resistenz.
  • Wenn dieser Zustand länger anhält, produziert die Bauchspeicheldrüse irgendwann kein Insulin mehr: Diabetes mellitus Typ 2.
  • Durch einen ständig hohen Insulinspiegel wird auch der Fettstoffwechsel gestört. Der Fettaufbau überwiegt den Fettabbau: Übergewicht.
  • Der kontinuierliche erhöhte Insulinspiegel stört einen Botenstoff in den Blutgefäßen, der den Blutdruck reguliert: Bluthochdruck.
  • Ein gestörter Fettstoffwechsel führt zu erhöhten Blutfettwerten und erniedrigtem HDL-Cholesterin mit dem Risiko von Arteriosklerose und Gefäßschädigungen: Herzkrankheiten und Herzinfarkt.
  • Die Insulin-Resistenz ist besonders gesundheitsgefährdend, weil sie zu diesen mehrfachen Störungen führt: metabolisches Syndrom.
  • Die Störungen des Zucker- und Fettstoffwechsels können zudem für weitere Krankheiten verantwortlich sein:  Gicht, Krebs und Demenz.
  • Wenn die Leber zu viel Zucker in Fett umwandeln muss, kann es zur Nichtalkoholischen Fettleber kommen: Lebererkrankungen. Eine verfettete Leber wird insulin-resistent. Das heißt: Diabetes und Fettleber können sich gegenseitig beeinflussen.
  • Bei Insulin-Resistenz wird es zu allem Übel immer schwieriger, weniger Kohlehydrate zu verzehren und den Speck abzutrainieren. Wenn die Fettspeicher voll sind, sollte eigentlich das Hormon Leptin dem Gehirn signalisieren: Danke, ich bin satt, ich möchte mich jetzt lieber bewegen. In der Tat haben Übergewichtige einen sehr hohen Leptinspiegel. Doch leider kommt die „Es reicht“-Botschaft im Gehirn nicht mehr an, weil sich durch das Übermaß eine Leptin-Resistenz entwickelt hat. Das Gehirn verlangt nach noch mehr Nahrung und hält Energieverlust durch Bewegung für unvernünftig. Gegen dieses Diktat der Biochemie kommt reine Willenskraft kaum an.

Wie ist das mit den anderen Zuckerarten?

Invertzucker/Invertzuckersirup

Ausgangsprodukte: Zuckerrübe, Zuckerrohr. Aus der Saccharose.

Das Zweifachzucker-Molekül Saccharose wird für den Invertzucker zu je einem Glucose- und Fructose-Molekül zerlegt. Die Einfachzucker Traubenzucker und Fruchtzucker stehen chemisch betrachtet sozusagen wieder alleine da. Vermengt ergeben sie einen gut löslichen langlebigen Sirup, geschätzt von Bonbonherstellern und beliebt bei Barkeepern. Das Verhältnis von Glucose und Fructose ist wie beim „normalen“ Zucker immer gleich: 50:50. Die Verstoffwechselung im Körper ist mit der Saccharose ungefähr vergleichbar.

IsoglukoseMaissirup/Glucosesirup

Ausgangsprodukte: Mais, Kartoffeln oder Weizen. Aus Stärke.

Zur Herstellung von Glucosesirup lässt sich Glucose (Traubenzucker) schnell und kostengünstig aus Stärke gewinnen.

Isoglukose/Glucose-Fructose-Sirup/Fructose-Glucose-Sirup

Ausgangsprodukte: Mais, Kartoffeln oder Weizen. Aus Stärke.

Wenn auf der Zutatenliste einer Lebensmittelverpackung irgendwas mit Fructose steht, wurde dieser Fruchtzucker nicht etwa aus Trauben und Birnen gewonnen. Industriell hergestellt wird Fructose nämlich ebenfalls aus Stärke. Das geschieht dadurch, dass Glucose in Fructose umgewandelt wird. Damit bekommt der Glucosesirup einen Fructose-Anteil, wesentlich mehr Süßkraft und einen anderen Namen: Isoglukose.

Als High Fructose Corn Syrup (HFCS) hat Isoglukose in den USA dank des gigantischen subventionierten, teils gentechnischen Maisanbaus (und des riesigen Verbrauchs an süßen Softdrinks) einen ökonomischen Siegeszug angetreten. In der EU waren Preis und Menge dieses Produkts bis zum 1. Oktober 2017 durch eine Zuckerverordnung reguliert. Jetzt dürfen sich Isoglukose beziehungsweise HFCS ungedeckelt auch in Europa ausbreiten.

IsoglukoseWoran erkennt man, dass ein Produkt Isoglukose enthält?

Isoglukose wird auf der Packung als Glucose-Fructose-Sirup oder als Fructose-Glucose-Sirup ausgewiesen. Der Unterschied zum Glucose-Fructose-Gemisch des Invertzuckers besteht in der Gewinnung: Invertzucker aus Saccharose, Isoglukose aus Stärke.

In den stark süßenden HFCS-Sorten übersteigt der Fructose-Anteil den Glucose-Anteil. Daher handelt es sich bei dem Süßkonzentrat in der Regel um einen Fructose-Glucose-Sirup, das heißt, Fructose steht in der Bezeichnung vor Glucose. Nach deutschem Recht muss der Sirup im Zutatenverzeichnis in der korrekten Reihenfolge der Begriffe ausgewiesen werden. Bei uns eingesetzt wird Isoglukose bereits in Limonaden, Säften und Energy Drinks, Fruchtaufstrichen, Puddings, Fertiggerichten, Fruchtgummis und anderen Süßwaren wie zum Beispiel Dominosteine.

Ist Isoglukose, die nun quotenfrei auf uns zukommt, gesünder oder ungesünder als Zucker?

Der Packungshinweis „ohne Zucker“ ist zwar richtig, aber ziemlich irreführend, wenn das Produkt voller Isoglukose, sprich Fructose und Glucose, steckt. „Mit der Süße von Früchten“ ist allerdings eine noch eine gewagtere Aussage, um ein Lebensmittelprodukt mit Isoglukose als gesund anzupreisen. Erstens stammt die Fructose nicht aus Obst und zweitens ist der hohe Anteil an Fruchtzucker in der Isoglukose genau das Problem.

Aber hört sich Fruchtzucker nicht irgendwie gesund an? Schließlich kommt er auch in Früchten vor. Außerdem ist Fructose eine Zuckerart, die keine Hormone anregt und unabhängig vom Insulin in der Leber verstoffwechselt wird. Daher wurde sie früher als ultimative Zutat in Süßwaren für Diabetiker gesteckt. Bis neue Erkenntnisse den Irrtum bloßlegten.

Fructose gilt inzwischen als gesundheitlich problematisch. Das heißt keineswegs, dass man kein gesundes Obst mehr essen darf, da der Körper mit den üblicherweise verzehrten Mengen mühelos zurechtkommt. Das Problem liegt in der Dosis. Wird zu viel – mehr als 40 Gramm pro Tag – Fructose konsumiert, kann der Fruchtzucker zu Übergewicht und ironischerweise Diabetes führen. Woran liegt das? Fructose kann nur durch die Leber in Energie umgewandelt werden. Wenn zu viel Fruchtzucker zu schnell in der Leber ankommt, wird das Organ gestresst und produziert viel Fett, das nicht rasch genug abgebaut wird. Die Folge: Es kann zu einer Wechselwirkung von Nichtalkoholischer Fettleber und Diabetes kommen. Durch verstärkte Harnsäurebildung erhöht sich außerdem das Risiko von Gicht. Zu viel Fruchtzucker kann zudem bei manchen Menschen wegen einer Fructose-Unverträglichkeit zu Darmkrämpfen, Blähungen und Durchfall führen.

IsoglukoseWir erinnern uns: Auch der normale Zucker, die Saccharose, besteht aus Glucose UND Fructose.

Doch im Vergleich zur Saccharose hat Isoglukose einen besonders hohen Anteil der potentiell leberkritischen Fructose. Der Fruchtzucker-Gehalt ist mit bis zu 80 Prozent wesentlich höher als beim normalen Zucker mit 50 Prozent. Nach der breiten Einführung der Isoglukose in den USA stieg die Zahl der Fettleibigen in der amerikanischen Bevölkerung noch weiter an. Der Zusammenhang ist weitgehend unbestritten.

Also doch lieber Zucker?

Die Antwort ist: lieber WENIGER Zucker, egal welcher! Die genannten Risiken entstehen nämlich durch den zu hohen Konsum dieser Kohlenhydrate.

Weil Zucker und seine Spielarten auch deftige Geschmäcke verstärken, ist er nicht nur in Süßwaren, sondern in allen möglichen industriell hergestellten Lebensmitteln anzutreffen: Wurst, Salate, Ketchup, Müsli und viele Fertiggerichte mehr. Und Achtung: Wer denkt, mit fettreduzierten „Light“-Produkten Kalorien zu sparen, verleibt sie sich oft mit einem höheren Zuckergehalt gleich wieder ein. Wo kein Fett da ist, muss der Zucker als Geschmacklieferant herhalten.

Nach einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO von 2015 sollte der Anteil von zusätzlichem Zucker an der täglichen Kalorienaufnahme fünf bis zehn Prozent nicht übersteigen (bei Raffinade wären das etwa sechs bis zehn Teelöffel). Da reicht es nicht, auf den Schokoriegel zu verzichten. Man muss außerdem auf allen Packungen nach verstecktem Zucker suchen – vor allem, wenn Zuckerarten ganz vorne in der Zutatenliste auftauchen und damit Hauptbestandteil sind oder wenn mehrere Zuckerarten aufgeführt sind, die in der Summe einen hohen Zuckeranteil im Lebensmittel bedeuten.

Weitere Beispiele von Inhaltsstoffen, die sich nicht wie Zucker anhören, aber welcher sind, können lauten:

Raffinose, Maltose, Maltodextrin, Gerstenmalzextrakt, Dextrose, Oligofruktose, Polyfruktose, Laktose, Molkepulver, Süßmolkenpulver.

Doch nur auf die Lebensmittelhersteller zu schimpfen, wird der Sache nicht gerecht. Was den Verbrauchern nicht süß genug schmeckt, wird eben auch nicht gekauft.

Hat Mutter Natur vielleicht die Lösung?

ALTERNATIVE SÜßUNGSMITTEL
IsoglukoseHonig

Aus dem Nektar unterschiedlicher Blüten. Auch aus Ausscheidungen von Insekten (Honigtau).

Das Ur-Nahrungsmittel Honig wurde lange vor der Verwendung von Rübenzucker als Süßungsmittel genutzt. Honig enthält überwiegend Fructose und Glucose, aber auch Saccharose, Maltose und weitere Mehrfachzucker. Es gibt zahlreiche Sorten. Dabei bestimmen die Pflanzenart und die klimatischen Verhältnisse der Region, in der die Bienen Nektar und Pollen gesammelt haben, den jeweiligen Geschmack. Im Hinblick auf seine kulinarische Vielfalt geht der Wert des Honigs für seine Liebhaber also über die reine Süße hinaus.

Der Kaloriengehalt sowie die negativen Wirkungen auf Zähne und Organismus sind mit Zucker ungefähr vergleichbar.

Honig genießt dennoch bei vielen das Image, richtig gesund zu sein. Zum Beispiel wird Honig auch für seine entzündungshemmende Wirkung bei Husten oder kleinen Wunden geschätzt. Doch was seine wertvollen Inhaltsstoffe angeht: Obwohl Honig voller Mineralstoffe, Vitamin und Aminosäuren steckt, sind die jeweiligen Anteile im Verhältnis zur verzehrbaren Menge gering.

