Omi, Oma, Omeingott

Sprayer-Oma (Der Spiegel), Alpen-Oma (Frankfurter Rundschau), Drogen-Oma (Die Welt). Wir müssen dringend über Oma reden! Oma gehört zu den schönsten Wörtern der deutschen Sprache, eine Umbildung aus Großmama, prägnant und kinderleicht auszusprechen. Aber Oma ist ein privates Wort. Wenn Enkel und Enkelinnen ihre Großmutter ansprechen oder etwas über ihre Großmutter sagen. Du, Oma …, Meine Oma ... Im öffentlichen Kontext ist Oma eine Waffe. Damit schießen Kommunikatoren unbewusst oder absichtlich auf den älteren weiblichen Teil der Gesellschaft. Oma, das sagt uns der Duden, steht „familiär“ für Großmutter und „abwertend“ für ältere Frau. Außer abwertend kann man auch entmündigend, verniedlichend und diskriminierend sagen.

Was? Darf man jetzt noch nicht mal mehr Oma sagen? Kommt auf den Kontext an. Ein Beispiel mit einem weiteren familiären Kosewort: Wenn Angela Merkel Kinder hätte, dürften diese sie „Mutti“ nennen. Tun dies die Parlamentsmitglieder, ist es – nun ja – etwas Anderes, jedenfalls nicht so Nettes.

Mal abgesehen davon, dass eine Oma auch jemand ist, deren Kind ein Kind hat. Im despektierlichen Sprachbild werden auch jede Menge Frauen als Oma bezeichnet, die gar keine Großmutter sind. Denn darum geht es ja gar nicht.

OmaÖffentliche Kommunikation, allem voran die in den Medien, prägt mit ihrer Sprache Bilder in der Gesellschaft. Die Oma, gerne auch in Kombination mit Vornamen (Oma GiselaOma Ingrid) mit ihrer tüdeligen, nicht ernst zu nehmenden, bemitleidenswerten Konnotation ist so ein Bild. Die nette Alte, die super stricken, backen und kochen kann, und das war es dann. Wie viele ältere Frauen entsprechen heutzutage diesem Stereotyp?

Traurig, aber wahr ist, dass einige ältere Frauen sich selber in der Öffentlichkeit als Omas titulieren. So die Aktivistinnen von Omas gegen rechts, einer Bürgerinnenbewegung in Österreich, die auch hierzulande Schule machte. Die Initiatorin bekennt sich zu ihren „Omas“ mit dem Hinweis, sie seien ja auch „lieb“. Das klingt wie Segel setzen und dann den Wind abbestellen.

Eine Hamburger Spendenaktion gegen Altersdiskriminierung nennt sich – keine Satire – Jede Oma zählt. Man darf vermuten, dass über diesen Titel nicht allzu tief nachgedacht wurde.

Nun könnte man argumentieren, dass die kurze Oma einfach besser in eine Schlagzeile passt als die lange Großmutter. Vor allem wenn Überschriften sehr große Buchstaben haben wie in einer Boulevardzeitung. Doch auch der kleinlettrigen Qualitätspresse rutscht die sprachliche Herabwürdigung durch:

Beispiele sind die Sprayer-, Alpen-, Drogen- und so weiter Omas (siehe oben) oder Überschriften wie Wenn Oma aus dem Pflegeheim ausbüxt (FAZ). Eine zumindest halbherzige Distanzierung vom abwertenden Oma-Missbrauch durch das Setzen von Anführungszeichen fehlt häufig.

Auch die Oma-Kolumne der Zeit soll wohl nett oder witzig aus dem Leben einer älteren Frau berichten. Es darf aufs Intensivste getüdelt werden. So sind sie halt, die Omas.

Gerne wird beschrieben, wie die Model- und TV-Berühmtheit Heidi Klum bei einer ihrer jährlichen Halloween-Partys das offenbar Schrecken erregendste Kostüm schlechthin präsentierte. 2013 erschien sie nach professioneller Bearbeitung durch Hollywoods Top-Maskenbildner als alte Oma … Klums Verwandlung zur faltigen Oma nahm mehrere Stunden in Anspruch (stern). Dieser Monster-Auftritt war wohl weder durch das Transformer- noch durch das Schlangenkostüm anderer Klum-Halloween-Feiern zu toppen.

Auffallend übrigens, wie häufig Prominente aus der dritten Reihe den Tod ihrer Großmutter für mediale Aufmerksamkeit nutzen. Schlagzeilen wie XY trauert um ihre geliebte Oma, Soundso weint um Oma Soundso stehen immer auf der ersten Seite.

Selbstverständlich fallen auch pauschal als Opas betitelte ältere Männer unter die Rubrik sprachliche Altersdiskriminierung. Allerdings scheint das Ausmaß der männlichen Alters-Abwertung geringer.

So hieß die Überprüfung der Verständlichkeit von Wikipedia-Artikeln im Jargon selbstverständlich Oma-Test und nicht Opa-Test.

Wenn Nichtfamilienmitglieder das Wort Oma benutzen, wäre es also souverän, diese implizite Abwertung zu unterlassen. Übeltäter müssen nicht immer die Medien sein. Auch im privaten Bereich kommt es besser an, wenn jemand fragt: „Wie geht es deiner Großmutter?“ statt unautorisiert „Wie geht es deiner Oma?“ oder gar „Wie geht es Oma?“

Selbst Rotkäppchen als waschechtes Enkelkind sprach zum bösen Wolf: „Ei, Großmutter, was hast du so große Ohren?“ Es gab ein Happy End.

Oma

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  1. Katha sagt:

    Ein wunderbarer Artikel – die vielen verschiedenen Aspekte des Begriffs „Oma“ in allen Lebenslagen – herrlich!

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