Isoglukose und warum man sich über Zucker schlau machen muss

IsoglukoseDas süße Leben und der frühe Tod. Endlich sind sich die Ernährungsexperten einig. Dick und krank wird man nicht nur von Fett, sondern auch von Zucker. Weil wir zu viel davon verzehren, drohen Stoffwechselstörungen, Fettleber, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kürzeres Leben. Aber die Konsequenzen daraus zu ziehen ist auch kein Zuckerschlecken. Wenn wir in Zutatenlisten und Regale schauen, blicken wir nicht mehr so richtig durch. Fruchtzucker klingt irgendwie gesünder, oder? Was ist eigentlich Invertsirup? Was macht Xylit im Kaugummi und was bringen uns Newcomer wie Birkenzucker und Stevia? Sind geschmeidige Natursüßer wie Honig oder Agavendicksaft die bessere Lösung? Und droht uns nach der Marktöffnung für Isoglukose eine Speckkörper-Gesellschaft à la USA?

Was ist was in der süßen Welt? Was hat welche Vor- und Nachteile für die Gesundheit und Genuss? Der Versuch eines Überblicks:

ZUCKERARTEN

Zucker/Haushaltszucker/Kristallzucker/Raffinade

Ausgangsprodukte: Zuckerrübe oder Zuckerrohr. Fachausdruck Saccharose.

Saccharose ist ein Zweifachzucker, bestehend aus je einem Molekül der Einfachzucker Glucose beziehungsweise Dextrose (Traubenzucker) und Fructose (Fruchtzucker). Das heißt, der Anteil von Glucose und Fructose ist bei Zucker immer gleich: halbe-halbe.

IsoglukoseIndustriell gewonnen seit dem 19. Jahrhundert wird er in immer neuen Formen angeboten: zunächst als Zuckerhut (wie der aus der Feuerzangenbowle), dann als Raffinade (die klassischen feinen weißen Kristalle), Puder, Würfel, Hagelkörner, Kandis und in einigen weiteren Gebrauchsformen.

Braun ist nicht gesünder:

Zucker wird durch die Raffination weiß. Weniger stark verarbeitet oder wieder eingefärbt ist er bräunlich. Manche Leute greifen zu braunem Zucker in einer vagen Vorstellung, dass der gesünder sei. Zwischen weißem oder braunem Rüben-, Rohr- oder Rohrohrzucker besteht jedoch kein ernährungsphysiologischer Unterschied. Allenfalls der Vollrohrzucker enthält mehr Mineralien und Vitamine, schmeckt allerdings auch buchstäblich eigen.

Wo ist das Problem?

  • Zucker flutscht: Glucose und Fructose werden in der Form von Zucker sehr schnell vom Körper aufgenommen.
  • Zuckeralarm: Zucker stimuliert Hormone, die die Zuckerweiterverarbeitung im Körper steuern, zum Beispiel das Insulin.
  • Hochbetrieb: Viel Zucker braucht viel Insulin, um die Glucose in die Zellen zu verteilen.
  • Zwischenspeicher: Glucose wird als Glukogen für den unmittelbaren Energiebedarf zwischengelagert. Zuckerspeicher sind Muskeln und Leber.
  • Direktlieferung: Die Fructose gelangt direkt in die Leber und wird dort verarbeitet.
  • Langzeitspeicher: Brennstoff, der nicht verbrannt wird, wird für magere Zeiten aufgehoben. Dafür synthetisiert der Körper den Traubenzucker und Fruchtzucker zu Fett.

Früher bedeutete der Mechanismus, aus Kohlehydraten Fettdepots anzulegen, das Überleben in Notzeiten. Heute führt er schlimmstenfalls zur Lebensverkürzung, nämlich dann, wenn kontinuierlich zu viel Treibstoff nachkommt und der Stoffwechsel langfristig aus dem Tritt gerät. Die negative Wirkung von Zucker kann sich noch verstärken: durch eine kohlehydratreiche Ernährung, und zwar nicht die mit den guten ballaststoffreichen komplexen Kohlehydraten aus Vollkornbrot und Naturreis, sondern die mit den faserarmen aus Weißmehlprodukten, deren Stärke im Körper ebenfalls sehr schnell in Zucker gespalten wird.