Honig wird zum Teil sogar als gesundheitlich bedenklich beurteilt, da der Pflanzennektar auch aus giftigen oder gentechnisch veränderten Pflanzen (zum Beispiel bei Importhonig) stammen kann, aber auch Pestizide aufgenommen werden können. Seit langem raten Experten, den Honig von Imkern aus der Region dem von der Industrie angebotenen Honig zu bevorzugen. Wegen möglicher Keimbelastung soll man außerdem Kindern unter zwölf Monaten keinen Honig geben.

Agavensirup/Agavendicksaft

Aus der Agave.

Agavensirup besteht hauptsächlich aus den Einfachzuckern Fructose und Glucose. Durch den hohen Anteil an Fructose ist Agavendicksaft nicht unbedingt gesünder als andere fructoselastige Zuckerarten. Er hat allerdings eine hohe Süßkraft und kann sparsam verwendet werden. Für eine Salatsauce zum Beispiel reicht ein kleiner Tropfen. Je heller die Farbe, desto neutraler der Geschmack.

Ahornsirup

Aus Zuckerahorn.

Durch das Eindicken des Safts aus dem Baumstamm wird ein Sirup gewonnen, der als Süßungsfaktoren hauptsächlich Saccharose und Fructose enthält. Der Geschmack ist markant, nach Ahorn eben. Da der Ahornsirup einen hohen Wasseranteil hat, ist er bei gleicher Menge etwas kalorienärmer als andere Süßungsmittel.

IsoglukoseKokosblütensirup

Aus der Kokospalme.

Kokosblütensirup lässt angeblich den Blutzuckerspiegel langsamer ansteigen. Sein Geschmack erinnert nicht an Kokos, sondern eher an Karamell. Kokosblütensirup gehört zu den teuersten Süßungsmitteln.

Reissirup

Aus Reis.

Reissirup wird oft für seinen milden, etwas nussigen Geschmack geschätzt. Er enthält Glucose und Maltose, aber im Gegensatz zu den meisten anderen Sirupen keine Fructose. Daher eignet sich Reissirup gut für Menschen, die Fructose nicht vertragen.

Dattelsirup

Aus den Früchten von Dattelpalmen.

In vielen Naturkost-Produkten werden Datteln als Süßmacher mit gesunden Nährstoffen verarbeitet. Inzwischen werden die Früchte der Dattelpalme auch als Sirup zum Süßen im Haushalt angeboten. Wer den starken Eigengeschmack mag, kann Sirup aus Datteln auch selbst, zum Beispiel im Mixer, herstellen. Datteln enthalten Glucose und Fructose, haben aber einen verhältnismäßig niedrigen glykämischen Index, lassen also den Blutzuckerspiegel nicht so schnell ansteigen wie Zucker. Die Früchte haben einen hohen Kaloriengehalt und sollten sparsam verwendet werden.

Fazit nach dem Durchforsten des Zuckersortiments:

Ob aus Rübe, Rohr, Stärke, Bienenstock, Pflanzensaft – süß ist süß und in größeren Mengen nicht gesund.

Warum ist der Zuckerverzicht so schwer?

Brauchen tun wir den Extra-Zucker in der Nahrung eigentlich nicht. Die Zellen und vor allem das Gehirn benötigen als Treibstoff zwar Glucose, dazu sind aber weder Schokoaufstrich und Dessert noch Kekse und Kuchen, geschweige denn Cola und Limo notwendig. Traubenzucker kann sich der Körper aus Lebensmitteln wie Obst, Gemüse, Reis und Kartoffeln selber herstellen. Glucose in Eigenproduktion entsteht auch, wenn der Organismus körpereigenes Eiweiß in Traubenzucker umwandelt. Und wenn es mal schnell gehen muss: Bei flotterer Bewegung holt sich der Körper Energie aus den Zuckerspeichern der Muskeln, auch ohne dass man sie extra mit Energy Drinks befüllen musste.

Aber auch ohne physiologische Not verlangen wir nach Zucker, und zwar manchmal geradezu dringend. Brauchen wir ihn also doch? Nämlich als sogenannte Nervennahrung oder einfach, weil er uns Freude macht? Sind wir nicht machtlos gegen diesen psychologischen Hunger? Seit Urzeiten – damals noch mit Honig, Früchten und Gemüsen – verspricht der Süßgeschmack unserem Organismus Nahrhaftigkeit, Sättigung und schnelle Energie. Daher reagiert unser Gehirn mit Belohnungsempfindungen.  Im Hirnscanner wurde visualisiert, dass Zucker das gleiche Belohnungsareal aktiviert wie Drogen. So ein schönes Programm lässt sich nicht so leicht abschalten. Der radikale Verzicht erscheint da asketisch bis heroisch.

Wie bei anderen Drogen, stumpfen die Rezeptoren für das Belohnungshormon ab. Das heißt, die Dosis muss erhöht werden. Ein ähnliches Problem ergibt sich beim Geschmacksempfinden. Ein Lebensmittel mit Isoglukose ist wegen des hohen Fructose-Anteils süßer als mit der gleichen Menge Zucker. Auf diese Weise gewöhnen wir uns an intensiveren Süßgeschmack und wollen immer mehr davon.

Wenn der böse Jieper kommt …

Gegen unser biologisches Süßprogramm sowie die folgenschwere Geschmacksprägung durch den Zuckerüberfluss sollte man als Verbraucher selber aktiv werden. Man kann nämlich versuchen, den eigenen Süßschnabel umzutrainieren. Das könnte gelingen, wenn man Softdrinks und Limonaden auf die persönliche Igitt-Liste setzt, das Apfelschorle immer mehr mit Wasser verdünnt, weniger Zucker in den Kuchen streut und statt in den Beutel mit Gummibärchen in die Tüte mit Nüssen greift. Wenn der Heißhunger auf Süßes kommt, kann man versuchen, ihn konsequent mit der zuckerärmeren dunklen Schokolade zu besänftigen. Manchmal hilft auch der Trick, einen Kaugummi mit Pfefferminzgeschmack zu kauen.

Wenn einem ein Lebensmittel, das man früher liebte, plötzlich zu süß schmeckt, ist man auf einem guten Weg. Jeder muss ausprobieren, was bei ihm am besten funktioniert. Und möglichst viele Mahlzeiten frisch kochen, statt Fertiggerichte mit verstecktem Zucker aufzuwärmen, ist ebenfalls eine Möglichkeit zur Kultivierung des Geschmackssinns.

Aber kann man nicht (auch) darauf ausweichen, was die Lebensmittelchemie noch so in petto hat?

ZUCKERAUSTAUSCHSTOFFE
Sorbit, Mannit, Isomalt, Maltit, Lactit

Unter anderem aus Früchten und Gemüsen.

Zuckeraustauschstoffe sind süß schmeckende Kohlehydrate (Zuckeralkohole), die weder den Zahnschmelz noch den Blutzuckerspiegel attackieren und weniger Kalorien haben. Dazu gehören zum Beispiel Sorbit/Sorbitol, Mannit/Mannitol, Isomalt, Maltit/Maltitol, Lactit/Lactitol. Sie finden in Diabetikerprodukten Verwendung.

Zuckeraustauschstoffe sind zwar nicht schädlich für Zähne oder Zuckerstoffwechsel, sollten aber dennoch nicht bedenkenlos verzehrt werden. In größeren Mengen können sie Blähungen und Durchfall auslösen, da sie im Darm Wasser binden.

Erythrit/Erithritol

Unter dem Namen Xucker light wird Erythrit vermarktet. Es gilt als besser verdaulich als die anderen Zuckeraustauschstoffe, das heißt, man kann mehr davon verzehren, ohne Blähungen und Durchfall zu riskieren. Im Gegensatz zu anderen Zuckeraustauschstoffen ist Erythrit außerdem kalorienfrei.

Xylit/Xylitol

Aus Birkenholz, weiteren Holzarten, Maiskolben und weiteren Restprodukten der Landwirtschaft.

Unter dem Namen Birkenzucker erfreut sich Xylit dank seiner großen Ähnlichkeit mit Kristallzucker bei weniger Kalorien immer größerer Beliebtheit. Da Xylit sogar eine antikariogene, also Karies reduzierende Wirkung besitzt, wird es auch in Kaugummis und Zahnpasta eingesetzt. Wegen der aufwändigen Herstellung gehört Xylit zu den teureren Zuckeraustauschstoffen. (Vorsicht übrigens, wenn Hunde im Haushalt leben. Im Gegensatz zum Menschen können Hunde durch Xylit eine Blutzuckerstörung und Leberschädigung erleiden; schon geringe Mengen wirken tödlich).

Fructose

Genaugenommen kann die Zuckerart Fructose wegen ihrer nicht kariogenen und insulinunabhängigen Eigenschaft ebenfalls als Zuckeraustauschstoff eingeschätzt werden. Fruchtzucker gilt aber aus den oben geschilderten Gründen nicht als gesundheitlich unbedenklich und wird nicht mehr in Diabetikerlebensmittel eingesetzt.

SÜßSTOFFE
Acesulfam, Advantam, Aspartam, Cyclamat, Neohesperidin, Neotam, Saccharin, Sucralose, Thaumatin

Süßstoffe sind in der Regel synthetisch produzierte Substanzen von extrem hoher Süßkraft. Bei bestimmten Süßstoffen wird der Geschmack durch die Kombination mit anderen Süßstoffen oder Zuckeraustauschstoffen verbessert. Einige Süßstoffe wurden in Tierversuchen mit Krebs in Verbindung gebracht, was allerdings mangels Nachweise als nicht haltbar beziehungsweise als für den Menschen nicht relevant eingeschätzt wurde. So hält das Bundesinstitut für Risikobewertung die bei uns zugelassenen Süßstoffarten grundsätzlich für unbedenklich und vor allem für Diabetiker geeignet. Allerdings sollte man auch davon keine Mengen essen. Wie viel von einem Süßstoff als tägliche Dosis als akzeptabel gilt, kann beim Bundesinstitut für Risikobewertung nachgelesen werden. Es fehlen letztlich gesicherte Erkenntnisse zur Langzeitwirkung.

Allerdings gibt es eine Diskussion darüber, ob Süßstoffe vielleicht dick machen, obwohl sie null Kalorien haben. Es gibt Annahmen, dass Süßstoffe durch den sehr süßen Geschmack ohne die entsprechende Energiezufuhr den Organismus irritieren könnten. Die Folge ist demnach ein stärkeres Hungergefühl mit dem Verlangen nach „echten“ Kalorien und Sättigung.

In einer 2019 veröffentlichten Studie konstatieren Wissenschaftler, dass die Datenlage immer noch zu unklar ist, um eindeutige Empfehlungen zum Konsum von Süßstoff abzugeben. Anstatt Zucker-Limo kritiklos durch Süßstoff-Limo zu ersetzen, sollte man es nach Meinung von Ernährungsexperten lieber mit Wasser und anderen zuckerfreien Getränken versuchen.

Belegt ist jedenfalls die Tatsache, dass manche Süßstoffkonsumenten sich ganz bewusst erlauben, mehr zu essen, da sie mit dem Süßstoff ja Kalorien eingespart haben.

Steviosid

IsoglukoseAus Stevia.

Relativ neu bei uns zugelassen ist der Süßstoff Steviosid, der aufgrund seiner Herkunft aus der Steviapflanze als erster natürlicher Süßstoff bezeichnet wird. Einige Ernährungsexperten stellen allerdings das Etikett „natürlich“ in Frage, da der Stoff mit sehr viel Chemie aus der Ursprungspflanze extrahiert wird. Steviosid wird von den Behörden als unbedenklich eingestuft.

