Silvester

Silvester – Guten Rutsch mir den Buckel runter

SilvesterGuten Rutsch! Ob der Spruch nun von hebräisch Rosch ha-Schana / Kopf des Jahres oder Rutsch als Synonym für kurze Reise kommt – wir tun gut daran, ihn uns an Silvester gegenseitig zuzurufen. Denn im Hinübergleiten vom alten ins neue Jahr schwingt alljährlich die hohe Wahrscheinlichkeit von Kollateralschäden mit. Schließlich bietet der ursprüngliche Gedenktag für Papst Silvester, mit dessen Hinscheiden am 31. Dezember 335 der gregorianische Kalender anfing, viele Möglichkeiten auszurutschen. Das liegt daran, dass wir uns unter allerhand sozial anerkannten Vorwänden wie Pubertierende verhalten: trinken, lärmen, zündeln. Warum eigentlich?

Ab und zu muss auch eine als zivil geltende Gesellschaft Anlässe schaffen, um ein paar Dampfventile aufzumachen. In manchen Gegenden gibt es neben Silvester traditionelles gemeinsames Ausflippen an „närrischen“ und anderen folkloristischen Feiertagen. Als Grund für Faschings- und Silvester-Zinnober gilt die dringende Notwendigkeit, böse Geister zu vertreiben. Das begann bereits bei den nicht ganz so zivilisierten Germanen, die das Jahr mit dem Getöse brennend dahinrollender Holzräder abschlossen.

Böse Oma

Da das geräuschvolle Zündeln – statistisch fast nur Männern – so viel Spaß macht, hat es sich bis heute gehalten. Statt Feuerrädern stehen dem Germanen-Nachfahren heute Knallketten, Böller, Raketen, Fontänen, Feuerwerksbatterien und Verbundfeuerwerke zur Verfügung. Die Angst vor dem neuen Jahr muss riesengroß sein, wenn man es mit Produkten wie „Feindstaub“ (kein Tippfehler), „Hass“ oder „Böse Oma“ begrüßen muss.

Es bleibt die Frage, ob man fürs Geistervertreiben in Deutschland jährlich über hundert Millionen Euro, tausende Tonnen Feinstaub (17 Prozent des jährlichen Straßenverkehrs in einer Nacht), tonnenweise Müll, tausende geschädigte Trommelfelle und immer wieder abgetrennte Finger und sogar Todesopfer (Brandenburg 2017) benötigt. Umweltschützer, Asthmatiker und Unfallchirurgen streuen da Zweifel.

SilvesterTierschützer versuchen darüber hinaus, auf die millionenfache Panik von Haus- und Wildtieren aufmerksam zu machen. Verantwortungsvolle Tierbesitzer würden ihre Vierbeiner am liebsten nach Sylt, Amrum oder Sankt Peter Ording bringen, wo Silvesterknaller wegen der Reetdächer seit jeher untersagt sind.

Ein paar weitere Ruhezonen sind entstanden, seit dort der Rutsch in den Jahreswechsel zu einer Art Rette-sich-wer-kann-Ausnahmezustand geriet.  In einigen deutschen Städten wie Köln, Düsseldorf, Dortmund und Hannover herrscht in Innenstadtbereichen Böllerverbot. Um Brände und Schäden zu vermeiden, darf auch in einigen Altstädten, zum Beispiel in Konstanz, Goslar, Tübingen, Göttingen, Weimar und Lüneburg, nicht geböllert werden. Partielle Ruhe schafft außerdem das deutsche Bundessprengstoffgesetz: In der Nähe von Altenheimen und Krankenhäusern hat es auch am 31.12. nicht zu krachen.

Pyrotechnik Pro

SilvesterAber wie werden wir sie dann los, die Geister? Eine mancherorts bereits verwirklichte Alternative ist das zeitlich und örtlich definierte professionelle Feuerwerk. Schließlich sind Berufs-Böllerer eigens auf eine Pyrotechnikerschule gegangen, wo sie lernen, den Zauber explodierender Mini-Raketen geordnet, künstlerisch und nicht zum Schaden, sondern zur Freude der Mitmenschen in den Nachthimmel zu schreiben. So muss keiner auf das Feuerwerk zu Silvester verzichten. Nur Gucken wäre dann seliger denn Schießen.

Oder eben klassisch: Geben ist seliger denn Nehmen. So gesehen bringt es ganz sicher Glück, das beim Böllerverzicht eingesparte Geld sinnvoll auszugeben. Die Ur-Idee „Brot statt Böller“ gibt es bereits seit 1980. Doch auch eine Organisation, die möglicherweise beim vorweihnachtlichen Spenden zu kurz kam, kann nun noch unterstützt werden.

Hausputz gegen Geister

Von den Chinesen, deren Knaller zu ihrem Neujahrsfest zwischen Januar und Februar der Schrecken jedes Innenohrs sind, können wir auch Alternativen lernen: Das neue Jahr mit einem gründlich geputzten Haus, frisch gestrichenen Wänden und aufgehängten roten Laternen begrüßen – bringt alles Glück.

SilvesterUm ganz sicherzugehen, dass die Geister wirklich weg sind, kann man noch die Wirksamkeit der heimischen Rauchmelder mit einem Tischfeuerwerk oder dem Abbrennen von Wunderkerzen testen.

Ansonsten bleibt es uns nicht erspart, uns zum Jahresende in aller Gedankenstille mal wieder mit der eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. So haben wir die Chance, das neue Jahr mental gestärkt anzupacken.

Ob es nun knallt oder nicht – auf Silvester ist einfach Verlass.

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