Gendern für Cool Ager (m/w/d)

Aktualisiert 15.07.2023

Neulich in der Hitzewelle vermeldeten die Nachrichten des überregionalen deutschen Qualitäts-Radiosenders, für den wir die Gebühren berappen, folgenden Satz: „Waldbesuchende werden gebeten, keine Zigarettenkippen wegzuwerfen.“ In den nächsten Nachrichten eine halbe Stunde später sagte der Sprecher: „Waldbesucher werden gebeten, keine Zigarettenkippen wegzuwerfen.“ Zwischen Gendern (Waldbesuchende) und Nicht-Gendern (Waldbesucher) lagen – vermutlich – ein Schichtwechsel in der Redaktion und – ganz sicher – Welten.

Am Abend desselben Tages fragte mich eine Freundin, nachdem sie auf einem Familienfest mit der Gendersprache ihrer Nichte konfrontiert war: „Wie geht das jetzt eigentlich mit den Gendern?“ Für sie und Sie, meine liebe Leserschaft (geschlechtsneutral), versuche ich hier eine Antwort. Warnung: Diese ist weder kurz, noch einfach.

Gendern

Zum Begriff: Mit dem Wort Gendern wurde das englische Gender beziehungsweise Gendering eingedeutscht. Im Englischen werden zwei Bezeichnungen für Geschlecht unterschieden: Sex für das biologische Geschlecht, das durch körperliche Merkmale definiert ist, und Gender für das soziale Geschlecht, wie es von der Umwelt geprägt und vom Individuum erlebt wird.

Das eine Geschlecht – und das andere

Die Unterscheidung ist insbesondere für die Wissenschaft bedeutsam, wenn zum Beispiel der Zusammenhang zwischen Geschlecht und Machtverteilung in der Gesellschaft erforscht wird. Das entsprechende Forschungsfeld heißt Gender Studies. Als dessen Urmutter darf mit Recht die französische Philosophin Simone de Beauvoir gelten, die mit ihrem Werk „Le deuxième sexe“ (deutscher Titel: „Das andere Geschlecht“) bereits 1949 die Bedeutung des Geschlechts für die Lebenswirklichkeit eines Menschen an die Oberfläche brachte. Ihre Abhandlung mit dem berühmten Zitat „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ gilt als eine Art Initialzündung der feministischen Bewegung nach dem Krieg.

Es geht also um soziale und wirtschaftliche Herrschaftsverhältnisse und Ausgrenzung. Ungleichheit und Diskriminierung können sich auch in der Sprache ausdrücken. Mehr noch: Nach Meinung der Menschen, die das Gendern befürworten, wird Ungleichheit unter anderem durch Sprache erschaffen und zementiert.

Mit geschlechtergerechter Sprache soll dies vermieden und vor allem sichtbar gemacht werden. Dementsprechend ist Gendern kein gut gelauntes Sprachexperiment, sondern ein knallhartes politisches Anliegen.

Gendern oder nicht Gendern, das ist inzwischen die große gesellschaftliche Frage. Der Diskurs brodelt und die Lager des Pro und Kontra werfen sich gegenseitig ideologische Motivation und aggressives Verhalten vor. Da auch im öffentlichen Leben, in Ämtern und Medien zunehmend gegendert wird, kann man sich dieser Entwicklung kaum entziehen. Menschen reagieren genervt oder verunsichert. Bevor man in einem Strudel aus aktivistisch motivierten Sprachveränderer*innen und empörten Sprachbewahrern untergeht, sind ein paar Fakten und Argumente hilfreich.

Maskulinum unter Beschuss

Beginnen wir mit dem Gott-sei-bei-uns der Gender-Befürworter, dem generischen Maskulinum. Das ist eine Personen- oder Berufsbezeichnung, die grammatisch männlich ist, aber alle biologischen Geschlechter umfasst. Beispiel: der Waldbesucher. Generisch stammt von lateinisch genus und bedeutet die ganze Gattung Mensch betreffend. Der Waldbesucher ist also ein Mensch, der den Wald besucht.