Fazit aus der Übersicht über Zuckeraustauschstoffen und Süßstoffen:

Obwohl für Diabetiker und zur Einsparung von Zucker hilfreich, sollten diese Substanzen ebenfalls maßvoll verzehrt werden.

Zu guter Letzt: Wer ein großes Problem mit akutem Verlangen nach Zucker hat, könnte es auch mal mit der WOOP-Methode probieren. Zum Beispiel statt immer zum Süßen zu greifen, immer etwas Anderes, möglichst Ablenkendes, machen. Gerade bei Heißhungerattacken kann das funktionieren: Nach 30 Minuten gibt der Jieper auf, weil sich der Blutzuckerspiegel wieder eingependelt hat.

Kategorien
Lebensorganisation

Trickbetrüger: die Polizei dein Freund und Gauner

Sind sie nicht lieb, unsere betagten Mitmenschen? So zutraulich, unsicher und hilfsbereit. Darüber freuen sich besonders Trickbetrüger, die ältere Menschen um ihr Geld und ihren Seelenfrieden bringen. Die hochprofessionellen Methoden reichen vom angeblichen Verwandten in Not über vermeintliche Reparaturmaßnahmen bis zu schnödem Trickdiebstahl auf der Straße. Doch eine Masche ist besonders im Kommen. Als Polizisten getarnt erschleichen sich Trickbetrüger das Vertrauen der älteren Opfer, um an deren Ersparnisse  und Wertsachen zu kommen. Leider häufig erfolgreich. Leider oft existenzvernichtend.

Menschen im höheren Alter brauchen eine ausführliche Information über die zahlreichen kriminellen Methoden, damit sie einen Betrugsversuch rechtzeitig erkennen und richtig darauf reagieren können.

Trickbetrüger„Rate mal, wer da spricht!“

Der Klassiker des Betrugs übers Telefon ist der sogenannte Enkeltrick. Die bandenmäßig organisierten Täter kommen mit dieser dreisten Masche immer wieder zum Erfolg, da sie ihre die Opfer versiert und hochgradig unter Druck setzen. Im Jargon als Keiler bezeichnete Anrufer klingeln auf gut Glück bei Menschen an, die sie anhand altmodischer Vornamen wie Gerda, Hedwig, Heinrich oder Georg in Telefonverzeichnissen als ältere Semester ausgemacht haben. Mit der Frage „Rate mal, wer da spricht“ entlockt der Anrufer dem oder der Überrumpelten den Namen eines Verwandten oder Bekannten, als den sich der Betrüger dann ausgibt. In einem geschickt geführten Gespräch überzeugt der Trickbetrüger sein Opfer davon, dass er schnellstens Geld in einer Notsituation oder für einen einmalig günstigen Kauf benötigt. Leider ist der „Verwandte“ verhindert, das Geld persönlich abzuholen und schickt einen guten Freund, nämlich den Komplizen vor Ort.

Schockanruf mit Psychoterror

Eine noch größere Dringlichkeit täuschen die sogenannten Schockanrufer vor. Sie geben sich ebenfalls als Verwandter oder als dessen Anwalt aus. Die Story, mit der das Opfer schockiert wird, lautet meist ungefähr so: Der Verwandte habe im Ausland einen Unfall mit Verletzten verursacht und werde sofort verhaftet, wenn er nicht unverzüglich eine Zahlung für ärztliche Behandlung oder als Schmerzensgeld leistet. Die Geldübergabe wird oft als Überweisung auf ein ausländisches Konto gefordert.

Der Kommissar geht um

Während der Enkeltrick schon seit zwei Jahrzehnten funktioniert, breitet sich eine neue Masche drastisch aus: der Trickbetrug durch falsche Polizisten. Diese besonders perfide Methode ist für die Verbrecher lukrativ, da gerade hochaltrige Menschen einerseits der Polizei hohes Vertrauen schenken und den angeblich der eigenen Sicherheit dienenden Sachverhalt für plausibel halten.

Die Betrüger geben sich am Telefon als Polizeibeamte aus und warnen den älteren Menschen vor gehäuften Einbrüchen in der Gegend. Man habe am letzten Tatort eine Liste gefunden, auf der der oder die Angerufene als nächstes Einbruchsopfer verzeichnet ist. Es folgt die sehr bestimmte Aufforderung, alle Ersparnisse und Wertsachen in „polizeiliche Sicherheit“ zu bringen. Oder der falsche Kriminalbeamte behauptet, es sei Falschgeld im Umlauf und das Geld des Opfers müsse geprüft und registriert werden.

Was die Betroffenen zusätzlich täuscht, ist die im Telefondisplay erscheinende Nummer des kriminellen Anrufers. Diese wird häufig als eine Kombination mit dem Polizeiruf 110 angezeigt. Die Betrüger nutzen dabei die Möglichkeit, Anrufernummern technisch zu manipulieren.

Wenn die vermeintlichen Polizisten persönlich an der Tür erscheinen, um „gefährdetes“ Geld und Wertsachen abzuholen, kann es sein, dass sie ihren Auftritt mittels eines gefälschten Dienstausweises oder sogar einer vollständigen Uniform unterstreichen. Manchmal benutzen sie diese Scharade, um direkt in die vier Wände des Opfers zu gelangen und dort in Teamarbeit Geld und Schmuck abzuschwatzen oder schlicht zu stehlen.

Der Polizei-Trick funktioniert auch mit dem gesparten Geld auf der Bank, das dort angeblich nicht mehr sicher ist. Die Übergabe der Ersparnisse an den falschen Polizisten geschieht dann zum Teil direkt in oder vor dem Geldinstitut.

Trickbetrüger„Wir müssen an Ihre Leitung.“

Mit falschen Identitäten arbeiten auch angebliche Handwerker vom Wasserwerk, einer Elektrikfirma oder einem Telefonunternehmen. Sie klingeln in voller Arbeitsmontur, zum Teil mit Firmenlogo versehen, unangekündigt an der Tür und geben vor, im Auftrag der Hausverwaltung in der Wohnung Wartungs- oder Reparaturmaßnahmen durchführen müssen. Hier geht es darum, möglichst unauffällig Geld und Wertsachen zu finden und an sich zu bringen. Die Betrüger agieren entweder zu zweit, wobei einer den oder die Bewohner ablenkt. Einzeltäter schicken ihr Opfer in einen anderen Raum oder in den Keller, um etwas nachzusehen oder zu holen.

„Wir machen eine Umfrage.“

Einige Trickbetrüger spielen ihrem Opfer eine Umfrage zu den Anliegen und Problemen von Senioren vor, um sich längerfristig Zutritt zur Wohnung zu verschaffen. Vor allem einsame Betagte freuen sich über die Abwechslung und bewirten die freundlichen Herren und Damen „Interviewer“ möglicherweise gerade mit Kaffee, während sie von einem ihrer  Besucher, der angeblich gerade auf der Toilette ist, bestohlen werden.

„Sie haben gewonnen!“

Bei der Gewinnspiel-Masche werden ältere Menschen von Trickbetrügern angerufen, die ihnen hoch und heilig versichern, dass sie nicht nur bei einem Gewinnspiel mitgemacht, sondern sogar den Hauptgewinn ergattert hätten. Doch vor der Aushändigung muss der Glückliche noch einen bestimmten Betrag überweisen, zum Beispiel für die Überführung des Luxusautos. Oder der „Gewinner“ tritt tatsächlich eine angeblich gewonnene Reise an, bei der dann alle möglichen Kosten anfallen, die den eigentlichen Wert der Tour überschreiten.

„Können Sie mir bitte bitte helfen?“

Eine weitere Methode, in die vier Wände älterer Personen zu kommen, ist der Appell an ihre Hilfsbereitschaft. Die Täter klingeln und bitten unter diversen Vorwänden dringend um Einlass. Man gibt vor, ein Bekannter oder eine Bekannte des gerade nicht anwesenden Nachbarn zu sein, und wolle eine Nachricht schreiben. Oder die Betrüger haben ein Baby dabei und bitten um heißes Wasser für die Babyflasche und ähnliches.

Trickbetrüger„Können Sie wechseln?“

Ältere Menschen werden auch im öffentlichen Raum als potentielle Ziele der Trickbetrüger ausgespäht. Eine häufige Methode ist die Frage nach Wechselgeld, zum Beispiel an der Haltestelle. Versierte Trickdiebe geben vor, bei der Suche nach diesen kleinen schlecht zu erkennenden Münzen zu helfen, entwenden dabei das gesamte Papiergeld und verschwinden anschließend im Nichts. Ein anderer Klassiker ist der Stadtplan-Trick. Das Opfer soll dem Täter helfen, einen Ort auf der vor ihm ausgebreiteten Landkarte zu finden, während ihm dabei unbemerkt die Brief- oder Handtasche geklaut wird.

Die Maschen der Abzocker

Eine nahe Verwandte des Trickbetrugs ist die Abzocke von betagten Menschen.

Auch hier treten oft Handwerker auf, die ihrem Opfer dringende bar zu bezahlende Reparaturen an angeblich strafbaren Mängeln am Haus oder im Garten aufschwatzen. Die entsprechenden Arbeiten sind entweder nicht notwendig oder werden nur miserabel durchgeführt. Getoppt wird das Ganze von Komplizen, die einige Zeit später auftauchen und Geld verlangen, damit sie die davor in Anspruch genommene Schwarzarbeit nicht bei der Polizei anzeigen.

Ein trauriges Kapitel sind die sogenannten Kaffeefahrten. Die älteren Menschen freuen sich, zum Niedrigst- oder gar Nulltarif mal rauszukommen und in Gesellschaft zu sein. Mit allerlei Variationen von Nepp gelingt es den Veranstaltern dennoch, an viel Geld der Teilnehmer zu kommen. Die Fahrt geht zu einem Gasthaus oder Saal, wo den älteren Menschen unter hohem Druck – „nur hier, nur jetzt“ – unter Gruppenzwang und mithilfe mitreisender Scheinkäufer minderwertige Produkte angedreht werden. Das gesetzlich verankerte Widerspruchsrecht (innerhalb von 14 Tagen per Einschreiben mit Rückschein) wird im Anschluss an diese Kauforgien meist nicht in Anspruch genommen, da die Betroffenen überfordert sind oder die Verkäufer innerhalb der Widerspruchsfrist nicht ausfindig zu machen sind.

TrickbetrügerDubiose Geschäftspraktiken werden auch häufig übers Telefon getätigt. Ältere Menschen können Opfer von unseriösen Vertragsabschlüssen wie zum Beispiel Zeitschriften-Abos werden. Da Vertragszusagen übers Telefon gültig sind, sollte man sich erst gar auf die Gespräche einlassen. Sicherheitshalber sollten die Angerufenen auch nicht der postalischen Zusendung von Informationsunterlagen zustimmen, da sich darin oft ein Vertragsabschluss versteckt.

Unbehelligt und unbestraft

In vielen Fällen müssen die Trickbetrüger nicht einmal eine Strafverfolgung befürchten, nachdem der Verlust vom Opfer bemerkt wurde. Wenn sie auf einen Trick hereingefallen sind, schämen sich viele der älteren Geschädigten so sehr, dass sie weder Anzeige erstatten noch sich einem anderen Menschen anvertrauen. Sie machen das Trauma ganz mit sich allein aus. Der psychische Schaden, der durch den Betrug angerichtet wurde, kann daher dem monetären in nichts nachstehen. Manchmal ist es auch die Angst, als dement oder unzurechnungsfähig ins Heim gebracht zu werden, die die Opfer schweigen lässt.

