Body Positivity – Schöner Altern mit Applaus?

Body PositivityWas man schön findet, ist nicht immer privat. Sobald man es hinausposaunt, wird es auch gesellschaftlich. Daher fordert eine neue Bewegung, das vermeintlich Unschöne schön zu finden: Body Positivity. Wäre das nicht was für uns in den besten Jahren? Wenn wir schon Falten und Fett ansammeln, dann bitte mit Applaus! Allerdings hat die Sache zwei Haken.

Haken Nummer eins:

Mit dem vehementen Toleranz-Diktat könnten Stereotype erst recht zementiert werden. Wenn ich fordere, dass ältere Körper als schön empfunden werden, untermauere ich die Annahme, dass sie es nicht sind.

Die verordnete Körperakzeptanz ist eine feministisch basierte Idee. Nur die diskriminierte Weiblichkeit wehrt sich gegen das Schönheitsdiktat. Weil es Männer in der Regel nicht anficht.

Zwei Beispiele, wie der Common Sense wohl noch tickt:

  • Sagt er zu ihr: „Ich find‘ dich toll, obwohl du Falten hast.“ (Boah, wow, unglaublich!)
  • Sagt sie zum ihm: „Ich find‘ dich toll, obwohl du Falten hast.“ (Na, was denn sonst?)

Oder:

  • Sagt er zu ihr: „Ich finde deinen Bauch ja süß.“ (Oh, wie großmütig!)
  • Sagt sie zu ihm: „Ich finde deinen Bauch ja süß.“ (Ganz schön frech, die Dame.)

Doch sollte man sich auch hier vor Klischees hüten. Schließlich lastet der Schönheitsdruck immer häufiger auch auf Männerschultern.  Man kann wohl davon ausgehen, dass so mancher aus der männlichen Spezies, der eitle Selbstgefälligkeit nachgesagt wird,  sehr wohl Schönheitsnormen erfüllen möchte. Und sich schlecht fühlt, weil er es nicht kann.

So heißt es für beide Geschlechter: Wohl denen, die genügend Selbstliebe besitzen, um vermeintliche Makel selber zu akzeptieren. Es kommt auf den Grad der Selbstverständlichkeit an, mit der man Falten und Pfunde trägt. Wer Selbstakzeptanz in den Wald hineinruft, dem schallt Toleranz entgegen. Und auch das ist kein Geheimnis: Je mehr jemand sich akzeptiert und akzeptiert wird, desto weniger ist das Aussehen ein Gesprächsthema.

Aber wie viele Menschen haben schon diese sympathische selbstverständliche Strahlkraft, die jede Äußerlichkeit überblendet?

Also empfehlen die Body Positivisten, sich vor dem Spiegel täglich schön und liebenswert zu reden. Die Frage ist nur: Ist kämpferische Selbstsuggestion („Ich bin schön, wie ich bin“) ein Mittel, gesellschaftliche Schönheitsmuster zu verändern? Oder wird sie nicht auch Unsicherheit ausdrücken: „Akzeptiert mich gefälligst so (unattraktiv), wie ich bin!“

Body PositivityUnd seien wir ehrlich: Schönheit beim Älterwerden ist doch wieder ein Thema der Frau. Das gilt auch für die Art, wie sie mit dem äußerlichen Älterwerden umgeht. Die einen halten es für völlig unangemessen, wenn frau sich noch kräftig schminkt und modisch stylt. (Dezent, bitte, dezent!) Die anderen halten das allmähliche Verschwinden im Rentnerbeige-Nebel für inakzeptabel und deprimierend. Konsens gibt es wohl nur im Extrem: Bei Vernachlässigung des Äußeren schauen alle lieber weg.

Mit den Schönheitsidealen ist es jedenfalls so eine relative Sache: Bei manchem späteren Topmodel musste erst entdeckt werden, dass der Leberfleck und die Zahnlücke kein Deal-Breaker sind, sondern im Gegenteil das Quäntchen Individualität, das das Antlitz noch schöner macht.

Und heute tut sich doch was in den normengebenden Instanzen: Unserem auf jugendliche Schlankheit geeichten Schönheitsempfinden zum Trotz gibt es in Werbung und Medien seit längerem auch ältere Models und kurvige.

Allerdings keine fettleibigen.

Wir finden Übergewicht inzwischen zwar als normal, aber noch lange nicht schön. Wichtigster Body-Positivity-Streitpunkt ist und bleibt die unbegrenzte Körperfülle. Ich bin rund, na und?

Kommen wir zum Haken Nummer zwei:

Etwas wird in der gesamten Diskussion scheinbar völlig übersehen. Das Übermaß an Körperfett ist nur zum Teil eine Frage der Ästhetik. Ein erhebliches Problem liegt in den Gesundheitsrisiken, die mit den Jahren immer größer werden. Darüber können auch euphemistische Namen wie Adipositivity nicht hinwegtäuschen. Unter der Wortkreation aus Adipositas und Positiv will ein amerikanisches aktivistisches Fotoprojekt in der Gesellschaft „fat acceptance“, also Fettakzeptanz erreichen.

In anderen Teilen der Welt wäre das gar nicht nötig. Body Positivity der besonderen Art herrscht in großen Teilen des afrikanischen Kontinents. Äußerst füllige Frauen mit breiten Hüften und großen Hintern gelten als richtig hot. Nichts leichter – zumindest in Gebieten mit wachsender Mittelschicht –, als sich diese Idealfigur mit Fastfood und Softdrinks anzufuttern. Die Folge ist ein drastischer Anstieg der gleichen ernährungsbedingten Krankheiten wie in den Industrienationen.

Body PositivityDas heißt, auch die Teilnehmer(innen) von Adipositivity bedürfen möglicherweise bald nicht mehr der Bewunderung, sondern der Behandlung, zum Beispiel von Stoffwechselstörung, Fettleber und Diabetes Typ 2. Dann werden Arzt oder Ärztin der Fettakzeptanz mit der ausgesprochen intoleranten Forderung begegnen: „Und jetzt nehmen wir mal ordentlich ab“. Und es wird klar, wie negativ sich die Positivity auswirken kann. Oft befinden sich auf der großen Hautoberfläche metallhaltige Tattoos als weitere Fanale der körperlichen Selbstbestimmung. Das kann diagnostische Verfahren mittels Magnetresonanztherapie ausschließen – ein weiteres Thema.

Was könnte Body Positivity nun fürs Älterwerden bedeuten? Wollen wir Akzeptanz oder Disziplin? Wie wäre es mit beidem?

Das eine Schön ist das, was von der Gesellschaft so empfunden wird. Denn die Schönheit der reifen Persönlichkeit ist zweifelsohne da, nur der Sinn dafür könnte sich gerne schneller und auf breiterer Ebene entwickeln als auf vereinzelten Pinterest-Blogs.

Das andere Schön ist, was auch vom eigenen Organismus so empfunden wird. So gesehen kommt Schönheit eben doch von innen.

Body Positivity

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