Introvertierte – in der Coronazeit klar im Vorteil?

Das war noch nie da. Gestern noch im Trubel des Alltags, heute in der angeordneten Selbstisolierung. Das soziale Wesen Mensch ist auf unbestimmte Zeit allein. Als würde es nicht reichen, dass uns ein unbekanntes Virus bedroht, kann nun ein unheimliches Gefühl der Leere entstehen. Mit Lagerkoller ist es noch nett beschrieben, mit Schwermut schon nicht mehr. Plötzlich einsam – das kennen manche Ältere vielleicht vom Renteneintritt. Außer: Introvertierte. Sie empfinden soziale Einschränkungen – zumindest zeitweise – sogar als Erleichterung.

Jetzt ist normal, was die oder der Introvertierte liebt:

  • Treffen absagen
  • Mitmenschen auf Abstand halten
  • Zeit haben
  • Stille

Der Psychiater Carl Gustav Jung hat vor zirka 100 Jahren die beiden entgegensetzten Persönlichkeitsmerkmale Introversion und Extraversion beschrieben. Der introvertierte Mensch kommt allein gut zurecht, denn sein Erleben ist nach innen gerichtet. Fürs Lesen, Schreiben und Nachdenken braucht er seine Ruhe. Viele unterschiedliche Informationen und Sinneseindrücke in Menschengruppen stressen ihn auf die Dauer so, dass er sich davon in Zurückgezogenheit erholen muss.

Man geht davon aus, dass diese Wesensart angeboren ist zusammen mit der Art, wie das Gehirn Reize verarbeitet. Dasselbe gilt für den extravertierten Menschen, der jedoch gegensätzlich denkt und fühlt. Für sein Seelenheil braucht er die anderen, denn er will sich mitteilen, im Mittelpunkt stehen und viele neue Eindrücke aufnehmen. Während der Introvertierte in häuslicher Einsamkeit Energie lädt, tankt der Extravertierte draußen unter Menschen auf.

Meister im Social Distancing

Introvertierte haben in diesen Zeiten ein Art Coming Out. Denn die aktuellen Hashtag-Kreuze verraten, was die Stunde geschlagen hat und Introvertierte längst drauf haben : #stayathome und #socialdistancing.

Introvertierte müssen auch nicht mehr so tun, als wären sie extravertiert. Denn das haben sie mühsam gelernt, um in der Gesellschaft von Lauten, Ansagern und Selbstdarstellern nicht als vermeintliche schüchterne Langsamdenker unterzugehen.

Introvertierte können also auch Small Talk, Grillfest und Konferenz, müssen es aber nicht mehr. Ihre Stärken sind gerade gefragt: intensive (elektronische) Gespräche führen, gewissenhaft E-Mails oder gar Briefe formulieren, Lesen können, Ruhe aushalten.

Getrübtes Glück

Ihr pures Glück erleben Introvertierte während einer Virus-Krise dennoch nicht, im Gegenteil. Corona beutelt auch die Introvertierten – vornehmlich aus folgenden Gründen:

  • Als besonders nachdenkliche und emphatische Menschen haben sie die wirtschaftlichen Folgen der Krise sowie das Schicksal der schwer betroffenen Schwachen, Kranken und Alten besonders intensiv vor Augen.
  • Zu ihrer Persönlichkeit gehört laut der Introvertiertheit-Expertin Sylvia Löhken auch ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit. Schutz und Gewissheit sind derzeit Mangelware.
  • Ihre Isolation ist nicht selbst gewählt.
  • Sie sind alles andere als allein, wenn andere Familienmitglieder im selben Zuhause #stayathome betreiben.

Man vermutet, dass der Anteil an Introvertierten in der Gesellschaft ziemlich hoch ist. Extravertierte fallen ja von alleine auf. Da Menschen auch beide Wesensmerkmale in sich tragen können, gehören viele wohl zu den sogenannten ambivertierten Mischtypen.

Sie überlegen, zu welcher Gruppe Sie gehören? Falls Ihnen die sozialen Beschränkungen nicht so viel ausmachen, steht die Diagnose fest: ziemlich introvertiert.

Introvertierte
Ich mit mir

Alle Menschen, die zur Zeit zu Hause bleiben müssen, sind gefordert, auch eine Zeitlang mit sich selbst zurechtzukommen. Das gelingt Introvertierten sicher besser, gilt aber auch für jene, die vielleicht versuchen, durch grenzenloses Serienschauen drum herumzukommen. Ab einem gewissen Sättigungsgrad ist auch diese Ablenkung nicht mehr so attraktiv.