  • Ein dauernd erhöhter Blutzucker- und damit Insulinspiegel kann zur Folge haben, dass die Zellen gegen das Überangebot streiken: Insulin-Resistenz.
  • Wenn dieser Zustand länger anhält, produziert die Bauchspeicheldrüse irgendwann kein Insulin mehr: Diabetes mellitus Typ 2.
  • Durch einen ständig hohen Insulinspiegel wird auch der Fettstoffwechsel gestört. Der Fettaufbau überwiegt den Fettabbau: Übergewicht.
  • Der kontinuierliche erhöhte Insulinspiegel stört einen Botenstoff in den Blutgefäßen, der den Blutdruck reguliert: Bluthochdruck.
  • Ein gestörter Fettstoffwechsel führt zu erhöhten Blutfettwerten und erniedrigtem HDL-Cholesterin mit dem Risiko von Arteriosklerose und Gefäßschädigungen: Herzkrankheiten und Herzinfarkt.
  • Die Insulin-Resistenz ist besonders gesundheitsgefährdend, weil sie zu diesen mehrfachen Störungen führt: metabolisches Syndrom.
  • Die Störungen des Zucker- und Fettstoffwechsels können zudem für weitere Krankheiten verantwortlich sein:  Gicht, Krebs und Demenz.
  • Wenn die Leber zu viel Zucker in Fett umwandeln muss, kann es zur Nichtalkoholischen Fettleber kommen: Lebererkrankungen. Eine verfettete Leber wird insulin-resistent. Das heißt: Diabetes und Fettleber können sich gegenseitig beeinflussen.
  • Bei Insulin-Resistenz wird es zu allem Übel immer schwieriger, weniger Kohlehydrate zu verzehren und den Speck abzutrainieren. Wenn die Fettspeicher voll sind, sollte eigentlich das Hormon Leptin dem Gehirn signalisieren: Danke, ich bin satt, ich möchte mich jetzt lieber bewegen. In der Tat haben Übergewichtige einen sehr hohen Leptinspiegel. Doch leider kommt die „Es reicht“-Botschaft im Gehirn nicht mehr an, weil sich durch das Übermaß eine Leptin-Resistenz entwickelt hat. Das Gehirn verlangt nach noch mehr Nahrung und hält Energieverlust durch Bewegung für unvernünftig. Gegen dieses Diktat der Biochemie kommt reine Willenskraft kaum an.

Wie ist das mit den anderen Zuckerarten?

Invertzucker/Invertzuckersirup

Ausgangsprodukte: Zuckerrübe, Zuckerrohr. Aus der Saccharose.

Das Zweifachzucker-Molekül Saccharose wird für den Invertzucker zu je einem Glucose- und Fructose-Molekül zerlegt. Die Einfachzucker Traubenzucker und Fruchtzucker stehen chemisch betrachtet sozusagen wieder alleine da. Vermengt ergeben sie einen gut löslichen langlebigen Sirup, geschätzt von Bonbonherstellern und beliebt bei Barkeepern. Das Verhältnis von Glucose und Fructose ist wie beim „normalen“ Zucker immer gleich: 50:50. Die Verstoffwechselung im Körper ist mit der Saccharose ungefähr vergleichbar.

IsoglukoseMaissirup/Glucosesirup

Ausgangsprodukte: Mais, Kartoffeln oder Weizen. Aus Stärke.

Zur Herstellung von Glucosesirup lässt sich Glucose (Traubenzucker) schnell und kostengünstig aus Stärke gewinnen.

Isoglukose/Glucose-Fructose-Sirup/Fructose-Glucose-Sirup

Ausgangsprodukte: Mais, Kartoffeln oder Weizen. Aus Stärke.

