Praxis Dr. Wald: täglich durchgehend Waldbaden

WaldGestresst, deprimiert oder krank? Konsultieren Sie Dr. Wald. Seine Praxis erstreckt sich über ein Drittel der deutschen Landkarte. Seine Leistungen bietet er gratis. Sprechstunde ist Montag bis Sonntag rund um die Uhr, durchgehend geöffnet – im Wortsinn. Für die Therapie braucht es keine Medikamente, sondern Ihre fünf Sinne und Achtsamkeit. Doch Dr. Wald ist streng: Mountainbike, Debatten über Alltagsprobleme oder Handys müssen leider draußen bleiben. Doch für aufgeschlossene Patienten hat er einiges zu bieten: wissenschaftlich belegte positive Gesundheitseffekte auf Immunsystem, Blutdruck, Herzfrequenz, Lungenfunktion und Psyche.

Der deutsche Wald: Dass er romantisch verklärt und zum Teil mythisch missbraucht wurde, ist ihm egal. Uns im Großen und Ganzen auch, wenn wir ihn ganz prosaisch und pragmatisch als Ausflugsziel und Sportgelände benutzen.

So geht Wald: Shinrin-yoku

WaldDoch wie man es richtig macht, wurde uns von Waldliebhabern eines fernen Landes gezeigt. Japaner haben ja ohnehin die Fähigkeit, verhältnismäßig simplen Tätigkeiten ungeheuren Tiefgang zu geben. Aus dem Arrangieren von Blumen wird die tiefsinnige Kunst des Ikebana, aus Teekochen wird eine Zeremonie der inneren Einkehr, aus Gartenbau wird meditatives Zen.

Klar, dass Japaner nicht einfach im Wald herumspazieren. Sie „baden“. Shinrin-yoku heißt die besondere Art der Waldbenutzung, nämlich in die Atmosphäre des Waldes einzutauchen beziehungsweise den Wald mit allen Sinnen wahrzunehmen. Waldbaden ist in Japan als medizinische Therapie anerkannt und ins öffentliche Gesundheitssystem integriert.

Achtsam im Wald zu baden bedeutet, alle Sinne auf das bewaldete Hier und Jetzt zu richten:

  • Hören Sie das Rauschen des Windes, das Knacken der Zweige, das Gezwitscher der Vögel
  • Beobachten Sie das Spiel von Licht und Schatten, die Schattierungen der Farben, die Formen von Blättern und Blüten
  • Berühren Sie Moos, Rinde, Laub, das Wasser eines Baches oder fühlen Sie die Beschaffenheit des Waldbodens beim Barfußlaufen
  • Riechen Sie den Wald und definieren Sie die typischen Gerüche von erdig bis modrig, je nach Wetter und Jahreszeit
  • Falls Sie zum Beispiel auf einen Brombeerstrauch stoßen, gibt es auch was zu schmecken

Oder kreieren Sie Formen und Gebilde aus dem, was sie im Wald so finden. Das intensive Waldbad geschieht ohne Zwang und Vorgaben, sondern vielmehr beim unbeschwerten Trödeln und spontanen Innehalten.

Auch die eigene Bewegung kann man achtsam erspüren, zum Beispiel beim Auftreten auf den weichen Waldboden oder beim Balancieren auf einem Baumstamm.

Zum Waldbad passt es außerdem, auf seinen Atem zu achten und nach eigener Vorliebe meditative Übungen zu machen.

Erkenntnisse der Waldmedizin

Bedeutendster Fürsprecher des Waldbadens ist Qing Li, Professor für Umweltimmunologie an der Nippon Medical School in Tokio und sozusagen die Koryphäe der Waldmedizin. Dabei muss man keine Klangschalen auspacken oder esoterischen Theorien anhängen. Qing Li konnte in groß angelegten Studien nachweisen, dass sich bei seinen Probanden nach einem Waldaufenthalt die Zahl der weißen Blutkörperchen, die im Blut Krankheitserreger abwehren, signifikant erhöhte. Je länger das Bad im Wald, desto mehr Killerzellen, die auch noch Tage später nachweisbar waren. Li empfiehlt die Waldtherapie sogar als Vorbeugung vor beziehungsweise als unterstützende Maßnahme bei Krebs. Weitere Studien, auch anderer Wissenschaftler ergaben, dass nach dem Waldbad der Blutdruck sank und die Stresshormone abnahmen. Entsprechend günstig soll sich die Waldtherapie auf das Herz-Kreislauf-System und bei psychischen Problemen wie zum Beispiel Burnout auswirken.

