Automatismus – Wehe, wenn der Bürgermeister kommt

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Es gibt einen Automatismus, mit dem Ältere hierzulande hundertprozentig rechnen können: Bürgermeister(innen) gratulieren zu runden und halbrunden Wiegenfesten. Ab dem siebzigsten kann es losgehen, je nachdem, wo man wohnt. Zum hundertsten kommt der Ortschef meist selbst vorbei. Doch Vorsicht! Erwarten Sie im Alter automatisch den Bürgermeister, aber nicht das Schwinden der Sinne, Geisteskraft, und Gesundheit! Es könnte sein, dass sich Ihre Einstellung verselbständigt. Viele Studien weisen darauf hin, dass das eigene Denken in hohem Maße die körperliche Verfassung beeinflusst. Pessimisten haben da schlechte Karten. Es sei denn, sie können durch aufmerksames Denken und Verhalten dem Automatismus negativer Altersassoziationen entgegenwirken.

„Das hätt‘ ich jetzt nicht gedacht!“

Sind wir nicht immer höchst verblüfft, wenn hochaltrige Menschen geistig und körperlich fit sind? Aber vielleicht ist das Erstaunen nur so hoch, weil wir diesen Zustand einfach nicht erwarten.

AutomatismusDie Erkenntnis, dass sich Gedankenmuster auf den Körper auswirken, ist alles andere als neu, aber immer neu untersucht. Eine der Wegbereiterinnen ist die Harvard-Professorin Ellen Langer, berühmt für ihre Forschung zum Thema Achtsamkeit und Alter. Sie hat bereits Anfang der achtziger Jahre einen Versuch unternommen, der die Wirkung der Gedankenkraft auf das reale Älterwerden bloßlegen sollte.

Back to the Fifities

AutomatismusEinige Männer um die 80 wurden in ein abgelegenes Kloster in New Hampshire gebracht. Sie wurden angehalten, ein paar Tage im Hier und Jetzt zu leben. Allerdings war das Hier und Jetzt das Jahr 1959. In einem Umfeld ohne Spiegel, aber mit Musik, Möbel, Kleidung, Gegenständen, Zeitschriften und TV-Nachrichten des simulierten Jahres, sollten die Teilnehmer auch so tun, als wären sie 22 Jahre jünger. Dazu gehörte, soweit möglich gewohnte altersgemäße Schemata von Gebrechlichkeit und Betreuungsbedarf zu ignorieren. Im Übrigen durften sie sogar selbständig kochen und Geschirr spülen, was bei Männern dieser Jahrgänge sicherlich zu ganz neuen Verschaltungen im Gehirn geführt hat.

Im Anschluss an das Experiment wurden bestimmte Fähigkeiten erneut getestet. Körperkraft, Motorik, Haltung, Auffassungsgabe, Erinnerungs- und Denkvermögen und sogar die Sinnesschärfe beim Schmecken, Hören und Sehen – alles hatte sich verbessert. Zum Vergleich gab es eine Kontrollgruppe, die das fiktive 1959 nicht „gelebt“, sondern nur erinnert hatte. Bei der Gruppe der Totalsimulation aber waren nicht nur die Resultate des Intelligenztests besser, sondern auch der allgemeine Verjüngungseffekt wesentlich ausgeprägter. Selbst auf Fotos schätzten Unbeteiligte die Männer jünger ein als sie waren.

Think positive

Im Jahr 2009 veröffentlichte Langer ihr Buch „Counterclockwise“, deutscher Titel: „Die Uhr zurückdrehen“. Ihre jahrzehntelange Forschung dazu, wie sich mentale Überzeugungen auf den Körper auswirken, machte sie zu den Mitbegründerinnen der sogenannten positiven Psychologie.

Wie ein gigantischer Placebo-Effekt kann es demnach helfen, mit gedanklichem Training die eigenen und gesellschaftlichen Erwartungen, welche Verfallserscheinungen das Alter mit sich bringt, infrage zu stellen und sich ein Stück weit davon zu befreien. Oder anders herum: Man könnte verhindern, dass der Automatismus negativer Gedanken eintritt. Dieser wirkt wie ein Nocebo-Effekt, bei dem man sich durch pessimistische Überzeugungen bezüglich des Älterwerdens regelrecht krank und gebrechlich denkt.

