So machen Sie sich fit fürs Arztgespräch

Gott in Weiß? An den Arzt als Allmächtigen glauben immer weniger Patienten. Viele Menschen, die sich krank fühlen, vertrauen sogar ihrem inneren Arzt, nämlich den Selbstheilungskräften ihres Körpers, bevor sie sofort in eine Praxis eilen. Aber manchmal führt kein Weg daran vorbei. In der Sprechstunde geht es – wie der Name schon sagt – zunächst um Kommunikation. In der Gesellschaft wächst das Bewusstsein, wie wichtig ein gutes Arztgespräch für den Behandlungserfolg ist. Gesundung und Lebenszeit verbessern sich nachweislich, wenn Patienten die Diagnose und Therapie gut nachvollziehen und dem Arzt vertrauen können. Leider sieht die Realität oft anders aus: kommunikativ ungeschulte Ärzte mit Zeitnot im Nacken und der mageren Vergütung der „sprechenden Medizin“ im Sinn. Man kommt aus der Praxis, fühlt sich abgefertigt und fragt sich: Was hat der Arzt* mir jetzt eigentlich gesagt? Nicht verstanden, missverstanden, vergessen. Die gute Nachricht: Sie können selbst einiges dafür tun, dass es besser läuft.

Als Patient* haben Sie ein Recht darauf, dass Sie der Arzt über Folgendes aufklärt: was Ihnen fehlt, wie es behandelt wird, wie sich Ihre Gesundheit voraussichtlich entwickelt und wie Sie sich mit Rücksicht auf Ihre Erkrankung künftig verhalten sollen. Idealerweise stellt er offene Fragen, die Sie mit ausführlicher Schilderung beantworten können und nicht nur mit ja oder nein. Außerdem muss er Ihre Fragen beantworten und auf Sie eingehen. Andererseits sollte beim Arztgespräch auch der Patient kooperieren und das richtige Maß finden. Ein Arzt kann kein vollwertiger Ersatz für einen Psychotherapeuten oder mangelnde soziale Kontakte sein. In Deutschland versorgen Hausärzte durchschnittlich 53 Patienten, Fachärzte 42 Patienten täglich. (Quelle: Deutsches Ärzteblatt) Der Patient wünscht sich die Zeit, die der Arzt nicht hat. Die Konsequenz: Das Arztgespräch muss nicht immer lang sein, sondern immer gut.

Was können Sie als Patient dafür tun?

ArztgesprächBringen Sie Ihre Geschichte mit.

So können Sie – quasi als Spickzettel für das Arztgespräch – eine persönliche Gesundheitschronik erstellen, um den Arzt genau und lückenlos zu informieren, zum Beispiel über Dauer und Verlauf Ihrer akuten Beschwerden, Beginn und Behandlung einer eventuellen chronischen Erkrankung, frühere Erkrankungen, Operationen und Unfälle. Bringen Sie außerdem alle Unterlagen mit, die für Ihre Diagnose und Behandlung wichtig sein können: vorhergehende Befunde anderer Ärzte wie Laborergebnisse und Röntgenbilder oder den Entlassungsbrief der Klinik. Damit der Arzt weiß, welche Medikamente Sie bereits einnehmen, können Sie ihm eine selbst geschriebene Liste überreichen oder einen Ausdruck des Medikationsplans Ihres Hausarztes. Ärzte sind nämlich seit 2017 verpflichtet, für einen Patienten, der mehr als drei Medikamente einnimmt, einen Medikationsplan zu erstellen. Darüber hinaus sollten Sie alle für Ihren Arztbesuch relevanten medizinischen Pässe dabeihaben: Impfpass, Röntgenpass, Mutterpass, Implantatpass oder Allergieausweis.

Seien Sie informiert.

Immer mehr Patienten befragen erst mal das Internet zu ihrem Problem. Allerdings liefert „Dr. Google“ mit seinen Millionen von Suchergebnissen oft ungenaue, widersprüchliche oder sogar falsche Informationen. Daher ist nicht jeder Arzt erfreut darüber, wenn Patienten mit Selbstdiagnosen aus dem Internet aufwarten. Signalisieren Sie Ihrem Arzt, dass Sie seine Rolle nicht infrage stellen. Prüfen Sie bei Ihren Recherchen im Internet, ob die Quelle der jeweiligen Gesundheitsinformation kommerziell unabhängig, seriös und journalistisch sowie fachlich kompetent ist. Ein Blick ins Impressum kann hierfür Aufschluss geben.

ArztgesprächEine medizinisch fundierte Informationsquelle finden Sie beispielsweise unter https://washabich.de. In dieser gemeinnützigen Initiative bieten Medizinstudierende der höheren Semester und junge Ärzte kostenlos an, den Fachjargon von Arztbefunden in verständliche Sprache zu übertragen. Der Patient holt sich im „virtuellen Wartezimmer“ der Website einen Termin, mailt den Arztbrief zu und erhält per Mail die Übersetzung. Aufgrund der hohen Nachfrage dieses Service muss man mit Wartezeiten rechnen. Doch die Website hilft auch dabei, Ihr Arztgespräch bestmöglich vorzubereiten. Bei washabich.de gibt es Listen weiterer Web-Adressen zum Thema Gesundheit sowie Erläuterungen zur Bedeutung von Laborwerten und zu wichtigen Fachbegriffen. Der Begriff „Negativ“ zum Beispiel bedeutet meist etwas Positives, nämlich dass nichts Krankhaftes gefunden wurde. Die Patientenbroschüre zum Herunterladen enthält außerdem Checklisten dafür, was Sie beim Arzt fragen sollten.