Die beste Vorbeugung davor, Opfer von Trickbetrug zu werden, erhalten ältere Menschen durch Information und Aufklärung über die zahlreichen Varianten von Betrugsdelikten und das typische Auftreten und Verhalten der Betrüger. Aber selbst dann sind besonders geschickte Betrugsversuche nicht immer zu durchschauen.

Die wichtigsten Warnsignale und Grundregeln für von Betrügern bedrohte ältere Menschen:
  • Seien Sie immer alarmiert, wenn jemand Geld von Ihnen will. Seien Sie noch alarmierter, wenn das Geldgesuch furchtbar dringend ist.
  • Lassen Sie keine fremden Menschen in Ihre vier Wände, zum Beispiel Leute, die Sie um einen Gefallen bitten, oder unangekündigte Handwerker.
  • Überprüfen Sie immer die Identität von Anrufern oder Besuchern. Halten Sie Rücksprache mit einer Vertrauensperson oder rufen Sie bei der Organisation an, die den Anrufer oder Besucher angeblich beauftragt hat: Hausverwaltung/Vermieter, Polizei, Umfrageinstitut oder Serviceunternehmen. Recherchieren Sie die entsprechende Nummer selber.
  • Scheuen Sie sich nicht, die (echte) Polizei zu rufen: 110.
  • Vereinbaren Sie eventuell ein Codewort mit Ihren Verwandten, womit sich diese bei tatsächlichen Notfällen als authentisch zu erkennen geben können.
  • Trauen Sie niemals dem äußeren Eindruck von Unbekannten, selbst wenn diese noch so seriös, vernünftig und amtswürdig daherkommen.
  • Lassen Sie sich nicht aus Freundlichkeit, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft auf unklare Situationen ein. Trauen Sie sich Nein zu sagen.
  • Lassen Sie sich weder durch besonders freundliches Verhalten überreden noch von autoritären Drohungen einschüchtern.
  • Geben Sie niemals Auskunft über Ihre Familien- oder Vermögensverhältnisse und persönlichen Daten, wenn Sie nicht hundertprozentig sicher sind, dass Sie es mit entsprechend berechtigten Personen/Institutionen tun haben.
  • Nehmen Sie keine Angebote an, nach denen Sie nicht gefragt haben.
  • Seien Sie wachsam, wenn Angebote als umsonst, besonders günstig, einmalig und unter dem Zwang einer kaufenden Gruppe angepriesen werden.
  • Fragen Sie sich, warum gerade Sie um Hilfe gebeten werden.
  • Behalten Sie Ihre Brieftasche immer eng bei sich.
  • Lassen Sie an Ihrer Haustüre eine Kette oder einen Riegel für gesichertes Öffnen und einen Türspion anbringen.
  • Wenden Sie sich an die Polizei, wenn Sie Opfer eines Betrugsversuchs oder eines Betrugs geworden sind.

Ausführliche Informationen zum Thema Prävention von Betrug an älteren Menschen gibt es auch in der Broschüre „Rate mal, wer dran ist!“ (zum Herunterladen von der Internetseite  des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) sowie auf der Internetseite polizei-beratung.de.

Kategorien
Lebensfreude

Exzentriker: ganz besonders anders

Älteren Menschen wird gerne nachgesagt, dass sie schrullig werden. Vor allem, wenn sie sich nicht mehr so darum scheren, was sie nach allgemeiner Vorstellung zu tun und zu lassen hätten. In so einem Fall befinden sie sich „ex centro“, außerhalb der Mitte. Aus diesem lateinischen Standpunkt ist die Bezeichnung „exzentrisch“ abgeleitet. Doch eine Altersschrulle macht noch lange keinen Exzentriker*. Exzentriker ist man in der Regel von klein auf. Dazu kommen fünf Merkmale, die der Exzentriker mindestens erfüllen muss. Er ist unangepasst, kreativ, neugierig, idealistisch beziehungsweise optimistisch mit Weltverbesserungsanspruch und besessen von einer oder mehreren Lieblingsbeschäftigungen.

ExzentrikerPsychologische Definitionen von Exzentrik waren lange Zeit vage und Abgrenzungen von psychischen Krankheiten nicht erforscht. Also hat sich in den achtziger Jahren der Neuropsychologe David Weeks der seltenen Spezies Exzentriker wissenschaftlich angenommen. Dafür mussten zunächst Wichtigtuer, Witzbolde, psychisch Kranke und Einsame herausgefiltert werden. Während einer gigantischen Recherche mithilfe der Medien stellte sich heraus, dass nur ein Mensch von zehntausend als echter Exzentriker definiert werden kann. Tausend Probanden dieser seltenen Spezies konnte Weeks schließlich eingehend interviewen.

Dabei stellten sich einige weitere Eigenschaften heraus, die den meisten der Sonderlinge gemein sind:

  • Sie sind überdurchschnittlich intelligent.
  • Sie sind ziemlich eigensinnig, um nicht zu sagen stur.
  • Sie leben meist alleine, ohne sich einsam zu fühlen.
  • Sie haben einen spitzbübischen Humor.
  • Sie haben keine Ambitionen, mit anderen in Konkurrenz zu treten und Anerkennung zu erheischen.
  • Sie nehmen Materielles nicht so wichtig.
  • Sie haben ausgerechnet in der Lebensphase mit dem höchsten Verlangen nach Gruppenzugehörigkeit, nämlich Kindheit und Jugend, beschlossen, anders zu sein.

Das Motto könnte also lauten: Ich weiche ab, ich kann nicht anders. Der Spruch „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“ trifft es insofern nicht ganz, als der Ruf dem Exzentriker herzlich egal ist.

Zentrum, nein danke!

Das ist die große Leistung der Exzentriker: Wo sich das Zentrum befindet, definiert die Gesellschaft. Von dort auszuscheren ist extrem anstrengend und kann nur mit einem ebenso ausgeprägten Maß an Selbstbewusstsein und Selbstliebe gut gehen. Als Ur-Exzentrikerin gilt die reiche Amerikanerin Florence Foster Jenkins, die von ihrem Selbstverständnis als begnadete Opernsängerin nicht abzubringen war, auch nicht durch das schallende Gelächter ihrer Zuhörer. Ihre Konzerte „zum Totlachen“ wurden zum Renner und ihre schillernde Persönlichkeit zum Stoff für Theaterstücke und Filme.

Aber auch Aspekte der psychologischen Besonderheit sind nicht immer zu verleugnen. So kann Exzentrik nach Expertenmeinung eine Nähe zum Autismus beziehungsweise Asperger-Syndrom zeigen. Vor allem das Desinteresse an der Meinung und dem Feedback der Mitmenschen sowie eine extreme Ordnungsliebe würden in diese Richtung deuten.

Exzentrik gilt jedoch ausdrücklich nicht als Krankheit und gehört nicht zu den schweren psychiatrischen Leiden. Insofern darf bezweifelt werden, dass Howard Hughes, der wohl an extremer Angst vor Bakterien litt und sich in seinen bizarren Ernährungs- und Lebensgewohnheiten immer mehr einengte, ein klassischer glücklicher Exzentriker war. Nicht zu verwechseln sind Exzentriker außerdem mit Fanatikern oder Kriminellen.

Exzentrik versus Ego-Show

Des Weiteren sollte man Selbstdarsteller und Wichtigtuer von Exzentrikern unterscheiden. Menschen, die unbedingt auffallen wollen oder sich im Fernsehshows lustvoll zum Narren machen, treibt vermutlich eher die Sucht nach Anerkennung als die Freiheitsliebe des Exzentrikers. Auch wenn sich Tausende den Körper großflächig tätowieren lassen, wird aus der einstigen Normverletzung reines Mitläufertum.

ExzentrikerWenn normal das Einhalten der Norm bedeutet, kann man sich fragen: Warum ist es den meisten Menschen so wichtig, nicht aus dem gesellschaftlich anerkannten Rahmen zu fallen? Die Antwort: Anpassung garantiert Sicherheit und Kontrolle.

Einerseits für das Individuum: Der Mensch als soziales Wesen braucht die Gruppenwärme für seine psychische Gesundheit. Die angenehme Empfindung, inmitten von Gleichgesinnten verstanden und aufgehoben zu sein, kann im Fußballstadion zum puren Hochgefühl anwachsen. Natürlich darf man auch mal aus der Rolle fallen, zum Beispiel im Karneval, aber nur, weil das sonderbare Verkleiden und Schunkeln in diesem Zeitraum die gesellschaftliche Norm sind.

Andererseits bringt die weitgehende Einhaltung von sozial anerkannten Normen auch dem Gemeinwesen Sicherheit und Kontrolle. Das Gegenteil wären Chaos und Anomie, nicht zu verwechseln mit Anarchie, womit in der Theorie nicht ein unorganisiertes Durcheinander, sondern das Fehlen von Herrschaft gemeint ist.

Gegen den Strom kostet Kraft

Gerade weil sie so vehement eingefordert wird, kann Anpassung für den einzelnen aber auch enormen Stress bedeuten. Je geringer das Selbstwertgefühl, desto schmerzlicher ist die ständige Frage, ob man richtig liegt und nicht aneckt. Während der Exzentriker mit seiner unkonventionellen Verfassung im Reinen ist, kann sie dem Außenseiter zur Pein werden. Denn nicht jeder kann oder will im Strom mitschwimmen. Individualisten, die psychisch nicht gegen den Anpassungsdruck der Mitmenschen gewappnet sind, leiden sehr an ihrem Anderssein.

ExzentrikerEin solider Exzentriker wiederum nimmt sich die Frage, was andere denken, nicht im Geringsten zu Herzen, außer vielleicht, wenn er jemanden von seiner eigenen Meinung überzeugen möchte. Entsprechend kann der Ex-centro-Standpunkt bei ihm auch keinen Stress auslösen. Weeks sah darin eine Erklärung für die Tatsache, dass die meisten seiner Sonderlinge überdurchschnittlich gesund und langlebig waren.

Obwohl sie gegen Normen verstoßen, erfahren viele echte Exzentriker keineswegs Ablehnung, sondern Wohlwollen, ja sogar besondere Sympathie. Bekannt für ihr Exzentriker-Faible sind die Briten. Dafür kursieren zwei Erklärungen: Die eine ist die Toleranz einer liberal-demokratischen Gesellschaft, die andere ist – eher im Gegenteil – die rigide Klassenstruktur der britischen Gesellschaft. Der Exzentriker befindet sich demnach weder oben noch unten, sondern außerhalb der Klasse, als wohlgelittene Ausnahme von der Regel. Diese Theorie weckt Assoziationen zur Rolle des schlauen Hofnarren in der Adelsgesellschaft. Aber auch Angehörige der höchsten Klasse, nämlich der Adelskaste selber, konnten es sich erlauben, sich exzentrisch auszuleben.

Genie und Wahnsinn

Trotz gemeinsamer Persönlichkeitskriterien findet sich innerhalb der Exzentriker-Gemeinde ein breites Spektrum. So gibt es Exzentriker, deren Realitätsferne grotesk anmutet, wie etwa Joshua Norton alias „Norton I.“, der sich im 19. Jahrhundert als selbst ernannter Kaiser der Vereinigten Staaten großer Beliebtheit erfreute.

Zu den Exzentrikern gehören aber auch zahlreiche Menschen, die in der Gesellschaft nicht nur durch unkonventionelles Verhalten, sondern auch durch Bedeutsamkeit herausragen. Mal abgesehen davon, dass die Kriterien der Exzentrik auch auf Jesus und Buddha zutreffen. So ist für Künstler der Normverstoß geradezu eine Voraussetzung, um Neues zu schaffen. Am augenscheinlichsten verkörpert ist die exzentrische Verfassung wohl im Auftritt des Malers Salvador Dalí. In der Wissenschaft gelten ebenfalls viele Wegbereiter als klassische Eigenbrötler, allen voran Albert Einstein.