Im Sog der Stereotype

Aber wie stellt man es an, die Kraft der Gedanken ins Positive zu lenken? Ein von Langer in den Mittelpunkt gerückter und seither in zahlreichen Facetten weiter entwickelter Ansatz ist das aufmerksame Denken, besser bekannt unter dem Stichwort Achtsamkeit. In diesem Sinne ist Achtsamkeit nicht auf Stressreduktion und Meditationstechnik beschränkt. Aufs Alter angewendet, könnte man diese Strategie ungefähr so beschreiben: Bevor man in einer selbsterfüllenden Prophezeiung „Im Alter wird alles schlechter“ sich geradezu unselbständig und eingeschränkt redet, sollte man wertfrei ans Altern herangehen. Indem man im Hier und Jetzt erspürt, dass man lebt und was man erlebt, soll verhindert werden, dass man in eine Abwärtsspirale des negativen Denkens gerät, die die körperliche Verfassung mit herabzieht.

Durch aufmerksames Beobachten und Unterscheiden kann es zum Beispiel gelingen, ein aktuelles Unwohlsein nicht pauschal in die Kategorie Altersbeschwerden zu packen. Oder: Bevor man aufgrund stereotyper Vorstellungen à la „Von nun an geht’s bergab“ auf Bewegung verzichtet, sollte man hineinspüren, welche sportliche Betätigung sich wie anfühlt und auswirkt. Und idealerweise feststellen, dass die Annahme, man sei zu alt, unbegründet ist. Die Folge: Durch Aufmerksamkeit schöpft man sein Potential, gesund und fit älter zu werden, besser aus.

Aber ist es so einfach? An der positiven Psychologie beziehungsweise am positiven Denken wurde kritisiert, dass anvisierte Wunschträume eher lähmen als anspornen können, wenn sie dann doch zu entfernt oder zu mühsam erscheinen. Freilich hat niemand Kraft und gute Koordination, nur weil er sich das einbildet.

Automatismus

 

Ein guter Plan

Vor diesem Hintergrund hat die Psychologin Gabriele Oettingen vorgeschlagen, in die positiven Gedanken die negativen einzuarbeiten. Es kommt nicht nur auf das Ziel an (zum Beispiel beweglich zu bleiben), sondern auch auf den Weg dorthin, und vor allem auf die Hindernisse auf diesem Weg. Bei der WOOP-Methode geht es um Wish (Wunsch), Outcome (Ergebnis), Obstacle (Hindernis) und Plan.

Die Gedanken zu Wunsch und Ergebnis werden mit den Gedanken zu den Hindernissen (zum Beispiel negative Altersklischees) kontrastiert. Daraus ergibt sich ein Plan, wie man vorgehen könnte. Zum Beispiel so: Zu dem Zeitpunkt, in dem man meint, altersgerecht im Sessel versacken zu müssen, bricht man stets zu einem Spaziergang auf. Oder man fährt eine Runde mit dem Rad. Wichtig ist, dass die Art der Bewegung Freude macht. Die Veränderung, fit statt steif und unbeweglich zu werden, erfährt man idealerweise wie nebenbei, ohne es recht zu merken.

Der negative Automatismus „Ich muss mich schonen, weil ich alt bin“ wird gewissermaßen positiv automatisch durchbrochen.

Machen Sie den Test

Als eines der wichtigsten Charakteristika von jung erhaltender Flexibilität gehört die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. Das kann einem einiges abverlangen. Doch Aufregung kann als negativer oder positiver Stress empfunden werden. Welchen Gedanken denken Sie?

  • „Es regt mich auf zu reisen.“
  • „Ich finde es aufregend zu reisen.“

Es ist schließlich völlig normal, wenn ältere Menschen zwischen Lust auf Herausforderungen und Angst vor körperlichen Einschränkungen schwanken. Den Ausschlag gibt (neben den genetischen Einflüssen) auch, wie sie und möglichst auch ihr Umfeld darüber denken: automatisch negativ oder aufmerksam hinterfragend.

Der ultimative Jungbrunneneffekt dürfte erreicht sein, wenn man in gutem Zustand die Hundert und mehr erreicht hat. Als hochbetagter Jubilar können Sie sogar noch den Automatismus des Besuchs vom Bürgermeister abstellen, falls Sie darauf gar keine Lust haben. Der fragt nämlich vorher, ob er erwünscht ist.

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