Wenn auf der Zutatenliste einer Lebensmittelverpackung irgendwas mit Fructose steht, wurde dieser Fruchtzucker nicht etwa aus Trauben und Birnen gewonnen. Industriell hergestellt wird Fructose nämlich ebenfalls aus Stärke. Das geschieht dadurch, dass Glucose in Fructose umgewandelt wird. Damit bekommt der Glucosesirup einen Fructose-Anteil, wesentlich mehr Süßkraft und einen anderen Namen: Isoglukose.

Als High Fructose Corn Syrup (HFCS) hat Isoglukose in den USA dank des gigantischen subventionierten, teils gentechnischen Maisanbaus (und des riesigen Verbrauchs an süßen Softdrinks) einen ökonomischen Siegeszug angetreten. In der EU waren Preis und Menge dieses Produkts bis zum 1. Oktober 2017 durch eine Zuckerverordnung reguliert. Jetzt dürfen sich Isoglukose beziehungsweise HFCS ungedeckelt auch in Europa ausbreiten.

IsoglukoseWoran erkennt man, dass ein Produkt Isoglukose enthält?

Isoglukose wird auf der Packung als Glucose-Fructose-Sirup oder als Fructose-Glucose-Sirup ausgewiesen. Der Unterschied zum Glucose-Fructose-Gemisch des Invertzuckers besteht in der Gewinnung: Invertzucker aus Saccharose, Isoglukose aus Stärke.

In den stark süßenden HFCS-Sorten übersteigt der Fructose-Anteil den Glucose-Anteil. Daher handelt es sich bei dem Süßkonzentrat in der Regel um einen Fructose-Glucose-Sirup, das heißt, Fructose steht in der Bezeichnung vor Glucose. Nach deutschem Recht muss der Sirup im Zutatenverzeichnis in der korrekten Reihenfolge der Begriffe ausgewiesen werden. Bei uns eingesetzt wird Isoglukose bereits in Limonaden, Säften und Energy Drinks, Fruchtaufstrichen, Puddings, Fertiggerichten, Fruchtgummis und anderen Süßwaren wie zum Beispiel Dominosteine.

Ist Isoglukose, die nun quotenfrei auf uns zukommt, gesünder oder ungesünder als Zucker?

Der Packungshinweis „ohne Zucker“ ist zwar richtig, aber ziemlich irreführend, wenn das Produkt voller Isoglukose, sprich Fructose und Glucose, steckt. „Mit der Süße von Früchten“ ist allerdings eine noch eine gewagtere Aussage, um ein Lebensmittelprodukt mit Isoglukose als gesund anzupreisen. Erstens stammt die Fructose nicht aus Obst und zweitens ist der hohe Anteil an Fruchtzucker in der Isoglukose genau das Problem.

Aber hört sich Fruchtzucker nicht irgendwie gesund an? Schließlich kommt er auch in Früchten vor. Außerdem ist Fructose eine Zuckerart, die keine Hormone anregt und unabhängig vom Insulin in der Leber verstoffwechselt wird. Daher wurde sie früher als ultimative Zutat in Süßwaren für Diabetiker gesteckt. Bis neue Erkenntnisse den Irrtum bloßlegten.

Fructose gilt inzwischen als gesundheitlich problematisch. Das heißt keineswegs, dass man kein gesundes Obst mehr essen darf, da der Körper mit den üblicherweise verzehrten Mengen mühelos zurechtkommt. Das Problem liegt in der Dosis. Wird zu viel – mehr als 40 Gramm pro Tag – Fructose konsumiert, kann der Fruchtzucker zu Übergewicht und ironischerweise Diabetes führen. Woran liegt das? Fructose kann nur durch die Leber in Energie umgewandelt werden. Wenn zu viel Fruchtzucker zu schnell in der Leber ankommt, wird das Organ gestresst und produziert viel Fett, das nicht rasch genug abgebaut wird. Die Folge: Es kann zu einer Wechselwirkung von Nichtalkoholischer Fettleber und Diabetes kommen. Durch verstärkte Harnsäurebildung erhöht sich außerdem das Risiko von Gicht. Zu viel Fruchtzucker kann zudem bei manchen Menschen wegen einer Fructose-Unverträglichkeit zu Darmkrämpfen, Blähungen und Durchfall führen.

