Dialekt – checkst du?

Auf Sylt gibt es viele Touristen im Boomer-Alter aus ganz Deutschland. Außerdem ist das Wetter überwiegend schlecht. Dann sitzt man mit älteren Menschen gemütlich im Café und hört sie Sachen sagen wie:

Mir fahret morga hoim. Mir waret jetz a Woche do.

Mein erster Gedanke ging an die Gen Alpha. Das krass! Was labert die? Checkst du, Bro? Mein zweiter Gedanke war: Hoffentlich stirbt es nicht mit uns aus, das Forschungs-Objekt der Begierde von Linguisten und Germanisten: der deutsche Dialekt.

Im hohen Norden kann man beruhigt sein. Ortsangaben sind zweisprachig und von der nördlichsten Gemeinde List üp Söl (List auf Sylt) abwärts sollte der Auswärtige nicht falsch verstehen, wenn sein Kind Schietbüdel genannt wird. Typisch für den Charme des Dialekts: Scheiße und Beutel werden zu einem liebevollen Kosenamen kombiniert. Wenn auch das standarddeutsche Pendant Hosenscheißer nett klingen mag, so tut’s der nordfriesische Büxenschieter noch mehr.

Da erheben die Plattsprecher bei Schietweder ihr Glas am Stammtisch: Nich lang snaken, Kopp in Nacken. Bis die Frage Mök wie noch een? verneint wird und, moin moin, alle nach Hause gehen, um ihren Klönschnack demnächst wedder zu maken.

Wie Platt und Friesisch basieren alle unsere Dialekte auf der Sprache unserer Urahnen. Aber wieso im Norddialekt möken statt möchten oder maken statt machen?

Weil die Nordlichter die zweite Lautverschiebung nicht mitgemacht haben. So heißt die Sprachentwicklung vom Germanischen zum (Alt)-Hochdeutschen, geschehen vermutlich zwischen dem sechsten und achten Jahrhundert.

Die erste deutsche Lautverschiebung, Jahrhunderte v. Chr., führte vom Indoeuropäischen zum Germanischen. Der zweite Lautwandel vom Germanischen zum Althochdeutschen breitete sich von Süden nach Norden aus, kam aber keineswegs bis an die Küsten, sondern stoppte in der oberen Hälfte.

Schon gehört? Die Benrather Linie

Nur im Dialekt sind diese innerdeutschen Sprachgrenzen bis heute sichtbar beziehungsweise hörbar. Eine wichtige solche Isoglosse ist die Benrather Linie. Sie verläuft von Belgien quer durch Deutschland auf der Höhe des Düsseldorfer Vororts Benrath leicht ansteigend in Richtung Elbe und Berlin bis nach Polen.

Und hier findet man Antworten: Die Linie trennt das Niederdeutsche vom Hochdeutschen, womit nicht etwa unsere heutige einheitliche Schriftsprache gemeint ist, sondern das Mittel- und Oberdeutsche mitsamt seinen Mundarten.

Verschoben haben sich südlich der Benrather Linie die Konsonanten vom Germanischen ins Althochdeutsche, zum Beispiel:

  • t zu s (wat zu was, dat zu das)
  • d zu t (Mudder zu Mutter, Vader zu Vater)
  • k zu ch (Buk zu Bauch, maken zu machen)

Wegen Letzterem wird die Benrather Linie auch Maken-Machen-Linie genannt.

Etwas weiter südlich verläuft die Speyerer Linie (Appel-Apfel-Linie, Äppeläquator), die wiederum das Mitteldeutsche vom Oberdeutschen trennt. Markantes Kennzeichen ist der Wandel von

  • p zu pf (Kopp zu Kopf, Appel zu Apfel)

Das Niederdeutsche nördlich der Benrather Linie bewahrte die Sprachmerkmale der westgermanischen (auch nach England ausgewanderten) Stämme und ist daher dem Englischen ähnlich: Ik (I) will dat (that) morgen maken (make).

Von MicBy67 – Eigenes Werk, Grundkarte von User NordNordWest (Datei:D-A-CH beschriftet.svg) und SUF: Verteilung und Raumgliederung deutscher und niederländischer Sprache als Mundart der ländlichen Bevölkerung in Mitteleuropa um 1900 (REDE Karten ID 15591), CC BY-SA 3.0, Link

Ick bin ein Berliner

Wie erwähnt verläuft die Benrather Linie auch über Berlin. Doch vom Ik zum Ich? Nicht mit den Ur-Berlinern! Dazu das berühmte Klopslied von 1925:

Ick sitze da un esse Klops / uff eemal klopp’s / Ick kieke, staune, wundre mir / uff eemal jeht se uff, die Tür / Nanu denk‘ ick, ick denk nanu / jetzt is se uff, erst war se zu / Ick jehe raus un kieke / un wer steht draußen? Icke!