Das heißt, im generischen Maskulinum sind alle gemeint: die Männer, die Frauen und übrigens auch die Nichtbinären, also Menschen, die sich im zweigeschlechtlichen Frau-Mann-Schema nicht einordnen. Frauen und andere Geschlechterformen sind nicht etwa nur mitgemeint, was eine Unterordnung suggeriert und als Kritik am generischen Maskulinum vorgetragen wird. Die grammatikalische Form des generischen Maskulinums, auch Genus commune genannt, ist sprachlich die unschuldige Geschlechtergerechtigkeit in Reinform.

Im Gegensatz zum biologischen kann das grammatische Geschlecht nämlich neutral sein, wie man an den selteneren weiblichen Formen erkennt: Niemand versteht unter den Begriffen die Person, die Geisel, die Koryphäe ausschließlich Frauen. Denn sie bezeichnen ebenfalls einen Menschen, der männlich, weiblich oder divers sein kann.

Wenn ich (weiblich) erkläre, ich sei ein leidenschaftlicher Waldbesucher, dann habe ich entweder nichts kapiert (schon mal was von Gendern gehört?) oder eben alles (nämlich das generische Maskulinum).

Die reine Lehre empfiehlt, sorgfältig zwischen dem Genus der Grammatik und dem Sexus des realen Menschen zu unterscheiden, da beide nicht unbedingt identisch sind. Ein weiteres Beispiel: Das sächliche Geschlecht (Neutrum) ist (von Beleidigungen wie das Mensch abgesehen) nicht für Personen anwendbar, und dennoch gibt es das Mädchen.

Warum will die Gender-Gemeinde zeitenwendenartig das generische Maskulinum ausmerzen? Schließlich geht es laut linguistischer Forschung bis auf das Latein im römischen Rechtswesen des sechsten Jahrhunderts zurück.

Erstens ist die Allgemeingeschlechtlichkeit nicht aus dem grammatischen Geschlecht ersichtlich und zweitens leben wir in einer nicht idealen Welt. Die feministische Bewegung hat bereits einen langen Weg hinter sich im Kampf gegen Männerbünde, ungerechte Bezahlung und ungleiche Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern.

Seit einigen Jahren wächst zudem das Bewusstsein, dass nicht nur das weibliche Geschlecht diskriminiert wird. So sind die Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht eindeutig dem binären Mann-Frau-Schema zuordnen können, oft enormem sozialen Druck ausgesetzt. Das kann zu ökonomischen, aber auch zu gesundheitlichen Nachteilen bis hin zum Suizidwunsch führen. Gerechtigkeit und soziale Anerkennung sollen nun auch mittels Sprache erreicht werden.

Gendern

Das Problem ist die Sichtbarkeit. Wer die Natur des generischen Maskulinums nicht kennt oder nicht anerkennt, sieht bei Waldbesuchern in der Tat nur Männer, die im Wald herumlaufen. Das klingt zunächst nicht gesellschaftlich bedrohlich, doch bei den Wörtern Politiker, Wähler, Unternehmer oder Chef, die nicht als generisches Maskulinum erkannt werden, zeigt sich die Brisanz.

Das Maskulinum ist also geschlechtsneutral, wenn es nicht gezielt männliche Individuen markiert (die Waldbesucher, allesamt Mitglieder des örtlichen Männerchors, sollten nicht rauchen). Wem bei männlichen Personenbezeichnungen gleich der Hals schwillt, sollte auf den Kontext und ganz einfach auf den Grad der Abstraktion achten.

Achtung, Achtung: Auf der A5 kommt Ihnen ein Falschfahrer entgegen.

Der Ort ist von Touristen überlaufen.

Die Polizei sucht den Täter.

Ob es einem passt oder nicht – Frauen und Diverse kommen bei den meisten Personenbezeichnungen genauso in Frage wie Männer. Es erscheint wenig sinnvoll, alle Geschlechter spezifisch zu nennen, wenn das Geschlecht im Kontext keine Rolle spielt.

Würde es etwas bringen, wenn man das ganze Land mit diesem kleinen Kapitel Deutschunterricht plakatieren würde? Vermutlich nicht.

Um das biologische Geschlecht besser sichtbar zu machen, gibt es im Deutschen das spezifische Femininum (nur Frauen) mit der Endung innen (Waldbesucherinnen). Wenn von Waldbesucherinnen und Waldbesuchern die Rede ist, stehen letztere nicht im generischen (alle), sondern im spezifischen Maskulinum (nur Männer).