IsoglukoseWir erinnern uns: Auch der normale Zucker, die Saccharose, besteht aus Glucose UND Fructose.

Doch im Vergleich zur Saccharose hat Isoglukose einen besonders hohen Anteil der potentiell leberkritischen Fructose. Der Fruchtzucker-Gehalt ist mit bis zu 80 Prozent wesentlich höher als beim normalen Zucker mit 50 Prozent. Nach der breiten Einführung der Isoglukose in den USA stieg die Zahl der Fettleibigen in der amerikanischen Bevölkerung noch weiter an. Der Zusammenhang ist weitgehend unbestritten.

Also doch lieber Zucker?

Die Antwort ist: lieber WENIGER Zucker, egal welcher! Die genannten Risiken entstehen nämlich durch den zu hohen Konsum dieser Kohlenhydrate.

Weil Zucker und seine Spielarten auch deftige Geschmäcke verstärken, ist er nicht nur in Süßwaren, sondern in allen möglichen industriell hergestellten Lebensmitteln anzutreffen: Wurst, Salate, Ketchup, Müsli und viele Fertiggerichte mehr. Und Achtung: Wer denkt, mit fettreduzierten „Light“-Produkten Kalorien zu sparen, verleibt sie sich oft mit einem höheren Zuckergehalt gleich wieder ein. Wo kein Fett da ist, muss der Zucker als Geschmacklieferant herhalten.

Nach einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO von 2015 sollte der Anteil von zusätzlichem Zucker an der täglichen Kalorienaufnahme fünf bis zehn Prozent nicht übersteigen (bei Raffinade wären das etwa sechs bis zehn Teelöffel). Da reicht es nicht, auf den Schokoriegel zu verzichten. Man muss außerdem auf allen Packungen nach verstecktem Zucker suchen – vor allem, wenn Zuckerarten ganz vorne in der Zutatenliste auftauchen und damit Hauptbestandteil sind oder wenn mehrere Zuckerarten aufgeführt sind, die in der Summe einen hohen Zuckeranteil im Lebensmittel bedeuten.

Weitere Beispiele von Inhaltsstoffen, die sich nicht wie Zucker anhören, aber welcher sind, können lauten:

Raffinose, Maltose, Maltodextrin, Gerstenmalzextrakt, Dextrose, Oligofruktose, Polyfruktose, Laktose, Molkepulver, Süßmolkenpulver.

Doch nur auf die Lebensmittelhersteller zu schimpfen, wird der Sache nicht gerecht. Was den Verbrauchern nicht süß genug schmeckt, wird eben auch nicht gekauft.

Hat Mutter Natur vielleicht die Lösung?

ALTERNATIVE SÜßUNGSMITTEL

IsoglukoseHonig

Aus dem Nektar unterschiedlicher Blüten. Auch aus Ausscheidungen von Insekten (Honigtau).

Das Ur-Nahrungsmittel Honig wurde lange vor der Verwendung von Rübenzucker als Süßungsmittel genutzt. Honig enthält überwiegend Fructose und Glucose, aber auch Saccharose, Maltose und weitere Mehrfachzucker. Es gibt zahlreiche Sorten. Dabei bestimmen die Pflanzenart und die klimatischen Verhältnisse der Region, in der die Bienen Nektar und Pollen gesammelt haben, den jeweiligen Geschmack. Im Hinblick auf seine kulinarische Vielfalt geht der Wert des Honigs für seine Liebhaber also über die reine Süße hinaus.

Der Kaloriengehalt sowie die negativen Wirkungen auf Zähne und Organismus sind mit Zucker ungefähr vergleichbar.

Honig genießt dennoch bei vielen das Image, richtig gesund zu sein. Zum Beispiel wird Honig auch für seine entzündungshemmende Wirkung bei Husten oder kleinen Wunden geschätzt. Doch was seine wertvollen Inhaltsstoffe angeht: Obwohl Honig voller Mineralstoffe, Vitamin und Aminosäuren steckt, sind die jeweiligen Anteile im Verhältnis zur verzehrbaren Menge gering.

