Aberglaube – toi, toi, toi für die Vernunft

Aberglaube? Wir doch nicht! Bei älteren Menschen steige die Neigung zu übernatürlichem Denken, sagt der Psychologe Bruce Hood von der Universität Bristol. Eine kindlich-intuitive Sicht auf die Welt käme zurück. Vor allem in Zeiten von Stress und Unsicherheit versuche der Mensch Umstände, die er nicht kontrollieren kann, positiv zu beeinflussen. Kontrollillusion ist das Zauberwort. Da können wir doch nur lachen, oder?

Daumendruck und Fingerkreuz

Wir sind schließlich die Nachfahren des Zeitalters der Aufklärung, fliegen in den Weltraum und lassen die Wissenschaft vieles entzaubern, was den Menschen einmal buchstäblich heilig war. War doch klar, dass die Welt trotz Maya-Prophezeiung nicht untergegangen ist. Zur Sicherheit haben wir wie bei jedem Jahreswechsel auch 2012/2013 aber geböllert, was das Zeug hält und Schweinchen, Kleeblätter, Schornsteinfeger und Glückspilze verschickt.

Auf Holz wird geklopft und Münzen werden in Brunnen geworfen. Dabei führen sich die Vernunftmenschen verschiedener Kulturen unterschiedlich auf: Wir drücken uns gegenseitig die Daumen, während Amerikaner die Finger kreuzen. Im Flugzeug fehlt für die Deutschen Reihe 13, für die Italiener und Brasilianer Reihe 17. Und den Chinesen bucht man besser nicht in Reihe Vier, da das chinesische Wort für Vier so ähnlich klingt wie das für Tod. Jedem seine Unglückszahl, ist doch logisch!

Brautstrauß werfen, Kerzen auspusten, Hufeisen korrekt aufhängen

Zugegeben. Der moderne Mensch und der Aberglaube sind unzertrennlich. Es gibt eben kulturelle Rituale, die sich seit Ewigkeiten bewährt haben: Die Braut wirft den Brautstrauß, weil sonst keine ihrer Single-Freundinnen heiraten wird. Danach muss der frisch Getraute seine Gattin unbedingt über die Türschwelle tragen, da sich dort ja die Hausgeister tummeln. Geburtstagskerzen muss man ordentlich auspusten, sonst geht das neue Lebensjahr schief. In Polen dürfen Frauen keinesfalls ihre Handtasche auf den Boden stellen, da sonst das Geld wegrennt. Zu dem Hufeisen über dem Eingang seines Hauses soll der Physiker und Nobelpreisträger Nils Bohr gesagt haben, es wirke auch, wenn man nicht dran glaubt. Wir wissen natürlich, dass es mit der Öffnung nach oben angebracht werden muss, damit das Glück nicht rausfällt.

Aber bitte mit Schutzengel

Man muss ja nicht gleich eine ganze Religion für Aberglauben halten. Wo der Glaube aufhört und der Aberglaube für sie beginnt, definieren die Religionen selbst. In welche Rubrik beispielsweise der Schutzengel gehört, ist im Zweifel egal, solange wir ihn nur dabeihaben. Und manchmal muss sich der geplagte Hedonist des Zeitalters der Vernunft einfach ein bisschen in die Tasche lügen. Wenn mich der Glückscent im Jackett vor Herzinfarkt schützt, brauche ich nicht auf gesunde Ernährung zu achten. Wenn der Talisman am Rückspiegel baumelt, gebe ich Gas, das macht Spaß, und es passiert schon nichts. Eventuell.

Abergläubische Tauben und Sportler

Einer der wichtigsten Urheber des Aberglaubens ist die Neigung des Gehirns, Ursache und Wirkung zu vermuten, wo sie gar nicht existieren. Dabei verhalten sich auch Tiere sehr menschlich: Die Tauben des amerikanischen Psychologen B. F. Skinner bekamen regelmäßig Futter aus dem Automaten, als der Wissenschaftler ihr „abergläubisches“ Verhalten entdeckte. Die Tiere wiederholten die Dreh- oder Kopfbewegung, die sie zufällig bei der ersten Futtergabe gemacht hatten, um dadurch eine neue Fütterung zu veranlassen. Nach diesem Vorbild lassen sich viele Zusammenhänge herstellen: Tiger Woods trägt sein rotes Hemd, Jogi Löw seinen blauen Outfit, alles unabdingbar für sportlichen Erfolg und damit im weitesten Sinne neue Futterzufuhr.

Glücksbringer und Placebo mit Wirkung

 Erfolgsfaktor Aberglaube: Ob Sie es (aber)glauben oder nicht – diese illusorische Korrelation genannte Selbstveräppelung bringt richtig was. Sportler schwören sowieso drauf. Schauspieler betreten gestärkt die Bühne, wenn sie sich vorher gegenseitig über die Schulter gespuckt haben. Aber auch bei Prüfungen kann ein Talisman offenbar nicht schaden. Nach Experimenten der Forscherin Lysann Damisch schnitten Studierende in Tests mit Glücksbringer besser ab als ohne. Vielleicht glaubten die Prüflinge, mit dem Talisman ihre Geschicke ein wenig steuern zu können. Das nennen Experten Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Ein Vorgang, der vor allem in der Medizin von großer Bedeutung ist.

Selbstwirksamkeitsüberzeugung

Selbst die Kritiker der Homöopathie werden von der potentiellen Wirkung der extrem verdünnten Substanzen verblüfft. Placebo-Effekte sind in der Medizin anerkannt. Wie viele Warzen sind schon von charismatischen Heilern wegbesprochen worden! Wie viele Zipperlein sind schon dem Halbedelstein unter dem Kopfkissen gewichen! Ob US-Präsident Reagans Interesse an Astrologie zu einer besseren Politik geführt hat, ist allerdings unbekannt. Außerdem können sich bestimmte individuelle Marotten wie Kontrollhandlungen zu behandlungsbedürftigen Zwangsstörungen auswachsen.

Vorsicht Trolle!

Es mag einem nüchternen Psychologen wie Stuart Vyse gelingen, trotz der Unberechenbarkeit der menschlichen Existenz statt an Magie lieber an die Wissenschaft und das Natürliche zu glauben. Aber man weiß ja nie. Es gibt sie vielleicht doch, die Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen lässt (Shakespeare) … In Island werden Bauprojekte so geplant, dass die Elfen in einem Felsen oder Grundstück nicht gestört werden. In Schweden schwören die Menschen, dass es Trolle gibt.

Wenn Sie so einem begegnen, zum Beispiel an einem Freitag, den 13., wenn es gerade 13 schlägt und eine schwarze Katze von rechts kommt, drücken wir Ihnen schon mal die Daumen. Toi, toi, toi.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.