Letztlich brauchen wir alle – nicht nur in Corona-Zeiten – für die seelische Gesundheit soziale Kontakte, die einen mehr, die anderen weniger.

Digitale soziale Netzwerke sind mit Vorsicht zu genießen, damit man nicht glaubt, das Virus durch Luftanhalten diagnostizieren oder durch Wasserschlucke vertreiben zu können. Um nur zwei der beliebtesten Corona-Falschmeldungen zu nennen.

Aber richtig genutzte soziale Medien, Messenger-Dienste, E-Mail-Programme und Videodienste sind buchstäblich verbindend.

Tipp1: Mittels Videotelefonie auf PC, Tablet oder Smartphone kann sich sogar zu mehreren unterhalten.

Tipp 2: Man kann die Videotelefonie auch ohne ständig zu sprechen laufen lassen und so eine Zeitlang einfach beisammen sein.

Tipp 3: Das gute alte Telefon. Einfach mal alle anrufen, sie sind ja zuhause.

English Version

Introverts – a clear advantage in the corona time?

This has never happened before. Yesterday in the hustle and bustle of everyday life, today in the ordered self-isolation. The social being, man, is indefinitely alone. As if it were not enough that an unknown virus threatens us, an eerie feeling of emptiness can now arise. It is still nicely described with camp fever, but less nicely with sadness. Suddenly lonely – some older people may know this from their retirement. Except: Introverts. They even feel social restrictions – at least temporarily – as relief.

Now it is normal what the introvert loves:

  • Cancel meetings
  • Keeping people at a distance
  • Having time
  • Silence

About 100 years ago, the psychiatrist Carl Gustav Jung described the two opposite personality traits introversion and extraversion. The introverted person copes well on his own, because his experience is directed inwards. For reading, writing and thinking he needs his rest. In the long run, a lot of different information and sensory impressions in groups of people stress him so much that he has to recover from it in seclusion.

It is believed that this nature is innate along with the way the brain processes stimuli. The same is true for the extraverted human being, who however thinks and feels in opposite ways. For his emotional salvation, he needs others, because he wants to communicate, to be in the centre of attention and to absorb many new impressions. While the introvert recharges his batteries in domestic solitude, the extravert recharges his batteries outside among people.

Master of Social Distancing

Introverts have a kind of coming out in these times. Because the current hashtag crosses reveal what the hour has struck and introverts have long been able to do: #stayathome and #socialdistancing.

Introverts also no longer have to pretend to be extraverted. Because they have learned this with great effort, in order not to be drowned in the society of lutes, announcers and self-promoters as supposedly shy slow thinkers.

So introverts can also do small talk, barbecues and conferences, but they don’t have to do it anymore. Their strengths are in demand: intensive (electronic) conversations, thorough drafting of e-mails or even letters, the ability to read, and the ability to stand calm.

Clouded happiness

However, introverts do not experience pure happiness during a virus crisis – on the contrary. Corona also preys on the introverts – mainly for the following reasons:

  • As particularly thoughtful and emphatic people, they are particularly keenly aware of the economic consequences of the crisis and the fate of the severely affected weak, sick and elderly.
  • According to introversion expert Sylvia Löhken, their personality also includes a great need for security. Protection and certainty are currently in short supply.
  • Her isolation is not self-chosen.
  • They are anything but alone when other family members run #stayathome in the same home.

It is assumed that the proportion of introverts in society is quite high. Extraverts stand out by themselves. Since people can also have both characteristics, many of them are probably the so-called ambivert mixed types.

I with me

All people who have to stay at home at the moment are challenged to get along with themselves for a while. Introverted people are certainly better at this, but it also applies to those who are perhaps trying to get around it by watching series without limits. From a certain degree of saturation, even this distraction is no longer so attractive.

After all, we all need – not only in Corona times – social contacts for mental health, some more, others less.

Digital social networks should be used with caution so that people do not think they can diagnose the virus by holding their breath or expel it by swallowing water. To name just two of the most popular corona hoaxes.

But properly used social media, messenger services, email programs and video services are literally connecting.

Tip1: Using video telephony on a PC, tablet or smartphone you can even talk to several people.

Tip 2: You can also let video telephony run without talking all the time and just be together for a while.

Tip 3: The good old telephone. Just call everyone, they’re at home.

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