Honig wird zum Teil sogar als gesundheitlich bedenklich beurteilt, da der Pflanzennektar auch aus giftigen oder gentechnisch veränderten Pflanzen (zum Beispiel bei Importhonig) stammen kann, aber auch Pestizide aufgenommen werden können. Seit langem raten Experten, den Honig von Imkern aus der Region dem von der Industrie angebotenen Honig zu bevorzugen. Wegen möglicher Keimbelastung soll man außerdem Kindern unter zwölf Monaten keinen Honig geben.

Agavensirup/Agavendicksaft

Aus der Agave.

Agavensirup besteht hauptsächlich aus den Einfachzuckern Fructose und Glucose. Durch den hohen Anteil an Fructose ist Agavendicksaft nicht unbedingt gesünder als andere fructoselastige Zuckerarten. Er hat allerdings eine hohe Süßkraft und kann sparsam verwendet werden. Für eine Salatsauce zum Beispiel reicht ein kleiner Tropfen. Je heller die Farbe, desto neutraler der Geschmack.

Ahornsirup

Aus Zuckerahorn.

Durch das Eindicken des Safts aus dem Baumstamm wird ein Sirup gewonnen, der als Süßungsfaktoren hauptsächlich Saccharose und Fructose enthält. Der Geschmack ist markant, nach Ahorn eben. Da der Ahornsirup einen hohen Wasseranteil hat, ist er bei gleicher Menge etwas kalorienärmer als andere Süßungsmittel.

IsoglukoseKokosblütensirup

Aus der Kokospalme.

Kokosblütensirup lässt angeblich den Blutzuckerspiegel langsamer ansteigen. Sein Geschmack erinnert nicht an Kokos, sondern eher an Karamell. Kokosblütensirup gehört zu den teuersten Süßungsmitteln.

Reissirup

Aus Reis.

Reissirup wird oft für seinen milden, etwas nussigen Geschmack geschätzt. Er enthält Glucose und Maltose, aber im Gegensatz zu den meisten anderen Sirupen keine Fructose. Daher eignet sich Reissirup gut für Menschen, die Fructose nicht vertragen.

Dattelsirup

Aus den Früchten von Dattelpalmen.

In vielen Naturkost-Produkten werden Datteln als Süßmacher mit gesunden Nährstoffen verarbeitet. Inzwischen werden die Früchte der Dattelpalme auch als Sirup zum Süßen im Haushalt angeboten. Wer den starken Eigengeschmack mag, kann Sirup aus Datteln auch selbst, zum Beispiel im Mixer, herstellen. Datteln enthalten Glucose und Fructose, haben aber einen verhältnismäßig niedrigen glykämischen Index, lassen also den Blutzuckerspiegel nicht so schnell ansteigen wie Zucker. Die Früchte haben einen hohen Kaloriengehalt und sollten sparsam verwendet werden.

Fazit nach dem Durchforsten des Zuckersortiments:

Ob aus Rübe, Rohr, Stärke, Bienenstock, Pflanzensaft – süß ist süß und in größeren Mengen nicht gesund.

Warum ist der Zuckerverzicht so schwer?

Brauchen tun wir den Extra-Zucker in der Nahrung eigentlich nicht. Die Zellen und vor allem das Gehirn benötigen als Treibstoff zwar Glucose, dazu sind aber weder Schokoaufstrich und Dessert noch Kekse und Kuchen, geschweige denn Cola und Limo notwendig. Traubenzucker kann sich der Körper aus Lebensmitteln wie Obst, Gemüse, Reis und Kartoffeln selber herstellen. Glucose in Eigenproduktion entsteht auch, wenn der Organismus körpereigenes Eiweiß in Traubenzucker umwandelt. Und wenn es mal schnell gehen muss: Bei flotterer Bewegung holt sich der Körper Energie aus den Zuckerspeichern der Muskeln, auch ohne dass man sie extra mit Energy Drinks befüllen musste.