Paradiesvogel im Amt

Dabei kann „ex centro“ zwar außerhalb von Konventionen, aber nicht immer außerhalb der Gesellschaft bedeuten. Die meisten der Exzentriker-Kriterien treffen beispielsweise auf Andrea Milz zu, die sich, in unzähligen Variationen farbenfroh frisiert und gekleidet, als Paradiesvogel bekennt und seit der Kindheit unbeirrt einen anderen Weg als die Menschen in ihrer Umgebung gegangen ist. Da mag es manch optisch Irritierten überraschen, dass eine Frau wie sie als Staatssekretärin in der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei anzutreffen ist, und zwar nicht als Mitglied der Grünen, sondern der CDU.

Bleibt die Frage, wie „Normalos“ mit Exzentrikern umgehen können. Eine mögliche Antwort ist: Es kommt darauf an, wie engagiert und wie lange. Bis zu einer gewissen Intensität und Dauer des Miteinanders kann man sicher eine Bereicherung des eigenen normierten Daseins genießen. So würde man die Britin Ann Atkin und ihre Tausende von Gartenzwergen wohl gerne besuchen, aber vielleicht nicht bei ihnen einziehen wollen.

Aber warum nicht ab und zu selber mal ausscheren? Auch wenn man nicht zum Exzentriker geboren ist – die eine oder andere Schrulle kann ungeahnte Freiheiten bringen, solange man sich dabei wohlfühlt.

Exzentriker

*Es soll hier hervorgehoben werden, dass Exzentrik durchaus kein rein männliches Phänomen ist. Im Sinne der Lesbarkeit wird im Beitrag die männliche Form Exzentriker verwendet. Sie ist als generisches Maskulinum zu verstehen, das Exzentrikerinnen inhaltlich miteinschließt.

Kategorien
Lebensfreude Lebensorganisation

Selbstaufopferung – Haben Sie heute schon Nein gesagt?

Anja ist eine liebevolle Großmutter, die immer öfter die quirligen Enkel übernimmt und dafür jedes Mal ihre Yogastunde sausen lässt; ihre Rückenschmerzen werden immer schlimmer. Georg und Mathilde sind ein engagiertes älteres Ehepaar, das seine ganze Kraft und Zeit in die hiesige Hilfsorganisation steckt, aber weder Dank noch Anerkennung bekommt; Frust und Enttäuschung machen sich breit. Irmgard ist eine pflichtbewusste Mittfünfzigerin, die seit Jahren ihre bettlägerige Mutter alleine betreut und die seelische Belastung nur noch mit Cognac erträgt; sie wird alkoholabhängig. So kann es aussehen, wenn Selbstlosigkeit zur Selbstaufopferung wird.

Heißt das, dass Ego-Rentner, die nur noch fernsehen oder mit der Aida herumschippern, es besser haben? Mitnichten.

Selbstaufopferung„Geben ist seliger denn nehmen …“ So steht’s schon in der Bibel. Wir erlauben uns hiermit die Ergänzung: „…, wenn man nicht übertreibt.“ Denn einerseits genießen Menschen in der späteren Lebensphase moralische Anerkennung und persönliche Zufriedenheit, wenn sie als Großeltern, Pflegende oder im Ehrenamt ihr Bestes geben. Schließlich ist es edel und bereichernd, für die Enkel, die gebrechlichen Eltern oder Hilfsbedürftige aus aller Welt da zu sein. Andererseits übersehen einige Hilfsbereite, dass ihr Einsatz mit der Zeit aus dem Ruder läuft. Ganz allmählich manövrieren sie sich in Stress oder schlimmstenfalls Depression und Krankheit.

Zwischen Egoismus und Selbstaufgabe

Wenn sie nicht gerade an einem pathologischen Helfersyndrom leiden, würden die meisten Selbstlosen es schon einsehen: Die Kunst des gesunden Helfens besteht darin, das richtige Maß zwischen Egoismus und Selbstaufopferung einzuhalten. Doch diese Balance zu finden, kann unheimlich schwerfallen.

Gegen Selbstaufopferung gibt es nur ein einziges Zauberwort: „Nein“.  Es auszusprechen lernt man am besten, indem man sich fragt, warum man es nicht tut:

  • Fürchte ich mich vor möglichen Konsequenzen, die ich als Strafe empfinde: Liebesentzug, Vorwürfe, Rückzug, Konflikte?
  • Fühle ich mich zum Helfen verpflichtet, um nach dem Motto „Gebe und dir wird gegeben“ selbst einmal Unterstützung zu bekommen (was oft genug nicht klappt)?
  • Stelle ich die Bedürfnisse anderer grundsätzlich vor meine eigenen?
  • Halte ich meine Hilfe für unersetzlich?
  • Kämpfe ich mit ausgeprägten Schuldgefühlen, weil mein Gewissen die Latte für Pflichterfüllung und Perfektion sehr hoch gelegt hat?
Methoden der Absage

SelbstaufopferungZum Ablehnen, Herunterfahren oder Beenden von Hilfe muss fast jeder über seinen Schatten springen. Ein gutes Selbstwertgefühl und gesunde Selbstachtung sind eine gute Voraussetzung. Zusätzlich gibt es Möglichkeiten, eine Absage vor sich selbst und anderen klug und annehmbar zu verargumentieren.

  • Begründen Sie Ihre Ablehnung mit den Folgen, die das Helfen für Sie hat – ob nun Ihr Rücken schmerzt, Sie sich ausgenutzt fühlen oder Sie einfach nicht die Kraft haben.
  • Kommunizieren Sie ein klares Nein, bleiben Sie konsequent und bauen Sie niemals darauf, dass der Nehmende doch merken muss, dass Sie gar nicht wollen. Ein verdruckstes Jein, eine Zusage, aus der man sich mit kleinen Notlügen herauswindet, oder eine Absage in letzter Minute kommen (zurecht) nie gut an.
  • Verweisen Sie gegebenenfalls auf Alternativen. Es gibt zum Beispiel in vielen Städten ehrenamtliche Leihomas, für bestimmte Organisationen geeignetere Helfer und für aufreibende Pflege staatliche und professionelle Hilfe.
  • Entschuldigen Sie sich nicht für Ihre Ablehnung, denn Sie haben das Recht dazu und gute Gründe.

Einer der besten Gründe, ab und zu Nein zu sagen, ist schließlich Ihr Alter. Wann, wenn nicht jetzt, sollten Sie sich auch um Ihre Gesundheit, Ihre Hobbys und Ihre Freunde kümmern? Wer vor lauter Selbstaufopferung krank und einsam wird, kann oder mag für andere schließlich gar nichts mehr tun.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Geruchssinn: Wie man seinen Riecher trainiert

Die Dichter der Romantik wussten, was sie an ihrem Geruchssinn haben: „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte; süße wohlbekannte Düfte streifen ahnungsvoll das Land …“, brachte Eduard Mörike das Glück des Riechens zu Wort. Manchem Menschen allerdings entgehen die süßen wohlbekannten und anderen Düfte zum Teil oder sogar völlig.

Für Riechstörungen gibt es viele mögliche Ursachen: Nasenpolypen, ein starker Infekt, eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung, eine Verletzung des Kopfes, bestimmte Medikamente, eine schwere Erkrankung wie Parkinson oder Alzheimer – oder einfach das Alter. Denn auch bei gesunden älteren Menschen kann die Regenerationsfähigkeit der Riechzellen so stark abnehmen, dass der Geruchsinn* eingeschränkt und im hohen Alter sogar verschwunden ist. Doch in vielen Fällen kann man seinen Riecher durch Training wieder auf Trab bringen.

Was beim Riechen nicht alles schiefgehen kann: Parosmie heißt die falsche Wahrnehmung von Duftstoffen, Phantosmie ist das Wahrnehmen nicht vorhandener Gerüche. Meist aber sind Riechstörungen eine Frage der Menge: Man riecht weniger (Hyposmie) oder gar nichts (Anosmie).

Im Vergleich zum Schäferhund mit seinen 220 Millionen Riechzellen ist der Mensch ein olfaktorischer Schwächling (5 Millionen Riechzellen). Doch hat sich auch beim Homo sapiens der Geruchssinn zu einem extrem komplexen Sinnessystem entwickelt. Schon seit Urzeiten musste der Mensch rechtzeitig den Rauch eines Brandes, die Gifte eines verdorbenen Essens und bei der Partnerwahl die oder den Richtige(n) erriechen können. Das ist auch heute noch ganz nützlich.

Wie geht Riechen?

Ganz oben in der menschlichen Nase halten sich Riechrezeptoren bereit, um wie ein Schloss den auf sie passenden Schlüssel in Form eines Duftmoleküls aufzunehmen. Aus unterschiedlichen Gemischen von Duftmolekülen setzt sich ein bestimmter Geruch zusammen. So wird dank der Zusammenarbeit der Rezeptoren aus den chemischen Signalen „Duftstoffe“ das elektrische Signal „Geruchsinformation“ zur Entschlüsselung im Gehirn. Über den Riechkolben (der heißt medizinisch wirklich so) trifft der Geruch direkt ins Gehirn, genauer das limbische System. Hier sind Gefühle und Triebe verortet sowie das Einspeichern von Erlebtem ins Gedächtnis.

Weil Gerüche den direkten Draht zum Emotionszentrum und Langzeit-Informationsspeicher haben, können sie unmittelbar und plastisch Erinnerungen aus längst vergangener Zeit hervorrufen. Ein Beispiel: Riecht man ein spezielles Mittel, mit dem das Treppenhaus der Grundschule geputzt wurde, ist man plötzlich wieder sechs Jahre alt und hat vergessen geglaubte Momente genau vor sich. Man nennt die geruchsbedingte Erinnerung auch Madeleine-Effekt, benannt nach einer Schlüsselszene in Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Dort lässt er seinen Protagonisten Swann erzählen, wie ihn die Aromen einer in Tee getunkten Madeleine in die Kindheit zurückversetzen.

Riechen und Schmecken schwinden gemeinsam

Nicht jedem ist bewusst, wie wichtig der Geruchssinn für unser Wohlbefinden ist und wie leicht er verloren geht. Geschätzt leiden in der westlichen Welt etwa 60 Prozent der 65- bis 80-jährigen und 75 Prozent der über 80-jährigen an klinisch bedeutsamen Riechstörungen (Quelle: Deutsches Ärzteblatt). Meist schleicht sich das Riechvermögen so dezent aus dem Sinnesleben, dass der Verlust erst spät bemerkt wird. Mit der Einschränkung der Riechfunktion ist oft eine Schmeckstörung verbunden, da Riechen und Schmecken eng zusammenspielen und zur Wahrnehmung von Geschmacksstoffen die Empfindung von Aromen über den Rachen gehört. Manche älteren Menschen essen dann mehr Süßes und Salziges, um den Mangel an Schmeckvermögen auszugleichen. Übergewicht ist oft die Folge. Umgekehrt kann es zur Mangelernährung kommen, wenn Ältere schlicht keine Lust mehr auf das als fade empfundene Essen haben.

