Vintage – Alt, gebraucht? Wie beruhigend!

Vintage (engl. Jahrgang) bedeutet alt und ist sehr modern. Das neudeutsche Wort liefert uns eine liebevolle, aufwertende Bezeichnung für angejahrtes Zeugs. Beliebt sind Vintage-Kleidung, -Schmuck, -Deko, -Autos. Vintage hat einen Zwilling namens Shabby Chic. Der Stil des – sehr wörtlich übersetzt – „schäbigen Schicks“ ist heißer begehrt denn je: bejahrt, mit rauer Oberfläche samt Kratzern und Kerben, der Look ist used, der Lack ist ab.

„Nanu“, sagt sich der Mensch ab 60, „das bin ja ich.“ Älter und trotzdem angesagt? Ein klarer Fall von Cool Aging!

VintageKunstvoll angedeppert

Der Trend „je oller, je doller“ hat die stylische Szene schon seit längerem erfasst. Den Namen für die Ästhetik des Gebrauchten soll in den 80er Jahren die Designerin Rachel Ashwell in den 80er Jahren mit ihren “Shabby Chic Couture”-Stores in Kalifornien geprägt haben. Inzwischen gibt es Restaurants, in denen die Hauptgerichte um die 30 Euro kosten, die Teller jedoch kunstvoll angedeppert sind. Die Gebraucht-Optik will schließlich gekonnt sein. Im Vintage-Shabby-Chic-Business wird nicht nur Altes neu aufbereitet, sondern auch Neues auf alt gemacht.

Gegen Sinnkrisen

Was aber ist das Anziehende am Gebrauchten, Unperfekten, Altmodischen? Gemütlichkeit und heile Welt werden damit verbunden; manche vermuten hinter dem Verkaufserfolg auf alt gemachter technischer Geräte sogar die Angst vor der modernen Beschleunigung.

Die psychologischen Effekte von Vintage sind sogar in mehreren Studien untersucht worden. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Gegenstände von früher eine beruhigende Wirkung haben. Die Probanden wurden mit der Möglichkeit lebens- und sinnbedrohender Situationen konfrontiert. Von der Uhr über das Möbelstück bis zum Motorroller: Die Studienteilnehmer bevorzugten Gegenstände aus früheren Zeiten, die nach Meinung der Forscher eine gedankliche Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hervorriefen und so die Sinnkrisen abmilderten. Brandneue Dinge riefen diese Wirkung nicht hervor.

Beauty with characterVintage

Schauspielerin Julia Roberts stahl bei der Oscar-Verleihung 2001 allen die Schau, als sie eine zirka 20 Jahre alte Abendrobe von Valentino trug. Vor dem Tragen von Vintage, wenn man das angejahrte Stück bereits im Neuzustand besessen hat, wird allerdings gewarnt. Tipp: Sich nicht in die Sechziger hüllen, wenn man in den Sechzigern ist. Auch sollte der Vintage-Hype nicht dazu auffordern, sämtliche Gegenstände seiner Vergangenheit für immer zu horten.

Andererseits darf man seine eigene Vintage-Ausstrahlung voll und ganz genießen. Modeschöpfer Karl Lagerfeld soll gesagt haben: „Beauty with character ages better than perfection.“

Reizvoll: Alt und neu

Vielleicht ist das Vintage-Erfolgsgeheimnis aber auch die Kombination aus Alt und Jung. Wie die Stylisten Altes und Neues zusammenstellen, so darf man seine bejahrte Existenz mit frischen Denkweisen flexibel und attraktiv halten. Schließlich sind wir ja Vintage und nicht Antiquität.

Und falls die Nachrichten mal wieder unerträglich schlecht sind, könnte man zu einer Party oder einem Kaffeekränzchen unter dem Motto Vintage einladen. Jede(r) trägt oder bringt eigene oder Familien-Stücke aus alten Zeiten. Einfach so, zur Beruhigung.

Vintage

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