Aber auch ohne physiologische Not verlangen wir nach Zucker, und zwar manchmal geradezu dringend. Brauchen wir ihn also doch? Nämlich als sogenannte Nervennahrung oder einfach, weil er uns Freude macht? Sind wir nicht machtlos gegen diesen psychologischen Hunger? Seit Urzeiten – damals noch mit Honig, Früchten und Gemüsen – verspricht der Süßgeschmack unserem Organismus Nahrhaftigkeit, Sättigung und schnelle Energie. Daher reagiert unser Gehirn mit Belohnungsempfindungen.  Im Hirnscanner wurde visualisiert, dass Zucker das gleiche Belohnungsareal aktiviert wie Drogen. So ein schönes Programm lässt sich nicht so leicht abschalten. Der radikale Verzicht erscheint da asketisch bis heroisch.

Wie bei anderen Drogen, stumpfen die Rezeptoren für das Belohnungshormon ab. Das heißt, die Dosis muss erhöht werden. Ein ähnliches Problem ergibt sich beim Geschmacksempfinden. Ein Lebensmittel mit Isoglukose ist wegen des hohen Fructose-Anteils süßer als mit der gleichen Menge Zucker. Auf diese Weise gewöhnen wir uns an intensiveren Süßgeschmack und wollen immer mehr davon.

Wenn der böse Jieper kommt …

Gegen unser biologisches Süßprogramm sowie die folgenschwere Geschmacksprägung durch den Zuckerüberfluss sollte man als Verbraucher selber aktiv werden. Man kann nämlich versuchen, den eigenen Süßschnabel umzutrainieren. Das könnte gelingen, wenn man Softdrinks und Limonaden auf die persönliche Igitt-Liste setzt, das Apfelschorle immer mehr mit Wasser verdünnt, weniger Zucker in den Kuchen streut und statt in den Beutel mit Gummibärchen in die Tüte mit Nüssen greift. Wenn der Heißhunger auf Süßes kommt, kann man versuchen, ihn konsequent mit der zuckerärmeren dunklen Schokolade zu besänftigen. Manchmal hilft auch der Trick, einen Kaugummi mit Pfefferminzgeschmack zu kauen.

Wenn einem ein Lebensmittel, das man früher liebte, plötzlich zu süß schmeckt, ist man auf einem guten Weg. Jeder muss ausprobieren, was bei ihm am besten funktioniert. Und möglichst viele Mahlzeiten frisch kochen, statt Fertiggerichte mit verstecktem Zucker aufzuwärmen, ist ebenfalls eine Möglichkeit zur Kultivierung des Geschmackssinns.

Aber kann man nicht (auch) darauf ausweichen, was die Lebensmittelchemie noch so in petto hat?

ZUCKERAUSTAUSCHSTOFFE

Sorbit, Mannit, Isomalt, Maltit, Lactit

Unter anderem aus Früchten und Gemüsen.

Zuckeraustauschstoffe sind süß schmeckende Kohlehydrate (Zuckeralkohole), die weder den Zahnschmelz noch den Blutzuckerspiegel attackieren und weniger Kalorien haben. Dazu gehören zum Beispiel Sorbit/Sorbitol, Mannit/Mannitol, Isomalt, Maltit/Maltitol, Lactit/Lactitol. Sie finden in Diabetikerprodukten Verwendung.

Zuckeraustauschstoffe sind zwar nicht schädlich für Zähne oder Zuckerstoffwechsel, sollten aber dennoch nicht bedenkenlos verzehrt werden. In größeren Mengen können sie Blähungen und Durchfall auslösen, da sie im Darm Wasser binden.

Erythrit/Erithritol

Unter dem Namen Xucker light wird Erythrit vermarktet. Es gilt als besser verdaulich als die anderen Zuckeraustauschstoffe, das heißt, man kann mehr davon verzehren, ohne Blähungen und Durchfall zu riskieren. Im Gegensatz zu anderen Zuckeraustauschstoffen ist Erythrit außerdem kalorienfrei.

Xylit/Xylitol

Aus Birkenholz, weiteren Holzarten, Maiskolben und weiteren Restprodukten der Landwirtschaft.