Man darf sich mit Recht fragen: Wieso ersetzt man das generische Maskulinum nicht durch ein generisches Femininum? Die grammatisch weibliche Form, die ebenfalls alle Geschlechter meint, gibt es auch. Um mit unseren Beispielen im Wald zu bleiben: Die Wildkatze ist ein generisches Femininum und schließt den Wildkater ein. Das Wort Waldbesucherinnen, als generisches Femininum betrachtet, würde auch Männer und Nichtbinäre im Wald inkludieren.

Einige Wissenschaftlerinnen befürworten das generische Femininum mit dem Hinweis: Die Leserinnen (generisches Femininum inklusive Männer und Diverse) müssten sich nur kurz umgewöhnen. Ein interessanter Ansatz. Aber wie lange ist „kurz“ nach anderthalbtausend Jahren generischen Maskulinums? Was außerdem dagegen spricht: Wer den Sinn von generisch bei der männlichen Form nicht kapiert, wird es auch bei der weiblichen nicht tun. Wo bleiben dann die Männer? Oder darf man nach einer Ära der Frauendiskriminierung auch ein bisschen revanchistisch sein? Und wo sind die Diversgeschlechtlichen? Ist das gerecht?

Es gibt desweiteren den Vorschlag, in Texten zwischen dem generischen Maskulinum und dem generischen Femininum abzuwechseln. Beispiel:

Försterinnen und Waldbesitzer fordern alle Waldbesucher und Naturliebhaberinnen auf, ihre Kippen nicht wegzuwerfen.

Dies wird in einigen Publikationen und Medien bereits praktiziert, wobei vielleicht Nutzen (Geschlechtergerechtigkeit) und Nachteile (ratlose Leser- und Hörerschaft) nochmals abgewogen werden sollten. Denn aufgrund der gelernten Sprachverwendung interpretieren wir die weibliche Wortform meist als spezifisch, also rein weiblich, und blicken dann nicht mehr durch – oder müssen wir uns nur kurz umgewöhnen? 

Ich hoffe, das hat Sie noch nicht verwirrt, denn es geht noch komplizierter: Zum Entsetzen vieler Germanisten, Sprachwissenschaftler und sonstiger Liebhaber des Deutschen hat ausgerechnet der Duden das generische Maskulinum attackiert. Dort heißt es seit einiger Zeit im Artikel zum Wort Leser:

männliche Person [also nicht einfach Person, d. Verf.], die gerade liest oder männliche Person, die sich mit Lesen befasst.

Als Beispiel wird unter anderen aufgeführt: der weibliche Leser. Also eine männliche Person, die weiblich ist? Mich verwirrt das.

Was machen wir nun, wenn der Duden den Waldbesucher nicht generisch, sondern als ausschließlich männliche Person, die den Wald besucht, definiert, aber alle rauchenden Zweibeiner den Wald gefährden? Wir müssen weibliche und nichtbinäre Waldbesucher zusätzlich und spezifisch erwähnen. Das heißt, um bei Waldbrandgefahr ganz sicherzugehen:

Waldbesucher, Waldbesucherinnen und nichtbinäre Menschen im Wald werden gebeten, ihre Kippen nicht wegzuschmeißen.

Doppelnennung mit und ohne Verstand

Die Doppelnennung, also der Gebrauch einer weiblichen und einer männlichen Form, ergibt unbestritten Sinn, wenn Frauen und Männer nach ihrem Geschlecht unterschieden werden müssen.

Waldbesucherinnen und Waldbesucher finden im Informationszentrum des Nationalparks getrennte Toiletten vor.

Allerdings ist die Doppelnennung der geläufigste Schritt zum Gendern. Auch in abstrakten Zusammenhängen, wo ein generisches Maskulinum völlig reichen würde:

Waldbesucherinnen und Waldbesucher gefährden mit ihren Kippen den Wald.

Doppelnennungen sind im geschriebenen Text auch möglich als

Waldbesucher/-innen oder Waldbesucher(innen).

Bei der Einzahl mit Adjektiv wird es allerdings schon kompliziert:

Die Polizei warnt jede/-n leichtsinnige/-n Waldbesucher/-in.

Jenseits von Rechtschreibregeln finden sich noch die Schrägstrichlösung ohne Bindestrich (Waldbesucher/innen) und das sogenannte Binnen-I (WaldbesucherInnen).