Nach aktuellen Untersuchungen kann eine nicht anderweitig erklärbare Riechstörung die Vorbotin einer neurodegenerativen Erkrankung wie Morbus Parkinson und Alzheimer sein. Damit dient der Verlust des Geruchssinns als ein potentieller unterstützender Hinweis auf die entsprechende Diagnose. Allerdings ist dieser Zusammenhang nicht zwingend gegeben. Darüber hinaus wurde eine Verbindung zwischen Geruchssinn und psychischen Erkrankungen nachgewiesen. So können Depressive an einer verminderten Riechleistung leiden.

Die Therapien zur Wiederbelebung des Geruchssinns sind so unterschiedlich wie ihre Erfolge. Bei einer physiologischen Ursache können Polypen operativ entfernt oder die Nasenscheidewand begradigt werden, um den Luftstrom zur Riechspalte zu verbessern. Vor allem die häufigen Riechstörungen nach Infekten können von selbst zurückgehen. Manchmal wird zur Entzündungshemmung auch Kortison gegeben.

Regelmäßiges Riechtraining kann helfen

GeruchssinnZur Verbesserung des Riechvermögens gibt es aber auch eine sehr simple und günstige Therapie, die die Betroffenen – nach der Anleitung in einem HNO-Zentrum oder einer HNO-Praxis – selbständig zuhause durchführen können: das Riechtraining mit unterschiedlichen Düften. Diese Methode hat sich als häufig erfolgreich nach entzündungsbedingten Riecheinschränkungen erwiesen.

Inzwischen wurde aber auch nachgewiesen, dass Dufttraining das Riechen im Alter verbessern kann.

So hat eine Studie des Universitätsklinikums Dresden gezeigt, dass Riechtraining bei gesunden älteren Menschen – also bei rein altersbedingten olfaktorischen Einschränkungen – den Geruchssinn positiv beeinflusst. Dabei zeigten die Ergebnisse sogar weitere Faktoren für mehr Lebensqualität im Alter auf. Über die Verbesserung der Riechfunktion hinaus konnte ein positiver Effekt auf sowohl auf die Gemütslage als auch auf die Gehirnleistung der älteren Studienteilnehmer festgestellt werden. Ursachen hierfür könnten in der engen Verbindung zwischen dem Riechzentrum und dem limbischen System liegen oder auch in erneuerten Organisationsprozessen in Hirnarealen.

GeruchssinnDas Prinzip des Riechtrainings ist es, bestimmte unterschiedliche Düfte regelmäßig über einen gewissen Zeitraum bewusst aufzunehmen, sie genau zu beschreiben und voneinander zu differenzieren und mit Gefühlen zu verbinden. So kann man etwa fünf Monate lang morgens und abends bestimmte Duftstoffe grundsätzlicher Duftrichtungen erschnüffeln: blumig wie die Rose und der Jasmin, fruchtig wie die Zitrone und die Orange, würzig wie die Gewürznelke und harzig wie der Eukalyptus.

Wie schnuppert sich es am besten? Als Duftträger dienen medizintechnische Riechstifte, genannt Sniffing Sticks, Originalsubstanzen in selbst befüllten luftdichten Glasgefäßen oder entsprechende ätherische Öle.

Riechen Sie sich glücklich!

Das in Duftrichtungen und Zeiträumen reglementierte Riechtraining lässt sich aber auch auf den Alltag im Haus, im Garten oder in der freien Natur ausweiten. Man kann aktiv und achtsam in sein Leben hineinschnuppern.  Es geht immer darum, unterschiedliche Düfte sekundenlang bewusst wahrzunehmen und zu differenzieren. Riechen kann Spaß machen, besser Riechen können bringt mehr Lebensfreude.

Weinkenner wissen, was gemeint ist. Sie trainieren die Fähigkeit, Aromen zu erkennen, zu unterscheiden und zu genießen. Es sind die Duftstoffe, die glücklich machen. Wer braucht da noch den Alkohol …

*Dieser Beitrag behandelt ein Gesundheitsthema und enthält Tipps und Information. Er ersetzt in keiner Weise Beratung, Diagnose und Therapie durch einen Arzt.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen Lebensfreude

Einsamkeit: Wege aus einem gefährlichen Gefühl

Einsamkeit ist ein Zustand, den man überwiegend mit älteren Menschen in Verbindung bringt. Partner weg, Kinder weg, Arbeit weg, gesundheitliche Handicaps. Und dann noch wenig Rente und fertig ist das traurige Bild. Inzwischen wurde in vielen Studien und einer umfangreichen Meta-Analyse festgestellt, dass soziale Isolation weiter verbreitet und ungesünder ist als gedacht – vergleichbar mit starkem Übergewicht oder 15 Zigaretten am Tag.

Einsamkeit ist Stress, verursacht Bluthochdruck und schadet dem Immunsystem. Diese Erkenntnisse brachten in Großbritannien eine „Minister for Loneliness“, eine Staatssekretärin mit dem Aufgabengebiet Einsamkeit, und auch bei uns viel Aufmerksamkeit.

EinsamkeitDoch wenn das Thema die Medien passiert hat und bis politische Versprechen eingelöst werden, sind die Einsamen immer noch einsam. Es sei denn, sie hatten das Glück, sich in neuen Partner-, Freund- oder Gemeinschaften aufgehoben zu fühlen. Oder sie hatten die Energie, selbst einige Maßnahmen gegen die Einsamkeit zu ergreifen.

Ältere Menschen haben oft den Wunsch, etwas gegen drohende oder bereits vorhandene Einsamkeit zu unternehmen, solange sie es körperlich und geistig noch können. Aber wie kann man gegen Einsamkeit vorgehen?

Wie einsam man ist, bestimmt die Psyche.

EinsamkeitZunächst gilt es, den eigenen isolierten Standort zu bestimmen, das heißt zwischen den Begriffen Einsamkeit und Alleinsein zu unterscheiden.

Alleinsein ist in dieser Abgrenzung ein Lebensumstand, der hingenommen wird und manchmal sogar freiwillig kurz- oder längerfristig gewählt ist. Der Mensch, der allein ist, kann dies als unproblematisch oder sogar positiv empfinden, insbesondere wenn das Alleinsein als Option oder vorübergehend auftritt. Das kennt jeder, der das Alleinsein mal so richtig genossen hat. Selbst wenn beim Alleinsein ein Anflug von Einsamkeit aufkommt, ist der kein Grund zur Beunruhigung, da er zeitlich begrenzt ist.

Zum Gesundheitsproblem kann jedoch die chronische Einsamkeit werden. Darunter verstehen wir ein langfristig bestehendes negatives Gefühl, dem Lebensumstand des Alleinseins ausgeliefert zu sein und darunter zu leiden. Dabei kann es dem Einsamen an Kontakten an sich oder – obwohl von Menschen umgeben ­– einem tieferen Gefühl der Verbundenheit mangeln. Man merkt es ganz einfach: Es tut weh. Das bestätigen Messungen, die das Gefühl der Einsamkeit im Gehirn lokalisierten, wo auch körperlicher Schmerz signalisiert wird.

Bei Einsamkeit können Ängste bis zur Depression mit ins Spiel kommen. Dabei bedingen sich Einsamkeit und Depression häufig gegenseitig. Dieser Teufelskreis lässt sich möglichweise nur mit professioneller psychologischer oder psychiatrischer Hilfe durchbrechen. Auch wer physisch nicht allein ist, sich aber in einer Partnerschaft oder seinem Umfeld einsam fühlt, könnte Ursachen und Abhilfe durch psychologische Beratung oder Therapie finden.

Wer ist besonders gefährdet?

EinsamkeitNach Erkenntnis von Psychologen haben Introvertierte und Menschen mit geringerem Selbstwertgefühl ein größeres Risiko, einsam zu sein. Wer das Gefühl hat, für andere nicht attraktiv und spannend genug zu sein, reagiert oft mit Trauer und Rückzug.

Darüber hinaus bleiben auch Menschen für sich, weil sie sich in der Gemeinschaft auf ihrem intellektuellen Niveau oder in ihrem Lebensstil unverstanden fühlen. Da bleiben gut gemeinte Ratgeber-Tipps wie „Sprechen Sie öfter mal einen unbekannten Menschen an“ das, was sie sind: hilf- und zwecklos.

Denn wir alle hätten gerne möglichst viele Freunde und Bekannte, die bis ins Detail so ticken wie wir. Was in unserer Gesellschaft, in der sich Menschen so individuell wie unterschiedlich verwirklichen, nur selten klappt. Daher empfiehlt sich als erster Schritt weg von der Einsamkeit:

Springen Sie ab und zu über Ihren Schatten.

Nicht hinter jeder geplatzten Verabredung verbirgt sich eine Zurückweisung. Besser ist es, an Kontakten erst mal dranzubleiben und sich klar zu machen, dass man es wert ist. Der andere ist vielleicht froh, wenn man wieder anruft. Falls er sich aber tatsächlich zurückziehen wollte, war es sein Problem.

Andererseits hat mehr soziale Kontakte, wer sich auch Menschen mit anderem Bildungsniveau oder Lebensstil öffnet und sich auf Schnittmengen in Form gemeinsamer Interessen und Einstellungen konzentriert. Vielleicht entsteht in solchen Verbindungen nicht die gewünschte Tiefe, aber einen entspannenden Effekt haben sie zweifellos.

Pflegen Sie Ihre Kontakte.

Es klingt banal, bedarf aber oftmals großer Energie: Wenn man nach dem Eintritt in den Ruhestand und dem Auszug der Kinder mehr Zeit gewonnen hat, sollte man einen Teil davon bewusst für Aktivitäten mit anderen verwenden: sich öfter treffen, alte Kontakte reanimieren, gemeinsam sportliche und kulturelle Interessen verfolgen.

Ob es sich um gemeinsame Hobbies, Reisen, einen Literaturkreis oder nur gelegentliche spontane Unternehmungen handelt – entscheidend ist, dass man die Initiative ergreift. In manchen Fällen kann alles wieder versanden, in anderen kann sich aber eine Dynamik entwickeln, bei der sich Freund- und Bekanntschaften vertiefen und neu entwickeln. Bestenfalls werden die Stresshormone, die bei Einsamkeit den Körper überfluten, von dem Kuschelhormon Oxytocin, das bei tief empfundener Verbundenheit ausgeschüttet wird, verdrängt.

Nutzen Sie Angebote.

Wer selbst nicht der große Organisator ist, kann sich informieren, was andere bieten. Ganz im Sinne der englischen Einsamkeitsministerin Tracey Crouch kann mehr Gruppenarbeit den Zusammenhalt der Gesellschaft und das persönliche Wohlbefinden Alleinlebender fördern.

Die politische Anerkennung, dass Einsamkeit kein individuell verschuldetes, sondern ein gesellschaftliches Problem ist, könnte in mehr staatlichen oder kommunalen Programmen wie die Förderung von neuen Wohnformen für Ältere oder Institutionen zur Begegnung münden. Bis zur flächendeckenden Umsetzung kann es dauern. Doch es gibt clevere Initiativen, die unterschiedliche Bedürfnisse der sozialen Begegnung aufgreifen.

Einige Beispiele:

  • In Berlin gibt es „pro seniores e. V.“, eine Initiative für Ältere mit Wissensdurst und eine breit gefächerte Alternative zum Seniorenstudium.
  • Die Organisation „Silbernetz e. V.“ bietet unter anderem ein Hilfstelefon gegen Einsamkeit im Alter.
  • Das Internetportal „Initiative gegen Einsamkeit im Alter“ bietet einen Überblick über Organisationen und Einrichtungen zur Begegnung und gemeinsamen Aktivitäten im Alter.
  • Das Projekt „Wege aus der Einsamkeit e. V.“ hilft unter anderem auf dem Weg in die Internet-Kommunikation.
  • Der sozialen Vernetzung dienen soll auch die von der Diakonie Deutschland gestartete Initiative „Wir sind Nachbarn. Alle.“
  • Wie erfolgreich es sein kann, wenn Jüngere gemeinsam etwas unternehmen, damit Ältere nicht einsam sind, zeigt der Verein „Freunde älterer Menschen e. V.“

Von einem eigenen sozialen Engagement profitieren einerseits die Empfänger, zum Beispiel Menschen, Tiere, Umwelt und Organisationen, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Andererseits hilft es auch den Gebern, also zum Beispiel Menschen in fortgeschrittenen Alter, die noch gesund, selbständig und aufgeschlossen sind, aus der Einsamkeitsfalle.