Unter dem Namen Birkenzucker erfreut sich Xylit dank seiner großen Ähnlichkeit mit Kristallzucker bei weniger Kalorien immer größerer Beliebtheit. Da Xylit sogar eine antikariogene, also Karies reduzierende Wirkung besitzt, wird es auch in Kaugummis und Zahnpasta eingesetzt. Wegen der aufwändigen Herstellung gehört Xylit zu den teureren Zuckeraustauschstoffen. (Vorsicht übrigens, wenn Hunde im Haushalt leben. Im Gegensatz zum Menschen können Hunde durch Xylit eine Blutzuckerstörung und Leberschädigung erleiden; schon geringe Mengen wirken tödlich).

Fructose

Genaugenommen kann die Zuckerart Fructose wegen ihrer nicht kariogenen und insulinunabhängigen Eigenschaft ebenfalls als Zuckeraustauschstoff eingeschätzt werden. Fruchtzucker gilt aber aus den oben geschilderten Gründen nicht als gesundheitlich unbedenklich und wird nicht mehr in Diabetikerlebensmittel eingesetzt.

SÜßSTOFFE

Acesulfam, Advantam, Aspartam, Cyclamat, Neohesperidin, Neotam, Saccharin, Sucralose, Thaumatin

Süßstoffe sind in der Regel synthetisch produzierte Substanzen von extrem hoher Süßkraft. Bei bestimmten Süßstoffen wird der Geschmack durch die Kombination mit anderen Süßstoffen oder Zuckeraustauschstoffen verbessert. Einige Süßstoffe wurden in Tierversuchen mit Krebs in Verbindung gebracht, was allerdings mangels Nachweise als nicht haltbar beziehungsweise als für den Menschen nicht relevant eingeschätzt wurde. So hält das Bundesinstitut für Risikobewertung die bei uns zugelassenen Süßstoffarten grundsätzlich für unbedenklich und vor allem für Diabetiker geeignet. Allerdings sollte man auch davon keine Mengen essen. Wie viel von einem Süßstoff als tägliche Dosis als akzeptabel gilt, kann beim Bundesinstitut für Risikobewertung nachgelesen werden. Es fehlen letztlich gesicherte Erkenntnisse zur Langzeitwirkung.

Allerdings gibt es eine Diskussion darüber, ob Süßstoffe vielleicht dick machen, obwohl sie null Kalorien haben. Es gibt Annahmen, dass Süßstoffe durch den sehr süßen Geschmack ohne die entsprechende Energiezufuhr den Organismus irritieren könnten. Die Folge ist demnach ein stärkeres Hungergefühl mit dem Verlangen nach „echten“ Kalorien und Sättigung. Belegt ist jedenfalls die Tatsache, dass manche Süßstoffkonsumenten sich ganz bewusst erlauben, mehr zu essen, da sie mit dem Süßstoff ja Kalorien eingespart haben.

Steviosid

IsoglukoseAus Stevia.

Relativ neu bei uns zugelassen ist der Süßstoff Steviosid, der aufgrund seiner Herkunft aus der Steviapflanze als erster natürlicher Süßstoff bezeichnet wird. Einige Ernährungsexperten stellen allerdings das Etikett „natürlich“ in Frage, da der Stoff mit sehr viel Chemie aus der Ursprungspflanze extrahiert wird. Steviosid wird von den Behörden als unbedenklich eingestuft.

Fazit aus der Übersicht über Zuckeraustauschstoffen und Süßstoffen:

Obwohl für Diabetiker und zur Einsparung von Zucker hilfreich, sollten diese Substanzen ebenfalls maßvoll verzehrt werden.

Zu guter Letzt: Wer ein großes Problem mit akutem Verlangen nach Zucker hat, könnte es auch mal mit der WOOP-Methode probieren. Zum Beispiel statt immer zum Süßen zu greifen, immer etwas Anderes, möglichst Ablenkendes, machen. Gerade bei Heißhungerattacken kann das funktionieren: Nach 30 Minuten gibt der Jieper auf, weil sich der Blutzuckerspiegel wieder eingependelt hat.

3 Kommentare auch kommentieren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.