Bilde ich mir das ein oder erkennt man den Berliner, auch wenn er astreines Standarddeutsch spricht? Ich höre da stets einen leicht vorwurfsvollen, etwas nöligen Singsang. Die Sprachmelodie bestimmt ebenfalls den regionalen Sprechweise.

Auch die Bedeutung von Wörten kann sich von Dialekt zu Dialekt und Standardsprache unterscheiden. Eine Schwäbin, die klagt, mir duat der Fuaß weh, meint mit dem Fuß höchstwahrscheinlich das ganze Bein.

Zu erwähnen ist, dass auch die Sprachen von Neubürgern in den vergangenen Jahrhunderten die Dialekte aufmischten. So kamen mit den aus Frankreich vertriebenen Hugenotten Lehnwörter wie der schwäbische Parablü für den Regenschirm (französisch parapluie). Mein Lieblingswort in meinem Mutterdialekt war der Boddschambr. Nicht viele wissen, dass es sich hier um einen Nachttopf handelt (französisch pot de chambre).

Mundart durch die Nase

Mit den Einwanderern aus dem Französischen fand auch die nasale Aussprache Eingang ins Oberdeutsche. So sagen die Einheimischen des südhessischen Örtchens Götzenhain gerne Götzehan, das …an ausgesprochen durch die Nase wie im französischen dans.

Doch zurück zur Ankündigung der Sylt-Besucherin: Mir fahret morga hoim.

Sprachwissenschaftlich handelt es sich also um Hochdeutsch, genauer Oberdeutsch. Obwohl ich den Satz nur unbeholfen in Lautsprache wiedergeben kann, darf man ihn wohl dem schwäbisch-alemannischen Sprachkreis zuordnen. Vermutlich ist er schwäbisch, falls die Dame aus Baden-Württemberg angereist ist. Da ich lediglich das Ostschwäbische aus dem bayerischen Regierungsbezirk Schwaben muttersprachlich beherrsche, kann ich nur vermuten, dass er südwestschwäbisch ist.

Plural-Dreifaltigkeit

Für eine Herkunft aus dem Südwesten spricht auch der Gebrauch der einheitlichen Pluralendung des Verbs fahren: ihr fahret, sie fahret oder eben mir fahret, egal – Hauptsache …et. Auch bekannt durch das schwäbische Klischee Mir gebet nix.

Um mit dem Sylter zu sprechen: Der Düvel steckt im Detail.

Das Personalpronomen der ersten Person Plural Nominativ (Standardsprache: wir) erfordert im kapriziösen Spiel der Dialekte genaues Hinhören. Die mutmaßliche Schwäbin sagte Mir. Als Pfälzerin hätte sie wohl Mer gesagt. Ihre Nachbarn in Oberbayern hingegen sind sich ganz sicher: Mia san mia! Oder im Sinne der etwas ungenauen Wir-Abwandlung A Hund san ma scho!

Geht’s auch ’ne Nummer kleiner? Ein Haus hört sich protzig an, doch von einem Häuschen auf Sylt träumen viele Deutsche – aber nur bis zum Main. Im Schwäbischen dürfte es das Häusle sein, im Fränkischen das Häusla, im Bairischen das Häuserl. Genannt sei auch das Deutsch der Verkleinerungsweltmeister aus der Schweiz, von denen es viele längst auf die Insel geschafft haben, wobei deren Häusli meist jeglichem Diminutiv spottet.

Der Bibel sei Dank

Dass wir uns inzwischen in der deutschen Standardsprache verständigen können, haben wir Martin Luther zu verdanken. Der hatte die Bibel in der Sprache südlich der Benrather Linie übersetzt. Somit wurde das Althochdeutsche zur Grundlage der Schriftsprache aller Deutschen und als solche auch vom niederdeutschen Sprachraum übernommen.

Der jüngere Tourist, der auf der Insel erst nuffzu nach List und dann nunnerszu nach Hörnum gefahren ist, hat sich mir problemlos als Pfälzer geoutet, wobei er dank sprachlicher Grenzüberschreitungen auch als Südhesse durchgehen könnte. Man beachte übrigens die Lautverschiebung von up nach nuff.

In stiller Freude, dass Mundart lebt, schließe ich mit dem hessischen Abschiedsgruß samt übermotivierter Lautverschiebung (vom Ik über Ich zum Isch): Isch mach weider.

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