Vorsicht Sprache

Vorsicht Sprache – Nomen est Oma

Vorsicht SpracheKaum zu glauben, welch negatives Bild vom Alter die Sprache zeichnen kann. Beleuchtet man den Zusammenhang von Wörtern und Menschen über 60, gerät manch Hässliches und Überkommenes ins Licht.

Mit dem wissenschaftlichen Begriff „Ageismus“ wird die sprachliche Abwertung des Alters und älterer Menschen bezeichnet. Cool Ager machen es sich bewusst, wie Sprache wertet. Es folgen hier keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein paar Vorschläge für den sprachlichen Alltag. Schauen wir uns die Begriffe etwas genauer an:

Alt

Das Adjektiv „alt“ kann benutzt werden als

  • Gegenteil von jung: „Das alte Pferd kann nicht mehr laufen.“
  • Gegenteil von aktuell: „Die alte Zeitung enthält den Schnee von gestern.“
  • Gegenteil von neu: „Das alte Zeug kann weg.“
  • Synonym von nervig: „Der alte Angeber …“

Merken Sie was? Alt hat eine negative Konnotation. Wertgeschätztes Altes wird als antik, historisch oder traditionell bezeichnet. Aber sollte man ein altes Pferd, eine alte Zeitung oder das alte Zeug anders bezeichnen? Natürlich nicht.

Einen Menschen jedoch muss man nicht unbedingt mit einem Adjektiv mit den Assoziationen „ausgedient, gestrig, überflüssig, lästig“ versehen. Erstens darf die sprachliche Entwertung einer bestimmten Altersgruppe getrost als soziale Diskriminierung entlarvt werden. Zweitens: Wer will angesichts der vielen Facetten der Persönlichkeit und des Lebensstils eines Individuums exakt definieren, wann jung aufhört und alt beginnt?

Das Synonym betagt macht es auch nicht gerade besser. Hier spüren wir förmlich eine schwere Last angesammelter Tage auf dem Rücken. Doch die Sprache hält eine akzeptable Alternative bereit. Die erste Steigerung des Adjektivs alt ist älter und Alter ist ziemlich relativ. Cool Ager sind eben ältere Menschen.

Alter (Mensch)
  • Sagt der Junge zum Jungen: „ … ey Alter!“, ist das sympathischer Jargon.
  • Sagt der Junge zum Älteren „ … ey Alter!“, ist das … genau: ein Problem.

Fakt ist, dass es gerade zum Thema 60 plus von abwertend gemeinten Metaphern nur so wimmelt: Alte Schachtel, alte Schabracke, alter Sack, Oldtimer, Oma, Opa, Dino usw. Eine besonders heikle Variante ist es, sich selbst kokett als alter Sack etc. zu titulieren in Gegenwart einer Person, die noch älter ist als man selbst.

Obwohl sich der Begriff Senioren mit seinen Varianten vom Seniorenteller bis zum Seniorentreff allgemein durchgesetzt hat, spüren viele Menschen eine Abneigung gegenüber dem Wort. In der Einzahl transportiert der Begriff „Senior“ zwar Kompetenz und Erfahrung (Seniorpartner, Seniormanager), im Plural „Senioren“ schwächt sich diese Konnotation allerdings ab. Für viele klingt das Wort zu sehr nach senil. Es stammt aus dem Lateinischen „Senium“ (Altersschwäche), womit Mediziner heute die Lebensphase ab 75 Jahre bezeichnen.

Übrigens: Menschen in der zweiten Lebensphase, deren Kinder noch relativ jung sind, sind gut beraten, sich nicht plötzlich lustvoll den „Senioren“ zuzurechnen. Es könnte irritieren, dass Mutter und Vater plötzlich in eine Art Großeltern-Segment wechseln.