Der Verzicht auf das generische Maskulinum zugunsten der Doppelnennung von Weiblein und Männlein setzt sich also immer mehr durch. Zwischendurch sei die Frage gestellt: Wollen die Betroffenen das überhaupt? Angela Merkel hätte wohl abgewunken, wenn sie als die großartigste Kanzlerin Deutschlands gelobt worden wäre. Deutschland hatte bislang nur eine Kanzlerin – dieses Lob ist also ziemlich gemein. Mit dem generischen Wort Kanzler wäre das nicht passiert.

Es gibt Stimmen, die gerade die sprachliche Spezifizierung des Weiblichen für diskriminierend erachten, da sie einen Menschen erneut über sein Geschlecht definiert. Gerade bei Rollen- und Berufsbezeichnungen wird das Gendern eingefordert. Doch man kann in der spezifischen weiblichen Wortform auch eine Abwertung sehen. Vielleicht will die Frau einfach nur als Förster das Rauchen verbieten und nicht als abgeleitete Försterin. Also wie eine Eva, die aus Adams Rippe stammt. (Dieses schöne Bild stammt von der deutschen Schriftstellerin Marion Poschmann, die sich lieber Autor als Autorin nennt.)

Die Nennung der weiblichen und männlichen Form kann in manchen Texten ins Absurde führen, vor allem, wenn Personenbezeichnungen gehäuft vorkommen, zum Beispiel in Rechtstexten. Hätte ich im Artikel über die Patientenverfügung den Bevollmächtigten dutzendfach gegendert – Sie würden ihn nicht lesen.

Die nächste Gender-Schritt kommt mit dem Totalangriff auf die deutsche Grammatik. So geschlechtergerecht die Doppelnennung weiblich/männlich auch erscheint – Diverse bleiben dabei draußen. Daher trifft man inzwischen auf Konstruktionen, die (noch) nicht den Regeln der deutschen Sprache, aber dem politischen Willen zur Inklusion des weiblichen, männlichen und auch diversen Geschlechts folgen:

  • der Genderstern, fachsprachlich Asterisk: Waldbesucher*innen
  • der Gender-Gap (die Gender-Lücke) als Unterstrich: Waldbesucher_innen
  • der Gender-Gap als Doppelpunkt: Waldbesucher:innen

Sternchen, Unterstrich oder Doppelpunkt im Innern eines Wortes sind kein korrektes Deutsch. Stand 15.07.2023: Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat die als gendersensibel verstandenen Binnenzeichen nicht in das amtliche Regelwerk aufgenommen. Die Regeln des Rechtschreibrates, zuständig für alle deutschsprachigen Länder, gelten für staatliche Stellen innerhalb von Bildungseinrichtungen und öffentlicher Verwaltung.

Und wie geht gesprochenes Gendern?

Die Stunde der Wahrheit schlägt, wenn der gegenderte Text gesprochen wird. Die Benutzung der weiblichen und männlichen Form kostet Zeit und Nerven. Nicht nur beim Nachrichtenhören:

Försterinnen und Förster sowie Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer fordern Waldbesucherinnen und Waldbesucher sowie Naturliebhaberinnen und Naturliebhaber auf, keine Kippen wegzuwerfen.

Jetzt bleibt nur noch Zeit für den Wetterbericht.

Der Gender-Gap gilt als ökonomischer. Aber wie spreche ich ein Sternchen, einen Unterstrich oder einen Doppelpunkt? Ich halte mitten im Wort kurz den Mund und fange dann neu an. Zu vernehmen ist der sogenannte Glottisschlag. Der Begriff aus der Phonetik meint: Vor einem Vokal im Wort wird neu angesetzt. Beispiel: Im Spiegelkabinett erlebe ich eine einzige Spiegelei (verschliffen), aber ich koche mir ein Spiegel ei (Glottisschlag).

Von dem Innehalten im Wort wird in der gesprochenen Gendersprache reichlich Gebrauch gemacht. In unserem Fall wären es die gesprochenen Waldbesucher innen. Das Risiko: Wer das hört, fragt sich womöglich, ob das Rauchverbot nicht auch für Waldbesucher außen gilt. Am Waldrand oder so. Oder man überhört den oftmals im Eifer undeutlich gesprochenen Neuanfang und hört doch wieder nur Waldbesucherinnen. Ist das dann ein generisches Femininum oder laufen im Wald nur Frauen herum? Oder sind es nur Frauen, die im Wald rauchen? 

