All Age – Wie viel kindisch ist noch erwachsen?

All AgeAll Age ist die Rettung. Selbst wenn an der Behauptung, im Alter würden Menschen kindisch, was dran wäre – die gute Nachricht ist, es würde gar nicht auffallen. Wegen All Age nämlich. All Age ist, wenn so ziemlich alle Altersgruppen dasselbe gut finden: der kleine Hobbit, Harry Potter, Tribute von Panem, Vampire im Twilight oder auf den ersten Biss – also Jugendbücher und -filme, die auch Erwachsene lesen und gucken dürfen, ohne sich erklären zu müssen. Denn Fantasy, Märchen, Science-Fiction und Thriller, die große Mythen und existentielle Themen behandeln, gehen ja alle was an.

Daddeln, Paintball, Lego

All Age betrifft aber nicht nur Bücher und Filme. Computerspiele werden quer durch die Alterspyramide gedaddelt und so mancher Gamer hat schon graue Haare. Auch in der analogen Welt gibt es ungezählte Angebote, bei denen erwachsene Menschen unkommentiert und hemmungslos Kind sein dürfen: beim Paintball andere mit Farbe beschießen, sich beim Krimi-Dinner mit Theaterblut besudeln, im Disney-, Phantasia- und Sonstwie-land viel Eintrittsgeld versenken, mit Lego for Men – ja, das gibt es wirklich – einen Unimog bauen. Es scheint, als böte unsere Gesellschaft einen riesigen All Age Spielplatz.

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Homo ludens

Nun sage niemand etwas gegen das Spielen. Aus der Handlungsfreiheit des spielenden Menschen – lateinisch: homo ludens – ist laut dem Kulturhistoriker Johan Huizinga unsere kulturelle Entwicklung entstanden. Demnach bringt das Spiel kreative Prozesse und damit Neues, Unbekanntes hervor. Der Verspieltheit Erwachsener kann auch der Psychologe René Proyer in seinen Studien viel Positives abgewinnen. Außerdem sorgt Spielen für Ablenkung vom Alltag und soziale Kontakte (vom Ego-Shooter mal abgesehen). Und entspannen wollen und sollen wir doch auch.

Kindliche Eigenschaften

Also gibt es kein kindisches Problem, oder doch? Psychologen haben in der modernen westlichen Gesellschaft einen überdurchschnittlich häufigen Rückfall in kindliche Verhaltensweisen ausgemacht. Sie warnen vor allgemeiner Regression, dem „Zurückgehen“ in frühere Stadien der Persönlichkeitsentwicklung. Das klingt nicht gut, denn Kinder sind Kinder, weil sie Folgendes dürfen:

  • Egoistisch alles sofort haben wollen
  • Cholerisch ausrasten, wenn etwas nicht nach ihrem Kopf geht
  • Jammern und heulen
  • Angst haben
  • Zu Mama/Papa flüchten
  • Immer die anderen schuld sein lassen
  • Keinen Bock auf Anstrengendes haben
  • In Märchenwelten abtauchen
  • Sich manipulieren lassen
  • Für nichts verantwortlich sein
  • Und über all das nicht nachdenken müssen

Erwachsene Eigenschaften

Erwachsene hingegen sind Erwachsene, weil sie Folgendes gelernt haben (sollten):

  • Ernst sein
  • Vernünftig handeln
  • Verantwortung übernehmen
  • Sich Ziele setzen und sich dafür anstrengen
  • Verzicht üben bzw. Bedürfnisbefriedigung aufschieben
  • Impulskontrolle
  • Bescheidenheit
  • Einfühlungsvermögen
  • Die eigene Person und eigenes Handeln reflektieren

All AgeWachsende Infantilisierung

Moderne Phänomene wie der unkritische Konsumismus einer Spaßgesellschaft und eine überfordernde Digitalisierung haben, so die Beobachtung, bei vielen Menschen erwachsene Eigenschaften durch Zeichen der Infantilisierung verdrängt: Haben wollen und zwar sofort, banale Zerstreuung, Sensationslust, Nullbock-Haltung, Verantwortungslosigkeit, Schuldzuweisungen an Gott und die Welt, übertriebenes Anspruchsdenken, diffuse Ängste, versorgt werden wollen, Manipulierbarkeit, Geltungsbedürfnis, fehlende Selbstreflexion. Daher geht der Appell an die Erwachsenen: Werdet wieder erwachsen!

Im echten Kinderparadies

Das bringt uns zurück zum All-Age-Paradies. „Erwachsene“ Erwachsene betreten es bewusst und nur auf Zeit. Sie regredieren nach Herzenslust, wenn sie mal abschalten wollen. In diesem Sinne sollten auch wir Cool Ager öfter All Ager sein. Kleiner Tipp: Kind sein macht am meisten Spaß, wenn echte Kinder (zum Beispiel Enkel) dabei sind. Vom Sandburg bauen bis Barbie stylen. Man nennt es auch „mit Kindern spielen“.

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Achtung Regression

Wann allerdings könnte ein rotes Infantilisierungs-Warnlicht im inneren Erwachsenen-Display zu glimmen anfangen? Wenn sehr viel des nachfolgend Genannten auf einen zutrifft:

  • Wenn man eine Märklin-Eisenbahn/Carrera-Autorennbahn/Hello Kitty-Sammlung besitzt und keine Kinder dranlässt.
  • Wenn man sich im Club-Urlaub nicht überwinden muss, die Gruppentänze mitzumachen.
  • Wenn das Smartphone zum Körperteil wird.
  • Wenn man bei kleinsten Frustrationen sofort shoppen gehen, einen Drink eingießen oder Nutella essen muss.
  • Wenn das wichtigste Lebensziel der Kauf einer bestimmten Handtasche/eines bestimmten Autos ist.
  • Wenn man alle Folgen von DSDS und GNTM sowie von Serien mit B-Prominenten, die im Dschungel Ungeziefer essen, gesehen hat.
  • Wenn man sich bester Gesundheit erfreut und am allerliebsten über seine Krankheiten spricht.
  • Wenn man Genitive ausschließlich mit dem Dativ bildet („der Emma ihre Freundin“ statt „Emmas Freundin“).

Übrigens: Wir finden „Mein Zauberwald“ am schönsten. (Von den Bestseller-Malbüchern für Erwachsene – ganz ohne Kinder aber mit vielen Buntstiften …)

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