Fragen Sie und haken Sie nach.

Denn für ein zufriedenstellendes Arztgespräch sollten Sie nicht nur sämtliche Informationen des Arztes in Stichworten notieren, sondern dabei auch das Bild vervollständigen. Zum Beispiel mit gezielten Fragen

  • zur Diagnose: Wie heißt meine Erkrankung genau, wie verläuft sie, was ist die Ursache und wie kann ich sie durch mein Verhalten positiv beeinflussen?
  • zur Untersuchung: Warum und wofür wird sie gemacht, wie läuft sie ab, was sind die Risiken, wie kann ich mich vorbereiten?
  • zur Therapie: Welche Möglichkeiten und Alternativen gibt es, was sind die Vor- und Nachteile, welche Nebenwirkungen sind zu erwarten, wie hoch sind die Heilungschancen, wäre auch das vorläufige Abwarten eine Option?
  • zum Medikament: Wie wirkt es, wann und wie muss ich es einnehmen, welche Nebenwirkungen kann es haben, darf es mit Alkohol und bestimmten Nahrungsmitteln nicht kombiniert werden, verträgt es sich mit den Substanzen meines Medikamentenplans, ist mein Medikamentenplan noch aktuell?
  • zur Zukunft: Was sind die nächsten Schritte, was kommt danach, wie muss ich mich künftig verhalten?

Manchmal ist man sich trotzdem nicht sicher, ob man alles genau verstanden hat. Zwei weitere Tipps, damit Aussagen des Arztes nicht untergehen, sind:

  • Wiederholen Sie das Gesagte des Arztes in eigenen Worten und fragen Sie, ob Sie es so richtig verstanden haben.
  • Lassen Sie sich, wenn möglich, von einer Person Ihres Vertrauens zum Arzt begleiten, die eventuell das Mitschreiben übernimmt und mit der Sie die Erkenntnisse aus dem Arztgespräch anschließend besprechen können.

ArztgesprächSie sind berechtigt, sich alle Befunde aushändigen zu lassen. So können Sie sich diese, falls nötig, bei washabich.de oder anderen unabhängigen Patientenberatungen nochmals erklären lassen.

Ein Arztgespräch ist erfolgreich, wenn die Konsequenzen stimmen. Dazu gehört die Erkenntnis: Nach dem Arztbesuch ist meistens vor dem Arztbesuch. Bereiten Sie sich also auf den Nachsorgetermin so sorgfältig vor wie auf den Erstbesuch. Dokumentieren Sie die befolgten medizinischen Maßnahmen und notieren Sie neue Fragen. Sie können auch bereits in Angriff nehmen, was Sie in Ihrem Leben ändern sollten. Wie kann ich gesünder essen und trinken, wie kann ich mich mehr bewegen, und wie motiviere ich mich, das auch durchzuziehen? Zum Beispiel, indem ich Familienmitglieder und Freunde überzeuge, dabei mitzumachen?

Arztgespräch im Medizinstudium

Auch in der Politik sind die Erkenntnisse zum Wunsch und vor allem zu den wirtschaftlichen Vorteilen einer verbesserten Arzt-Patient-Kommunikation angekommen. So hat das Bundesgesundheitsministerium eine „Allianz für Gesundheitskompetenz“ ins Leben gerufen. Eines der Ziele ist die „Sensibilisierung der Ärzteschaft für die Nutzung von qualitätsgesicherten Patienten­informationen im Rahmen des Patienten­-Arzt-Gespräches im Sinne der informierten Entscheidung“. Dazu gehört das Lernen und Üben von Kommunikation in der Aus- und Fortbildung. Studierende lernen bereits heute in Simulationskliniken mit Schauspielpatienten, wie man Arztgespräche führt, damit nicht unnötig Ängste geschürt, sondern Vertrauensbeziehungen aufgebaut und Informationen bestmöglich verstanden und umgesetzt werden.

Es lohnt sich also, wenn die Arzt-Patient-Beziehung nicht mehr paternalistisch von oben herab, sondern partnerschaftlich auf Augenhöhe geprägt ist. So sollten Sie bei jedem Arztgespräch die Chance erhalten, Ihre eigene Gesundheitskompetenz zu erhöhen. Wenn hingegen Ihr Arzt nicht sensibilisiert ist, wenn Sie nicht nur einmal das Gefühl haben, dass er nicht auf Sie eingeht und Sie daher nichts verstanden haben, könnte es sogar angebracht sein, den Arzt zu wechseln. Denn Verstehen und Vertrauen heilen mit.

*Arzt und Patient im generischen Maskulinum stehen hier selbstverständlich auch für Ärztinnen und Patientinnen.

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