Ein klassischer Weg, wie Ältere die Gesellschaft bereichern und dabei selber nicht alleine sind, ist das Ehrenamt. Eine Reihe von Möglichkeiten erfahren Sie hier.

Aktivieren Sie Ihren inneren Menschenfreund.

Ob privat orientiert oder gesellschaftlich engagiert – wenn man auf andere Menschen zugehen möchte, ist es womöglich hilfreich, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Während nach dem Auflösen enger familiärer und gesellschaftlicher Strukturen das Ich immer mehr in den Vordergrund gerückt ist und die Individuen ganz selbstverständlich um pausenlose Selbstverwirklichung ringen, könnte eine neue Aufwertung des Wir-Gedankens nicht schaden. Voraussetzung sind sicherlich Sympathie und Neugier in Bezug auf andere Menschen, Eigenschaften, die sich letztlich wieder positiv auf das eigene Dasein auswirken können.

Doch was bleibt? Wer umgibt und versteht Sie, wenn Sie selber einmal auf Hilfe angewiesen sind? Wohl dem, der eine liebevolle Familie hat. Aber vielleicht werden es auch die Freunde und Bekannten sein, die Sie in Ihrer aktiven Zeit gewonnen haben oder Menschen aus den Organisationen wider die Einsamkeit, in denen Menschenfreunde wie Sie weitermachen.

Vor diesem Hintergrund braucht man kein Helfersyndrom oder eine extra dicke soziale Ader, um sich für andere Menschen zu interessieren.

Nutzen Sie das soziale Internet.

Die sozialen Netzwerke im Internet werden oft kritisiert als Einsamkeitsstifter nach dem Motto: 500 Facebook-Freunde, aber niemand, der mit in die Kneipe geht. Das gilt nicht, wenn soziale Netzwerke nicht als Ersatz, sondern als pragmatische Bereicherung für den Austausch mit anderen verwendet werden. Klug genutzt kann das Internet beim Kontakthalten geradezu segensreich sein. So ermöglicht vor allem Videotelefonie wie das Skypen eine intensive Kommunikation über Entfernungen hinweg.

Apropos moderne Technik: Wenn auf Ihren Selfies meistens andere mit drauf sind, sind Sie auf dem richtigen Weg in eine Zukunft ohne Isolation.

Kategorien
Beauty & Style

Falsch Duschen: Sauber und rein(er Stress für die Haut)

Die Haut schuppt, juckt, ist gerötet oder entwickelt gar Pickel und Ekzeme? All das könnte eine ziemlich banale Ursache haben: die tägliche Dusche. Kaum zu glauben, aber selbst beim Duschen kann man jede Menge falsch machen. Schön lange, schön heiß, schön gründlich ist alles andere als schön gesund. Vor allem bei älterer Haut, die angreifbarer geworden ist.

DuschenDenn so verändert sich die Haut im Alter: Der hauteigene Säureschutzmantel nimmt ab, müde Talgdrüsen machen die Haut trockener und durch abgebautes Unterhautfettgewebe werden wir im wahrsten Sinne des Wortes dünnhäutiger. Wer da aus jüngeren Jahren gewohnte Duschsünden begeht, schadet der Haut zusätzlich und riskiert Hautprobleme wie schuppige Trockenheit, Ekzeme und Juckreiz. Um so mehr, wenn die Haut von vornherein empfindlich ist.

Menschliche Haut sorgt selbst für ihren natürlichen Schutz. Dazu gehören die Lipide aus den Talgdrüsen für natürliche Geschmeidigkeit und ein leicht saures Milieu in einem aus Schweiß- und Tagdrüsen gebildeten Wasser-Fett-Film, dem sogenannten Säureschutzmantel. Dank dieses Films, in dem sich die eigenen Hautbakterien wohlfühlen, kann sich die Haut gegen Reizungen und das Eindringen infektiöser Keime, Pilze und Allergene wehren.

Dieser für die Hautgesundheit unverzichtbare Schutz lässt sich durch falsches Duschen ganz leicht kaputt machen. Hier das vollständige Duschsündenregister:

 Duschfehler Zu lange

So schön es sich anfühlt: Lange unter einem Wasserstrahl mit hoher Temperatur zu stehen entfernt Schmutz und Schweiß, aber leider auch den Hydrolipidfilm der Haut. Das müsste nicht sein. Auch beim kurzen Duschen unter lau- bis mittelwarmem Wasser werden wir gründlich sauber und können einen Entspannungseffekt genießen. Eigentlich reicht rasches Abduschen. Eine Duschdauer von drei Minuten gilt als noch okay, ab zehn Minuten wird es kritisch.

Duschfehler Zu heiß

Die Wassertemperatur sollte möglichst nicht viel höher als die Körpertemperatur sein. Wenn die Haut rot wird, war das Duschen definitiv zu heiß.

Duschfehler Zu oft

Wer viel schwitzt, muss öfter duschen. Aber häufiges Duschen ohne Notwendigkeit oder aus reiner Gewohnheit sollte man seiner Haut zuliebe unterlassen.

Duschfehler Zu scharf 

DuschenDer menschliche Körper ist keine Bratpfanne. Daher braucht er zum Sauberwerden auch keine Fettlöser. Genau dies sind jedoch Produkte zur Körperreinigung, die zu viele Tenside enthalten. Wenn ein Duschprodukt stark schäumt, könnte dies der Fall sein. Auch das entfettende Haar-Shampoo ist nicht optimal für die Körperdusche.

Das natürliche Säuremilieu der Haut hat einen bestimmten pH-Wert, durchschnittlich beträgt er 5,5.Das Kürzel pH steht für das lateinische potentia Hydrogenii, was Konzentration von Wasserstoffionen bedeutet. Nach dem pH-Wert auf einer Skala zwischen 0 und 14 bemisst sich die saure (niedriger pH-Wert) beziehungsweise basische (hoher pH-Wert) Eigenschaft einer Lösung. Eine Seife mit einem pH-Wert 9 zum Beispiel ist bereits stark alkalisch und zerstört den Säureschutzmantel der Haut. Empfehlenswert sind daher Produkte zum Duschen mit einem hautähnlichen pH-Wert. Auch eine endlose Liste von chemischen Zusatzstoffen wie Parabene, Tricosan und Duftstoffe ist der Haut nicht unbedingt zuträglich.

Duschfehler Zu viel

Wenn Festkörper auf dem Fettfilm der Haut haften, wie etwa nach dem Garten umgraben, kann es nötig sein, den ganzen Körper einzuseifen. Bei normaler Verschmutzung kann man der Körperhaut den Chemieangriff ersparen, denn Schweiß und Hautschüppchen fließen auch unter purem Wasser ab. Richtig sinnvoll hingegen ist die Anwendung von (milden) Duschprodukten an den Stellen, wo besonders viele Drüsen sitzen und die Vernichtung von Bakterien und Verhinderung von Gerüchen angesagt ist: Achseln, Intimbereich, Füße. Und zugunsten weißer Hemd- und Blusenkrägen kann auch der Nacken regelmäßig Duschgel vertragen.

Duschfehler Zu schlampig

Mit dem Abspülen von Seife oder Gel sollte man es sehr genau nehmen. Entfernen Sie die Produkte restlos von der Haut, um sie vor Irritationen zu schützen.

DuschenDuschfehler Rubbeln 

Die meisten Duscher reiben ihren Körper anschließend kräftig mit dem Handtuch ab. Fühlt sich gut an, ist aber auch verkehrt. Das Geheimnis des hautschonenden Abtrocknens ist Tupfen statt Rubbeln. Die Hautoberfläche freut es.

Duschfehler Zu spät cremen

Nach dem ganzen Reinigungsstress will die Haut möglichst viel Fett und Feuchtigkeit zurück, und zwar bevor die Restfeuchtigkeit an der Luft komplett verdunstet ist und die Hauttrockenheit einsetzt. Daher sollte man eine Lotion oder Creme unmittelbar nach dem Abtrocknen auftragen. Sogenannte „In-Dusch“-Lotionen, die noch in der Dusche auf dem nassen Körper verteilt werden, treiben das Prinzip der schnellen Rückfettung auf die Spitze.

Last but not least: Kaltes Abduschen oder Wechselduschen schaden der Haut übrigens nicht, sondern regen den Kreislauf an, härten ab und sind gut gegen Cellulite. Wem das zu brutal ist, kann die kalten Güsse auf Arme und Beine beschränken.

Und wenn Sie auf Entspannung im Heißen nicht verzichten wollen? Gehen Sie öfter in die Sauna!

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Schnarchen: Was tun, wenn nachts die Säge plagt

Das Älterwerden kann Begleiter haben, die mit der Zeit immer penetranter werden. Dazu gehört das Schnarchen, medizinisch: Rhonchopathie*. Da mit den Jahren Gewebe und Muskeln im Rachen schlaffer werden, schnarchen Menschen in der Altersgruppe ab 60 häufiger und häufiger auch lauter. Der weibliche Anteil im Schnarchkonzert ist zwar generell geringer, doch auch Frauen, die in jüngeren Jahren lautlos schlummerten, können nach der Menopause mit dem Schnarchen anfangen.Schnarchen

Wie entsteht Schnarchen? Im Schlaf macht sich eine Verengung der oberen Atemwege bemerkbar. Ursachen gibt es viele:

  • Die allgemeine Muskelentspannung im Schlafzustand
  • Die Rückenlage, bei der Zunge und Unterkiefer nach unten rutschen
  • Nasenengpässe, die dazu führen, dass man nachts durch den Mund atmet, wie zum Beispiel bei Erkältung, Allergie, Polypen
  • Übergewicht
  • Anatomische Besonderheiten wie eine zu große Zunge oder ein zu kleiner Unterkiefer
  • Schlaffes Gewebe im Rachenraum, auch altersbedingt
  • Zusätzliche Erschlaffung nach dem Genuss von Alkohol und Nikotin oder der Einnahme muskelentspannender Medikamente wie Psychopharmaka und Allergietabletten

Im verengten Luftstrom geraten Weichteile, allen voran die Gaumensegel, an denen das Zäpfchen hängt, in Bewegung und verwandeln leise Atemgeräusche in hörbares Schnarchen. Je nachdem, was gerade wie stark schwingt, werden Pfeif-, Röchel-, Grunz- und Sägegeräusche in unterschiedlichen Tonhöhen daraus. Auch die Lautstärke kann extrem variieren, von dezenten 20 Dezibel eines leichten Raschelns bis zu guinnessbuchrekordhaltenden 93 Dezibel, die man sich als akustische Autobahn auf der Matratze vorstellen darf – viel befahren, ohne Tempolimit.

Während zwar bei den meisten Schnarchern kein Lastwagen durchs Schlafzimmer braust, kann auch der durchschnittliche Schnarchlärm ausreichen, um den Bettpartner beziehungsweise meist die Bettpartnerin wachzuhalten oder regelmäßig aus einer Leichtschlafphase aufzuwecken.