Studien zum Gesundheitseffekt nordamerikanischer sowie unserer heimischen Wälder gehen in eine ähnliche Richtung. Man sieht sich vor allem durch nachgewiesene Heilungserfolge bei chronischen Lungenproblemen und stressbedingten psychosomatischen Erkrankungen bestätigt. Die therapeutischen, aber auch präventiven Effekte des Waldbesuchs könnten in Sachen Kosteneffizienz einen neuen Maßstab setzen.

Wald

Botenstoffe des Waldes stärken die Abwehrkraft

Was ist es denn nun, das Gesundheitsgeheimis des Waldes? Die Stille („Waldeseinsamkeit“, Joseph von Eichendorff) und das Licht („Wie grün der Wald“, Theodor Storm) sind sicher bereits auf ihre Art heilsam. Doch soll es die Waldluft sein, die es in sich hat. So ist das Mikroklima vom vielen Grün bestimmt, das Sauerstoff spendet und Schadstoffe filtert. Zusätzlich wabert durch den Wald ein besonderer Stoff: die Terpene beziehungsweise Phytocide. Diese organischen Verbindungen werden von Waldpflanzen aus Blättern, Rinde und Wurzeln mittels ätherischer Öle und Harze abgesondert, um Schädlinge fernzuhalten und miteinander zu kommunizieren. Vor allem diese pflanzlichen Botenstoffe sollen die Heilkraft der Bäume ausmachen. Denn die chemischen Moleküle können vom  menschlichen Organismus eingeatmet und entschlüsselt werden – mit den positiven Auswirkungen auf das Immunsystem und die Selbstheilungskräfte.

Das funktioniert sogar im Hotel. Dort hat Qing Li bestimmte Zimmer mit terpenehaltiger Waldluft klimatisiert. In der kontrollierten Studie konnte er nachweisen, dass die waldbedufteten Bewohner am nächsten Morgen mehr Abwehrzellen im Blut hatten als die Bewohner, die normale Zimmerluft eingeatmet hatten.

Erster europäischer Heilwald grünt in Deutschland

Mit deutscher Gründlichkeit und organisatorischem Know-how ist es gelungen, die japanische Vorlage hierzulande vorbildhaft mit Amt und Siegel zu versehen. So wurde ein Forst in Mecklenburg-Vorpommern zum „ersten europäischen Kur- und Heilwald“ erklärt und aufbereitet. Mit Kriterien, wissenschaftlicher Überwachung und Zertifikat. Der seit 2017 offiziell approbierte Forst befindet sich beim Ostseebad Heringsdorf auf Usedom. Nahegelegene Rehakliniken unterstützen das Projekt unter anderem mit einer Pilotstudie zu den positiven Effekten bei chronisch obstruktiver Lungenerkrankung. Zusätzlich zu den vom Wald höchstselbst gespendeten Sinneseindrücken und Terpene-Gaben des Waldbadens gibt es Geräte für allerlei Übungen und barrierefreie Wege für Geh- und Sehbehinderte.

Die Heilwald-Pioniere an der Ostsee trafen auf reges Interesse – bei Besuchern und Patienten, bei Fachleuten auf einem internationalen Kongress zum Thema Waldtherapie und bei zahlreichen weiteren Gemeinden, die sich um die Prüfung ihrer Forstgebiete als Kur- oder Heilwaldkandidat bewerben. Die Waldoffensive könnte der Erholung nicht nur feinstaub- und burnoutgeschädigter Städter, sondern auch landfluchtgeplagter Gemeindekassen dienen.

Mit oder ohne Waldtherapeut

Der geneigte Spaziergänger, der sich zum veritablen Waldbader entwickeln möchte, kann sich an vielen Orten von einer Expertin oder einem Experten begleiten und anleiten lassen. Waldbaden wird zum Teil in Wellnessprogrammen angeboten. Für die Dienstleistung „Waldtherapeut“ gibt es sogar einen Lehrgang mit Hochschul-Zerifikat.

Doch zum Glück kann einstweilen auch jeder einfach so seinen nächstgelegenen Dr. Wald aufsuchen.

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