Eine Alternative kommt aus dem englischen Sprachgebrauch: Boomers (kurz für Baby Boomers) beziehungsweise eingedeutscht Baby-Boomer heißen die Menschen, die in den geburtenstarken Jahrgängen nach dem Zweiten Weltkrieg das Licht der Welt erblickt haben und jetzt die große Altersgruppe 60 plus bilden.

Im Marketing wurden zahlreiche freundliche Bezeichnungen für eine begehrte Zielgruppe erfunden: Best Ager, Silver Ager, Silver Surfer, Generation Gold, Golden Ager, Third Ager, Mid-Ager etc. Und wir erinnern uns gerne an die sympathischen Protagonistinnen der amerikanischen TV-Serie Golden Girls … Man könnte nun anführen, dass solche Wortschöpfungen das Alter beschönigen. Andererseits ließe sich sagen, dass die neuen positiven Konnotationen des Älterwerdens ein überfälliges Gegengewicht zu den negativen darstellen.

Alter (Lebensphase)

Die Begriffe das Alter und im Alter sollen eine bestimmte Lebensphase bezeichnen. Wenn nicht gerade scherzhaft gemeint wie der Ausspruch „Tja, das Alter …“ bei einem Zipperlein, klang das Alter schon immer ziemlich lieblos. Dann kreierte jemand das Wort Lebensabend. Hier sei die Frage erlaubt: Geht’s noch? Wäre es nicht schöner, die Sache beim Namen zu nennen als Leben 60 plus oder Leben ab 60?  Oder wie wäre es mit Menschen in der zweiten (nein: nicht in der dritten oder gar letzten) Lebensphase. Und: Im besten Alter lässt es sich eigentlich auch ganz gut leben.

Grau

Vorsicht SpracheGrau ist nicht nur die neutrale Bezeichnung einer Farbe, zum Beispiel der des Haares, sondern steckt auch voller negativer Bilder: das Unheimliche des grauen Nebels, die Trostlosigkeit des grauen Alltags, die Ungewissheit des grauen Bereichs, die Unscheinbarkeit der grauen Maus. Die durch Betrugsaffären diskreditierte Partei der Grauen bzw. Grauen Panther befand sich schließlich nicht mehr in einem rechtlichen Graubereich, sondern in der Insolvenz. Dem Wort Grau sind Cool Ager nicht besonders grün. Sie bevorzugen Silber.

Rentner

Rentner oder Rentnerin ist jemand, der oder die Rente bezieht. Soweit so gut. Doch außerhalb dieses Umstands wird die Bezeichnung gerne despektierlich genutzt: die Rentnergang etc. Charmanter ist hier ein Ausflug in französische Lehnwörter: Beim Leben von Rentier oder Privatier könnten andere richtig neidisch werden.

Rüstig

Vorsicht SpracheHaben Sie schon mal von einem rüstigen Teenager gehört? Nein? Eben.

Das Wort rüstig suggeriert, dass ein älterer Mensch körperliche und geistige Gebrechen hat, und drückt die Überraschung aus, dass es bei dem Rüstigen nicht so ist. Daher darf man dieses Wort getrost vermeiden. Wie wäre es mit sportlich, aktiv, gesund und munter, schlagfertig oder einfach nur – fit?

Es soll keineswegs verdrängt oder verleugnet werden, dass Menschen alt sind und das Alter Probleme mit sich bringen kann. Man mag einwenden, dass die Wort-Alternativen Euphemismen sind, das heißt Bezeichnungen, die potentiell Problematisches verschönern sollen? Ja vielleicht.

Aber Cool Ager haben erkannt, wie Sprache psychologische Einstellungen sowie gesellschaftliche Rollen beeinflussen kann. Es darf nicht weiter zementiert werden, dass „Normal sein“ mit „Jung sein“ gleichgesetzt wird. Die Power und das positive Lebensgefühl der über 60-Jährigen sowie der Respekt für diese Gesellschaftsgruppe sollen sprachlich ihren Ausdruck finden.

Zum Cool Aging passt folglich eine coole, das heißt nichtdiskriminierende Sprache.

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