Wird der Schnarchende selber wach?

Zur Verblüffung der Gepeinigten scheint der Lärmende selbst selig weiterzuschlummern. Dies wird damit erklärt, dass das Gehirn im Schlaf zwischen bedrohlichen und nicht bedrohlichen Geräuschen unterscheidet. Zu letzteren gehören bisweilen auch der Krach aus dem Fernseher, vor dem wir müde weggedämmert sind, vor allem aber die Geräusche, die der Körper selbst erzeugt: das Schnarchen.

Allerdings geht man inzwischen davon aus, dass die Schnarcher von ihrem eigenen Nachtkonzert nicht ganz so unbehelligt sind, wie es scheint. In Untersuchungen im Schlaflabor wurde gemessen, dass Schnarchende aus bestimmten Schlafphasen durchaus regelmäßig aufwachen, ohne sich daran zu erinnern. Diese kurzen Wachmomente erlebt auch der „normale“ Schläfer, da sie zum Wechsel zwischen Tief- und Leichtschlaf gehören. Bei Schnarchern kann die Störung der Tief- und Traumschlafphasen jedoch durch ihre Häufigkeit entsprechend unangenehme Folgen wie Müdigkeit am Tage und mangelnde Erholung haben.

Gesundheitsgefährdende Schlafapnoe

Während rhythmisches leichtes Schnarchen als unbedenklich gilt, kann intensives Schnarchen also die Gesundheit gefährden, insbesondere wenn zusätzlich der Atem aussetzt. In diesem Fall sind die Atemwege so verengt, dass die Luft nicht mehr durchkommt. Das Luftholen mit einem starken Schnarchgeräusch steht dann am Ende eines sekundenlangen Atemstillstands. Hier ist das Schnarchen ein Symptom der obstruktiven Schlafapnoe (OSA)*.

Nach einer Leitlinie im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e. V. kann der Übergang zwischen reinem Schnarchen und OSA zum Teil fließend sein. Es gibt es sogar Hinweise darauf, dass auch starke Schnarcher ohne OSA ein höheres Risiko von kardiovaskulären Erkrankungen haben, wobei die Datenlage als noch ungenügend gilt. Beim Schnarchen in Verbindung mit Atemaussetzern der OSA sind die gesundheitlichen Risiken jedoch nachgewiesen. Durch den häufigen Sauerstoffmangel kommt es immer wieder zu einer gefährlich verringerten Sauerstoffsättigung im Blut mit entsprechenden Risiken im Zusammenhang mit Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes Typ 2, transitorische ischämische Attacke oder Schlaganfall, Herzrhythmusstörungen oder Herzinfarkt.

Wer den Verdacht hat, unter Schlafapnoe zu leiden, sollte Experten der Schlafmedizin aufsuchen. Das können Allgemeinärzte, Neurologen, HNO- oder Lungenfachärzte sein, die sich auf Schlafstörungen spezialisiert haben.

Diagnose und Therapie

Zur Diagnostik gehören ausführliche Arztgespräche mit dem Betroffenen, wenn möglich zusammen mit seinem Bettpartner, sowie Untersuchungen des Rachenraums und der Atemwege. Eventuell ist eine Überwachung in einem Schlaflabor nötig, um eine starke Rhonchopathie von der OSA abzugrenzen. Inzwischen gibt es sogar Smartphone-Apps, die Schnarchgeräusche akustisch analysieren, die bislang allerdings nur als zusätzliche Möglichkeit der Diagnostik gelten. Da reines Schnarchen im Gegensatz zur OSA nicht als Erkrankung gilt, muss auch geprüft werden, ob die Krankenkasse die Therapiekosten übernimmt.

SchnarchenOb Sie einfach nur ungestört schlafen (und schlafen lassen) möchten oder eine schlafbedingte Atemstörung behandeln müssen: Die Therapie hängt natürlich davon ab, was als Ursache für die nächtlichen Atemprobleme ermittelt wurde. Operationen – meist minimal-invasiv – können nötig sein, wenn anatomische Atemhindernisse wie zum Beispiel vergrößerte Mandeln, Polypen oder eine Verkrümmung der Nasenscheidewand aus dem Luftweg geräumt werden müssen. Darüber hinaus gibt es die Implantation von Plastiken in die Gaumensegel und das Erhitzen oder Weglasern von überschüssigem Gewebe. Derartige Eingriffe wollen wohlüberlegt sein. Zum langfristigen Erfolg dieser Methoden gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse. Des Weiteren bergen sie die Gefahr, dass Schlucken und Sprechen behindert werden oder sogar, dass Nahrung und Flüssigkeiten über die Nase zurückkommen.

Zunächst sollten nicht-operative, konservative Therapien im Fokus stehen.

  • Oft hilft es bereits abzunehmen, um übermäßiges Fett im Rachenbereich loszuwerden.
  • Man verzichtet auf Substanzen, die die Rachenmuskulatur entspannen. Das heißt, man lässt Alkohol und Nikotin mindestens zwei Stunden vor dem Schlafengehen weg oder vermeidet – wenn möglich und nach Absprache mit dem Arzt – Beruhigungs- und Schlafmittel sowie Antihistaminika.
  • Es gibt spezielle Westen, die den Schläfer dazu bringen sollen, nicht auf dem Rücken zu liegen.
  • Falls bei allergischen Beschwerden die Nase mit einem Spray freigehalten werden muss, sollte man ein Präparat benutzen, das die Schleimhäute nicht schädigt.
  • Darüber hinaus gibt es medizinische Vorrichtungen zum Freihalten der Nasenflügel.
  • Schienen zur Fixierung des Unterkiefers sollten vom Zahnarzt individuell angepasst werden und regelmäßig überprüft werden.
  • Bei starker Schlafapnoe kann es nötig sein, trotz des dadurch eingeschränkten Komforts nachts ein nasales Atemgerät zu tragen, das dem Schläfer bedarfsgerecht Sauerstoff liefert.

Lassen Sie sich zu den Maßnahmen gegen störendes und gesundheitsgefährdendes Schnarchen gut beraten und probieren Sie aus, was bei Ihnen am besten hilft.

SchnarchenMenschen mit einer musikalischen Ader (und toleranten Nachbarn) könnten im Vorteil sein. Zum Trainieren gegen die Rachenerschlaffung sollen sich das Singen und das Spielen auf einem Blasinstrument, vor allem auf einem australischen Didgeridoo eignen. Zum Erfolg gibt es keine eindeutige Datenlage. Jedenfalls sollte man nicht gerade üben, wenn die Partnerin/der Partner gerade den versäumten Nachtschlaf aufholt.

*Dieser Beitrag behandelt ein Gesundheitsthema und enthält Tipps und Information. Er ersetzt in keiner Weise Beratung, Diagnose und Therapie durch einen Arzt.

Kategorien
Gesundheit & Wohlfühlen

Sodbrennen: Was tun? Und was nicht?

Magensäure tut vielen Menschen nicht den Gefallen, schön da zu bleiben, wo sie hingehört: im Magen. Vielmehr überwindet sie aus verschiedenen Ursachen den unteren Schließmuskel der Speiseröhre (der obere ist der am Kehlkopf) und wandert in die falsche Richtung. Das unschöne Phänomen heißt Reflux*, zu Deutsch Rückfluss. Was dann folgt, nennen wir Sodbrennen, eine Empfindung, die vom Wortursprung her mit dem Brennen siedender Brühe einigermaßen treffend beschrieben ist. Neben dem Brenn- und Druckschmerz hinter dem Brustbein können auch Aufstoßen und Mundgeruch auftreten. Der „reizende“ Reflux kann sogar chronische Atemwegserkrankungen wie Husten und Asthma auslösen. Mögliche Begleiter des Sodbrennens sind zudem Magenschmerzen und Übelkeit.

Im Alter erhöht sich das Risiko von Sodbrennen. Was steckt dahinter?
  • Altersbedingter Reflux hängt damit zusammen, dass der Muskeltonus mit den Jahren schwächer wird. Während Sie Ihren Bizeps weiterhin trainieren können, um der Erschlaffung entgegenzuwirken, ist das beim unteren Ösophagussphincter, wie der Schließmuskel der Speiseröhre in der Fachsprache heißt, leider nicht möglich.
  • Ab 50 treten auch Fälle von Zwerchfellbruch (Hiatushernie) öfter auf. Wenn das Bindegewebe des Zwerchfells am Übergang der Speiseröhre lockerer oder durchlässiger geworden ist, tritt ein Stück Magen in den Brustraum. Dadurch verschlechtern sich der Druck des Zwerchfells und die Spannung des unteren Schließmuskels und damit deren Barrierefunktion gegen aufsteigende Magensäure.
  • Auch Medikamente gegen Bluthochdruck, Arthritis oder Rheuma können Sodbrennen verursachen, da sie die Spannkraft der Muskeln herabsetzen. In diesem Fall sollte man die Arzneien keineswegs eigenmächtig absetzen, sondern mit dem Mediziner seines Vertrauens Alternativen besprechen.
  • In zahlreichen Fällen ist es psychischer Stress, der die Reflux-Beschwerden verursacht.

Wenn alles gut geht, ist Sodbrennen lästig, aber folgenlos. Reflux kann aber auch zu sehr ernstzunehmenden Erkrankungen der Speiseröhre führen:

  • Entzündung
  • Geschwür
  • Blutung
  • Gewebeveränderung
  • Verengung mit starken Schluckbeschwerden
  • Krebs

Zu allem Übel wurde ein tückischer Widerspruch nachgewiesen. Demnach steigt im Alter das Risiko chronischer Reflux-Folgeerkrankungen, während Reflux-Symptome und -Beschwerden gleichzeitig abnehmen können. Will heißen: Ältere sind in höherem Maße gefährdet, merken aber weniger davon.

Wer sich nicht sicher ist, wie stark er an Sodbrennen und möglichen Konsequenzen leidet, kann sich durch eine vorsorgliche Magenspiegelung Klarheit über den Zustand der Speiseröhre zu verschaffen.

SodbrennenIn bestimmten Fällen von refluxbedingten Erkrankungen kann es nötig sein, die Funktion des Schließmuskels operativ zu korrigieren. In der Antireflux-Chirurgie gibt es inzwischen einige minimalinvasive Verfahren (Schlüssellochtechnik), die keine Operation am offenen Bauchraum erfordern. So kann nach dem Implantieren eines sogenannten Speiseröhren-Schrittmachers eine elektronische Stimulation die Funktion des Schließmuskels verbessern. Ein weiteres Verfahren ist das magnetische Antirefluxsystem, bei dem Magnetkerne als Refluxbarriere implantiert werden. Ebenfalls endoskopisch kann eine Manschette um den unteren Speiseröhrenschließmuskel gelegt werden.

Doch zunächst wird versucht, Refluxbeschwerden ohne Operation zu therapieren.

Gegen die Volkskrankheit Sodbrennen gibt es zahlreiche wirksame Medikamente

Säureneutralisierer:

Wer kennt sie nicht, die Antazida in Tabletten- oder Flüssigform, die immer ein bisschen nach Kreide schmecken. Unter einem Antazidum versteht man ein basisches Salz, das die Säure im Magensaft bindet und neutralisiert, und zwar direkt da, wo es sie antrifft. Wenn es nach Essen, Trinken oder Stress in der Speiseröhre brennt, bekämpfen die rezeptfreien Antazida bei Bedarf diese Symptome und sind daher bei gelegentlichen Sodbrennen geeignet.

Säurehemmer:

Eine Art Siegeszug durch die Reflux-Therapie gelang den Protonenpumpenhemmern (Protonenpumpeninhibit