Auch der aktuelle Online-Duden (2022) bemüht sich um Sprachökonomie. Im vom generischen Maskulinum befreiten Artikel zum Leser folgt der Rat:

Um gehäuftes Auftreten der Doppelform Leserinnen und Leser zu vermeiden, können je nach Kontext die Ausweichformen Leserschaft oder [Lese]publikum gewählt werden.

Dementsprechend erreichen wir Geschlechtergerechtigkeit durch Waldbesucherschaft, Waldbesucherpersonen, Waldbesuchergruppen oder Ähnliches. Aber versteckt sich in diesen Wortkombinationen nicht doch ein klitzekleines generisches Maskulinum, und zwar mit dem vorangestellten Leser oder Waldbesucher? Was dem Duden nämlich nicht gefällt, sind gegenderte Zusammensetzungen: Waldbesucherinnengruppen, Waldbesucher*innengruppen etc. sind nicht erwünscht.

Welche Schritte zur sprachlichen Geschlechterneutralität gibt es noch? In unserem realen Fall hatte sich die Redaktion der ersten Nachrichtensendung für die Konstruktion des Partizip Präsenz Plural entschieden: Waldbesuchende. Das klingt bescheuert oder zumindest gewöhnungsbedürftig, ist hier aber sprachlich völlig korrekt. Nur Menschen, die gerade den Wald besuchen, können ihre Kippe dort wegschnippen.

Studi, Studierend, Studierender

Der absolute Klassiker der geschlechtsneutralen Partizip-Konstruktion, die übrigens nur im Plural funktioniert, sind die Studierenden. Hier entpuppt sich allerdings der Mangel an Sprachlogik. Das Partizip beschreibt, was ein Mensch gerade tut. Ein Student (ich erlaube mir das generische Maskulinum), der gerade schläft oder feiert, studiert dabei nicht. Also sind schlafende oder feiernde Studis keine Studierenden, sondern Schlafende und Feiernde. Für ihren Status als eingeschriebene Studenten ist in der deutschen Sprache genau dieses Wort Studenten vorgesehen. Solche Einwände lassen sich allerdings nicht mehr geltend machen. Studenten und sogar Studentinnen sind ausgestorben und wurden flächendeckend durch Studierende ersetzt. Take it or leave it, or leave gleich ganz, nämlich den Wissenschaftsbetrieb.

Womit wir beim Problem der Verbindlichkeit wären. Gendern ist gesellschaftliche und politische Ansichtssache. Man kann neue Sprachformen erlauben, empfehlen oder sogar vorschreiben. Will ich als Cool Ager freiwillig im Genderjargon kommunizieren – zum Beispiel auf einer Party mit Genderbewegten –, verstoße ich schlimmstenfalls gegen bestehende Sprachregeln. Bei Vorschriften zum Gendern kann es hingegen ungemütlich werden, vor allem, wenn sie von der Befehlsgewalt hoheitlicher Institutionen wie Behörden und Bildungseinrichtungen ausgehen. An bestimmten Unis kann inzwischen durchfallen, wer in der Abschlussarbeit nicht gendert. Und sollten öffentlich-rechtliche Sender mit Informations- und Bildungsauftrag eigene Sprachregelungen über die Menschen streuen? Auch einige Unternehmen ordnen mittlerweile das Gendern an. So ging der Mitarbeiter eines Autokonzerns vor Gericht, weil er sich außerstande fühlt, auf Basis der für ihn unleserlichen gegenderten Dokumente zu arbeiten (und verlor in erster Instanz, Stand Juli 2022).

Es lebe der Anglizismus

Gelobt seien übrigens die Cool Ager: Unsere Lehnwörter aus dem Englischen sind nämlich wunderbar geschlechtsneutral. Daran kann auch der deutsche männliche Artikel „der“ nichts ändern. Der Teenager, der Star, der Follower: Hier darf sich jedes Geschlecht angesprochen fühlen. Dies hielt jedoch eine motivierte junge Sportmoderatorin des besagten Radiosenders nicht davon ab, von Fans und Fan:innen zu sprechen. Irritationen schaffen zweifelsohne Aufmerksamkeit, aber nicht unbedingt wohlwollende.

Gendern

Unsere Grammatik, dieses gewachsene konservative System, ist von der Genderwelt schlicht überfordert. Es gibt keine Grammatik für die sogenannte dritte geschlechtliche Option, die das Bundesverfassungsgericht 2017 anerkannt hat. Auf dieser rechtlichen Basis kann sich jemand mit der Geschlechtsangabe „divers“ ins Geburtenregister eintragen lassen. Wie soll man die Person grammatikalisch bezeichnen, wenn die weibliche oder männliche Form entfallen? Mithilfe des grammatischen Neutrums kann man sie als das Wesen oder das Individuum bezeichnen, aber nicht als das Schüler, das Bürger, das Studierende oder das Waldbesucher. Gendermenschen wünschen sich eine neue Grammatik. Ein Vorschlag ist ein x als Endung für alle: Waldbesuchx. Extrem? Nur konsequent, wenn man das grammatische Geschlecht partout nicht vom biologischen unterscheiden will.

Ein weiterer Versuch grammatischer Kreativität ist das Anfügen von Pronomen hinter dem Namen. Stellt sich zum Beispiel jemand als Willibald (sie/ihr) vor, will die Person klarstellen, dass sie trotz ihres Vornamens als Frau identifiziert werden möchte. Zählt sich Willibald zu den Nonbinären, könnte Willibald dem Namen die sächlichen Pronomen es/ihm oder auch Fantasieformen wie sier/siem (gemischt) oder xier/xiem anhängen. Mit den „Neo-Pronomen“ kann Willibald erreichen, dass es/sier/xier Sichtbarkeit bekommt.

Auch binäre Cis-Menschen (Frauen und Männer im Einklang mit ihrem angeborenen Geschlecht, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung), die sich als besonders fortschrittlich darstellen wollen, ergänzen ihren Namen in der E-Mail-Signatur oder auf Namensschildern gern durch Personalpronomen.

Mit freundlichen Grüßen Maria Musterfrau (sie/ihr).

Drumherum reden – eine Lösung?

Viele Cool Ager (m/w/d), die schon etwas länger mit der deutschen Sprache gelebt haben, haben ein Problem mit dem Ummodeln oder Verletzen von Sprachregeln bis hin zur Unverständlichkeit, vor allem wenn sie von hoheitlichen Instanzen verordnet werden. Das heißt freilich nicht, dass sie soziale Ungerechtigkeit unterstützen. Dieser solide Sitzplatz zwischen den Stühlen erlaubt wohl, sachlich im Sinne einer verständlichen Kommunikation auf Konflikte mit dem Sprachsystem hinzuweisen.

Zur Befriedung der Genderdebatte tragen geschlechtsneutrale Wörter und Formulierungen bei. Damit sind nicht unbedingt Verrenkungen wie Waldbesuchende gemeint. Aber es gibt einige sprachlich erträgliche und grammatisch korrekte Möglichkeiten, das ein oder andere Maskulinum zu vermeiden:

So verwende ich, wenn möglich und sinnvoll, geschlechtsneutrale Bezeichnungen wie Mensch, Person, Leute, Team, Gruppe, Gemeinde, Publikum, Lehrkraft, Leserschaft, Kollegium etc.

Oder ich bezeichne eine Tätigkeit mit einem Verb: Ich schreibe einen Blog, statt ich bin Blogger.

Unbestritten ist, dass die Genderdebatte uns sensibler für Schieflagen in der Gesellschaft gemacht hat. Am schönsten wäre es natürlich, wenn reale Geschlechtergerechtigkeit die Gendersprache allmählich überflüssig machen würde. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

1 Kommentar

Es war wie immer ein großes Vergnügen, den aktuellen Artikel zu lesen. Aber in diesem Fall auch extrem lehrreich, denn bisher fehlte mir völlig das Verständnis für die grammatische Seite der Genderproblematik. Jetzt verstehe ich immerhin, worum es geht, wo die sprachlichen „Tretminen“ zu finden und vor allem, wie sie zu vermeiden sind. Vielen Dank für diesen höchst informativen, menschenfreundlichen und ausreichend humorvollen Artikel über ein sehr sensibles Thema unserer Zeit!

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